Research Institute
"Bist Du glücklich?"

In der Glücksforschung werden die Menschen direkt nach ihrer Zufriedenheit befragt.

(Foto: dpa)

Analyse des Handelsblatt Research Institute Glücksforschung – Von schwarzen Schafen und guten Ansätzen

Die harsche Kritik an der ökonomischen Glücksforschung ist nur teilweise berechtigt. Einige schwarze Schafe diskreditieren diesen Forschungszweig.

DüsseldorfSeit einiger Zeit erregt eine Studie der Ökonomen Timothy Bond und Kevin Lang nicht nur in wissenschaftlichen Kreisen einiges Aufsehen. In dem Papier „The Sad Truth about Happiness Scales“ (Journal of the Political Economy, forthcoming) setzen sich die Autoren mit den Ergebnissen der Glücksforschung der vergangenen vier Jahrzehnte auseinander.

Dabei kommt das Autorenteam zu einem vernichtenden Urteil: Viele notwendige Annahmen des Ansatzes der Glücksforschung lassen sich nicht halten und sind in Teilen widersprüchlich. Damit besitzen die Ergebnisse faktisch keine Aussagekraft. Der Text legt nahe, dass die Glücksforschung keinen validen Beitrag zur ökonomischen Debatte leisten kann.

Die Glücksforschung ist ein junger Zweig der Ökonomie. War die Erforschung der individuellen Zufriedenheit lange Zeit ein psychologisches Thema, etablierte sich zum Ende des vergangenen Jahrhunderts die Happiness Economics. Zunächst wurde die Glücksforschung oder auch Glücksökonomik von traditionellen Ökonomen meist belächelt. Doch seit einigen Jahren erfreut sich der Ansatz zunehmender Beliebtheit.

Ein Grund für diesen Popularitätsschub dürfte in einer Krise der klassischen ökonomischen Theorie liegen: Spätestens seit der Finanzkrise 2008 musste sich die Profession harscher öffentlicher Kritik erwehren. Viele ihrer Modelle galten als realitätsfern und würden zentrale Eigenschaften des individuellen Handelns und Wohlbefindens nicht berücksichtigen. Die Wirtschaftstheorie kreise um sich selbst.

Vor diesem Hintergrund bildeten sich vor einigen Jahren Spezialisierungen heraus, die sich neuer Fragestellungen widmeten und neue Methoden benutzten. Die Glücksforschung bot dabei eine vielversprechende Möglichkeit, der Kritik zu begegnen und die Volkswirtschaftslehre näher an die Lebenswirklichkeit zu rücken.

Die grundlegende Idee der Glücksforschung ist von fast trivialer Einfachheit: In Bevölkerungsbefragungen, die die Grundlage vieler ökonomischer Studien sind, werden die Teilnehmer direkt nach ihrer subjektiven Befindlichkeit gefragt.

Im beim DIW Berlin angesiedelten Sozioökonomischen Panel (SOEP), der größten regelmäßigen repräsentativen Haushaltsbefragung Europas, lautet regelmäßig die Abschlussfrage: „Zum Schluss möchten wir Sie noch nach Ihrer Zufriedenheit mit Ihrem Leben insgesamt fragen. Wie zufrieden sind Sie gegenwärtig, alles in allem, mit Ihrem Leben?“. Die Befragten antworten auf einer Skala von 0 (gar nicht zufrieden) bis 10 (sehr zufrieden).

Somit haben Forscher ein mächtiges Werkzeug an der Hand: Anstatt das Wohlbefinden eines Menschen oder einer ganzen Volkswirtschaft über ökonomische Kategorien wie Einkommen oder Wirtschaftsleistung abzubilden, werden Menschen direkt befragt.

Heute gibt es eine Vielzahl von Veröffentlichungen, die sich vergleichbare Daten zunutze machen, um aufzuzeigen, wie es den Menschen jenseits von ökonomischen Größen wie Einkommen oder Wirtschaftswachstum geht. So veröffentlicht die Deutsche Post jedes Jahr den Glücksatlas, der die Zufriedenheit der Deutschen nach Bundesländern misst und die Uno bildet in ihrem World Happiness Report ab, welches die „glücklichsten“ Länder der Welt sind.

Vor allem solche Studien sind es, die die Kritik von Bond und Lang trifft – und das zurecht.

Die Antwort auf die Frage nach der individuellen Lebenszufriedenheit ist eine ordinale, das heißt ein binärer „Besser/schlechter-Vergleich“. Man kann also eine Reihung ableiten, kardinale Unterschiede aber nicht interpretieren. Sagt Max Mustermann auf die Frage nach seiner Zufriedenheit am Montag 5 und am Dienstag 10, zeigt dies, dass er am Dienstag zufriedener ist, nicht aber, dass er exakt doppelt so zufrieden ist. Das gibt ein ordinales Konzept nicht her.

Noch komplexer wird die Angelegenheit, wenn man die Befindlichkeit von Menschen untereinander vergleichen möchte. Der Umgang mit Ordinalskalen unterscheidet sich zwischen Individuen und Kulturkreisen deutlich. Dies hat zur Folge, dass die für einen interpersonellen Vergleich notwendige Annahme der Normalverteilung verletzt wird. Geben Max Mustermann und John Doe ihre Zufriedenheit beide mit einer 5 an, kann man nicht sagen, dass sie gleich zufrieden sind.

Genau dies lassen Ordinalskalen nicht zu – was allerdings viele Autoren nicht davon abhält, solche Vergleiche trotzdem anzustellen. Diese methodischen Probleme weisen Bond und Lang in ihrer Studie nach und zeigen damit zurecht die Schwächen interpersonell vergleichender Glücksstudien auf.

Allerdings sind diese Erkenntnisse weder neu noch überraschend. Jedem Ökonomiestudenten wird im Grundstudium erklärt, was Ordinalskalen zu leisten vermögen – und was nicht. Zudem sind die Probleme, die beim interpersonellen Vergleichen der Zufriedenheit auftreten, unter seriösen Glücksforschern seit vielen Jahren bekannt und werden in deren Arbeiten berücksichtigt.

Es gibt einen ganzen Literaturzweig zum unterschiedlichen Antwortverhalten von Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen. So neigen zum Beispiel Menschen des angelsächsischen Kulturkreises eher zu Extrem-Antworten als Asiaten, deren Antworten durchweg in der Mitte des Spektrums angesiedelt sind. Dies macht einen direkten internationalen Vergleich unmöglich.

Die von Bond und Lang aufgezeigten Probleme sind also weniger ein grundlegendes methodisches Problem der Glücksforschung, sondern Fehler einzelner Wissenschaftler. Leider sind es gerade diese interpersonellen, oft internationalen Vergleiche, die in die öffentliche Wahrnehmung gelangen. Nicht auszuschließen ist, dass manch Wissenschaftler die Methodik Methodik sein lässt, wenn ein Ansatz hohes Potenzial für öffentliches Interesse birgt.

Dies führt zu einem anderen Zweig der ökonomischen Glücksforschung, nämlich dem intrapersonellen Vergleich. Grundlage für solche Analysen sind sogenannte Panel-Datensätze. Die dahinterstehende Idee ist es, eine Befragung regelmäßig zu wiederholen – also den gleichen Menschen die gleichen Fragen in regelmäßigen Abständen, zumeist einmal im Jahr, zu stellen. Dies erlaubt es, jeden Menschen mit sich selbst, also intrapersonell, zu vergleichen.

Ist Max Mustermann glücklicher als im letzten Jahr oder unglücklicher als vor fünf Jahren? Auf Grundlage solcher Paneldaten lässt sich dann in Regressionsmodellen ableiten, welche Auswirkungen Veränderungen im Leben der Befragten auf die Entwicklung ihrer Zufriedenheit haben. Damit lässt sich valide zeigen, wie ein bestimmtes Ereignis auf das relative Wohlbefinden eines Menschen wirkt. Eine quantitative Dimensionierung der individuellen Zufriedenheit wird aber nicht vorgenommen.

Die Panelstruktur der Daten erlaubt es zudem, die unbeobachtbare Heterogenität der Befragten in der Analyse zu berücksichtigen. Dadurch, dass man Personen über die Zeit mit sich selbst vergleicht, können zeitkonsistente (Charakter-)Eigenschaften die Analyse nicht verzerren. Somit können konstante Charaktereigenschaften einer Person, die Herkunft oder andere über die Zeit fixe Einflüsse die Ergebnisse nicht beeinflussen.

Wie bedeutend der Unterschied zwischen inter- und intrapersonalen Analysen ist, lässt sich am folgenden Beispiel zeigen: Eine der beliebtesten Fragestellungen der Glücksforschung ist die nach den „wahren Kosten“ der Arbeitslosigkeit.

Psychologen und Ökonomen sind sich weitgehend einig, dass diese „wahren Kosten“, also die Nutzeneinbußen, den Verlust des Einkommens übersteigen, zum Beispiel durch den Verlust von sozialem Ansehen, Selbstbewusstsein oder dem täglichen Austausch mit den Arbeitskollegen. Die Glücksforschung hat einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, diese These zu bestätigen. Die methodische Grundlage dafür ist die Analyse von Paneldaten, die über den intrapersonalen Vergleich aufzeigt, wie stark die Zufriedenheit eines Einzelnen leidet, wenn er seine Arbeit verliert.

In den vergangenen Jahren hat die Glücksforschung viele bemerkenswerte und für den politischen Diskurs wertvolle Erkenntnisse geliefert, die über das hinausgehen, was mit ökonomischen Standardvariablen erklärt werden kann. Grundlage dafür ist die offene Auseinandersetzung mit den Grenzen und Möglichkeiten dieses Forschungsansatzes und die kontinuierliche Weiterentwicklung der Datengrundlagen und ökonometrischen Modelle.

Daneben gibt es – leider – einen populärwissenschaftlichen Zweig der Glücksforschung, der diese methodischen Grenzen nicht berücksichtigt. Solche Veröffentlichungen sind es, deren Vorgehen die Kritik von Bond und Lang zu Recht trifft. Es wäre bedauerlich, wenn durch ein verkürztes Verständnis der Disziplin die gesamte Glücksforschung dadurch diskreditiert würde.

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