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Research Institute
Prof. Dr. Bert Rürup

Präsident des Handelsblatt Research Institute

Rürups Wochenrückblick Die Industrie leidet: Rhythmusstörungen im wirtschaftlichen Herzmuskel des Landes

Das Risiko einer Rezession steigt. Die gesamtwirtschaftliche Leistung des Landes dürfte im zweiten Quartal leicht zurückgegangen sein. Darauf deuten die Konjunkturdaten der Woche hin.
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Düsseldorf In der vergangenen Woche haben Peter Gründling und Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ein innovatives Modell zur Verbesserung der Vermögensbildung und Altersvorsorge unterbreitet. Es ist eine Idee, die eine intensive öffentliche Diskussion verdient.

Im Lichte der steigenden Immobilienpreise in Deutschland und der niedrigsten Wohneigentumsquote innerhalb der EU haben die Autoren ein Mietkauf-Modell entwickelt. Danach soll die öffentliche Hand Wohnungen bauen und diese an Bürger „vermieten“.

Die öffentliche Hand wäre damit zugleich Bauherr, Finanzier und Vermieter/Veräußerer. Zielgruppe sind Familien mit niedrigen und mittleren Einkommen, deren Haushaltsvorstand nicht älter als 40 Jahre ist. Die „Mietzahlungen“ sind in dem Modell so bemessen, dass die Nutzer dieser Immobilie im Lauf der Zeit zu deren Eigentümer werden. Das bedeutet, dass neben den Nutzungskosten auch die Erstellungskosten des Objekts bis zum Renteneintritt der Nutzer dieser Immobilie abbezahlt sein sollen.

Die Verfasser dieser Studie sehen folgende Vorteile:
• hohe Planungssicherheit für die Begünstigten,
• geringer Eigenkapitalbedarf und nicht zuletzt
• geringe fiskalische Kosten der staatlichen Förderung.

Als Nachteile oder Risiken werden eingeräumt:
• eine letztlich „willkürliche“ Auswahl der Anspruchsberechtigten sowie
• Fehlbelegungen für den eigentlich erfreulichen Fall, dass sich die finanzielle Situation eines begünstigten Haushaltes im Lebenszyklus verbessert.

Der Charme dieser innovativen Idee wäre freilich noch größer, wenn die Autoren noch zwei weitere Fragen beantwortet hätten: Woher kommen die bereits heute knappen Grundstücke für diese Wohnungen? Und was geschieht im Falle eines berufsbedingten Wohnortswechsels oder bei Zahlungsunfähigkeit zum Beispiel infolge von Arbeitslosigkeit? Es ist zu hoffen, dass die Autoren in der Lage sind, an diesen Stellen nachzulegen. Auf jeden Fall verdient ihr Vorschlag eine konstruktive Diskussion.

„Die Delle der deutschen Industrie hat sich zu einer hartnäckigen Schwäche ausgewachsen“

Der deutsche Maschinenbau ist der industrielle Herzmuskel der deutschen Volkswirtschaft – noch vor der deutschen Automobilwirtschaft:
• Diese Branche umfasst mehr als 6.300 eigenständige, durchweg mittelständische Unternehmen,
• sie beschäftigt über eine Million Menschen und
• stellt die meisten deutschen Weltmarktführer.

Dieser Herzmuskel leidet derzeit unter Rhythmusstörungen. Denn am Montag wurde bekannt, dass die Auftragseingänge im ersten Halbjahr real um satte 9 Prozent unter denen des Vorjahrszeitraums lagen. Die Gründe dafür sind die sich verlangsamende Weltkonjunktur und die Verwerfungen als Folge der Handelskonflikte zwischen den USA und China. Die deutschen Maschinenbauer dürften demnach erst dann wieder auf gute Geschäfte hoffen, sobald die geopolitische Situation sich verbessert.

Außerdem ist da noch der Strukturwandel in der deutschen Automobilwirtschaft, dem höchst wichtigen Partner des Maschinenbaus. Denn die Automobilhersteller stecken mitten in der Digitalisierung und sind mit einer fortschreitenden Substitution des Verbrennungsantriebs durch Elektromotoren beschäftigt und müssen langfristige strukturelle Antworten auf ein verändertes Marktumfeld finden.

Kurzfristig wird daher im Maschinenbau für dieses Jahr nach zwei Abwärtskorrekturen des Wachstumsziels mit einem realen Produktionsrückgang von immerhin zwei Prozent gerechnet. Denn eine nachlassende gesamtwirtschaftliche Investitionsdynamik spürt diese Branche regelmäßig als erste.

Ein nur schwacher Trost ist die Tatsache, dass die Auftragseingänge des gesamten industriellen Sektors im Juni um 2,5 Prozent im Vergleich zum Vormonat gestiegen sind. Dieser beachtliche Anstieg ist die Folge einer Zunahme der Großaufträge. Da sich die Großaufträge höchst erratisch entwickeln, kann deren kurzfristige Zunahme kein Indiz für die zukünftige Entwicklung sein. Und um die Großaufträge bereinigt lag die Orderentwicklung mit -0,4 Prozent erneut im negativen Bereich.

Wie schwach der Trost der gestiegenen Auftragseingänge war, zeigte sich bereits am Mittwoch. Denn da meldete das Statistische Bundesamt, dass die Ausbringung im Produzierenden Gewerbe – Industrie, Energieerzeugung und Bau – im Juni stärker als erwartet gesunken ist, nämlich um 1,5 Prozent im Vergleich zum Mai. In der Summe lag damit die Produktion dieses Sektors in den Monaten April bis Juni um 1,8 Prozent unter der des ersten Vierteljahres.

Dies lässt darauf schließen, dass die gesamtwirtschaftliche Leistung des Landes im zweiten Quartal leicht zurückgegangen ist. Man darf daher auf die am 14. August anstehende Schnellschätzung des Bruttoinlandsprodukts durch das Statistische Bundesamt gespannt sein.

Neben dem deutlich gestiegenen Risiko eines Abschmierens der deutschen Volkswirtschaft in ihre zehnte technische Rezession, also eine schrumpfende gesamtwirtschaftliche Leistung in zwei aufeinander folgenden Quartalen, standen „Sommerlochthemen“ im Fokus der medialen Berichterstattung. So machte das DIW mit einer Studie auf sich aufmerksam, nach der die Wahrscheinlichkeit für eine Immobilienpreisblase derzeit bei 92 Prozent liege.

Dies ist ein ebenso bemerkenswertes wie mutiges Ergebnis. Denn jeder Ökonom weiß eigentlich, dass das Vorliegen einer Preisblase – in den Worten des legendären Alan Greenspan eine „Irrational Exuberance“ – erst dann seriös diagnostiziert werden kann, wenn sie geplatzt ist.

Daneben schafften es auch Agrarpolitiker der Grünen und der SPD gemeinsam mit Friedrich Ostendorff, dem Vorsitzenden des Tierschutzbundes, in die Schlagzeilen zu gelangen. Im Interesse des Tierwohls forderten sie, Fleisch nicht länger dem ermäßigten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent zu unterwerfen, sondern dem Regelsteuersatz von 19 Prozent.

Wie so oft bei „Patentrezepten“ gilt auch hier: „Gut gemeint ist das Gegenteil von gut.“ Eine höhere Mehrwertsteuer und die damit verbundenen höheren Verbraucherpreise in Deutschland wäre für die nationalen wie ausländischen Erzeuger von Fleischprodukten das Gegenteil des wünschenswerten Anreizes, ihre Tierhaltung im Interesse des Tierwohls umzugestalten. Denn durch Preiserhöhungen als Folge der höheren Mehrwertsteuer würden die Versuche einer Erhöhung der Marktanteile von Fleisch, das aus einer artgerechten Tierhaltung stammt, konterkariert und nicht befördert. Zudem würden Kostenvorteile ausländischer Fleischproduzenten vergrößert und nicht verringert.

Es gibt zahlreiche gute Gründe, die gegen Massentierhaltung und Hochleistungszucht sprechen und eine Änderung unseres Ernährungsstils nahelegen. Die höhere Mehrwertsteuer ist allerdings wahrlich kein geeignetes Instrument, diese Ziele zu erreichen. Der Vorschlag sollte dort bleiben, wo er herkommt – im Sommerloch.

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