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Research Institute
EU reagiert mit Sanktionsregelung auf russische Cyberangriffe

ARCHIV - 26.07.2016, Baden-Württemberg, Stuttgart: ILLUSTRATION - Ein Mann benutzt die beleuchtete Tastatur eines Notebooks. Angesichts deutlicher Hinweise auf eine Verantwortung Russlands für massive Cyberattacken hat die EU neue Abwehr- und Sanktionsmöglichkeiten geschaffen. Der EU-Ministerrat beschloss am Freitag eine Regelung für restriktive Maßnahmen gegen Angriffe, die eine externe Bedrohung für die Union oder ihre Mitgliedstaaten darstellen. Foto: Silas Stein/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

(Foto: dpa)

Geopolitische Analyse Big Data wird zum Kriegsschauplatz

Große Datenmengen und der Cyberraum bilden den neuen Systemkonflikt ab: Staatskapitalismus versus freie Märkte; China gegen USA. Wie im Kalten Krieg geht es nicht um Wettbewerb, sondern um Feindschaft. Das dürfte in den USA zu einem neuen militärisch-industriellen Technologiekomplex führen, dem sich Apple, Google, Amazon & Co unterordnen werden. Die Weltwirtschaft wird hybrid.
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Es ist üblich geworden, von Gewinnern und Verlierern der Globalisierung zu sprechen. China als großer Aufsteiger gehört in dieser Wahrnehmung zu den großen Gewinnern. Kein Zweifel: Mehr als 600 Millionen Menschen sind dort in den letzten Jahrzehnten aus bitterster Armut befreit worden.

Zu Verlierern werden Regionen gezählt, die mit der gewachsenen Produktivität und den vergleichsweise sehr geringen Löhnen der Aufsteiger nicht mithalten konnten. Der Verlust der Textilindustrie in Europa oder der Niedergang der Stahlindustrie sind Beispiele dafür.

Obwohl auch Deutschland solche „Verlierer“ kennt, ist es uns erstaunlich gut gelungen, aus den Strukturkrisen immer wieder herauszukommen, neue Beschäftigung zu schaffen und auf den Weltmärkten mitzuhalten. Deutschland gehört zweifelsohne zu den großen Gewinnern der Globalisierung.

Kein Land ist so stark in die internationalen Wertschöpfungsketten integriert wie Deutschland, und deshalb hat auch keine andere Volkswirtschaft einen so hohen Offenheitsgrad. Mit weit über 80 Prozent liegen wir deutlich vor Frankreich mit etwas mehr als 60 Prozent, von den Vereinigten Staaten mit nicht mal 30 Prozent ganz zu schweigen.

Politisch hat sich Deutschland dem technologischen Wandel oder - härter formuliert - der Produktivitätspeitsche des internationalen Wettbewerbs nie entgegen gestemmt. Im Gegenteil: Durch die Förderung von Forschung und Technologieentwicklung hat der Staat sich sogar an die Spitze dieses Wandels gestellt.

Das Handelsblatt Research Institute erweitert seinen wöchentlichen von Professor Bert Rürup herausgegebenen Newsletter „DER CHEFÖKONOM“ um eine regelmäßige exklusive geopolitische Analyse. Verantwortlich für diese thematisch neuen Beiträge ist Bundesaußenminister a.D. Sigmar Gabriel. Quelle: dpa
Sigmar Gabriel, Bundesaußenminister a. D.

Das Handelsblatt Research Institute erweitert seinen wöchentlichen von Professor Bert Rürup herausgegebenen Newsletter „DER CHEFÖKONOM“ um eine regelmäßige exklusive geopolitische Analyse. Verantwortlich für diese thematisch neuen Beiträge ist Bundesaußenminister a.D. Sigmar Gabriel.

(Foto: dpa)

Im Gegenzug haben Unternehmen und Arbeitnehmer die Mittel bereit gestellt, um durch Qualifizierung und finanzielle Unterstützung die vom Wandel negativ betroffenen Beschäftigten nicht der dauerhaften Arbeitslosigkeit zu überlassen. Nicht wenige unserer europäischen Nachbarn haben häufig genug das Gegenteil versucht.

Mit Hilfe staatlicher Subventionierung haben unsere Nachbarn versucht, nicht mehr wettbewerbsfähige Teile der Wirtschaft „am Leben“ zu halten, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden. Die Ergebnisse können in Ländern wie Italien besichtigt werden, in denen über einen viel zu langen Zeitraum die Produktivitätsentwicklung schlecht war und die Investitionen in Innovation, Forschung und Technologie unterblieben sind.

Die deutsche und europäische Politik hat mit niedrigen Eintrittsschwellen die Integration in die Weltwirtschaft ermöglicht. Die Unternehmen nutzten ihre Chancen durch einen hohen Vernetzungsgrad mit allen Teilen der Welt: preiswerte Energie aus Russland, Erze aus Lateinamerika, Australien und Afrika, technologische Komponenten aus Mittel- und Osteuropa, Fertigungsstätten auf allen relevanten Märkten der Welt und High-End Produktion in Deutschland.

Deutschland ist mit diesem globalen Wertschöpfungsmodell zum Industriealisierer der Welt geworden. Es hat uns einen enormen Wohlstand und ein hohes Maß an sozialem Frieden und sozialer Sicherheit ermöglicht. Die Globalisierung war unser Erfolgsmodell.

Doch was heißt das heute? In einer weltwirtschaftlichen Situation, wo sich die Anzeichen mehren, dass die Globalisierung kurzatmig zu werden droht?

Unser eigentlicher Vorteil – die Integration in globale Wertschöpfungsketten – droht auf einmal zur Achillesferse zu werden: Weil die USA Zölle erheben; China mit dem Gedanken spielt, seltene Erden nicht mehr bedingungslos auf dem Weltmarkt zur Verfügung zu stellen; Japan und China sich in einem Handelskonflikt verstreiten; und die Logistikketten unter Druck geraten, weil die Freiheit der Weltmeere von wachsenden internationalen Spannungen betroffen sind.

In der Folge haben wir derzeit weniger globalen Freihandel. Nun gibt es durchaus Hoffnung auf eine wachsende Einsicht in den USA. Mit China könnte es sich anders verhalten.

Der chinesischen Politik und dem überwiegenden Teil der Bevölkerung ist absolut präsent, dass China nie wieder wie vor den Zeiten der Revolution Maos Spielball ausländischer Mächte werden darf. Die Interventionen des Staates in die ökonomische Entwicklung des Landes werden also eher zu- als abnehmen.

Wenn die größte Volkswirtschaft der Welt bereit ist, für die Bindung anderer Volkswirtschaften über die „Neue Seidenstraße“ dicke Schecks auszustellen, um ihre staatskapitalistische Dominanz zu erhöhen, kommen wir zu einer hybriden Weltwirtschaft. In ihr konkurriert der private Kapitalismus freier Märkte mit staatskapitalistischen um die Vorherrschaft in der Welt!

Kurios dabei ist: Das Ende freier Märkte ist nicht gleichbedeutend mit dem Ende der Globalisierung. Denn wenn beide System den weltweiten Handel mit Waren und Finanzen zulassen, dann kann man sogar eine weitere Ausweitung der Globalisierung erwarten.

Die Zukunft der Globalisierung wird allerdings eher komplizierter, weil sich die weltweiten Märkte vor allem wegen der politischen Einflussnahme unterschiedlich entwickeln dürften. Ein Phänomen, das man als hybride Globalisierung bezeichnen kann.

Einerseits wird der Marktplatz für Nahrungsmittel, Metalle und Energie – zentrale Voraussetzungen für die globale Wirtschaft – immer globaler. Protektionistische Tendenzen haben zwar in einigen Fällen dazu geführt, dass zusätzliche Zölle eingeführt wurden, was aber typischerweise zur Senkung von Einfuhrzöllen aus anderen Ländern geführt hat.

Damit werden die Märkte für Güter und Rohstoffe sogar globaler – getreu dem Motto: Wo zwei sich streiten, freuen sich jede Menge Dritte. Die wachsende Bevölkerung und die weltweite Zunahme von konsumorientierten Mittelschichten lassen die Nachfrage ohnehin weiter anwachsen.

Dazu kommt, dass oftmals höhere Produktivität und größere Effizienz die Kosten mehr senken als neue Zölle sie erhöhen. So weisen internationale Analysten darauf hin, dass das absehbare Ende des arktischen Eises und die damit einhergehende Öffnung des nördlichen Seehandelsweges die Kosten für den Seehandel um mindestens ein Drittel senken könnte.

Andererseits werden viele Märkte für Waren und Dienstleistungen wohl weniger global. Der wichtigste Grund dafür ist der dramatische Bedeutungsverlust von Arbeit bei der Produktion. Die Digitalisierung, 3-D-Druck und die Entwicklungen der künstlichen Intelligenz führen schon heute dazu, dass Arbeitsplätze verschwinden.

Es macht immer weniger Sinn, an weit entfernten Orten zu produzieren, nur weil dort das Lohnniveau geringer ist. Auch in Deutschland sehen wir erste Beispiele dafür: Adidas produziert auch wieder in Deutschland, und die neues Chipfabrik von Bosch wird in Dresden gebaut.

Zugleich überlegen viele Länder, wie sie über „border adjustments“ die eigenen Industrien und Arbeitsplätze vor dem als unfair erachteten Welthandel schützen können. Dies tun nicht nur die USA, sondern auch Europa, wenn hier über eine „border adjustment tax“ für den Klimaschutz nachgedacht wird.

Warum sollte auch die europäische Stahlindustrie jedes Jahr höhere Klimaauflagen über einen höheren Preis pro Tonne Stahl finanzieren, während andere ihren Stahl ohne jeden Klimaschutz herstellen? Das bedeutet in der Tat einen Wendepunkt für einen wichtigen Teil der Weltwirtschaft.

Auch bei Daten und Informationen wird sich der globale Datenmarkt eher in zwei Märkte teilen. Nicht mehr alle Konsumenten werden den gleichen Zugang zum Internet besitzen, sondern Amerikaner und Chinesen sind bereits dabei, zwei, voneinander unabhängige Systeme zu entwickeln.

Das amerikanische System ist privatwirtschaftlich organisiert und nur wenig durch den Staat reguliert. Das chinesische System ist vom Staat dagegen vollständig kontrolliert.

Die großen Fragen sind: Wo wird die Grenze zwischen den beiden Blöcken liegen? Und wird sich die Europäische Union an die USA binden oder zu nationalstaatlichen Entscheidungen bei Big-Data zurückentwickeln?

Diese Fragen stellen sich auch für die großen asiatischen Volkswirtschaften, wie Südkorea oder Indien, oder für die südamerikanischen wie Brasilien. In diesem Zusammenhang ist es keineswegs sicher, dass der im weitesten Sinne westlich orientierte Teil der datengetriebenen Ökonomie weiterhin privatwirtschaftlich dominiert bleibt.

Die wachsende Sorge vor cyberbasierten militärischen Konflikten dürfte mindestens in den USA zu einem ganz neuen militärisch-industriellen Technologiekomplex führen. Solch eine Entwicklung würde den Privatsektor dazu zwingen, sich politischen Entscheidungen unterzuordnen.

Meine Erwartungen lassen sich in fünf Punkten zusammenfassen:

1.         In den vielen Märkten für Rohstoffe und Güter sowie Waren und Dienstleistungen bleiben die globalen Akteure Wettbewerber und (potenzielle) Partner. Sie wollen ihre Konkurrenten weltweit übertreffen, profitieren dabei aber von offenen Märkten. Statt eines Nullsummen-Spiels bleibt es bei der Win-Win-Situation. Daraus entsteht ein starker Anreiz, in diesen Bereichen keinen Handelskrieg zu führen oder militärische Konfrontationen zuzulassen.

2.         Im Daten- und Informationssektor sind die globalen Spieler allerdings nicht länger Wettbewerber, sondern echte Feinde. Wie im Kalten Krieg zwischen Amerikanern und Sowjets gibt es keine Unterstützung für das weitere Funktionieren des jeweils anderen Systems. Vielmehr ist es das eigentliche Ziel, das andere System zum Zusammenbruch zu bringen. In diesem Bereich bewegen wir uns also in eine globale Nullsummen-Beziehung zwischen dem US-amerikanisch und dem chinesisch dominierten Technologieraum.

3.         Im Digitalsektor herrscht – und nicht im klassischen Handel – ein „Kalter Krieg“ 2.0 zwischen den USA und China. Im Kalten Krieg 1.0 war es die gegenseitige Zweitschlagskapazität mit Nuklearwaffen, die den Ausbruch eines heißen Krieges verhindert hat. Im Cyberkrieg allerdings gibt es einen eindeutigen Vorteil beim „Erstschlag“. Das erschwert die Abschreckung. Eine militärische Konfrontation wäre zwar weit weniger verheerend als im Nuklearzeitalter des ersten Kalten Krieges, sie könnte aber wahrscheinlicher werden, als sie es damals zwischen NATO und Warschauer Pakt war.

4.         Unternehmerische Strategien europäischer Unternehmen hängen weniger von der geopolitischen Großwetterlage an sich ab, sondern von der Frage: In welchem Markt will man sich bewegen? Für Unternehmen mit Tätigkeitsschwerpunkt Daten und Informationen verändern sich jedenfalls die Grundlagen des Marktes mit großer Geschwindigkeit. Dabei geht es nicht nur um Huawei. Längst sind im US-Kongress weitere Initiativen auf den Weg gebracht, die den Technologiemarkt für Daten von China entkoppeln wollen. Google und Alibaba werden nicht einfach ökonomische Wettbewerber sein, sondern sie werden unterschiedlichen geopolitischen Machtkonzeptionen folgen.

5.         Es ist in dieser Konstellation unvorstellbar, dass Apple im kommenden Jahrzehnt in China signifikante Geschäfte machen wird. Ein Geschäftsmodell, das darauf basiert, hochwertige Konsumgüter mit besserer Sicherheit als die Konkurrenz anzubieten, ist ein sehr starkes Geschäftsmodell in einer Welt mit wachsender Ungleichheit. Apples Geschäftsmodell ist aber definitiv keine nachhaltige Idee, um in China erfolgreich zu sein - oder in den Volkswirtschaften, die sich dazu entschließen, sich an chinesischer Technologie und Standards auszurichten

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