Research Institute
Prof. Dr. Bert Rürup

Präsident des Handelsblatt Research Institute

Rürups Wochenrückblick Börsenflops, Pflegenotstand und Fachkräftemangel

Zehn Jahre nach der Finanzkrise: Trump twittert alternative Fakten, und Aktionäre von Deutscher und Commerzbank leiden weiter. Die gute Nachricht der Woche: Die deutsche Wirtschaft wird dieses Jahr noch einmal um ordentliche 1,9 Prozent zulegen.
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DüsseldorfZehn Jahre nach dem Ausbruch der Finanzkrise steht die US-Wirtschaft heute blendend da – so scheint es jedenfalls. Große US-Banken wie Goldman Sachs und J.P. Morgan sind heute deutlich mehr an der Börse wert als vor zehn Jahren. Der wichtige ISM-Index notiert gar auf einem 14-Jahreshoch. Und der jüngste US-Arbeitsmarktbericht zeigt eine historisch niedrige Arbeitslosenquote und einen deutlichen Anstieg der Stundenlöhne im August.

Für Donald Trump ist die Sache klar: Der Boom ist alleine seinem America-first-Kurs geschuldet. Vor Freude darüber, dass die Wachstumsrate der USA (4,2 Prozent) zuletzt die Arbeitslosenquote (3,9 Prozent) übertraf, twitterte er mal wieder alternative Fakten: Dies sei das erste Mal in 100 Jahren passiert. Richtig ist, dass dies seit 1948 in genau 185 Monaten eingetreten ist.

Für Deutschland ergibt sich ein zweigeteiltes Bild: Einerseits die schwachen Banken und die wenig dynamische exportorientierte Industrie, andererseits die boomende Binnenkonjunktur und das florierende Handwerk.

Nach Ansicht der vom ZEW monatlich befragten etwa 400 Börsenprofis dürfte die deutsche Wirtschaft die Sommerschwäche hinter sich gelassen haben. Die ZEW-Konjunkturerwartungen für Deutschland stiegen im September um 3,1 Punkte auf minus 10,6 Punkte. Der Indikator hat damit nach seinem Tiefpunkt im Juli dieses Jahres innerhalb von zwei Monaten wieder um 14,1 Punkte zugelegt.

Dennoch befindet er sich noch deutlich im negativen Bereich und unterhalb seines langfristigen Durchschnitts von 22,9 Punkten. „Während der Umfrageperiode verstärkten sich die Währungskrisen in der Türkei sowie in Argentinien, außerdem waren die deutsche Industrieproduktion und die Auftragseingänge im Juli überraschend schwach. Trotz dieser ungünstigen Einflüsse hat sich der Ausblick für Deutschland leicht verbessert“, kommentierte ZEW-Präsident Achim Wambach.

Die „erheblichen Befürchtungen“ hinsichtlich der Konjunkturentwicklung hätten sich wieder etwas gelegt, was auch auf das neue Handelsabkommen zwischen den USA und Mexiko zurückzuführen sein könnte. Die Konjunkturerwartungen für die Eurozone erholten sich ebenfalls.

Trotz der insgesamt recht günstigen Wirtschaftsdaten für die Währungsgemeinschaft sagte EZB-Präsident Mario Draghi am Donnerstag wieder einmal nichts. Und so können die Auguren weiter spekulieren, ob Draghi wenigstens den negativen Einlagenzins in seiner bis Ende Oktober 2019 währenden Amtszeit abschaffen oder ob er dies seinem Nachfolger überlassen wird.

Das Konjunkturteam des HRI geht in seiner neuen Konjunkturprognose davon aus, dass die deutsche Wirtschaft dieses Jahr noch einmal um ordentliche 1,9 Prozent zulegen, 2019 aber nur noch um 1,4 Prozent wachsen wird. Die sehr leistungsfähige und deshalb traditionell exportstarke deutsche Industrie leide unter den handelspolitischen Verwerfungen und Unsicherheiten.

Gleichzeitig erwarten unsere Konjunkturexperten in ihrer Prognose, dass die Importe wegen der starken Binnenkonjunktur deutlich stärker als die Exporte wachsen. Dies habe zur Folge, dass vom Außenhandel negative Wachstumsbeiträge ausgehen werden. Das Wirtschaftswachstum wird daher gedrückt, dieses Jahr um 0,2 und kommendes Jahr um beachtliche 0,4 Prozentpunkte.

Folglich sinkt der Leistungsbilanzüberschuss Deutschlands. Nach knapp acht Prozent im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2017 wird dieser positive Saldo in 2019 auf unter sieben Prozent sinken. Damit kommt Deutschland dem im gesamtwirtschaftlichen Ungleichgewichtsverfahren der EU vereinbarten oberen Schwellenwert von sechs Prozent ein gutes Stück näher.

Spekulationen über eine Fusion von Commerzbank und Deutscher Bank beflügelten am Dienstag die Aktien beider Institute zumindest kurzzeitig. Laut einem Medienbericht könne sich mittlerweile nicht nur die Bundesregierung eine Fusion der beiden Großbanken vorstellen. Auch die Führungszirkel der beiden Bankhäuser seien dafür durchaus offen. Trotz des kurzen Auftriebs bleibt für den Aktionär die traurige Erkenntnis: Wer vor zehn Jahren je 1.000 Euro in die Deutsche Bank und in die Commerzbank investiert hat, kann heute von dem verbliebenen Geld gerade noch einmal gut mit dem Partner essen gehen.

Ebenfalls gehörig unter Druck steht Deutschlands größter Autobauer. In der Stadthalle von Braunschweig wurde am Montag der bislang wohl größte Prozess der deutschen Wirtschaftsgeschichte eröffnet. Auf der Anklagbank sitzen Volkswagen und Porsche. Anleger fordern insgesamt neun Milliarden Euro Schadenersatz, weil diese Automobilhersteller zu spät und nur unvollständig über die Manipulationen ihrer Dieselmotoren informiert hätten. Aus den über 1.600 Einzelklagen wurde Deka Investment, die Fondsgesellschaft der Sparkassen, für ein Musterverfahren ausgewählt. Unabhängig vom Ausgang des Verfahrens zeigt sich, dass die deutsche Automobilwirtschaft geeignet ist, zu einem Klumpenrisiko für die deutsche Volkswirtschaft zu werden. Die deutschen Premiumhersteller Mercedes, BMW, Audi und Porsche stehen nicht in erster Linie für Mobilität, sondern für Prestige, Status und Fahrvergnügen. Je mehr im Zuge der Trends zum Carsharing und zum selbstfahrenden Auto der eigene PKW auf ein letztlich nur der Mobilität dienendes „technical device“ reduziert wird, umso mehr dürfte die Strahlkraft der deutschen Premiumhersteller schwinden.

Am Montag berichteten alle wichtigen Tageszeitungen über einen sich abzeichnenden Pflegenotstand. Eine gleichermaßen aktuelle wie valide, sich auf Daten des Statistischen Bundesamtes stützende Simulationsstudie des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) kommt zu dem Ergebnis, dass bei unverändertem Gesundheitszustand die Anzahl der Menschen, die auf Pflegeleistungen angewiesen sein werden, bis zum Jahre 2035 auf über vier Millionen Personen ansteigen wird.

Dieser Zuwachs um ein Drittel (!) innerhalb eines Zeitraums von nur gut 15 Jahren wird zu einer markanten Verschärfung des bereits jetzt bestehenden Fachkräfteproblems führen. Während intensiv über das zum Glück weit weniger relevante Problem einer sich markant ausbreitenden Altersarmut diskutiert wird, kommt dem bereits jetzt bestehenden Pflegenotstand immer noch nicht die gebührende Aufmerksamkeit zu.

Klar ist, dass der für 2019 geplante Anstieg der Pflegebeiträge um 0,3 Prozentpunkte definitiv nicht der letzte Anstieg gewesen sein wird. Das IW mahnt, Länder und Kommunen stünden in der Pflicht, heute ihre Strukturen kritisch zu prüfen, ob sie diesen künftigen Anforderungen gerecht werden.

Medialen Wirbel erzeugte zu Beginn dieser Woche auch das von der SPD-Vorsitzenden Andrea Nahles und ihrem Stellvertreter Thorsten Schäfer-Gümbel aus Hessen öffentlich gemachte Strategiepapier zur „Mietenwende“. Danach sollen „in den nächsten fünf Jahren Mieten nur noch um die inflationsbereinigte Preissteigerung erhöht werden dürfen – überall dort, wo der Wohnungsmarkt angespannt ist.“

Daraus folgt freilich, dass es gerade in den problembehafteten Ballungsgebieten für private Wohnungsanbieter unattraktiv wird, Mietwohnungen zu erstellen. Das Verständnis der marktwirtschaftlichen Funktionslogik war in der Führungsetage der ältesten deutschen Partei schon einmal ausgeprägter.

Aussteiger der Woche ist der Grünen-Finanzexperte Gerhard Schick. Er will zum Jahresende aus dem Bundestag ausscheiden und außerparlamentarisch für die neue überparteiliche „Bürgerbewegung Finanzwende“ kämpfen, deren Alleinvorstand er ist. „Wir wollen ein Gegengewicht zur Finanzlobby schaffen“, teilte Schick mit.

Unterstützt wird die Initiative unter anderem von den Ökonomen Martin Hellwig (ehemals Vorsitzender der Monopolkommission) und Peter Bofinger (Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachter der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung), dem Chef des Bundes der Versicherten, Axel Kleinklein, sowie dem bislang als Geld- und Bankexperte nicht in Erscheinung getretenen ewigen Arbeitsminister unter Bundeskanzler Helmut Kohl, Norbert Blüm.

Zum Schluss möchte ich noch Gabriel Felbermayr herzlich gratulieren, der im März 2019 die Leitung des Kieler Instituts für Weltwirtschaft übernehmen wird. Bisher leitet der 42-jährige Österreicher das Zentrum für Außenwirtschaft am Ifo-Institut. Das IfW galt seit Ende der 1960er Jahre unter den Präsidenten Herbert Giersch und Horst Siebert als ein Hort des marktliberalen Denkens.

Der noch amtierende Dennis Snower krempelte die interne Organisation um und weitete den ordnungspolitischen Horizont des Instituts aus. Er hinterlässt seinem Nachfolger ein wissenschaftlich gut aufgestelltes Haus, allerdings meldete die Wirtschaftswoche jüngst, das IfW stecke finanziell in der Not. Es bestehe eine jährliche Einnahmelücke bis zu 500.000 Euro. Der exzellente Wissenschaftler Felbermayr muss sich nun noch als Geldbeschaffer profilieren.

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