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Der Autor

Bert Rürup ist Chefökonom des Handelsblatts und Präsident des Handelsblatt Research Institute. Ab dem Jahr 2000 war Rürup Mitglied und von 2005 bis 2009 Vorsitzender des Sachverständigenrates.

Der Chefökonom Das Ende der goldenen Jahre

Wenn zwei Giganten streiten, leidet meist ein Dritter – und dieser Dritte dürfte Deutschland sein.
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Düsseldorf Die deutsche Volkswirtschaft ist gerade dabei, in eine veritable Wachstumsschwäche abzurutschen. So meldete das Statistische Bundesamt am Mittwoch, dass die gesamtwirtschaftliche Leistung der Monate April bis Juni dieses Jahres im Vergleich zum ersten Viertel Jahr um 0,1 Prozent geschrumpft ist und im Vorjahresvergleich stagnierte. „Die außenwirtschaftliche Entwicklung bremste das Wirtschaftswachstum“, schrieb die Statistikbehörde. Ende dieses Jahres dürfte die Wirtschaftsleistung kaum höher als im vergangenen Sommer ausfallen, sechs verlorene Quartale!

Zwar dürfte die deutsche Industrie diese Schwächephase irgendwann überwinden, doch die besten Jahre sind wohl dauerhaft vorbei. Schon bald dürften Wirtschaftshistoriker die Zeit von 1990 bis 2018 als Deutschlands goldene Jahre – und 2019 als Beginn einer post-globalisierten Welt bezeichnen.

Am Beginn dieser fast drei Dekaden stand die bis dato für unmöglich erachtete friedliche Vereinigung der beiden deutschen Staaten. Wenig später kollabierte der gesamte, kaum in die Weltwirtschaft integrierte Ostblock und bescherte der deutschen Wirtschaft einen stark vergrößerten Absatzmarkt und ein Niedriglohngebiet direkt vor der sprichwörtlichen Haustür. Gleichzeitig bemühten sich die großen und bevölkerungsreichen Schwellenländer ihre Volkswirtschaften zu öffnen und zu modernisieren. Dies führte zu einem Anziehen des globalen Wirtschaftswachstums, hohen Zuwachsraten des Welthandels und einer Entgrenzung der Wertschöpfungsketten.

Kein anderes frühindustrialisiertes Land profitierte von diesem Globalisierungsschub so stark wie Deutschland. Denn während die USA traditionell auf den privaten Konsum als Wachstumsmotor setzen und Länder wie Russland, Brasilien oder viele arabische und afrikanische Staaten auf die Ausfuhr von Rohstoffen, besteht das Wachstumsmodell Deutschlands - mehr noch als das von Japan oder Südkorea – vorrangig im Export hochwertiger Industrieprodukte.

Dieses deutsche Geschäftsmodell ist kein von Wissenschaftlern oder Politikern ersonnenes Konzept. Zu keinem Zeitpunkt in der deutschen Geschichte hat irgendjemand an irgendeinem Reißbrett eine exportorientierte Produktionsstruktur entworfen. Der im internationalen Vergleich sehr hohe Anteil der deutschen Industrie an der gesamtwirtschaftlichen Wertschöpfung und die damit verbundene Exportorientierung haben sich in den vergangenen fast 150 Jahren urwüchsig entwickelt – nicht zuletzt als Folge komparativer Kostenvorteile in einer immer arbeitsteiliger werdenden Weltwirtschaft.

Dieses Geschäftsmodell wurde seit dem Beginn der Industrialisierung von den politischen und wirtschaftlichen Eliten einschließlich der großen Gewerkschaften stets unterstützt. Letztlich war auch die Agenda 2010 eine Reaktion darauf, dass die exportorientierte deutsche Industrie als Folge gestiegener Lohnstückkosten unter Druck stand.

Ein gängiges Maß für die Integration einer Volkswirtschaft in den Welthandel und die internationale Arbeitsteilung ist ihr Offenheitsgrad, also die Summe von Ausfuhr- und Einfuhrwert in Relation zur gesamtwirtschaftlichen Leistung. Unter Schwankungen ist dieser Offenheitsgrad der deutschen Ökonomie von etwa 40 Prozent zu Beginn der 1960er Jahre auf um die 55 Prozent Ende der 1980er Jahre gestiegen, um nach der deutschen Vereinigung in 1990 als Folge des Bedarfs der Einwohner der ostdeutschen Länder nach Produkten aus Westdeutschland wieder auf 40 Prozent zurückzugehen.

Der Anfang der 1990er Jahre einsetzende Globalisierungsschub katapultierte dann dieses Verhältnis des Außenhandelswertes in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf die gegenwärtigen knapp 85 Prozent. Und zum eigenen Vorteil als auch zum Ärgernis der ausländischen Handelspartner und internationaler Organisationen stieg der Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands auf bis zu 300 Milliarden Euro an und betrug in der Spitze acht Prozent in Relation zur gesamtwirtschaftlichen Leistung.

Keine andere große Industrienation ist heute so stark in die internationale Arbeitsleistung integriert und damit auf einen freien und florierenden Welthandel angewiesen wie die deutsche. Bereits vor zehn Jahren monierte Hans-Werner Sinn, dass die hohen Ausfuhrquoten und Außenhandelsüberschüsse die deutsche Wirtschaft "wie ein Korken auf der Weltkonjunktur schwimmen" ließen.

Selbst die globale Finanz- und Konjunkturkrise des Jahres 2008/9 konnte Deutschlands wirtschaftliche Erfolgsstory nur kurz unterbrechen. Zwar war der Einbruch sehr heftig, doch war die Erholung so kräftig, dass der massive Produktionsausfall des Winterhalbjahres 2008/9 schon zwei Jahre später wieder aufgeholt war. Der zudem ungemein beschäftigungsintensive Aufschwung hielt faktisch bis zum Sommer 2018 an.

Der wichtigste Grund für die seit etwa einem Jahr deutlich eingetrübten gesamtwirtschaftlichen Perspektiven Deutschlands sind zwar vorrangig wirtschaftspolitischer Versäumnisse gleichzeitig aber auch die Konsequenz der sich abzeichnende Deglobalisierung. Denn US-Präsident Donald Trump stellt mit seinem America-first-Kurs nicht nur die multilateralen Freihandelsabkommen in Frage, sondern hat auch China, der zweitgrößten Ökonomie der Welt, den Wirtschaftskrieg erklärt.

Daran ändert die jüngste Verschiebung der Erhebung der neuen Strafzölle auf den 15. Dezember dieses Jahres nichts. Denn Trump hat erkannt, dass das aufstrebende China die USA zunächst als globale ökonomische Hegemonialmacht und perspektivisch auch als militärische Führungsnation ablösen dürfte – und dazu hat er allen Grund.

Mitte des vergangenen Jahrhunderts prägte der französische Ökonom Francois Perroux den Begriff der „Économie Dominante“ für eine Volkswirtschaft, die Kraft ihrer Größe und Dynamik die wirtschaftliche Entwicklung anderer Staaten maßgeblich beeinflusst. Solche Nationen können ihre Währung als internationales Zahlungsmittel und ihre Wert- und Maßeinheiten als weltweit geltende Standards sprich Weltwährung durchsetzen.

Spätestens nach dem Zweiten Weltkrieg waren die USA die unangefochtene Économie Dominante. Die US-Konjunktur wurde zum Taktgeber der Weltwirtschaft, und die militärische Dominanz machten die USA zum Weltpolizisten. Nur die Sowjetunion befand sich einige Jahre zumindest militärisch auf Augenhöhe mit den USA – was für den Nachfolgestaat Russland nicht mehr gilt. Das Land, dessen gesamtwirtschaftliche Leistung etwa der von Südkorea und damit gerade einmal der Hälfte des deutschen Bruttoinlandsprodukts entspricht spielt weder ökonomisch noch militärisch in einer Liga mit den USA.

Allein die USA können es sich derzeit erlauben, Rechtssysteme souveräner Staaten zu missachten, wenn es darum geht, nationale Interessen durchzusetzen – wie bei erzwungenen Durchgriffen auf Bankkonten und Steuerdaten oder im Hinblick auf Datenschutzbestimmungen anderer Länder. Und nur die USA können andere Länder faktisch dazu zwingen, sich an fragwürdigen Sanktionen gegen andere Staaten zu beteiligen, wie das Beispiel des jüngsten Iran-Boykotts verdeutlicht.

Selten lag ein Sozialwissenschaftler mit einer Prognose so falsch wie der US-amerikanische Politologe Francis Fukuyama. Denn der vertrat nach dem Kollaps des Ostblocks im Jahr 1991 in seinem Weltbestseller "Das Ende der Geschichte" wortgewaltig die These, dass nunmehr der wirtschaftliche und politische Liberalismus westlicher Prägung mit seinen Werten Demokratie, Meinungsfreiheit, Marktwirtschaft und Globalisierung alternativlos sei. Das Gegenteil ist eingetreten – weltweit sind Nationalismus und Populismus auf dem Vormarsch.

Das vom amtierenden US-Präsidenten Donald Trump propagierte "America first" bedeutet nichts anderes als ein rücksichtsloses Voranstellen der nationalen Interessen der bislang noch einzigen globalen Hegemonialmacht. Gleichzeitig ist „America first“ Trumps aggressive Antwort auf die Ende 1978 vom damaligen Machthaber Deng Xiaoping eingeleiteten Wirtschaftsreformen in China. Glaubt man den Prognosen der Investmentbank Goldman Sachs, so könnte das einst bettelarme China binnen eines halben Jahrhunderts nach Dengs Startschuss zur größten Wirtschaftsmacht aufgestiegen sein. Das will Trump mit allen Mitteln verhindern.

Manch Historiker und Journalist warnt bereits davor, dass dieser Kampf um die weltwirtschaftliche Vorrangstellung in einem militärischen Konflikt enden könnte. Oft wird in diesem Zusammenhang auf die Analyse des Peloponnesischen Krieges zwischen dem dominierenden Sparta und dem aufsteigenden Athen in den Jahren 431 bis 404 v. Chr. durch Thukydides hingewiesen, einem Zeitzeugen dieser Auseinandersetzung. Nach dessen fester Überzeugung waren es der Aufstieg Spartas und die damit verbundenen Befürchtungen Athens, die diesen nach zähem Ringen letztlich von Sparta gewonnenen Krieg „unausweichlich machten“.

In der Geschichte gab es immer wieder Fälle, in denen der Aufstieg einer Nation bei der etablierten Macht zuerst Ängste und dann Kriege auslöste und damit die Metapher vom „Fluch des Thukydides“ scheinbar bestätigten. Ein militärischer Konflikt zwischen den USA und China ist dennoch nicht zu erwarten. Denn beide Parteien sind hoch gerüstete Atommächte und verfügen über die Zweitschlagfähigkeit. Das heißt, sie haben die Möglichkeiten nach einem atomaren Erstschlag, den Angreifer mit einem Vergeltungsschlag zu vernichten. Solange die Beteiligten rational handeln, wird man einem militärischen Konflikt also ausschließen können.

Aber auch für den Fall, dass die aktuellen Verhandlungen zu einem Abkommen zwischen den USA und China führen sollten, so spricht viel dafür, dass Trump diesen Konflikt mit China nach seiner Wiederwahl wieder eskalieren lassen wird. Dies würde China kurzfristig zwar schädigen, mutmaßlich langfristig aber stärken. Denn wenn die USA versuchen, durch Handelsbeschränkungen, etwa für Chips oder Betriebssysteme, die technologische Entwicklung Chinas zu bremsen, werden diese Versuche dort zu einem Prozess der Importsubstitution führen, der letztlich zur Folge hätte, dass die chinesischen Unternehmen perspektivisch stärker und noch wettbewerbsfähiger werden. Deshalb ist davon auszugehen, dass sich in nicht allzu ferner Zukunft eine zweigeteilte Globalisierung herausbilden wird: Die eine Hälfte der Welt folgt Pekings Spielregeln, die andere denen Washingtons.

Deutschland spielt in diesem Kampf der Giganten zwar nur die Zuschauerrolle – doch unbetroffen ist es gewiss nicht. Denn echten Freihandel, von dem die deutsche Industrie in den vergangenen Dekaden profitiert hat, und internationalisierte Wertschöpfungsketten wie wir sie seit einigen Jahren kennen wird es in dieser neuen bipolaren Welt wohl nicht mehr geben. China wird sich mit seiner „Neuen Seidenstraße“ kostengünstige Produktionsstandorte sowie Absatzmärkte für die eigenen Investitions- und Konsumgüter sichern, und die USA werden Unternehmen zwingen, große und hochwertige Teile ihrer Wertschöpfung in die USA zu verlagern.

Rücken die Staaten Europas zusammen und ringen sich zu einer gemeinsamen Wirtschaftspolitik und einer abgestimmten Industriepolitik durch, so bleibt dieser Kontinent zumindest noch eine ganze Weile sowohl als Konkurrent wie als sehr großer Absatzmarkt für die beiden Giganten relevant. Denn nur dann, wird Europa noch wichtige Handelsregeln mit beeinflussen können. Doch für Deutschland allein wird in dieser bipolaren Weltwirtschaft nur wenig Platz sein.

Schafft Europa die Vertiefung und eine gemeinsame Interessvertretung jedoch nicht, droht es in Vielzahl von untereinander konkurrierenden Mittel- und Kleinstaaten zu zerfallen – „und mit Zwergen geht man nicht immer freundlich um, sondern man stellt sie in den Garten“, wie Altkanzler Gerhard Schröder es jüngst trefflich formulierte.

In beiden Fällen wird die deutsche Industrie Einbußen hinnehmen müssen. Denn die Zeiten, in denen Deutschland fast monopolartig die gesamte Welt mit hochwertigen Maschinen, Autos und Chemikalien versorgte, neigt sich dem Ende zu.

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