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Research Institute
Prof. Dr. Bert Rürup

Präsident des Handelsblatt Research Institute

Rürups Wochenrückblick Arbeitende Rentner, schwache Konjunktur, nationale Champions

Eine wachsende Anzahl von Rentnern verdient sich etwa hinzu. Dies als ein Anzeichen wachsender Altersarmut zu werten, ist ein jedoch ein Fehler.
1 Kommentar

Düsseldorf Von Paul Watzlawick stammt die tiefe Erkenntnis, dass derjenige, der nur einen Hammer hat, in jedem Problem einen Nagel sieht. Als am Montag das Bundesarbeitsministerium mitteilte, dass die Zahl der erwerbstätigen Rentner und Rentnerinnen im vergangenen Jahr auf 1,45 Millionen und damit auf acht Prozent der Rentenempfänger gestiegen ist, war diese Meldung für den Sozialverband VdK ein klarer Beleg dafür, dass sich die Altersarmut ausgebreitet hat und „viele Rentnerinnen und Rentner mit ihrem Alterseinkommen nicht über die Runden kommen und mit Hilfe von Minijobs versuchen, sich finanziell über Wasser zu halten“.

Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass die Armutsfestigkeit des staatlichen Rentensystems erhöht werden muss und deshalb die Idee einer Grundrente nicht falsch ist. Aber dennoch ist es falsch, den Trend einer steigenden Erwerbsneigung von Rentenempfängern nur mit einem gestiegenen Risiko der Altersarmut zu begründen. Denn die Motive, im Alter noch ein Stück weit erwerbstätig zu sein, sind höchst unterschiedlich. So bekunden etwa 90 Prozent der Rentenempfänger, die einer Erwerbsarbeit nachgehen, dass sie Spaß bei der Arbeit haben, und sich neben Kontakten zu anderen Menschen auch weiterhin eine Aufgabe und Anerkennung wünschen. Das jedenfalls ist das Ergebnis der Umfrage des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung.

Und die Tatsache, dass die Hälfte der befragten Männer und fast zwei Drittel der Rentnerinnen gleichzeitig angaben, daneben auch das Geld gut gebrauchen zu können, ist kein Beleg für eine Zunahme von Altersarmut. Dank der steigenden Lebenserwartung, die in den meisten Fällen mit einem Gewinn an gesunden Lebensjahren verbunden ist, wird – unabhängig von der Rentenpolitik – der Wunsch nach gesellschaftlicher Teilhabe und damit die Anzahl der erwerbstätigen Rentenempfänger weiter steigen.

In ihrem aktuellen Bericht für den Monat August geht die Deutsche Bundesbank davon aus, dass die Schwächephase der deutschen Wirtschaft anhalten wird und die gesamtwirtschaftliche Leistung der deutschen Wirtschaft auch im laufenden dritten Quartal schrumpfen könnte. Hintergrund ist die stark verdüsterte Perspektive der Industrie. Bei zwei aufeinander folgenden Quartalen mit einem rückläufigen Bruttoinlandsprodukt spricht man von einer „technischen Rezession“.

Wie stark diese Entwicklung auf den Arbeitsmarkt und die Erwerbstätigkeit durchwirkt, ist noch ungewiss. Denn während das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in den Monaten April bis Juni um 0,1 Prozent sank, setzte sich nach einer Meldung des Statistischen Bundesamtes vom Dienstag „der Anstieg der Erwerbstätigkeit fort“, und lag mit 45,2 Millionen Erwerbstätigen um ein Prozent höher als im Vorjahresquartal.

DB-Research rechnet für das laufende dritte Quartal mit einem Rückgang des BIP um ein Viertel Prozent. Da keine Hinweise auf eine Belebung in den kommenden Quartalen zu erkennen seien, senkten die Bankvolkswirte zudem ihre Prognose für 2020 auf 0,7 Prozent Wachstum. „Angesichts des zunehmend fragilen Zustands der Weltwirtschaft könnte eine grundlegendere Änderung des Szenarios erforderlich werden, wenn eines oder mehrere der zuletzt immer deutlicher in den Blick gerückten Risiken eintreten sollte“, mahnen die Konjunkturexperten der Deutschen Bank. „Dann würden Prognosekorrekturen um einige Zehntelprozentpunkte nicht mehr ausreichen.“

Diese skeptischen Erwartungen der Ökonomen der Deutschen Bank wurden durch die aktuellen, am Donnerstag gemeldeten Werte des Einkaufsmanager-Index bestätigt. Danach sind Lage wie Erwartungen in den Dienstleistungsbereichen nach wie vor recht gut, während der die gesamtwirtschaftliche Entwicklung prägende industrielle Bereich weiter in der Rezession feststeckt.

Ein Gewinner der zunehmenden Befürchtungen einer globalen Rezession ist der deutsche Bundesfinanzminister. Denn bei einer Emission neuer Staatsanleihen mit einer 30-jährigen Laufzeit konnte erstmals Papiere mit einer so langen Laufzeit mit einer Rendite unter null Prozent verkauft werden. So teilte am Mittwoch die Deutsche Finanzagentur mit, dass die durchschnittliche Rendite bei einer 824 Millionen schweren Auktion bei minus 0,11 Prozent lag. Im Alltag würde man von einem Geschenk der Anleger sprechen. 

Ein kleiner Lichtblick in den verdüsterten Konjunkturperspektiven war eine Meldung des Statistischen Bundesamts vom Montag. Der reale (preisbereinigte) Auftragsbestand im Verarbeitenden Gewerbe war im Juni saison- und kalenderbereinigt um 0,1 Prozent höher als im Vormonat. Dabei gingen die nicht erledigten Aufträge aus dem Inland im Vergleich zum Mai 2019 um 0,4 Prozent zurück, der Bestand an Auslandsaufträgen erhöhte sich dagegen um 0,3 Prozent.

Der Auftragsbestand umfasst die Summe der Auftragseingänge am Ende des Berichtsmonats, die bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu Umsätzen geführt haben und die nicht storniert wurden. Die Reichweite des Auftragsbestands betrug 5,7 Monate. Bei gleichbleibendem Umsatz könnten die Unternehmen also theoretisch fast bis Weihnachten weiter produzieren, selbst wenn sie gar keine Neuaufträge mehr erhielten.

Der mit dem Chefsessel der SPD liebäugelnde Olaf Scholz denkt angesichts der trüben gesamtwirtschaftlichen Aussichten laut über ein Konjunkturprogramm nach. Am Sonntag brachte er erstmals ein „Stützungspaket“ ins Gespräch, das sich auf stattliche 50 Milliarden Euro belaufen könnte. Er verwies auf die Finanzkrise von vor zehn Jahre, deren Kosten sich für den Bundeshaushalt in dieser Größenordnung bewegt hätten. Laut Scholz steht ein derartiges Paket aber nicht kurzfristig bevor.

Vergangene Woche hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel betont, die Wirtschaft befände sich „in einer schwierigen Phase", und die Bundesregierung werde „situationsabhängig" reagieren. Man darf gespannt sein, ob die Schuldenbremse und die „schwarze Null“ ihre erste Rezession überstehen werden.

Mitte der Woche antichambrierte der britische Premierminister Boris Johnson bei Angela Merkel und Emmanuel Macron. Er wollte beide Regierungschefs für eine Neuaufnahme der Verhandlungen über einen geregelten Austritt seines Landes aus der EU gewinnen oder zumindest für einen Verzicht auf den von der EU-Kommission mit seiner Vorgängerin Theresa May vereinbarten „Backstop“. Mit Backstop ist gemeint, dass es auch nach einem Ausscheiden Großbritanniens aus der EU keinerlei Grenzen zwischen dem EU-Mitglied Irland und dem zu Großbritannien gehörenden Nordirland gibt und damit das gesamte Großbritannien Mitglied der europäischen Freihandelszone bleibt. Merkel und Macron zeigten Johnson die sprichwörtliche kalte Schulter.

Es war sicher kein Zufall, dass im Vorfeld dieses Besuchs die Verschlusssache „Goldammer“ bekannt wurde. Dabei handelt es sich um ein Geheimdossier aus dem Büro des für die Brexit-Planung und -organisation zuständigen Ministers Michael Gove. Diese Analyse, deren Echtheit nicht bestritten wird, zeichnet ein bislang nicht gekannt düsteres Bild für eine längere Zeit nach einem No-deal-Brexit. Nicht nur Versorgungsengpässe und zahlreiche Konkurse von wichtigen Unternehmen seien zu erwarten, sondern auch massive Unruhen an der inneririschen Grenze, die robuste Einsätze der Polizei und des Militärs erforderlich machen würden. Dass „Goldammer“ den Weg in die Presse gefunden hat, lässt darauf schließen, dass zumindest ein Teil der Regierung nicht voll auf der harten Linie des Premierministers fährt und Johnson wohl doch nicht so stark ist wie er sich gebärdet.

„Die Delle der deutschen Industrie hat sich zu einer hartnäckigen Schwäche ausgewachsen“

Etwas Nachhilfe in Finanzwissenschaft gab es diese Woche vom Münchner Ifo-Institut. Jeder angehende Volkswirt lernt in den ersten Semestern, dass derjenige, der eine Steuer zahlt, nicht zwangsläufig auch derjenige ist, der die Last dieser Steuer trägt. „Obwohl die Grunderwerbsteuer von den Käufern einer Immobilie gezahlt wird, sind es vor allem die Verkäufer, die die Last der Steuer effektiv tragen“, teilte Ifo am Montag mit Verweis auf eine umfangreiche neue Studie mit. Die Grunderwerbsteuer führe nämlich zu einer Verringerung der Immobilienpreise. Somit müssten die Immobilienkäufer zwar die Steuer zahlen, profitieren aber gleichzeitig von den durch die Steuer verringerten Kaufpreisen für Immobilien. „Da die Grunderwerbsteuer von den Käufern einer Immobilie zu zahlen ist, verringert sie deren Zahlungsbereitschaft (und drückt die Verkaufspreise der Immobilien)“, sagte Ifo-Chef Clemens Fuest.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier bleibt dem eigenen Mantra von den „nationalen Champions“, die zu fördern seien, treu. Der Wirtschaftsminister genehmigte nach langer Bedenkzeit per Sondererlaubnis eine Fusion im Mittelstand – zwischen den Gleitlagerspezialisten Zollern und Miba. Das Bundeskartellamt und die Monopolkommission hatten sich dagegen ausgesprochen. Es gebe besondere Gemeinwohlgründe, argumentiert Altmaier, zum Beispiel zur Erreichung der Energiewende. Im Handelsblatt-Interview hatte Zollern-Eigentümer Ludwig Merckle zuvor Druck gemacht: Der Minister könne beweisen, dass es ihm ernst damit sei, „die Wettbewerbsfähigkeit der Mittelständler zu erhöhen.“ Der Bundeswirtschaftsminister hat also geliefert.

Im Streit über eine Blockade des chinesischen Unternehmens Huawei gibt die US-Regierung dem Druck der heimischen Technologiebranche vorerst nach. Das US-Handelsministerium gewährt Zulieferern und Partnern des größten Telekommunikationsausrüsters der Welt weitere 90 Tage Zeit, in denen sie den Konzern weiter beliefern können. Das teilte das Ministerium am Montag mit. Die Entscheidung könnte Bewegung in die festgefahrenen Handelsgespräche der beiden größten Volkswirtschaften der Welt bringen.

Sorgen über einen globalen Abschwung, auch wegen des Handelsstreits, hatten zuletzt die Finanzmärkte belastet. Der Handelskonflikt mit China gilt als größter Risikofaktor für Trumps Wirtschaftsbilanz. Anfang September ist ein Treffen der Handelsdelegationen in Washington geplant, eine formelle Bestätigung dafür steht noch aus. Offiziell begründete Handelsminister Wilbur Ross den Schritt damit, dass man Verbrauchern „die notwendige Zeit für den Abschied von Huawei-Geräten“ geben wolle.

Im Mai hatte das Weiße Haus angekündigt, Huawei das Geschäft mit amerikanischen Zulieferern weitgehend verbieten zu wollen. Huawei wird von der US-Regierung verdächtigt, seine unternehmerischen Aktivitäten zur Spionage für China zu nutzen. US-Bundesbehörden und ihren Vertragspartnern ist es verboten, Dienstleistungen von Huawei in Anspruch zu nehmen. Das Unternehmen bestreitet die Vorwürfe.

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1 Kommentar zu "Rürups Wochenrückblick: Arbeitende Rentner, schwache Konjunktur, nationale Champions "

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  • Lieber Herr Rürup,
    Mit Interesse lese ich Ihre Texte und auch mit Gewinn. Den richtigen Eindruck von einem Rentnerdasein gewinnt man durch das Erleben. Das fing ganz gut an vor 20 Jahren und durchläuft eine Zeit voller Überraschungen. Die anfangs üppige Firmenrente, die ca. 75% des Einkommen sicherte ist stark belastet, der Geber verweigert eine Anpassung an die Teuerung und hat sich über die Landesgrenze in die Insolvenz zurückgezogen. Die mittlere Erhöhung der verbleibenden Sozialrente, in die man reichlich eingezahlt hat, ist knapp 1% pro Jahr. Die von der EZB angestrebte Teuerung von 2% pro Jahr ist für einen Rentner, der Unterstützung braucht, in der Praxis wesentlich höher. Rentner leben zu ihrem Glück oft in einer Gemeinschaft, die wir Familie nennen. Was daraus wachsen soll erfordert Einsatz und Unterstützung auch mit Hilfe der Belastung des verbliebenen Besitzes. Die täglichen Herausforderungen, die dadurch entstehen, müssen mit Hilfe der schwindenden Kräfte bewältigt werden. Die verbleibende, von Gott geschenkte Strecke sollte fröhlich gezogen werden.

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