Wirtschaftsforschung Der Bruderkampf der Ökonomen

Experimentelle Wirtschaftsforscher und Spieltheoretiker liefern sich einen erbitterten Streit über die richtige Forschungsmethode. Mittelpunkt der Anfeindungen ist die jeweilige Grundannahme: Will der Mensch nur seinen Gewinn oder Nutzen maximieren oder bestimmen auch Werte sein Handeln?
  • Christine Mattauch
1 Kommentar
Bestsellerökonom Steven Levitt: In seinem Buch "Superfreakonomics" nennt er Schwachpunkte der Experimentalökonomie. Quelle: ap

Bestsellerökonom Steven Levitt: In seinem Buch "Superfreakonomics" nennt er Schwachpunkte der Experimentalökonomie.

(Foto: ap)

NEW YORK. Papier kann eine scharfe Waffe sein. Eine "unreife Wissenschaft" sei die experimentelle Wirtschaftsforschung, erklären zwei Ökonomie-Professoren und warnen vor voreiligen Schlüssen aufgrund dürftiger Daten. Kollegen giften zurück: "Unfundiert" sei die Kritik und "fehlerhaft". Schauplatz des Aufsatz-Krieges ist das "Journal of Economic Behavior & Organization". Dort veröffentlichen experimentelle Wirtschaftsforscher regelmäßig ihre Ergebnisse. Nun streiten sie dort auch.

An Anfeindungen von außen hat es der experimentellen Ökonomie nie gemangelt - doch diesmal findet der Zank im eigenen Lager statt. Die Autoren der Kritik, Ken Binmore und Avner Shaked, sind anerkannte Spieltheoretiker, einer eng verwandten Disziplin. Es ist eine Kritik, die man umso ernster nehmen muss - doch zugleich auch eine, die durchaus die Reife des Forschungszweigs markiert.

"Wenn eine Methode intensiv diskutiert wird, ist das ein Beleg für ihren Erfolg", folgert Harvard-Ökonom Alvin Roth, der 1995 das erste "Handbook of Experimental Economics" geschrieben hatte. Jahrzehntelang bildeten experimentelle Wirtschaftsforscher eine verschworene Gemeinschaft. Sie waren damit beschäftigt, ihre Methoden gegen Angriffe von neoklassischen Ökonomen abzuwehren. Letztere gehen davon aus, dass sich Menschen rational verhalten und ihren Gewinn oder Nutzen maximieren wollen. Fast alle gängigen Modelle basieren auf dieser Annahme. Die Experimentalökonomen hingegen interessieren sich für das tatsächliche Verhalten der Menschen und erforschen es im Labor oder im wirklichen Leben.

Das aber halten viele traditionell arbeitende Ökonomen für nicht so wichtig. "Mir ist in der Ökonomie noch nie jemand begegnet, der sagte, ich hab ein Thesenpapier geschrieben und muss nun mal testen, ob es sich im Experiment bewahrheitet", spottet Andrew Schotter, Leiter des Center for Experimental Social Science der New York University. "Die Kollegen sagen vielmehr: Ist mir nicht eine wunderbar elegante Beweisführung gelungen?"

Auf Wertschätzung hat die Disziplin daher lange gewartet. Während Experimente in Physik und Biologie seit Jahrhunderten selbstverständlich sind, gab es in der Ökonomie erst in den 1950er-Jahren sporadische Laborversuche. Es dauerte Jahrzehnte, bis sie systematisch und in Serie vorgenommen wurden - erst mit dem Nobelpreis an den Experimentier-Pionier Vernon Smith im Jahr 2002 wurde die Methode geadelt.

Seite 123Alles auf einer Seite anzeigen

1 Kommentar zu "Wirtschaftsforschung: Der Bruderkampf der Ökonomen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • von neoklassischen Ökonomen abzuwehren. Letztere gehen davon aus, dass sich Menschen rational verhalten und ihren Gewinn oder Nutzen maximieren wollen. Fast alle gängigen Modelle basieren auf dieser Annahme. Die Experimentalökonomen hingegen interessieren sich für das tatsächliche Verhalten der Menschen und erforschen es im Labor oder im wirklichen Leben.
    ---
    Die Ereignisse im Leben werden künstlich manipuliert.
    So werden Menschen, ich habe das immer wieder erlebt, bösartig gemacht, weil sie systematisch falsch ausgebildet, unterdrückt werden, ihr Geld nicht bekommen, psychologisch geschickt getarnt auf andere gehetzt werden, etc.

    Um ein wirklich unabhängiges Ergebnis zu bekommen,
    schwierig.

    Meine Erfahrung: Die meisten einfachen Menschen sind nicht so, sie werden erst dazu gemacht.

    bzw. es wird getestet wie ein Mensch sich verhält.

    Diese Tests sind jedoch kein beleg, weil kein Mensch lässt sich so billig testen. Es wird oft sehr schnell von denjenigen bemerkt und ein anderes Verhalten ist die Folge.
    beispielsweise ich behandle den Angestellten soundso, mal gucken wie der reagiert. Assessmentcenter ist nur die Anfangsvariante?

    Nur was echt ist, kann auch echt zur Geltung kommen. Kein Mensch lässt sich als Versuchskaninchen missbrauchen. Leider werden sie oft so behandelt.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%