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Der Chefökonom

Altersvorsorge: Ein Update für Riester

Nach fast zwei Jahrzehnten ist es an der Zeit, die Fehler der Riester-Reform zu korrigieren.

29. November 2019

von Professor Bert Rürup

Eine Riester-Rente ist ohne Zweifel für nicht wenige Altersvorsorgetreibende ein attraktives Geschäft. So wird beispielsweise Müttern mit zwei kleinen Kindern ohne eigenes Einkommen bei einem Eigenbeitrag von lediglich 60 Euro im Jahr eine jährliche Zulage von satten 775 Euro gewährt. Selbst bei hohen Kosten und einem Zinssatz von Null liegt die Rendite eines solchen Sparvertrags bei weit über 1000 Prozent. Im Durchschnitt aller Riester-Sparer steuert der Staat im Übrigen über Zulagen und Steuervorteile rund ein Drittel zum Gesamtbeitrag bei.

Doch trotz dieser guten Renditeerwartungen haben weniger als die Hälfte der Berechtigten einen Riestervertrag abgeschlossen, und zudem ruht derzeit etwa jeder fünfte Vertrag – Tendenz steigend. Es wird also nicht weitergespart und daher auch keine Zulage gutgeschrieben. Jüngste Zahlen des Bundesfinanzministeriums gehen für das Jahr 2018 von 10,78 Millionen geförderten Altersvorsorgeverträgen aus, gut 100.000 weniger als im Jahr zuvor.

Als Kontrapunkt zur Grundrente, dem Prestigeprojekt der SPD, hat nun die Union eine Reform der kapitalgedeckten Altersvorsorge auf die Tagesordnung gesetzt. Ihr Preis für die Zustimmung zur Grundrente ohne Bedürftigkeitsprüfung war, dass sich die SPD einem Ausbau der kapitalgedeckten Altersvorsorge nicht entgegenstellt. Dieser Kompromiss macht es möglich, dass nunmehr einige Geburtsfehler der 2002 eingeführten Riester-Rente beseitigt werden können.

Am vergangenen Wochenende beschloss die CDU auf Ihrem Parteitag, dass diese Zusatzversorgung kostengünstiger und transparenter werden soll. Dazu ist vorgesehen, ein Standardvorsorgeprodukt mit Anlageschwerpunkt in Aktien zu schaffen. Private Anbieter sollen nach Verabschiedung einer solchen Reform nochmals drei Jahre Zeit erhalten, um ein solches Produkt auf den Markt zu bringen.

Dieses Standardprodukt soll mit geringen Verwaltungskosten und ohne Abschlusskosten auskommen, und es soll für sozialversicherungspflichtige Arbeitnehmer semiobligatorisch sein. Wer nicht ausdrücklich widerspricht, für den führt der Arbeitgeber die Beiträge ab. Falls nach drei Jahren die Anzahl der Verträge nicht um mindestens 30 Prozent gestiegen ist, soll nach dem Willen der CDU dieses Standardvorsorgeprodukt staatlich organisiert und das Vorsorgesparen möglicherweise obligatorisch werden. Die Sparzulagen sollen automatisiert ausgezahlt und dynamisch an die Inflationsrate gekoppelt werden. Geringverdiener sollen zudem durch höhere Zulagen besonders gefördert werden.

Nun gilt für alle Altersvorsorgesysteme, dass die Bedienung der laufenden Rentenansprüche immer Teil der aktuellen wirtschaftlichen Gesamtleistung ist. Deshalb sind alle Alterseinkommen – seien sie umlagefinanziert oder kapitalgedeckt – stets mit Risiken und Unsicherheiten behaftet. Beim Umlageverfahren, das sich aus den nationalen Erwerbseinkommen speist, sind dies in erster Linie Lohnsummenrisiken, die aus der Entwicklung des Arbeitsmarktes, der Produktivität und der demografischen Entwicklung resultieren. Da das Kapitaldeckungsverfahren dagegen auf die nationalen und internationalen Kapitaleinkommen zugreift, ist diese Form der Finanzierung mit Kapitalmarkt- und Wechselkursrisiken behaftet.

Vor diesem Hintergrund ist es unter Ökonomen unstrittig, dass Alterssicherungssysteme, die auf einer Mischung aus Umlagefinanzierung und Kapitaldeckung basieren, Risiken besser diversifizieren, als solche Systeme, die nur auf ein Standbein setzen. Daran ändern auch Börsencrashs, Niedrigzinsphasen oder Rezessionen mit einem schweren Beschäftigungseinbruch grundsätzlich nichts. Allerdings ist es unmöglich, ein zeitunabhängiges optimales Mischungsverhältnis zu berechnen, denn dieses hängt von zahlreichen, sich im Zeitablauf ändernden Variablen ab, wie etwa dem Bevölkerungsaufbau, dem Strukturwandel oder der Globalisierung.

Angesichts dieses Befundes war die Einführung einer staatlich geförderten kapitalgedeckten Altersversorgung ab 2002 unter dem damaligen SPD-Sozialminister Walter Riester grundsätzlich richtig. Damit sollten die damals aus langfristigen Beschäftigungs- und Verteilungsgründen als unvermeidlich angesehen Leistungsrücknahmen bei der gesetzlichen Rente ersetzt werden.

Allerdings hatte diese Riester-Reform einen gravierenden Fehler: Anders als ursprünglich von Riester geplant, wurde unter dem von der Boulevardpresse unterstützten Druck der Versicherungswirtschaft der Abschluss von kapitalgedeckten Rentenverträgen, die ausdrücklich die Leistungsrücknahmen der gesetzlichen Rente ersetzen sollten, nicht zur Pflicht gemacht.

Diese Freiwilligkeit brachte notwendigerweise eine Entmischung der Risiken mit sich. Denn die meisten Menschen können recht gut abschätzen, ob sie selbst mit hoher Wahrscheinlichkeit vergleichsweise jung versterben oder ein biblisches Alter erreichen, wie Gustav Gerneth, der jüngst im Alter von 114 Jahren als ältester Mann der Welt verstarb. Fakt ist, freiwillig privat vorsorgen werden vorrangig Menschen, die erwarten, überdurchschnittlich lang zu leben. Die Folge: Bei den Versicherungen häufen sich die versicherungstechnisch schlechten Risiken. Ein auf Freiwilligkeit angelegtes System kann daher nie eine Identität der Versichertenkollektive der gesetzlichen Rentenversicherung und der kapitalgedeckten Zusatzrente sicherstellen. Leistungskürzungen des obligatorischen Systems können daher selbst durch hoch subventionierte freiwillige Zusatzsysteme nicht ersetzt werden.

Doch auch (Solo-)Selbstständige brauchen Altersvorsorge. Das höchste Risiko, im Alter arm zu sein, haben nämlich jene, die lange Zeit keine Rentenbeiträge zahlen, also Langzeitarbeitslose, Erwerbsunfähige, Soloselbstständige, Kleinunternehmer und Menschen mit durchbrochenen Erwerbsbiografien.

Vollends kosmetischer Natur ist daher der Vorschlag des Bundesverband Investment und Asset Management (BVI), des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), des Verbands der privaten Bausparkassen (VDPB) und der Landesbausparkassen (LBS). Denn diese Verbände fordern neue, von der Privatwirtschaft organisierte Standard-Riester-Produkte als Ergänzung zur bestehenden Produktlandschaft – was die Initiatoren freilich seit Längerem in Eigeninitiative und ohne gesetzliche Regelung hätten umsetzen könnten. Als Andrea Nahles (SPD) Sozialministerin war, hatte sie solch ein Standardprodukt mit Nachdruck empfohlen. Eine verpflichtende Vorsorge lehnen diese Verbände aber kategorisch ab, sodass die Kernprobleme der Riester-Rente, die fehlende Ersatzfunktion und die unzureichende Verbreitung, nicht behoben würden.

Nun stimmt es, dass die Deutschen zwar viel, aber wegen ihrer Aktienphobie oft falsch sparen. Deshalb ist es richtig, bei der geförderten kapitalgeckten Altersvorsorge stärker auf Aktien zu setzen. Zielführend dazu wäre ein von einer staatsfernen Non-Profit-Organisation verwaltetes System von individuellen Vorsorgekonten. Träger könnte eine Stiftung des öffentlichen Rechts sein, um sicherzustellen, dass Kapitalstock und Anlagepolitik dem Zugriff der Politik entzogen sind. 

Diese Non-Profit-Organisation sollte externe Asset-Manager und Versicherer betrauen, die für die Vermögensanlage und die anschließende Verrentung des angesparten Kapitals zuständig wären. Wenn die Vorsorgesparer darauf verzichten einen Fonds auszuwählen, der ihre Gelder anlegt, müsste ein Standard-Fonds bereitstehen. Die obligatorischen Beiträge zu diesen Altersvorsorgekonten würden direkt vom Arbeitgeber abgeführt, wie dies jetzt auch die CDU vorschlägt.

Ein ähnliches und durchaus als Vorbild geeignetes System gibt es seit geraumer Zeit in Schweden. Dort werden die obligatorischen Beiträge zur kapitalgeckten Ergänzungsvorsorge zusammen mit den Beiträgen zur staatlichen Rente direkt von den Arbeitgebern eingezogen und abgeführt. Die Versicherten können dabei selbst entscheiden, in welches der zahlreichen von der Privatwirtschaft angebotenen Rentenprodukte sie ihre obligatorischen Altersvorsorgeersparnisse investieren. Wird von den Einzahlern keine Entscheidung getroffen, fließen die Gelder in einen staatlich verwalteten Fonds.

Nun hängt die individuelle Risikotragfähigkeit eines Vorsorgesparers stark vom Alter ab, während der Preis für eine höhere Rendite in größeren Wertschwankungen der Anlage besteht. Diese Wertschwankungen etwa von Aktien kann ein erst am Beginn seines Erwerbslebens stehender junger Mensch besser tragen als jemand, dem nur noch wenig Zeit bis zum Renteneintritt bleibt. Das bedeutet, dass die Volatilität der Anlagen umso geringer sein sollte, desto höher das Lebensalter der Vorsorgesparer ist. Daher wäre es geboten, die Vorsorgekonten nach Lebenszyklusmodellen zu managen. Um dies zu erreichen, müsste zum einen auf eine Kapitalgarantie verzichtet und zum anderen die Ansparphase von der Rentenphase entkoppelt werden. Spätestens mit Eintritt in den Ruhestand müsste das angesparte Vermögen in einen versicherungsförmigen Auszahlplan umgewandelt werden, damit dieses Kapital einer anderweitigen Verwendung und nicht zuletzt der Vererbung entzogen wird.

Gefördert werden könnte diese neue Sparform über Prämien und/oder analog zur geltenden Förderung von Betriebsrenten (§ 3 Nr. 63 EStG). Dabei könnten bis zu acht Prozent der Beitragsbemessungsgrenze West der Rentenversicherung steuerfrei angespart werden, also im kommenden Jahr beachtliche 6.624 Euro. Im Alter würde die daraus resultierende Rente voll besteuert. Ein Vorteil dabei ist, dass der Steuersatz progressionsbedingt im Alter meist niedriger als in der Ansparphase sein dürfte. Hinzu kommt die Steuerfreiheit der Erträge in der Ansparphase.

Unser Rentensystem war und ist nicht darauf ausgelegt, im Alter einen ähnlichen Lebensstandard zu sichern, den ein Rentner in den letzten Jahren seiner Erwerbstätigkeit hatte. Dies war in der Vergangenheit nicht so und wird in der Zukunft angesichts des bald einsetzenden Alterungsschubs der Bevölkerung erst recht nicht so sein. Deshalb ist es unerlässlich, dass jeder einzelne zusätzlich für sein Alter vorsorgt. Die CDU hat nun die Tür für eine Reform geöffnet. Damit ist die Zeit für eine echte Reform der fast zwei Dekaden alten Riester-Rente gekommen. Sollte dies der Großen Koalition in den verbleibenden zwei Jahren ihrer Legislatur noch gelingen, so könnte die Regierung trotz aller Querelen doch noch als eine der besseren Regierungen in die Geschichtsbücher eingehen.