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Genug Geld für Konsum

HRI-Konjunkturanalyse Rezession, na und?

Die deutsche Wirtschaft wird dieses Jahr bestenfalls minimal wachsen. Doch die meisten Bürger tangiert das kaum.
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Düsseldorf Das Gute an einer Rezession ist, dass sie selbst meist von Experten erst dann bemerkt wird, wenn sie beinahe schon wieder vorbei ist. Das war zum Beispiel im Winter 2012/13 so, als die deutsche Wirtschaft zwei Quartale in Folge nachgab.

Und im Herbst 2008 sahen die meisten Auguren die aufziehende Megarezession nicht, obwohl - wie man heute weiß - die Wirtschaft bereits im Frühjahr 2008 zu schrumpfen begann. Als Anfang 2009 sich dann die Schwarzmaler mit Untergangszenarien überboten, war mit Beginn des Frühjahrs der Spuk schon wieder vorbei, und Deutschland hatte den tiefsten Wirtschaftseinbruch seit der Weltwirtschaftskrise Anfang der 1930er Jahre überstanden.

Auch im Hitzesommer 2018 glaubte niemand daran, dass die Probleme einzelner Großunternehmen der Beginn einer hartnäckigen Industrierezession sein könnten. Vielmehr überwog die Annahme, die Produktionsausfälle infolge der neuen Abgasnormen für Autos und des Niedrigwassers wichtiger Wasserwege würden schon bald wieder aufgeholt.

Tatsächlich begann der Abschwung aber schon vor der Hitzewelle des vergangenen Jahres. Im Trend sinkt die Industrieproduktion bereits seit Mai 2018. Fast im Gleichschritt ging das Ifo-Geschäftsklima auf Talfahrt. Ein rasches Ende der Misere ist bislang nicht zu erkennen.

Spätestens mit dem Einbruch der Auftragseingänge für Mai ist klar, dass sich die Schwächephase der deutschen Industrie noch bis weit in das zweite Halbjahr hineinziehen wird - mindestens. Nach und nach kassieren die großen Industriebranchen ihre Jahresprognosen ein.

Nur den sehr üppigen Auftragspolstern vieler Unternehmen ist es zu verdanken, dass Stimmung und Lage nicht noch schlechter eingeschätzt werden, als es die ohnehin schon schwachen Stimmungsindikatoren signalisieren. Nach jüngsten Daten für April reicht der Auftragsbestand der deutschen Industrie noch 5,7 Monate in die Zukunft. So lange könnten die Betriebe also noch bei konstantem Umsatz theoretisch produzieren, selbst wenn sie gar keine neuen Aufträge bekämen.

Öffentlich Bedienstete, Einkommensschwache und Rentner sorgen für Stabilität

Doch was kommt dann? Anstatt über Gewinnwachstum diskutiert man in vielen Chefetagen nun über Kurzarbeit. Der eben noch boomende Arbeitsmarkt stagniert. Als erstes wurden Zeitarbeiter nicht mehr weiterbeschäftigt, aber mittlerweile wächst auch in vielen Stammbelegschaften die Sorge vor Arbeitsplatzverlust. Mit der Unsicherheit der Beschäftigten sinkt die Anschaffungsneigung. Der Abschwung verstärkt sich selbst.

Doch das ist höchstens die halbe Wirklichkeit in Deutschland – zum Glück, muss man wohl sagen. Von den rund 72 Millionen Konsumenten ab 15 Jahren sind nämlich knapp fünf Millionen Beamte oder öffentlich Bedienstete. Außerdem gibt es vier Millionen erwerbsfähige Hartz-IV-Empfänger, knapp drei Millionen Studenten, 700.000 Arbeitslosengeldbezieher – und gut 21 Millionen Rentner.

Für die allermeisten von ihnen findet Konjunktur allenfalls in den Nachrichten statt; Einfluss auf ihr verfügbares Einkommen hat die schwächelnde Industrie jedenfalls bis auf weiteres nicht. Nicht zuletzt das hohe Durchschnittsalter der Gesellschaft wird damit zu einem stabilisierenden Faktor für die Binnenkonjunktur.

Hinzu kommt: Von den rund 40 Millionen Erwerbstätigen außerhalb des Staatssektors arbeiten lediglich etwa 8,5 Millionen im Verarbeitenden Gewerbe und im Kreditwesen, also jenen Segmenten, die gerade unter Druck stehen. Grob gerechnet sind noch einmal die gleiche Anzahl bei unternehmensnahen Dienstleistern und Logistikern beschäftigt.

Im Umkehrschluss folgt daraus: Nur reichlich jeder dritte Erwerbstätige arbeitet bei einem Unternehmen, das womöglich von der gegenwärtigen Konjunkturschwäche tangiert ist. Und selbst jene Beschäftigten, die temporäre Einkommenseinbußen etwa durch geringere Boni oder Kurzarbeit hinnehmen müssen, dürften dies wie in den vergangenen Rezessionen zunächst dadurch kompensieren, dass sie Ersparnisse auflösen oder etwas weniger auf die hohe Kante legen. Echten Konsumverzicht üben die wenigsten.

Die Mehrheit der Verbraucher ist immun gegen eine Rezession

Das verfügbare Einkommen der großen Mehrheit der Verbraucher ist ohnehin weitgehend immun gegen eine Rezession. Ihr Konsum wird daher auch in den kommenden Monaten weiter steigen. Überdies sprechen die jüngsten Tarifabschlüsse, die noch in besseren Zeiten unterschrieben wurden, aber einen maßgeblichen Teil ihrer Wirkung erst jetzt und in der Zukunft entfalten, für einen robusten Konsum. Selbst das kriselnde Bankgewerbe schloss vor wenigen Tagen noch eine zweistufige Tariferhöhung um insgesamt vier Prozent ab.

Angesichts dieser recht stabilen Binnenkonjunktur stehen auch die Etat-Pläne der Bundesregierung auf einem soliden Fundament, auch wenn die Steuerschätzung bereits gut zwei Monate alt ist und sich die gesamtwirtschaftlichen Aussichten seitdem weiter eingetrübt haben. So verfügt die Bundesagentur für Arbeit, die die Hauptlast eines schweren Konjunktureinbruchs finanzieren müsste, über ein sehr komfortables 25-Milliarden-Euro-Polster. Damit hat diese Behörde mehr als genug Rücklagen, um auch eine längere Rezession ohne Geld vom Bund überstehen zu können.

Auf der Einnahmenseite sind die Risiken ebenfalls begrenzt, denn der Anteil der beiden großen Unternehmenssteuern am Gesamtaufkommen ist recht überschaubar: Die Gewerbesteuer steuert rund sieben Prozent und die Körperschaftsteuer vier Prozent zu den Steuereinnahmen bei. Ein gesamtwirtschaftlicher Gewinneinbruch um zehn Prozent würde überschlagsmäßig das Gesamtsteueraufkommen also um rund ein Prozent drücken.

Zudem sprudeln die beiden wichtigsten Steuern weiter sehr ordentlich. So legte die Lohnsteuer in den in den ersten fünf Monaten dieses Jahres trotz der moderaten Entlastungen zum Jahresbeginn um 5,7 Prozent zu; wegen des progressiven Steuertarifs steigt das Aufkommen dieser Steuer gegenwärtig etwa doppelt stark wie das nominale Bruttoninlandsprodukt.

Und auch die aufkommensstärkste Einzelsteuer, die Umsatzsteuer, wächst dank der hohen Bedeutung des Konsums derzeit sogar etwas stärker als die Wirtschaftsleistung; in den ersten fünf Monaten legte ihr Aufkommen um 3,6 Prozent zu. Selbst wenn die Industrierezession also noch einige Monate anhalten sollte – riesige Haushaltslöcher sind nicht in Sicht.

Von Trump könnte Rückenwind für die deutsche Industrie kommen

Schwächephasen gab es in der zurückliegenden Dekade immer wieder. In insgesamt fünf Quartalen schrumpfte die Wirtschaft, ohne dass es zu größeren Auswirkungen kam. Gefühlt hielt der im zweiten Halbjahr 2009 einsetzende Aufschwung ein ganzes Jahrzehnt lang.

Wahrscheinlich werden sich spätestens Anfang 2020 Donald Trump und Xi Jinping auf ein amerikanisch-chinesisches Handelsabkommen verständigen und damit zunächst ihren eigenen Volkswirtschaften wieder Rückenwind verschaffen. Vor allem Trump braucht für seinen Präsidentschaftswahlkampf gute Wirtschafts- und Börsendaten.

Dieser Rückenwind dürfte auch rasch die deutsche Industrie erfassen, die in der Vergangenheit stets einer der größten Gewinner von einem Wiederanziehen des Welthandels war. Gut möglich, dass die gegenwärtige Flaute schon bald vergessen sein wird.

Was bleibt, sind strukturelle Schwächen. Hustet VW in Wolfsburg, bekommt Deutschland Schüttelfrost.

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