Schwere Versäumnisse Warum ein Ökonom seine Zunft aufmischt

Dieses Mal war alles anders: Bei der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik nutzte der renommierte Ökonom Martin Hellwig seinen Thünen-Vortrag nicht für eine langweilige Rede, sondern für eine Fundamentalkritik an der Volkswirtschaftslehre. Dabei forderte er seine Fachkollegen zu einer grundlegenden Neubesinnung auf.
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Prof. Martin Hellwig geht mit seiner Profession hart ins Gericht. Quelle: Pressebild

Prof. Martin Hellwig geht mit seiner Profession hart ins Gericht.

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KIEL. Revolution geht anders. Normalerweise. Eingerahmt von einem Streichquartett und viel Schmeicheleien darf ein „verdientes Mitglied“ der wichtigsten deutschsprachigen Ökonomen-Vereinigung am ersten Abend der Jahrestagung des Vereins für Socialpolitik seine Zuhörer 60 Minuten langweilen. Die sogenannte „Thünen-Vorlesung“ ist seit fast 25 Jahren Tradition.

In diesem Jahr jedoch war alles anders: Der Bonner Professor Martin Hellwig, international einer der angesehensten deutschen Ökonomen, nutzte seinen Thünen-Vortrag für eine Fundamentalkritik an der Volkswirtschaftslehre und forderte seine Fachkollegen zu einer grundlegenden Neubesinnung auf.

„In unserer Wissenschaft klafft eine große Lücke zwischen der Modelltheorie und dem Umgang mit praktischen Fragen der wirtschaftspolitischen Realität“, monierte der 61-Jährige, der als einer der brillantesten deutschen Wirtschaftstheoretiker gilt und zwischen 1998 und 2004 Vorsitzender der Monopolkommission war. Zwar gebe es jede Menge ökonomischer Modelle und Theorien – was aber fehle, sei ein professionelles Verfahren, um zu bestimmen, welche Modelle für die Analyse eines konkreten wirtschaftlichen Problems relevant seien.

Dieser Frage müsse das Fach in Zukunft wesentlich mehr Aufmerksamkeit widmen. Derzeit gebe es noch nicht einmal wissenschaftliche Plattformen, über die der Diskurs ausgetragen werden könne. „In den Fachzeitschriften fehlt der Platz für etwas, was außerhalb von Modellen und Regressionen liegt.“

Generell sei die Volkswirtschaftslehre blind für wichtige gesellschaftliche Themen und partiell unfähig zum Dialog mit der Öffentlichkeit, kritisierte Hellwig. So ignoriere das Fach die seit Jahren schwelende Debatte über die gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen.

„Wenn Sie den typischen Leser der ,Süddeutschen Zeitung’ oder der ,Zeit’ zu dem Thema befragen, werden Sie als Antwort bekommen: ,Die Manager sind ihrer gesellschaftlichen Verantwortung in den letzten zehn Jahren nicht mehr nachgekommen, weil sie Leute entlassen und sich so auf Kosten ihrer Beschäftigten bereichert haben.’“

Professionelle Volkswirte dagegen hätten in aller Regel nur ein Schulterzucken für diese Kritik übrig. Denn die „gesellschaftliche Verantwortung von Managern“ ist ein Aspekt, der in ihren Denkmodellen überhaupt nicht vorkommt. Sie postulieren stattdessen die Privatautonomie: In der Marktwirtschaft solle jeder Akteur das tun, was er selbst für richtig halte, und sei der Allgemeinheit nicht zur Rechenschaft verpflichtet.

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9 Kommentare zu "Schwere Versäumnisse: Warum ein Ökonom seine Zunft aufmischt"

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  • Sehr geehrter Herr Prof. Martin Hellwig, ich würde allen Ökonomen dieser Welt nur sehr gern und sehr herzlich zu ihrem Sachverstand gratulieren, aber deren Ergebnisse befinden sich relativ zu denen von Jogi Löw und seiner Mannschft deutlich im negativen bereich. ich frage mich nur, ob sie nicht leisten konnten oder wollten.

  • (01) Manager haben Gewinne zu erwirtschaften ohne Wenn und Aber. Die brauchen sie zur bezahlung ihrer Geldgeber, als Maß für die Effizienz ihres Unternehmens und als Puffer.
    (02) Manager haben dabei die Gesetze einzuhalten.
    (03) Die dem zugrundeliegende Ethik hat der Gesetzgeber in Form von Gesetzen bereitzustellen. Die Ethik und ihre gesetzliche Realisierung haben das Wohl des Volkes mit höchster Priorität zu bedienen. Die Gesetze, Ethik, haben Polizei und Justiz konsequent durchzusetzen.
    (04) Die Einforderung von willkürlicher, persönlicher "Ethik" bei den Wirtschaftsverantwortlichen, wie das hier geschieht, ist Lobbyismus, der seine Einflußnahme nicht auf den inhalt der Gesetze beschränkt, sondern der auf der Ebene darüber, Metaebene, mit erhabenen "ethischen" Forderungen an die Wirtschaftsverantwortlichen dem Gesetzgeber vorgaukelt bzw. suggeriert, aus der Handlungspflicht entlassen zu sein und in Untätigkeit verharren zu dürfen, zum Schaden des Volkes und seines Kapitals. Das ist Meta-Lobbyismus zur Verblödung und Zersetzung. Nicht nur der Gesetzgebung.

  • Es geht um Eigenverantwortlichkeit und selbständige moralische bewertung des eigenen Handelns.

    Der Manager sagt: ich führe nur die Weisungen des Chefs aus.
    Der Chef/Aktionär sagt: ich muß mich den Gesetzen des Marktes unterwerfen.
    Der kleine Mann sagt: Klar könnte ich den teuren Kaffee aus fairem Handel kaufen, aber man gibt mir nicht genug Geld dafür.
    Die bank sagt: ich MUß so hohe Zinsen nehmen.

    Das Prinzip ist immer das gleiche: Keiner MUß so handeln, glaubt aber, es zu müssen. Und begründet wird es immer mit Zwängen, die von außen kommen, für die man nicht verantwortlich ist.

    Ob die bank nun wuchert oder nicht, ist zweitrangig. Fakt ist, daß keiner gezwungen wird, einen Dispokredit ( schon ein Standardkredit ist billiger) aufzunehmen. Es gibt Tafeln, es gibt Sozialämter und karitative Hilfseinrichtungen, Pfandhäuser, Angehörige, Freunde, etc.

    Die Menschen sind in den letzten 50 Jahren immer mehr (zum Konsumenten) entmündigt worden und haben eine Vorstellung von "Lebensstandard", die m. E. falsch und nicht durchzuhalten ist.

  • Na, jetzt habe ich die vorhandenen Kommentare übersehen und erlaube mir dazu eine bemerkung:
    Wenn Sie schon die "Verantwortung" der Endverbraucher und des sog. "Kleinen Mannes" einfordern möchten, dann müssen Sie diesem auch die information geben, die nötig ist, damit jeder einzelne von uns auch in der Lage ist, die langfristigen Auswirkungen von kurzfristig optimalem Handeln zu beurteilen. Heute passiert das Gegenteil davon: Es wird dem sog. "Kleinen Mann" durch Politik (Entscheidungen im "Wahlzyklus") und Wirtschaft (Shareholder-Value) vorgelebt, dass man nur "iN" ist und mitmischt in einem System, das kurzfristig optimale Maßnahmen als die allein mögliche Verhaltensnorm vorgibt. Hier die informationsgrundlage für ganze Völker zu verbessern, wäre ein sinnvolles betätigungsfeld für Ökonomen ...

  • Na endlich spricht ein Volkswirt Klartext. Das größte Problem unserer suboptimal gelebten Variante eines "marktwirtschaftlichen" Systems ergibt sich einerseits natürlich aus den ungleichen Voraussetzungen für die verschiedenen Arten von Unternehmen (sektoraler Protektionismus) und andererseits aus der fehlenden Kompetenz der Politiker, die trotzdem permanent die Rahmenbedingungen für Unternehmerinnen verändern (dürfen). Dass es Lobbyisten in einem Klima der "Unwissenheit" in politischen büros leicht haben, ihre eigenen interessen als "Gemeinwohl" zu verkaufen, wundert mich nicht. Ein Volkswirt müßte permanent darauf hinweisen, dass durch sektoralen Protektionismus heute die gesunde wirtschaftliche basis von Volkswirtschaften zerstört wird. Ein weiterer nicht zu vernachlässigender Faktor ist die fehlende innovationskraft der westeuropäischen Staaten. Abgerundet wird die Problematik noch durch ein fehlendes gemeinsames Wirtschaftskonzept der EU-Länder, das den hohen (sozialen und umwelttechnischen) Standard berücksichtigt und Produkte sowie Dienstleistungen aus unterschiedlichen Ländern in bezug auf die - für die Gemeinschaft erzielte - Wertschöpfung vergleichbar macht.

  • @ Erich Paus - Es wurde mir einfach nicht richtig bewusst, was mein Unbehagen beim Lesen des Artikels ueber die Thuenen-Vorlesung verursacht. ihr beitrag bringt auf den Punkt, was an der von Martin Hellwig vorgetragenen Kritik voellig schief ist. Excellenter beitrag!

  • Nicht die Manager tragen die "gesellschaftliche Verantwortung", sondern die Firmeneigner. Die geben schließlich vor, wo's langgeht.
    Also, liebe Shareholder und "Volksanktienbesitzer", fasst euch an die eigene Nase.

  • Manager sind abhängig beschäftigte ! Die, die das Sagen haben, die sind gefragt. Dazu gehört auch der "kleine Mann".

    Und im Gegensatz zu Religionen, zu denen auch unser "Kapitalismus" (oder wie immer man dieses System nennen mag) gehört, sollte ein denkender Mensch für die Folgen seines Handel(n)s eine gewisse Verantwortlichkeit empfinden, statt seine Entscheidungen mit ideologie zu begründen.

  • (01) Manager haben Gewinne zu erwirtschaften ohne Wenn und Aber. Die brauchen sie als Maß für die Effizienz ihres Unternehmens und als Puffer.
    (02) Manager haben dabei die Gesetze einzuhalten.
    (03) Die dem zugrundeliegende Ethik hat der Gesetzgeber in Form von Gesetzen bereitzustellen. Die Ethik und ihre gesetzliche Realisierung haben das Wohl des Volkes mit höchster Priorität zu bedienen. Die Gesetze, Ethik, haben Polizei und Justiz konsequent durchzusetzen.
    (04) Die Einforderung von willkürlicher, persönlicher "Ethik" bei den Wirtschaftsverantwortlichen, wie das hier geschieht, ist Lobbyismus, der seine Einflußnahme nicht auf den inhalt der Gesetze beschränkt, sondern der auf der Ebene darüber, Metaebene, mit erhabenen "ethischen" Forderungen an die Wirtschaftsverantwortlichen dem Gesetzgeber vorgaukelt bzw. suggeriert, aus der Handlungspflicht entlassen zu sein und in Untätigkeit verharren zu dürfen, zum Schaden des Volkes und seines Kapitals. Das ist Meta-Lobbyismus zur Verblödung und Zersetzung.

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