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Research Institute

Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderung „Die größten Hindernisse sind die in den Köpfen“

Menschen mit Behinderung profitieren von der guten wirtschaftlichen Entwicklung. Der demografische Wandel und der zunehmende Fachkräftemangel eröffnet neue Chancen auf einen Arbeitsplatz.
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Düsseldorf Ende 2017 zählte das Statistische Bundesamt rund 7,8 Millionen Menschen mit einer schweren Behinderung in Deutschland. Damit stellt diese Gruppe den beachtlichen Anteil von 9,4 Prozent an der Gesamtbevölkerung.

Davon waren 3,25 Millionen Personen im erwerbsfähigen Alter zwischen 15 und 65 Jahren. Entgegen einer landläufigen Vermutung sind nur drei Prozent der Behinderungen angeboren. In aller Regel werden Behinderungen im Laufe des (Erwerbs-)Lebens durch Unfälle oder Krankheiten „erworben“ (88 Prozent).

Aus diesem Grund sind Menschen mit einer schweren Behinderung in den höheren Alterskohorten überproportional vertreten. So sind mehr als 1,3 Millionen oder 40 Prozent der Menschen mit einer schweren Behinderung zwischen 55 und 65 Jahren alt. Der Anteil dieser Alterskohorte an allen Personen im erwerbsfähigen Alter ist jedoch nur halb so hoch.

Für die Integration von Menschen mit Behinderung in unsere Gesellschaft, die sich sehr stark über die Teilnahme am Erwerbsleben definiert, ist der Zugang zum Arbeitsmarkt von wesentlicher Bedeutung.

Vor diesem Hintergrund erhebt das Handelsblatt Research Institute in Kooperation mit der Aktion Mensch seit 2013 jährlich das Inklusionsbarometer Arbeit. Dieses Messinstrumentarium ist darauf angelegt, sowohl das Niveau als auch die Veränderungen bei der Inklusion von Menschen mit Behinderung in den ersten Arbeitsmarkt zu quantifizieren. Das soll nicht zuletzt die Diskussion darüber fördern, wie die Betroffenen besser in die Arbeitswelt integriert werden können.

Die Ergebnisse des aktuellen Inklusionsbarometers sind – auf den ersten Blick – sehr erfreulich: Die Anzahl der arbeitslosen Schwerbehinderten ist im Jahr 2017 auf ein Rekordtief von 162.373 gesunken (Vorjahr: 170.508).

Korrespondierend dazu sank die Arbeitslosenquote der Schwerbehinderten weiter von 12,4 Prozent auf nunmehr 11,7 Prozent. Die allgemeine Arbeitslosenquote der „personenübergreifenden Referenzgruppe“, die nach der gleichen Methodik errechnet wird wie die Arbeitslosenquote der Schwerbehinderten, ging 2017 im Vergleich zum Vorjahr von 7,8 auf nun 7,2 Prozent zurück.

Vom Rückgang der Arbeitslosigkeit schwerbehinderter Menschen profitierten allein die jüngeren Personen sowie die Personen mittleren Alters. Die im Vergleich zu den Menschen ohne Behinderung ungünstigere Entwicklung der Arbeitslosigkeit schwerbehinderter Menschen wird vor allem durch die starke Zunahme bei den älteren Arbeitslosen geprägt.

Im Ergebnis partizipieren auch Menschen mit Behinderung – wie in den meisten Jahren zuvor – von der guten gesamtwirtschaftlichen Entwicklung der deutschen Volkswirtschaft, allerdings nicht im selben Umfang wie Menschen ohne Behinderung. Die relative Position der Erwerbsfähigen mit einer schweren Behinderung hat sich insofern nicht verbessert, in manchen Bereichen sogar verschlechtert.

Ein Blick in die Regionen unterstützt den Befund, dass die positive Entwicklung vor allem dem allgemeinen konjunkturellen Aufschwung geschuldet ist: In allen vom HRI untersuchten Bundesländern ist die Arbeitslosenquote der Schwerbehinderten im Vergleich zum Vorjahr gesunken.

Am niedrigsten liegt sie in den beiden wirtschaftlich stärksten Bundesländern Baden-Württemberg (8,4 Prozent) und Bayern (9,0 Prozent). Hessen erreicht mit einer Quote von 9,3 Prozent zum ersten Mal ebenfalls einen einstelligen Wert.

Auf den hinteren Plätzen liegen die ökonomisch schwächeren Länder bzw. Regionen Niedersachsen (11,8 Prozent), Nordrhein-Westfalen (13,1 Prozent) und Ostdeutschland (14,1 Prozent).

Gleichwohl ging die Arbeitslosigkeit bei Schwerbehinderten in vier der sechs Regionen weniger stark zurück als bei Menschen ohne Behinderung. Die Schere zwischen diesen beiden Gruppen hat sich also wieder geöffnet.

Ein gravierendes Problem bleibt die Langzeitarbeitslosigkeit. Zwar ist der Anteil der Langzeitarbeitslosen (d. h. die gemeldeten Arbeitslosen, die mindestens ein Jahr auf Beschäftigungssuche sind) an allen Arbeitslosen mit Schwerbehinderung von 45,8 Prozent in 2016 auf nunmehr 44,4 Prozent zurückgegangen.

Gleichwohl ist deren Situation damit nach wie vor wesentlich ungünstiger als die von Menschen ohne Behinderung. Bei Letzteren lag der Anteil der Langzeitarbeitslosen in 2017 bei 35,6 Prozent. Der Abstand zwischen beiden Gruppen liegt seit Jahren relativ stabil bei rund zehn Prozentpunkten.

Zudem sind Menschen mit Behinderung im Durchschnitt etwas mehr als ein Jahr arbeitslos und damit fast vier Monate länger als Arbeitsuchende ohne Behinderung. Die Bundesagentur für Arbeit stellt deshalb in ihrem diesjährigen Bericht zur Arbeitsmarktsituation von Schwerbehinderten fest, dass die Abgangsraten aus der Arbeitslosigkeit in Beschäftigung am ersten Arbeitsmarkt bei schwerbehinderten Menschen mit 3,3 Prozent weiterhin deutlich unter den Abgangsraten nicht-schwerbehinderter Menschen (7,3 Prozent) liegen. Schwerbehinderten, die einmal arbeitslos sind, fällt eine neue Beschäftigungsaufnahme mithin wesentlich schwerer als Nichtbehinderten.

Ein Grund hierfür ist die unterschiedliche Altersstruktur: Menschen mit einer Schwerbehinderung sind – wie eingangs erwähnt – im Durchschnitt älter. Damit besteht bei dieser Gruppe ein „multiples Vermittlungshemmnis“, wie Arbeitsvermittler es nennen: zu etwaigen Qualifikationseinschränkungen kommen ihr höheres Lebensalter und ihre Schwerbehinderung hinzu. Allerdings haben 60 Prozent der arbeitslosen Schwerbehinderten eine betriebliche, schulische oder akademische Ausbildung, während es bei allen anderen Arbeitslosen 50 Prozent sind.

Das im Durchschnitt höhere Alter der Menschen mit Behinderung erklärt jedoch nur einen Teil der Unterschiede. Denn die Probleme treten auch innerhalb der Altersgruppen auf. Auch im mittleren Alter von 25 bis 55 Jahren fällt es schwerbehinderten Arbeitslosen deutlich schwerer als nichtbehinderten Arbeitslosen, wieder Arbeit zu finden.

Ein Grund dafür sind infrastrukturelle Hindernisse für Menschen mit Behinderung, wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in einer Studie hervorhebt. Je nach Heimatregion kann es schwierig sein, den potenziellen Arbeitsplatz zu erreichen, z. B. weil ein barrierefreier öffentlicher Nahverkehr nur eingeschränkt oder überhaupt nicht vorhanden ist. Gleiches gilt für einen barrierefreien Arbeitsplatz. Im Ergebnis steigt das Risiko der Langzeitarbeitslosigkeit, je größer die Anzahl solcher Vermittlungshemmnisse ist.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Arbeitsmarktchancen auch bei Menschen mit Behinderung negativ korreliert sind mit der Dauer ihrer Arbeitslosigkeit, und der lange Zeitraum ohne Beschäftigung als ein sich selbstverstärkendes Vermittlungshemmnis wirkt.

Trotz dieser ernüchternden Befunde gibt es Anlass zu vorsichtigem Optimismus: In Zeiten des demografischen Wandels und eines zunehmenden Fachkräftemangels können es sich Unternehmen in Deutschland eigentlich nicht mehr leisten, vorhandene Arbeitskräftepotenziale nicht zu nutzen.

So hat sich denn nun auch die Bundesagentur für Arbeit (BA) vorgenommen, das Thema Inklusion stärker in den Vordergrund zu rücken. Wie zuvor schon die Aktion Mensch und das HRI hat sie erkannt, dass Integration von Menschen mit Behinderung häufig durch Vorurteile erschwert wird, die es aus dem Weg zu räumen gilt – am besten durch den direkten Kontakt von Unternehmen mit den potenziellen Mitarbeitern. „Die größten Hindernisse sind die in den Köpfen,“ betont zwischenzeitlich auch die BA.

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