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Der Autor

Bert Rürup ist Chefökonom des Handelsblatts und Präsident des Handelsblatt Research Institute. Ab dem Jahr 2000 war Rürup Mitglied und von 2005 bis 2009 Vorsitzender des Sachverständigenrates.

Der Chefökonom Das Rentenniveau: Eine leere Monstranz

Über das „Rentenniveau“ wird politisch viel und heftig diskutiert. Doch die Aussagekraft dieser bei Politikern beliebten Kennziffer ist äußerst begrenzt.
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Düsseldorf In der sozialpolitischen Diskussion in Deutschland gibt es kaum einen anderen Begriff, dem eine so große Bedeutung beigemessen wird wie dem Rentenniveau. Gleichzeitig dürfte es kaum einen anderen sozialpolitischen Fachausdruck geben, über den so viel Unwissen besteht – nicht nur in der Bevölkerung, sondern selbst bei Autoren, die Beiträge zur Altersvorsorge publizieren.

Daher ist es nicht überraschend, dass dieses verbreitete Unwissen – mal gewollt mal ungewollt – zur Desinformation in der politischen Diskussion genutzt wird.

Nur vier Beispiele:

  • Ein sinkendes Rentenniveau geht nicht mit Rentenkürzungen einher, sondern bedeutet, dass die Renten langsamer steigen als der Durchschnittslohn. Rentenkürzungen sind seit dem Jahr 2010 qua Gesetz ausgeschlossen – selbst bei rückläufigen Löhnen. Im Fall sinkender Löhne steigt daher das Rentenniveau.

  • Das Rentenniveau beziffert nicht die Höhe der gesetzlichen Rente „im Vergleich zum letzten Bruttogehalt" - wie dies von der größten deutschen Boulevardzeitung in einem Special „ALTERSVORSORGE“ behauptet wurde.

  • Das Rentenniveau liegt derzeit bei 48 Prozent und beziffert die Rente für den „Standard- oder Eckrentner“, also einen fiktiven Versicherten, der in 45 Versicherungsjahren stets den Durchschnittslohn verdient hat. Diese Kennziffer erlaubt daher nur in selten Fällen einen zutreffenden Rückschluss auf die konkrete Rentenhöhe der einzelnen Versicherten. Und eine Anhebung und Festschreibung dieses Rentenniveaus auf 53 Prozent gewährleistet daher nicht, wie die Partei DIE LINKE propagiert, dass damit der gewohnte Lebensstandard im Alter gesichert ist. Denn dazu wären etwa 70 Prozent des in den letzten Jahren des Erwerbslebens bezogenen Einkommens nötig.

  • Eine dauerhafte Stabilisierung des Rentenniveaus auf seinen heutigen Wert oder selbst eine Anhebung auf 50 Prozent – wie vom DGB oder dem VdK gefordert – könnte nicht verhindern, dass in den kommenden Jahren – vor allem in den neuen Bundesländern – das Risiko der Altersarmut deutlich ansteigen wird. Der Grund: Den Personenkreisen, die besonders von Altersarmut bedroht sind, nämlich Langzeitarbeitslose, Frauen, die lange Zeit nicht erwerbstätig oder nur teilzeitbeschäftigt waren, sowie Personen ohne Bildungsabschluss oder mit Migrationshintergrund hilft ein festgeschriebenes oder selbst ein angehobenes Rentenniveau nur sehr wenig. Das jedenfalls ist das Fazit der bislang solidesten, von Wissenschaftlern des DIW Berlin und des ZEW Mannheim im Auftrag der Bertelsmann Stiftung erstellten Studie zur Entwicklung der Altersarmut in Deutschland.

Das Rentenniveau setzt die Standardrente ins Verhältnis zum Durchschnittsentgelt in der gesetzlichen Rentenversicherung. Derzeit wird die Standardrente mit 45 Entgeltpunkten erreicht. Ein Entgeltpunkt wird mit Beiträgen auf den Durchschnittsverdienst in einem Jahr erworben. Die Anzahl der Entgeltpunkte multipliziert mit dem – jährlich entsprechend der Lohnentwicklung fortgeschriebenen – „aktuellen Rentenwert“ ergibt dann den Zahlbetrag einer Altersrente – bei Eintritt zum gesetzlich vorgesehen Renteneintrittsalter.

Von 1957, dem Jahr der Einführung des derzeitigen Rentensystems, bis 1991 wurde ein Bruttorentenniveau durch den Vergleich der Bruttostandardrente und dem Bruttodurchschnittslohn bestimmt. Nach dem Übergang bei den jährlichen Rentenanpassungen von der Bruttolohnentwicklung zur Nettolohnorientierung ab 1992 wurde ein Nettorentenniveau ausgewiesen. Dabei wurde die Standardrente abzüglich der davon von den Rentenempfängern zu zahlenden Sozialabgaben mit dem Durchschnittslohn abzüglich der zu entrichtenden Arbeitnehmeranteile zu den Sozialversicherungen sowie der Einkommensteuer in Beziehung gesetzt. Und seit dem Übergang zur „Nachgelagerten Besteuerung“ der Renten ab 2005 wird ein „Sicherungsniveau vor Steuern“ ausgewiesen. Dabei werden von der Bruttostandardrente die auf die Rentner entfallenden Sozialabgaben abgezogen und vom Durchschnittslohn die davon zu zahlenden Arbeitnehmer-Sozialbeiträge sowie ein fiktiver Beitrag zur privaten Altersvorsorge (Riester-Rente).

Bis zum Jahr 1991 wurde die Standarderwerbsbiografie mit 40 Jahren angesetzt. Im Zuge der Ende 1989 von einer informellen Großen Koalition beschlossenen und zum 1.1.1992 in Kraft getretenen „Rentenreform 1992“ wurde diese Standardbiografie auf 45 Erwerbsjahre angehoben.

Für sich genommen war damit eine Erhöhung des Rentenniveaus um deutlich mehr als zehn Prozent verbunden – freilich ohne dass sich dadurch an den Zahlbeträgen der Renten irgendetwas geändert hätte. Wohl aber wurden durch diese Verlängerung der Standarderwerbsbiografie die deutlichen Leistungsrücknahmen kaschiert, die der damalige Sozialminister Norbert Blüm im Interesse einer Dämpfung des Beitragssatzanstiegs auf den Weg gebracht hatte - zum Beispiel durch den Übergang zur Anpassung der Renten entsprechend der Entwicklung der Nettolöhne statt der Bruttoarbeitsentgelte. Und wenn heute gefordert wird, angesichts der gleitenden Anhebung des gesetzlichen Renteneintrittsalters auf 67 Jahre auch die Erwerbsbiografie des Standardrentners auf 47 Jahre zu erhöhen, spielt die damit verbundene Erhöhung des Sicherungsniveaus eine nicht unwichtige Rolle, was aber selten herausgestellt wird.  

„Die Forderung eines EU-Mindestlohns ist mutig, aber falsch“

Von einer „lebensstandardsichernden“ Altersversorgung wird man dann sprechen können, wenn diese es erlaubt, den in den letzten Jahren des Erwerbslebens gewohnten Konsumstandard im Ruhestand aufrecht zu erhalten. Dazu dürften etwa 70 Prozent des beim Ausscheiden aus dem Erwerbsleben entfallenden Arbeitsentgelts erforderlich sein.

In diesem Sinne war die gesetzliche Rente nie lebensstandardsichernd und kann es auch nicht sein, solange die Rentenfestsetzung nach dem 1957 etablierten Äquivalenzprinzip erfolgt. Nach diesem Prinzip bemisst sich die Höhe der individuellen Rente strikt nach der Versicherungsdauer und der Höhe des in den einzelnen Erwerbsjahren bezogenen Arbeitsentgelts. Alle Beitragsjahre werden mit dem gleichen Gewicht berücksichtigt - die am Anfang, in denen wenig verdient wird, ebenso wie die am Ende der Berufskarriere, in denen man zumeist mehr verdient. Dies hat zur Folge, dass die persönliche Altersrente im Regelfall eine geringere Quote des zuletzt bezogenen Arbeitsentgelts ersetzt, als es das Rentenniveau suggeriert.

Das Rentenniveau ist daher keine Ersatzrate des in den letzten Erwerbsjahren verdienten Arbeitsentgelts und erlaubt somit auch keinen Rückschluss auf die Höhe der individuellen Versorgungslücke. Das Rentenniveau gleicht deshalb einer sehr hochgehaltenen Monstranz, der der segenspendende Inhalt abhandengekommen ist.

Die Politik wird sicher nicht den Mut aufbringen, in der Kommunikation auf das Rentenniveau zu verzichten – auch wenn dieses Niveau für den Einzelnen durchweg wenig aussagekräftig ist. Umso erforderlicher ist es, dieses Niveau durch ein Kennziffersystem zu ergänzen, welches den einzelnen Versicherten einen Rückschluss auf die Höhe der eigenen Rente erlaubt.

Vor diesem Hintergrund ist der Informationsgehalt der jährlich von der Rentenversicherung verschickten Renteninformationen besser als sein Ruf und für den Einzelnen aussagekräftiger als das Rentenniveau. Ungeachtet dessen ist die Entwicklung eines aussagekräftigeren Indikators überfällig. Dies wäre eine höchst verdienstvolle Leistung der im Mai 2018 eingesetzten Rentenkommission „Verlässlicher Generationenvertrag“, die ihre Vorschläge für die Weiterentwicklung unseres Rentensystems für die Zeit nach 2025 im März des kommenden Jahres vorlegen soll.

So wäre bereits der Ausweis eines Rentenniveau-Tarifs in Abhängigkeit von der Höhe eines monatlichen Durchschnittseinkommens wie in den USA oder der Schweiz ein deutlicher Fortschritt.

Im Jahr 2008 prägte Frank Berner in seiner bemerkenswerten Dissertation den Begriff „Hybrider Sozialstaat“. Damit wollte er zum Ausdruck bringen, dass die Unterscheidung „öffentlich“ und „privat“ beziehungsweise „umlagefinanziert“ und „kapitalgedeckt“ bei der Absicherung der großen Lebensrisiken zunehmend einer Kombination beider Prinzipien weicht.

Bei der Alterssicherung hat sich diese Kombination zwischen Umlagefinanzierung und Kapitaldeckung in den meisten entwickelten Ländern durchgesetzt – auch in Deutschland. Dies belegen die Bestrebungen, über einen Ausbau der privaten Vorsorge und einen höheren Verbreitungsgrad der Betriebsrenten die Gesamtversorgung der abhängig Beschäftigten im Alter zu verbessern.

Vor diesem Hintergrund ist es außerordentlich bedauerlich, dass es immer noch nicht gelungen ist, eine „säulenübergreifende Vorsorgeinformation“ zu schaffen, in der die bestehenden individuellen Ansprüche an die gesetzliche Rentenversicherung sowie die Ansprüche an Anbieter einer betrieblichen oder privaten Zusatzversorgung zusammengefasst werden. Immerhin wird derzeit intensiv daran gearbeitet. Man kann nur hoffen, dass das Streben der deutschen Verwaltung nach einer perfekten Lösung nicht länger einem schrittweisen Abbau von Informationsdefiziten im Interesse rationaler Vorsorgeentscheidungen entgegensteht.

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