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Pilgerfahrt nach Amarnath in Indien

Indien, Jammu: Gläubige Hinduisten, sogenannte Sadhus, jubeln und rufen religiöse Parolen in einem Bus beim Start der Pilgerfahrt zu der Höhle Amarnath («Amarnath Yatra»), einer Pilgerstätte der Hindus, in der sich der Gott Shiva offenbart haben soll.

(Foto: dpa)

Globalisierung Scheinriese Indien

Indien gilt als wirtschaftlicher Underdog. Dem Land wird zwar ein Aufstieg prophezeit wie China. Doch diese Hoffnungen könnten enttäuscht werden.
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BangkokIndien ist wieder in: Ein westlicher Konzern nach dem anderen macht Schlagzeilen mit Milliardeninvestitionen. Der US-Einzelhandelskonzern Walmart kauft sich in den indischen Onlinehändler Flipkart ein, die schwedische Möbelkette Ikea öffnet in diesen Tagen ihre erste Filiale auf dem Subkontinent - der Beginn einer Investitionsoffensive von insgesamt vier Milliarden Euro.

Auch der deutsche Autobauer Volkswagen nimmt einen neuen Anlauf. Eine Milliarde Euro investiert der Konzern in den kommenden Jahren. Diesmal soll unter Führung der Tochter Skoda in Indien der Durchbruch gelingen. Er lebt wieder auf, der Traum von Indien als zweitem China. Warum auch nicht: Indiens Wirtschaft nimmt Fahrt auf.

Rund 7,4 Prozent soll das Wachstum dieses Jahr betragen, Indien wächst derzeit damit schneller als jede andere große Volkswirtschaft. Die britische Großbank HSBC geht davon aus, dass Indiens Wirtschaft in den kommenden zehn Jahren Japan und Deutschland überholen wird und dann direkt hinter China und den USA liegt. Doch den Traum vom zweiten China hatten westliche Konzerne schon oft - und wurden immer wieder enttäuscht.

Trotz des Potenzials, das der Subkontinent bietet, konnte Indien im Vergleich zur Volksrepublik kaum aufholen. Auch die nun seit mehr als vier Jahren amtierende Regierung des einstigen Hoffnungsträgers Narendra Modi konnte daran nicht viel ändern. Bei all dem hoffnungsvollen Expansionsdrang müssen sich die Unternehmen darüber klar sein: Indien bleibt ein schwieriger Markt, der Investoren weiterhin herbe enttäuschen könnte.

Hinter den jüngsten positiven Schlagzeilen sind die Zahlen eher ernüchternd: Das Wachstum der ausländischen Direktinvestitionen ist zuletzt auf den tiefsten Stand seit fünf Jahren gefallen. Indien ist erstmals seit vier Jahren wieder aus der Liste der Top-10-Empfängerländer ausländischer Investitionen gerutscht. Reformer Modi hat es noch nicht geschafft, den Subkontinent zu einem wirklich wirtschaftsfreundlichen Standort zu machen.

Zwar hat er die Regeln für Direktinvestitionen gelockert und mit einer beispiellosen PR-Kampagne für den Produktionsstandort Indien geworben. Doch gleichzeitig paralysierte er die Wirtschaft mit Hauruckaktionen wie der Bargeldreform. Während er sich auf internationalen Konferenzen als Vorkämpfer des Freihandels präsentiert, protegiert er die heimische Wirtschaft mit Zöllen und zerschlägt so gleichzeitig wichtige Lieferketten.

Den dringend benötigten Entwicklungsschub hat Modi nicht entfacht. Es gibt sie zwar, die schillernden Stadtteile wie Colaba in Mumbai oder die Retortenstadt Gurgaon an den Toren von Neu-Delhi. Doch das wahre Indien sieht weiterhin anders aus: Es sind die riesigen Slums, teilweise mitten in den Megastädten, und Tausende Dörfer im Hinterland, wo 60 Kinder in unterschiedlichen Altersklassen auf einmal unterrichtet werden.

Unternehmensberater schwärmen zwar oft von einer Mittelschicht von mehreren Hundert Millionen Menschen. Doch zählen in ihren Statistiken darunter schon Inder mit einem Einkommen von ein paar Dollar am Tag. So bleibt Indien weiterhin ein Scheinriese. Erst drei von tausend Indern sind schon mal in einem Flugzeug geflogen.

Natürlich sehen Optimisten gerade in dieser Rückständigkeit die große Chance. Sie verweisen auf das unerschlossene Potenzial und die nun beginnende Aufholjagd. Doch um genügend Jobs für die schnell wachsende Bevölkerung zu schaffen, müsste die Wirtschaft mindestens um acht Prozent wachsen. Eine Marke, die der Subkontinent in den vergangenen 28 Quartalen nur dreimal überschritten hat.

Rasche Besserung ist nicht in Sicht: Ausgerechnet Indiens vermeintliche Keimzelle einer Mittelschicht, der IT-Sektor, vollzieht wegen fortschreitender Automatisierung einen radikalen Wandel. Der lokale Branchenverband rechnet zwar mit einem Wachstum von bis zu neun Prozent, allerdings mit nur wenigen Neueinstellungen.

In den Fabriken fehlt es dagegen noch an Produktivität im Vergleich zu anderen asiatischen Schwellenländern. Gut bezahlte Industriejobs wie in China gibt es kaum. Der Ökonom Thomas Piketty kritisiert, dass die Ungleichheit in Indien besonders grassierend ist. Von den hohen Wachstumsraten der vergangenen Jahre profitierte besonders die überschaubare Anzahl der Reichen.

Natürlich bietet Indien große Chancen: Dafür müssen die Unternehmen aber bereit sein, neue Wege zu gehen und sich auf die breite Masse der weiterhin noch zahlungsschwachen Kunden einzustellen. Ikea erforschte vor seinem Markteintritt über mehrere Jahre den indischen Konsumenten und folgte ihm dabei bis ins Schlafzimmer.

Auch der Volkswagen-Konzern will aus seinen früheren Fehlern lernen und sich nun stärker an indische Bedürfnisse anpassen. Die Ingenieure sollen ihren Stolz ablegen und den Indern preiswerte Alternativen anbieten. Nur so kann es gehen: Der Traum vom zweiten China droht sonst schnell zu einem Albtraum zu werden.

Der Autor arbeitet als Korrespondent für das Handelsblatt in Bangkok.

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1 Kommentar zu "Globalisierung: Scheinriese Indien"

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  • Kleine Anmerkung: Wenn Indien weitere 10 Jahre mit mehr als 7,5 Prozent wächst, ist es immer noch wirtschaftlich schwächer als Großbritannien heute. Das Wachstum Indiens ist kaum halb so hoch wie in Deutschland mit 2 Prozent 2018. In rund 50 Jahren könnte Indien die zweitstärkste Wirtschaftsmacht der Erde sein, wenn es dieses halbe Jahrhundert über 7,5 Prozent wächst..

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