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Deutsche sparen falsch

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Analyse des Handelsblatt Research Institute Nachhaltige Vermögensbildung mit Aktien: Der norwegische Staatsfonds macht es vor

Die Deutschen sparen zwar viel, aber viele sparen falsch. In Deutschland sollte daher eine neue Form der Vermögensbildung etabliert werden. Anders als die Riester-Rente oder die betriebliche Altersvorsorge sollte diese allen offenstehen, unabhängig von der Art der Erwerbstätigkeit.
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DüsseldorfIn den frühen 1950er Jahren schlug der Jesuitenpartner und Ökonom Oswald von Nell-Breuning vor, die Arbeitnehmer sollten Aktien besitzen, um dadurch am Wachstum der Volkswirtschaft beteiligt werden. Damals war das eine ziemlich ungewöhnliche Forderung.

Auch der als Vater des Wirtschaftswunders der Nachkriegsjahre geltende Ludwig Erhard erkannte wenig später, dass breitgestreutes Eigentum die beste Grundlage für eine stabile demokratische Ordnung ist. Und so wurde im Jahr 1961 das erste Vermögensbildungsgesetz beschlossen, dem bis heute vier weitere folgten.

Nach dem aktuellen fünften Vermögensbildungsgesetz bekommen geringverdienende Arbeitnehmer eine Arbeitnehmersparzulage, wenn sie jährlich bis zu 400 Euro in einer geförderten Anlageform anlegen und das Geld sieben Jahre nicht anrühren.

Ferner gewährt der Fiskus einen bescheidenen Freibetrag, wenn Unternehmen ihre Mitarbeiter über Belegschaftsaktien am Unternehmensvermögen beteiligen - obwohl es unter Portfolioaspekten falsch ist, sein Vermögen ausgerechnet in das Unternehmen zu investieren, bei dem man beschäftigt ist. Daneben gewährt der Staat heute Bausparprämien, Baukindergeld und Riester-Förderung für Immobilien.

Würde man all diese Mittel bündeln, käme ein beachtlicher Betrag zusammen, der zielgerichtet eingesetzt einen guten Grundstock für den privaten Vermögensaufbau bilden könnte.

Kapitalgedeckte Altersvorsorge sichert dem Versicherten eine lebenslange Rente, ganz gleich, ob man wenige Tage nach Rentenbeginn stirbt oder wie etwa Oswald von Nell-Breuning 101 Jahre alt wird.

Das können – neben staatlichen Einrichtungen – ausschließlich Versicherungen oder Fonds leisten, die mithilfe von Sterbetafeln, Sicherheitsreserven und spezifischen Anlagestrategien Dank des Gesetzes der großen Zahlen solche Renten garantieren können, allerdings zu beachtlichen Kosten.

Diese Kosten lassen sich beim reinen Vermögensaufbau zugunsten einer höheren Rendite weitgehend vermeiden. Halten sich beispielsweise Kosten und Erträge gerade die Waage, so hat ein Sparer, der ab seinem 17. Geburtstag jeden Monat 30 Euro in eine solche Rentenversicherung einzahlt, 50 Jahre später 18.000 Euro, die verrentet werden können.

Zahlt er hingegen den gleichen Betrag in einen breitgestreuten Aktienfonds ein, verfügt er beim Eintritt in den Ruhestand über fast 110.000 Euro – sofern die Rendite in der Zukunft ähnlich hoch wie in der Vergangenheit ist. Aus diesem Betrag ließe sich 30 Jahre lang eine monatliche Rente von 350 Euro finanzieren.

Voraussetzung dafür ist, dass die Erträge in der Sparphase steuerfrei bleiben. Ansonsten fiele die Zinseszins-Wirkung entsprechend geringer aus. Eine solche Steuerfreiheit stünde freilich im Widerspruch zum geltenden Recht, das –zumindest mittelfristig – die im Gesetz genannten Formen von Alterseinkünften nachgelagert besteuert, während Erträge aus Ersparnissen vorgelagert mit Abgeltungsteuer belastet werden.

Diese Unterscheidung führt freilich dazu, dass ein Sparer, der im Rahmen einer Riester-Rente Investmentfondsanteile erwirbt, diese anders versteuern muss, als die gleichen Anteile, die er im Rahmen eines Fondssparplans erwirbt – der freilich nicht als lebenslange Rente ausgezahlt wird.

Um die Steuerausfälle zu begrenzen, müsste es eine Obergrenze für solch begünstigtes Sparen geben. Denkbar wären vier Prozent der Beitragsbemessungsgrenze in der gesetzlichen Rentenversicherung, derzeit also 3.120 Euro pro Jahr.

Machte nur jeder zweite Erwerbstätige davon zur Hälfte Gebrauch, käme ein jährliches Anlagevolumen von rund 35 Milliarden Euro zusammen. Unterstellt man Vertriebs- und Managementgebühren kommerzieller Kapitalsammelstellen von zwei Prozent im Jahr des Anlagevolumens, könnte so ein großer Teil der jährlich 700 Millionen Euro zugunsten der Vorsorgenden eingespart werden – viel Geld, das allerdings in den Bilanzen von Banken und Versicherungen fehlen würde.

Denkbar wäre, dass private Anbieter standardisierte Aktienfondssparpläne zur Vermögensbildung zu niedrigen Kosten anbieten dürfen. Ein anderer Weg wären Vorsorgekonten bei gemeinnützigen Kapitalsammelstellen, auf denen die Ersparnisse der Bürger gebündelt und effizient an den globalen Kapitalmärkten investiert werden.

Vorbild könnte der norwegische Staatsfonds sein, der seit seiner Gründung 1996 im Schnitt rund sechs Prozent Rendite erzielte. Ende 2017 war das Fondsvermögen zu 66,6 Prozent in Aktien, zu 30,8 Prozent in Anleihen und zu 2,6 Prozent in Immobilien investiert. Zum Vergleich: Der Kapitalstock der deutschen Lebensversicherer war Ende 2017 zu 4,7 Prozent in Aktien angelegt.

Diese neue Form der Vermögensbildung sollte anders als die Riester-Rente oder die betriebliche Altersvorsorge allen offenstehen, unabhängig von der Art der Erwerbstätigkeit. Auch Selbstständige, Hausfrauen, Arbeitslose und Studenten sollten sie nutzen können.

Es empfiehlt sich, dass so angespartes Vermögen bei der Prüfung von Bedürftigkeit beim Bezug von Arbeitslosengeld II oder Sozialhilfe auszuklammern. So würde der Anreiz gerade für jene Personengruppen steigen, die künftig von (Alters-)Armut bedroht sind.

Nach neuen Berechnungen der Bundesbank besitzen die privaten Haushalte in Deutschland sechs Billionen Euro Geldvermögen. Doch die Deutschen sparen zwar viel, aber sie sparen schlecht. Denn nur etwa ein Zehntel des Vermögens ist in Aktien und ein weiteres Zehntel in Investmentfonds investiert.

Der Großteil besteht aus allenfalls kaum rentierlichen Spar- und Sichteinlangen, Ansprüchen aus Kapitallebensversicherungen und Bargeld. Doch bei einem Prozent Rendite, zwei Prozent Kosten und zwei Prozent Inflation sind 1000 Euro nach zehn Jahren gerade noch 760 Euro wert.

Gelänge es, die Rendite dieses Vermögens lediglich um ein Prozent steigen und gleichzeitig die Kosten um ein Prozent zu senken, entspräche dies einem Einkommenszuwachs von 120 Milliarden Euro pro Jahr. Dagegen wirkt jede Diskussion über ein paar Prozent mehr oder weniger Rentenniveau fast wie Peanuts.

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