Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Research Institute
David Marcus

A screen the reads "If Consumers Use Libra, Who Would They Be Dealing With?" is displayed with questions on potential user actors as David Marcus, CEO of Facebook's Calibra digital wallet service, foreground, appears before a House Financial Services Committee hearing on Facebook's proposed cryptocurrency on Capitol Hill in Washington, Wednesday, July 17, 2019. (AP Photo/Andrew Harnik)

(Foto: AP)

HRI-Analyse zur Währungspolitik Lukrative Libra: Kostengünstig heißt nicht umsonst

75 Jahre nach Bretton Woods könnte der Traum des Wirtschaftsnobelpreisträgers Friedrich von Hayek wahr werden: Die Entnationalisierung des Geldes. Ob von Hayek dabei allerdings von Giganten wie Facebook geträumt hat, darf bezweifelt werden.
Kommentieren

Düsseldorf Vor etwas mehr als einem Monat hat der Internetkonzern Facebook bekanntgegeben, dass er 2020 mit der Libra eine eigene Digitalwährung emittieren möchte. Die Zeit sei reif für „die Schaffung einer neuartigen digitalen Währung, die auf Blockchain-Technologie basiert“, schreibt das Soziale Netzwerk in einem Whitepaper zur Libra, in dem das Projekt erläutert wird.

Nicht nur die mediale Aufregung ist groß, selbst die Finanzminister und Notenbankchefs der G-7-Staaten befassten sich auf ihrem jüngsten Treffen in Frankreich mit dieser Thematik. Das Projekt löste dort ernsthafte regulatorische und systemische Bedenken aus – wegen seiner möglichen Auswirkungen auf die staatliche Souveränität in der Geldpolitik und das internationale Währungssystem.

Trotz ihrer modernen Anmutung als Digitalwährung ist die geldtheoretische Ausgestaltung der Libra seltsam antiquiert. Als Geldhistoriker könnte man den Eindruck gewinnen, als hätte man die Zeit um 150 Jahre zurückgedreht.

Moderne Währungen wie der US-Dollar, der Euro, der Yuan oder der Yen sind Fiat-Währungen. Mit diesem aus dem Lateinischen abgeleiteten Begriff ist Geld gemeint, das keinen inneren Wert besitzt, als Tauschmittel dient und nicht durch ein Edelmetall oder andere Währungen gedeckt sind. Zentralbanken, die diese Währungen ausgeben, besitzen damit eine unbeschränkte Fähigkeit zur Geldschöpfung.

Euro und US-Dollar werden von einer nicht-gewinnorientierten Zentralbank emittiert, die das Währungsmonopol im jeweiligen Land bzw. Währungsraum besitzt. Die geldpolitische Aufgabe dieser Notenbanken besteht einmal darin, die ausreichende Zahlungsmittelversorgung der Volkswirtschaft sicherzustellen, zum zweiten die Geldwertstabilität zu gewährleisten und schließlich als „Lender of Last Resort“ in Krisenzeiten mit der unbeschränkten Möglichkeit, Zentralbankgeld zu schöpfen, die Geschäftsbanken und Unternehmen zu stützen.

Die auf den Beginn des 20. Jahrhunderts zu datierende Innovation des Fiat-Geldes, das nicht durch Edelmetall gedeckt ist, machte das System flexibel, um die Volkswirtschaften mit den zum Wachstum notwendigen Zahlungsmitteln zu versorgen. Das Zeitalter der edelmetallgedeckten Währungen ging im Grunde mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu Ende.

In Bretton Woods löste man sich 1944 noch nicht völlig von dem überkommenen System. Der US-Dollar war weiterhin eine Goldwährung, während alle übrigen Länder zu Papierwährungen übergingen, die jedoch durch feste Wechselkurse an den US-Dollar gebunden waren. 1971 schlossen die USA das „Goldfenster“ auch formell, das Zeitalter der Edelmetallwährung war zu Ende.

Schon vor 1914 musste man sich mit einem Trick behelfen, um die erforderliche Versorgung der Volkswirtschaft mit Zentralbankgeld zu versorgen. Weil die Goldförderung mit dem Wachstum in den Industriestaaten und damit der erforderlichen Geldmenge nicht Schritt hielt, mussten zunächst nur Banknoten, nicht aber das immer wichtigere Giralgeld zu einer gewissen Höhe durch Gold oder Silber gedeckt sein.

Vor diesem Hintergrund ist die Libra ein geldtheoretischer Rückschritt. Denn diese Währung soll vollständig durch eine Währungsreserve aus Fiat-Währungen wie Euro oder Dollar oder liquiden kurzfristigen Staatsschuldpapieren seriöser Staaten zu 100 Prozent gedeckt sein.

Für jede Libra, die emittiert wird, werden also Fiat-Währungen dem Geldumlauf entzogen. Die globale Geldmenge erhöht sich daher nicht. Im Unterschied dazu sind die bisherigen Kryprowährungen wie Bitcoin, die an Computern aus dem nichts geschaffen werden, Fiat-Währungen. Bitcoin entziehen sich zwar der Kontrolle durch die nationalen Zentralbanken, spielen jedoch aufgrund ihrer geringen Mengen keine geldpolitische Rolle. So ist die Zahl der Bitcoins auf 21 Millionen begrenzt.

Das moderne, digitale Gewand der Libra kann demgegenüber nicht verdecken, dass es sich im Kern um das Modell eines Currency Boards handelt. Typisch dafür ist, dass eine Währung in einem festen Austauschverhältnis an eine andere Währung gekoppelt ist – in diesem Fall an einen Währungskorb. Eine flexible und unabhängige Geldpolitik seitens der Libra-Emittenten ist damit ausgeschlossen.

Die einfachste Lösung für die Libra wäre die Anbindung an die Sonderziehungsrechte des Internationalen Währungsfonds gewesen, die auf den wichtigsten globalen Währungen US-Dollar, Euro, Yuan, Yen und Pfund basieren. Dies ist aber nicht vorgesehen.

Der Grund für Bindung an einen Währungskorb: Die Erträge der Staatsschuldpapiere werden in der Reserve benötigt, um „Dividenden an Investoren auszuzahlen“. Dies ist vorgesehen, obwohl die Libra Association – als offizielle Trägerin des Projekts – nach eigenen Angaben eine „nicht gewinnorientierte“ Organisation ist. Zwar erwirtschaften auch moderne Zentralbanken Gewinn. Dies ist aber ein Nebeneffekt bei der Erfüllung ihrer geldpolitischen Aufgaben, nicht der Hauptzweck.

Ein weiterer Punkt ist kritisch: Es ist nicht eindeutig geregelt, ob die Nutzer der neuen Währung ihre Libra jederzeit wieder in ihre lokale Währung eintauschen können. Die Organisatoren selbst schreiben davon, dass die Nutzer „nicht direkt mit der Reserve interagieren“, sondern ausschließlich über „autorisierte Wiederverkäufer“. Damit bleibt die Libra hinsichtlich der Rechte ihrer Nutzer hinter den Notenbanken des 19. Jahrhunderts zurück, bei denen auf Wunsch jede Banknote in Edelmetall eingetauscht werden musste.

In der von Facebook skizzierten institutionellen Ausgestaltung ist die Libra keine Konkurrenz zu den globalen Leitwährungen. So drängt sich beim Lesen des Whitepapers der Eindruck auf, es gehe Facebook zu allererst um die Etablierung eines neuen globalen und „kostengünstigen“ System des Zahlungsverkehrs, insbesondere in Ländern mit einer unterentwickelten Finanzinfrastruktur. Kostengünstig heißt jedoch: nicht umsonst.

Wenn Facebook mit seinen 1,7 Milliarden Nutzern nur kleinste Beträge für die Abwicklung einer Überweisung verlangt, steigt der Unternehmensgewinn signifikant an. Aus diesem Grund dürften sich auch die Zahlungsdienstleister Mastercard, Mercado Pago, PayPal, PayU, Stripe und Visa an Libra beteiligen. Auch sie erwarten, sich ein Stück vom großen Libra-Kuchen der Überweisungsgebühren abschneiden zu können.

Die Bundesbank sieht in ihrem jüngsten Monatsbericht aus dem Juli durchaus die kritisch beäugte Möglichkeit, dass sich ein Zahlungssystem außerhalb der von den Zentralbanksystemen betriebenen und beaufsichtigten etablieren könnte. Damit stellt sich die Frage, ob die geldpolitischen Bedenken von Bundesfinanzminister Olaf Scholz übertrieben sind.

Scholz betont ausdrücklich, der Euro sei und bleibe das einzige gesetzliche Zahlungsmittel im Euroraum. In der Einführung einer Digitalwährung durch Facebook als Konkurrenz zum Euro sieht der Finanzminister ein Risiko für die „staatliche Hoheitsgewalt" und das Geldmonopol der Europäischen Zentralbank.

Mit Blick auf die Zukunft sind seine Befürchtungen nicht von der Hand zu weisen. Wenn die Libra perspektivisch tatsächlich zu einer Kryptowährung à la Bitcoin mit Geldschöpfungsfähigkeit mutiert – was nicht auszuschließen ist –, könnte sich die währungspolitische Frage ganz neu stellen.

Diese „Schattengeldschöpfung“ entzöge sich weitestgehend der Kontrolle durch die nationalen Zentralbanken. Und mit potenziell 1,7 Milliarden Nutzern wäre die Libra mit Abstand der größte Währungsraum der Welt. Durch die normative Kraft der Größe hätte sich eine private Notenbank neben den Zentralbanken aus der staatlichen Sphäre etabliert. Die Libra könnte alle Geldfunktionen erfüllen, als Zahlungsmittel, als Rechenmittel und als Wertaufbewahrungsmittel.

Der Traum des Wirtschaftsnobelpreisträgers Friedrich von Hayek könnte dann wahr werden. Er forderte 1976 eine „Entnationalisierung des Geldes“ und damit die Einführung einer wettbewerblichen Geldordnung. Nicht mehr eine Zentralbank, sondern eine beliebige Anzahl von Notenbanken aus dem In- und Ausland sollten das Recht zur Geldschöpfung besitzen, in der Hoffnung, dass sich die stabilste unter den konkurrierenden Währungen durchsetzt. Ob er allerdings dabei an Giganten wie Facebook gedacht hat, darf bezweifelt werden.

Und ob der Internetkonzern sich der geldpolitischen Verantwortung bewusst ist, die er sich in diesem Fall auflädt, ist ebenso fraglich. Das bisherige Geschäftsmodell von Facebook beruht darauf, sich lediglich als Plattform zu betrachten, die für die Inhalte nicht verantwortlich ist. 

Wie ist Ihre Meinung zu dem Thema? Schreiben Sie uns!

Research Institute


Startseite

Mehr zu: HRI-Analyse zur Währungspolitik - Lukrative Libra: Kostengünstig heißt nicht umsonst

0 Kommentare zu "HRI-Analyse zur Währungspolitik: Lukrative Libra: Kostengünstig heißt nicht umsonst"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote