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Research Institute

HRI-Inklusionsbarometer

Ausgezeichnete Beschäftigungschancen für Menschen mit Behinderung

Menschen mit Behinderung profitieren am Arbeitsmarkt vom zunehmenden Fachkräftemangel. Zudem vergrößert die Digitalisierung ihr Einsatzspektrum.

29. November 2019

von Dr. Jörg Lichter

Die Situation von Menschen mit Behinderung auf dem ersten Arbeitsmarkt hat sich im vergangenen Jahr weiter positiv entwickelt. Arbeitslosenzahl und Arbeitslosenquote sind gesunken, die Dauer der Arbeitslosigkeit hat sich verkürzt, und die Erwerbsquote ist weiter angestiegen.

Das Inklusionsbarometer, das vom Handelsblatt Research Institute mit der Aktion Mensch seit 2013 erstellt wird, hat dementsprechend ein weiteres Mal einen Höchstwert erreicht. Es liegt nun bei 107,7 Punkten – so hoch wie noch nie seit Erscheinen des ersten Inklusionslagebarometers vor sechs Jahren; 2018 betrug der Indexwert 107,2. Der Trend ist weiterhin positiv, auch wenn sich das Tempo des Fortschritts etwas verlangsamt.

Alle sechs in der Studie untersuchten Regionen – Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Ostdeutschland – konnten sich im Vergleich zum Vorjahr verbessern. Die Spitze verteidigt ein weiteres Mal Ostdeutschland mit einem Wert von 112,8 (111,9 im Vorjahr). Schlusslicht ist weiterhin Niedersachsen mit einem Wert von 104,9 (103,8).

Dennoch profitieren trotz einer steigenden Zahl von Unternehmen, die unter die Beschäftigungspflicht fallen, Menschen mit Behinderung immer noch nicht im gleichen Maße wie ihre Mitmenschen ohne Behinderung von der guten konjunkturellen Lage.

So sank ihre Arbeitslosenquote beispielsweise nicht so stark wie die allgemeine Arbeitslosenquote. Einmal arbeitslos geworden, suchen Schwerbehinderte auch länger als ihre Kolleginnen und Kollegen ohne Handicap nach einer neuen Beschäftigung. Das Problem dabei: Die Dauer der Arbeitslosigkeit kann selbst als wesentliches Vermittlungshemmnis wirken, gewissermaßen selbstverstärkend.

Weitere Gründe für die im Vergleich kleineren Fortschritte auf dem Arbeitsmarkt für Menschen mit Behinderung sind unter anderem die unterschiedlichen Altersstrukturen, denn Menschen mit einer Schwerbehinderung sind im Durchschnitt älter. Viele Beeinträchtigungen werden im Laufe des Berufslebens „erworben“. Damit besitzen sie in der Sprache der Arbeitsvermittler „multiple Vermittlungshemmnisse“: Höheres Lebensalter und Schwerbehinderung, zusätzlich zu möglichen weiteren Hemmnissen wie Qualifikationseinschränkungen.

Vor dem Hintergrund der diesjährigen Studienergebnisse ist Professor Bert Rürup, der Präsident des HRI, bei der isolierten Betrachtung des Arbeitsmarkts für Menschen mit Behinderung auch für die Zukunft optimistisch. Er gibt aber zu bedenken, dass „wir die Ergebnisse auch im gesamtgesellschaftlichen Kontext bewerten müssen: Vergleicht man die Situation von Erwerbspersonen mit und ohne Behinderung, offenbart sich noch immer eine große Kluft“.

Deshalb sollten vor allem die häufig kleineren Unternehmen, die neu unter die Beschäftigungspflicht fallen, stärker für die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung sensibilisiert und aufgeklärt werden. Ansonsten geht die Arbeitslosigkeit weniger stark zurück als möglich, und es kann die gesetzliche Beschäftigungsquote von fünf Prozent nicht erreicht werden. Die gesetzliche Beschäftigungspflicht gilt für Unternehmen mit mindestens 20 Mitarbeitern. Sie sind dazu angehalten, mindestens fünf Prozent der Arbeitsplätze mit Schwerbehinderten zu besetzen.

Es gibt gute Gründe für vorsichtigen Optimismus: Der länger als zehn Jahre währende stetige Aufschwung auf dem deutschen Arbeitsmarkt, an dem auch Menschen mit Behinderung teilhatten, geht infolge der konjunkturellen Schwächephase in diesem Jahr zwar – vorübergehend – zu Ende. Der Beschäftigungsaufbau verlangsamt sich, und die Arbeitslosigkeit könnte erstmals seit langem wieder leicht ansteigen. Das HRI sieht in seiner Konjunkturprognose vom Herbst dieses Jahres für 2019 noch einen Rückgang der Arbeitslosenzahlen und einen Anstieg der Beschäftigung. Für 2020 wird allerdings eine Zunahme der Arbeitslosigkeit um 80.000 Personen im Jahresdurchschnitt sowie eine Stagnation der Erwerbstätigenzahl prognostiziert.

Da die Beschäftigung von Menschen mit Behinderung allerdings – wie es sich im bisherigen Aufschwung zeigte – hinsichtlich konjunktureller Veränderungen weniger reagibel ist, sollten die negativen Effekte der konjunkturellen Schwächephase ebenfalls verhaltener ausfallen als bei der Beschäftigung der Menschen ohne Behinderung. Darüber hinaus sind die negativen Auswirkungen der Wirtschaftsschwäche weniger gravierend als in früheren Zeiten, hat sich der Arbeitsmarkt doch ein Stück weit von der Konjunktur abgekoppelt.

Strukturelle Einflüsse dominieren – ein Trend, der sich in der Zukunft noch verstärken wird. Hierbei wirken zwei Faktoren: Zum einen entstehen die neuen Arbeitsplätze in Dienstleistungsbereichen wie Gesundheit, Pflege, Erziehung sowie der Kommunikations- und Informationstechnik, die nur schwach oder gar nicht von der Konjunktur beeinflusst werden. Rund 425.000 Schwerbehinderte sind aktuell in diesen Branchen sowie dem Öffentlichen Dienst beschäftigt, das heißt knapp 40 Prozent. Zum zweiten schrumpft aufgrund der demografischen Entwicklung das Arbeitskräfteangebot – die Babyboomer gehen in Rente.

Damit sind auch die Arbeitsmarktaussichten für Menschen mit Behinderung, auch vor dem Hintergrund eines zunehmenden Fachkräftemangels, weiterhin gut. Vor allem die Alterung der Gesellschaft mit der heute schon erkennbaren Arbeitskräfteknappheit dürfte zu weiter sinkenden Arbeitslosenzahlen führen, auch weil Menschen mit Behinderung ihren Arbeitsplatz nicht mehr verlieren, wenn sie ihre Schwerbehinderung während des Berufslebens „erwerben“.

Neben der Konjunktur und der Demografie spielen auch Trends wie die fortschreitende Digitalisierung eine Rolle, die das potenzielle Einsatzspektrum sowie die Beschäftigungschance von Menschen mit Behinderung weiter vergrößert. Die Urbanisierung bei gleichzeitiger Verknappung von (barrierefreiem) Wohnraum kann dagegen zu Problemen führen, wenn es dadurch schwerer wird, eine Arbeitsstelle anzutreten. Insbesondere gilt dies dann, wenn der öffentliche Personennahverkehr ebenfalls nicht barrierefrei und unzureichend ausgebaut ist.

Im Ergebnis könnte sich auch die problematische Situation von Langzeitarbeitslosen mit Behinderung verbessern. Nicht zuletzt, weil immer mehr Unternehmen unter die Beschäftigungspflicht fallen. Hier stehen vor allem die relativ kleinen Unternehmen mit 20 bis 60 Mitarbeitern im Fokus, die einen intensiven Informations- und Beratungsbedarf aufweisen. Im Gegensatz zu Großunternehmen haben sie keine große Personalabteilung mit speziell geschulten Mitarbeitern, die über umfassende Kenntnisse hinsichtlich der öffentlichen Förder- und Unterstützungsmöglichkeiten verfügen.

Arbeitsmarktchancen sind demnach nur vorhanden, wenn die Unternehmen von den Integrationsfachdiensten und Arbeitsämtern entsprechend aktiv informiert werden – das ist derzeit noch nicht der Fall. Dabei sollten verstärkt die Potenziale der Menschen mit Behinderung in den Vordergrund der Arbeit gestellt werden: ihre Talente, Qualifikationen und Einsatzmöglichkeiten.

Hintergrund

Das Handelsblatt Research Institute (HRI) erstellt in Kooperation mit der Aktion Mensch seit 2013 jährlich das Inklusionsbarometer. Auf der Basis der vorhandenen, amtlichen statistischen Daten zu schwerbehinderten Menschen, die durch Berechnungen des HRI ergänzt werden, werden Fortschritte oder Rückschritte bei der Inklusion in der Arbeitswelt gemessen und langfristig beobachtet.

Eine solche Langzeitbeobachtung ist sinnvoll und notwendig, denn auch zehn Jahre nach dem Inkrafttreten des „Übereinkommens über die Rechte von Menschen mit Behinderung“ (UN-BRK) ist in Deutschland der Zugang zum Arbeitsmarkt und die Teilhabe am Arbeitsleben für die gesellschaftliche Integration von Menschen mit Behinderung von entscheidender Bedeutung – und das Integrationsziel trotz aller Fortschritte noch nicht erreicht. Das aktuellen Studienergebnisse werden am Freitag, 29. November, veröffentlicht.