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Research Institute
Landwirtschaft in Afrika

Bauern bearbeiten am 13.10.2010 ein vertrocknetes Feld bei Blantyre in Malawi.

(Foto: dpa)

Analyse des Handelsblatt Research Institute Afrika: Wie bekommen wir zwei Milliarden Menschen satt?

Afrika ist ernährungspolitisch noch immer das Sorgenkind der Weltgemeinschaft. Der Ausbau der Infrastruktur ist ein wichtiger Eckpfeiler, um die wachsende Bevölkerung des Kontinents satt zu bekommen. Eine Analyse des Handelsblatt Research Institute.
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DüsseldorfIn mehr als 50 Ländern auf der Erde müssen Menschen Hunger leiden. Mit dieser Nachricht schreckte die Welthungerhilfe vor zwei Wochen die Öffentlichkeit auf. Es steht zu befürchten, dass diese Länder, von denen sich die Mehrzahl in Afrika befindet, auch bis 2030 nicht frei von Hunger sind – wie von den Vereinten Nationen als globales Ziel angestrebt. Zuvor hatte bereits die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, die FAO, vermeldet, dass die Zahl der Hungernden auf der Welt zum zweiten Mal in Folge wieder angestiegen ist. Knapp 821 Millionen Menschen waren 2017 unterernährt.

Dabei ist der Anstieg gegenüber dem Vorjahr ausschließlich darauf zurückzuführen, dass sich die Situation auf dem afrikanischen Kontinent verschlechtert hat, genauer gesagt, die Situation in den Ländern südlich der Sahara. In diesen 49 Staaten waren im vergangenen Jahr mehr als 236 Millionen Einwohner unterernährt, das heißt 23,2 Prozent der Bevölkerung. Im Jahr zuvor waren es noch 222 Millionen bzw. 22,3 Prozent. Zudem sind die Aussichten für die nähere Zukunft ausgesprochen düster. Denn die African Development Bank (AfDB) erwartet einen Anstieg auf über 300 Millionen Unterernährte bis zur Mitte des nächsten Jahrzehnts.

Der wichtigste Grund dafür ist, dass die afrikanische Bevölkerung jedes Jahr mit einer Rate von 2,5 Prozent wächst. Lebten im Jahr 2015 noch 969 Millionen Menschen im südlichen Teil des Kontinents, so wird von den Vereinten Nationen bis 2050 ein Anstieg auf 2,168 Milliarden Menschen erwartet. Zum Vergleich: Im südlichen Asien, dem zweiten Sorgenkind der Agrarökonomen, lebten im Jahr 2015 mit 1,823 Milliarden fast doppelt so viele Menschen wie in Afrika.

Bis zum Jahr 2050 soll die Bevölkerungszahl in Indien, Afghanistan, Bangladesch, Bhutan, Nepal, Pakistan, Sri Lanka und den Malediven aber nur noch auf 2,392 Milliarden ansteigen, und damit deutlich langsamer als in Afrika.

Hinzukommt, dass die Agrarproduktion in Afrika schon bislang mit der Bevölkerungsentwicklung gerade noch Schritt halten konnte. Allein zwischen den Jahren 2000 und 2016 stieg die Bevölkerungszahl in den Ländern südlich der Sahara um 54 Prozent, während die Lebensmittelerzeugung gerade einmal um 58 Prozent anwuchs. Allerdings reicht diese Produktionsausweitung nicht aus, um die Zahl der Hungernden merklich zu verringern – zumal die Flächenproduktivität in diesem Zeitraum lediglich um 24 Prozent angestiegen ist.

Denn 85 Prozent der Landwirte vor Ort bewirtschaften Kleinbetriebe mit weniger als zwei Hektar Fläche. Sie konnten ihre Produktion letztlich nur durch eine Extensivierung steigern, also indem sie zusätzlich schlechtere Böden („Grenzböden“) oder Brachflächen bewirtschafteten.

Trotz dieser Anstrengungen müssen 36 der 49 Länder in Subsahara-Afrika jedes Jahr insgesamt 40 Milliarden US-Dollar für Lebensmitteleinfuhren aufwenden – im Jahr 2025 könnten es nach Schätzungen der AfDB bereits 110 Milliarden US-Dollar sein.

Selbst unter der Annahme, dass Geburtenkontrollen in Afrika künftig eine größere Rolle spielen sollten, ist mittelfristig nicht mit einem spürbaren Rückgang des Bevölkerungswachstums zu rechnen. Zu einer sinkenden Geburtenrate dürfte es nach den historischen Erfahrungen aus anderen Ländern und Kontinenten erst dann kommen, wenn der Wohlstand in den betroffenen Ländern deutlich wächst.

Daher braucht es andere Lösungen, vor allem eine produktivere Agrarwirtschaft. Von den noch ungenutzten Anbauflächen in der Welt liegen zwar 65 Prozent auf dem afrikanischen Kontinent. Da jedoch auch diese Flächenreserve begrenzt ist, führt kein Weg an einer deutlichen Intensivierung der Produktion vorbei. Die afrikanischen Landwirte müssen es also schaffen, die Erträge auf ihren bestehenden Flächen zu steigern.

Auf dem Future Food Forum, das in der vergangenen Woche in Berlin stattfand, forderten in diesem Zusammenhang die dort versammelten Experten, Afrika mit einer besseren Infrastruktur auszustatten. Damit ist vor allem zweierlei gemeint: Einerseits gilt es, das afrikanische Straßennetz auszubauen. Andererseits brauchen die Landwirte bessere Lagermöglichkeiten für ihre geernteten Feldfrüchte. Denn noch immer betragen die Verluste durch falsche oder unzureichende Lagerung bei Weizen 16 Prozent sowie bei Mais und Reis elf Prozent der Ernteerträge.

Viele Landwirte in Afrika, so die Argumentation der Agrarökonomen in Berlin, hätten derzeit keinen Anreiz, ihre Erzeugung spürbar zu erhöhen, da sie aufgrund des unzureichenden und maroden Straßennetzes keine Möglichkeit sähen, ihre Produkte lokal, regional oder international zu vermarkten. Tatsächlich ist nur ein Drittel der Menschen auf dem Land an eine geteerte oder gepflasterte Straße angeschlossen. Lässt man das Land Südafrika außen vor, so sind nicht mehr als 14 Prozent der 1,15 Millionen Straßenkilometer im südlichen Afrika geteert oder gepflastert.

Damit bleibt das südliche Afrika deutlich hinter allen anderen Regionen der Welt zurück. Erschwerend kommt hinzu, dass dieser Teil des Kontinents mit 41 Menschen pro Quadratkilometer sehr dünn besiedelt ist und die Produktionsstätten oft weit von der nächsten Stadt entfernt sind. Gut ausgebaute Straßen sind nun aber für die Landwirtschaft essentiell. Aufgrund der bislang unzureichenden Infrastruktur ist daher auch der innerafrikanische Handel unterentwickelt.

Eine gute Infrastruktur verschafft vielen Bauern einen Zugang zu neuen Absatzmärkten. Gute Straßen verringern dabei ihre Transportkosten, auch beim Bezug von Dünger und Saatgut. Vor allem aber trägt ein gut ausgebautes Straßennetz dazu bei, lokale und regionale Märkte miteinander zu vernetzen. Das macht es Landwirten nicht nur möglich, von Preisdifferenzen auf den unterschiedlichen Märkten zu profitieren. Zudem sind sie so besser gegen Ernteschwankungen oder Missernten abgesichert, weil dann Ware zwischen Überschuss- und Mangelgebieten ausgetauscht werden kann – und Hungersnöte vermieden werden. 

Hätten Kleinbetriebe eine bessere Infrastruktur zur Verfügung und könnten ihre Erzeugnisse rentabel vermarkten, hätten sie einen Anreiz, das Stadium einer Subsistenzwirtschaft zu überwinden. Sie könnten dann für städtische Gebiete produzieren und nicht mehr nur zur Versorgung ihrer eigenen Familie. Dies ist umso wichtiger, da in Afrika der Urbanisierungsgrad ansteigt. So sollen nach einer Weltbank-Studie bis 2040 über 40 Prozent der Bevölkerung in Städten leben.

Eine verbesserte Verkehrsinfrastruktur ist aber nicht nur für die Nahrungsmittelproduktion wichtig. Zudem ist sie eine notwendige Bedingung, um Gemüse, Fleisch und Milch zügig zu den Fabriken oder Lagerhäusern transportieren zu können. Das wiederum erleichtert den Aufbau einer weiterverarbeitenden Lebensmittelindustrie und verlängert damit die innerafrikanische Wertschöpfungskette.

Eine Studie der AfDB kommt zu dem Ergebnis, dass auf diese Weise die Industrialisierung des Kontinents spürbar vorangetrieben werden könnte. Aktuell beträgt der Anteil der Industrie an der gesamten Bruttowertschöpfung lediglich zwischen zehn und zwölf Prozent, während der Anteil der Landwirtschaft bei 25 Prozent liegt. Durch eine leistungsfähigere Lebensmittelindustrie könnten zudem die Abhängigkeit von Importen verringert und die Ausfuhr angekurbelt werden. Zudem entstünden dringend benötigte neue Arbeitsplätze.

Wenn also die afrikanischen Staaten und die westliche Entwicklungshilfe dem Ausbau der Infrastruktur mehr Aufmerksamkeit schenkten, könnte Afrika nicht nur eine wachsende Bevölkerung ernähren, sondern zudem seine Volkswirtschaften modernisieren. Davon würde auch Europa profitieren. Denn die wichtigste Ursache der aktuellen Migrationswelle sind nicht der Klimawandel oder Kriege, sondern Armut, Unterernährung und eine extrem hohe Arbeitslosigkeit – sprich: eine fehlende Perspektive für die Menschen vor Ort.

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