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Die geopolitische Analyse

Geopolitische Analyse Reden statt Schießen

Die Angriffe auf das Herzstück der saudischen Ölindustrie haben Auswirkungen weit über die beiden Konkurrenten Iran und Saudi-Arabien hinaus. Eine Analyse aus der International Crisis Group nimmt alle betroffenen Staaten in den Blick. Vor allem eine diplomatische Offensive zur Beilegung des Bürgerkriegs im Jemen könnte die Kriegsgefahr in der Region noch entschärfen.
  • Ali Vaez, Naysan Rafati, Maria Fantappie, Elizabeth Dickinson, Peter Salisbury, Daniel Schneiderman und Ofer Zalzberg
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Düsseldorf Die Nichtregierungsorganisation International Crisis Group (ICG) hat in der jüngeren Vergangenheit mehrfach vor einem regionalen Flächenbrand gewarnt, sollte es im Nahen und Mittleren Osten neben dem Kriegsschauplatz Jemen eine weitere militärische Konfrontation zwischen den USA und Saudi-Arabien auf der einen und Iran auf der anderen Seite geben. Mit den Raketen- und Drohnenangriffen auf Riads Ölindustrie Mitte September ist tatsächlich die Lunte ans Pulverfass gelegt worden. Kann der Flächenbrand überhaupt noch verhindert werden? Und wenn ja, wie? Die von früheren Regierungschefs, Außenministern, Diplomaten und Wirtschaftsvertretern getragene ICG zeigt in ihrem „360-Grad-Rundblick“ die unterschiedlichen Interessen in der Krisenregion auf und skizziert eine mögliche Lösung.

Meinungskampf um den Angriff

Die genauen Umstände der Attacken vom 14. September auf die vom saudi-arabischen Konzern Aramco betriebenen Ölanlagen in Abiqaig und Khurais sind bis heute umstritten – sicher scheint nur, dass etwa die Hälfte der saudischen Ölproduktionskapazität beschädigt wurde. Die vom Iran geförderten Huthi-Rebellen, die sich seit Jahren einen Bürgerkrieg mit der von Saudi-Arabien militärisch unterstützten Regierung des Jemens liefern, reklamierten die Angriffe sofort für sich. Washington und Riad hingegen wiesen Teheran die Schuld zu – was Iran als dreiste Lüge zurückwies.

Wie auch immer: Die USA und ihre Verbündeten werten die Attacken vom 14. September als Angriff auf das Herz der saudischen Ölproduktion und die globale Ölinfrastruktur – egal ob indirekt durch Stellvertreter beziehungsweise Verbündete Teherans oder direkt durch das iranische Regime. Die USA und Saudi-Arabien stehen nun vor der schwierigen Frage, wie sie auf die Herausforderung reagieren sollen, ohne eine regionale Kettenreaktion auszulösen, die neben dem Iran auch den Jemen, Irak, Syrien, den Libanon und Israel erfassen könnte.

Wer strebt was an?

Irans Präsident Hassan Rohani  bezeichnete die Angriffe auf  Saudi-Arabiens Ölindustrie am 16. September als legitime Antwort des jemenitischen Volks auf die „zahlreichen Akte der Aggression“ seitens der USA, Saudi-Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate im jemenitischen Bürgerkrieg. Egal ob der Iran nun selbst den „Finger am Abzug“ hatte oder die Huthi „nur“ mit Waffen- und Technologielieferungen unterstützte – klar ist, dass die Attacken Teherans Kalkül entsprechen, Saudi-Arabien, den wichtigsten Verbündeten der USA in der Region, als leicht verwundbar darzustellen. Angesichts des maximalen wirtschaftlichen Drucks auf  den Iran seit Aufkündigung des Atomabkommens durch US-Präsident Donald Trump im Mai 2018 könnte Teheran zu der Einsicht gelangt sein, ohnehin nicht mehr viel zu verlieren zu haben – und durch begrenzte militärische Schläge wie gegen die saudische Ölindustrie die USA womöglich wieder an den Verhandlungstisch zurück zu holen. In der politischen Elite Teherans jedenfalls scheint die Sorge vor einer militärischen Konfrontation mit den USA begrenzt zu sein, zumal Trump als bloßer „Twitter Tiger“ gilt.

Iraks Regierung hat vehement dementiert, dass die Angriffe des 14. September von seinem Boden ausgegangen seien – eine anfänglich von den USA erhobene Behauptung, von der sich Washington mittlerweile distanziert hat. In jedem Fall sind Bagdads Bestrebungen unübersehbar, nicht noch tiefer in die regionalen Konflikte hineingezogen zu werden. Seit Juni gab es im Irak mehrere Anschläge auf US-Einrichtungen, zu denen sich bislang niemand bekannt hat. Aber auch Stützpunkte der iranischen Revolutionsgraden im Irak wurden angegriffen, sehr wahrscheinlich von Israels Luftwaffe. Sollte Washington Bagdad drängen, sich stärker in die Koalition gegen Teheran einzureihen und seinen Handel mit dem Nachbarland einzustellen, dürften pro-iranische Gruppen im Irak ihre Agitation gegen die dortige US-Truppenpräsenz verstärken und den durch die jüngsten Massenproteste ohnehin geschwächten  Premier Adel Abdel-Mahdis womöglich zum Rücktritt zwingen.

Saudi-ArabiensRegierung hat „iranische Waffen“ für die Angriffe auf Aramcos Ölproduktionskapazität verantwortlich gemacht. Offiziell mochte sich das Regime in der Frage, von wessen Gebiet die Militärschläge ausgingen, aber noch nicht festlegen. Damit bleibt die Tür für einen Ausweg aus der Eskalationsspirale zumindest einen Spalt breit geöffnet. Andererseits könnte der Reputationsschaden, den das Königreich durch die erfolgreichen Angriffe auf seine wirtschaftliche Hauptschlagader erlitten hat, Riad dazu bewegen, seine ohnehin schon massiven Luftangriffe im jemenitischen Bürgerkrieg noch weiter zu verstärken. In der saudischen Elite setzt sich nämlich zunehmend die Ansicht durch, dass die Huthi-Rebellen eine langfristige, asymmetrische Bedrohung für die militärische und zivile Infrastruktur des Königreichs sind. Obwohl die Vereinigten Arabischen Emirate ihr Engagement für die Regierungstruppen im jemenitischen Bürgerkrieg zuletzt verringert haben, würde eine Intensivierung dieses Stellvertreterkriegs durch Riad die Spannungen in der Region zweifellos gefährlich anheizen.

JemensHuthi-Rebellen hatten schon vor den Angriffen vom 14.September mit massiven Attacken auf die saudische Ölinfrastruktur gedroht – als Antwort auf Riads verheerende Bombardements im Jemen. Den amtierenden Präsidenten Abed Robbo Mansur Hadi betrachten sie als „Marionette“ US-amerikanischer und saudischer Interessen, der den Bürgerkrieg schon deshalb nicht beilegen könne. Die Huthi-Rebellen fordern direkte Gespräche mit Riad, um die grenzüberschreitenden Angriffe zu stoppen und den Weg für inner-jemenitische Verhandlungen zu ebnen. Um ihre militärischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, könnten die Huthi-Rebellen nun versucht sein, einen Angriff auf Saudi-Arabien zu wagen, der eindeutig von ihnen stammt.

Zwischen Krieg und Frieden – Schlussfolgerungen

Nach den Angriffen auf Abiqaig und Khurais ist die Gefahr eines großen regionalen Konflikts, der vom Iran über die Arabische Halbinsel, den Iran, Syrien und Israel bis ans Mittelmeer reicht, zweifellos so groß wie lange nicht mehr. Ein unkalkulierbarer Faktor ist in diesem Zusammenhang auch die erratische Politik von US-Präsident Trump. Einerseits erklärte er unmittelbar nach den Angriffen auf den Verbündeten Saudi-Arabien, das Waffenarsenal der USA sei „entsichert und geladen“, wenn Riad grünes Licht gebe, sei man zum Angriff bereit. Andererseits aber versicherte er am folgenden Tag, die USA wollten keinen Krieg mit Iran und hätten Saudi-Arabien auch keine entsprechenden Zusagen gemacht. Offenbar weiß Trump selbst nicht, was er tun soll – wobei er sich selbstverständlich alle Optionen offenhält.

Vor diesem komplexen Hintergrund erscheinen die von den Huthi-Rebellen geforderten direkten Verhandlungen mit Riad tatsächlich als Königsweg aus der Kriseneskalation. Denn der jemenitische Bürgerkrieg ist ein destabilisierender Faktor für den gesamten Nahen und Mittleren Osten. Außerdem entwickeln die Huthis mit Hilfe Irans modernere Waffensysteme, die ihre Nachbarn in der Golfregion zunehmend bedrohen. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass es keine Alternative zu einem Verhandlungsfrieden gibt. Denn es ist weder den Huthi-Rebellen gelungen, mit zeitweiligen militärischen Erfolgen im jemenitischen Bürgerkrieg Saudi-Arabien an den Verhandlungstisch zu zwingen. Noch ging Riads Rechnung auf, die Rebellen mit massiven Bombardements und wirtschaftlichem Druck in die Knie zu zwingen. Beide Strategien sind fehlgeschlagen. Deshalb müssen beide Seiten in direkte Verhandlungen treten – unterstützt von den Vereinten Nationen und unter Leitung des Uno-Sondergesandten Martin Griffith. Nur so kann eine weitere kriegerische Eskalation in der Region verhindert werden.

Die International Crisis Group (ICG) ist eine Nichtregierungsorganisation, die Analysen und Lösungsvorschläge zu internationalen Konflikten liefert. Die Autoren sind Mitarbeiter der ICG. Internetadresse: https://www.crisisgroup.org/

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