Research Institute
Prof. Dr. Bert Rürup

Präsident des Handelsblatt Research Institute

Rürups Wochenrückblick Ein Rebell erhält den Wirtschaftsnobelpreis

Zwei Wirtschaftsweise beklagten öffentlich die Qualifikation eines künftigen Kollegen. Das war ein peinlicher Fauxpas. Erfreulicher dagegen war die Vergabe des Wirtschaftsnobelpreises an Paul Romer. Der Wochenrückblick des Handelsblatt Research Institute.
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DüsseldorfVon den fünf Mitgliedern des Sachverständigenrates, vulgo den fünf Wirtschaftsweisen, wird je ein Mitglied im Einvernehmen mit den Sozialpartnern berufen. Derzeit ist Peter Bofinger der „Gewerkschaftsweise“ und Volker Wieland der „Weise der Arbeitgeber“.

An dieses Vorschlagsrecht der Sozialpartner, das mit der Einrichtung dieses Begutachtungsgremiums vor 55 Jahren vereinbart wurde, aber eigentlich längst überkommen ist, haben sich bislang alle Bundesregierungen gehalten – und werden es auch dieses Mal tun.

Bofinger, der nun schon seit fast 15 Jahren Mitglied im Rat ist, wird im kommenden Frühjahr ausscheiden. Deshalb wird seit einiger Zeit ein Nachfolger oder noch besser eine Nachfolgerin gesucht.

Nun sind die Gewerkschaften fündig geworden und wollen dem Bundeswirtschaftsministerium Achim Truger, derzeit Professor an der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht, als Kandidaten ihrer Wahl vorschlagen.

„Italiens Schuldenvorschlag ist reine Erpressung“

Selbstverständlich dürfen die Kandidatinnen und Kandidaten bei jeder Neuberufung in dieses wichtige Gremium kritisch hinterfragt werden. Dies gilt natürlich auch für die von den Tarifpartnern ausgesuchten Ökonominnen und Ökonomen. Allerdings war es ein peinlicher Fauxpas der beiden Ratsmitglieder Isabel Schnabel und Lars Feld, öffentlich die ihrer Ansicht nach unzureichende Qualifikation und fehlende Wissenschaftlichkeit von Truger zu beklagen. Denn sie werden mit ihm ab März nächsten Jahres zusammenarbeiten müssen.

Si tacuisses….

Da der Rat aus guten Gründen kein Selbstkooperationsrecht kennt, stünde es allen Ratsmitgliedern gut an, sich bei Neubesetzungen mit öffentlichen Beurteilungen und Vorverurteilungen zurückzuhalten.

Eine erfreulichere Nachricht zu Beginn dieser Woche war, dass der diesjährige Wirtschaftsnobelpreis, präziser: der von der schwedischen Reichsbank gestiftete „Alfred Nobel Gedächtnispreis für Wirtschaftswissenschaften“, an William Nordhaus und Paul Romer verliehen wurde – und damit, wie schon fast die Regel, an zwei US-amerikanische Ökonomen.

Der 1955 geborene Paul Romer hat sich seine nobelpreiswürdigen Meriten vor allem in den 1990er-Jahren auf dem Gebiet der Wachstumstheorie erworben. Durch seine Arbeiten an endogenen Wachstumsmodellen ist er zum Rebellen gegenüber der – nach wie vor dominierenden – neoklassischen Lehre geworden. Seine These: Wirtschaftswachstum könne weniger durch den Einsatz von mehr Arbeit oder Kapital, sondern vorrangig durch bildungsgetriebene Erfindungen stimuliert werden.

Nach zahlreichen wichtigen Veröffentlichungen im Laufe seiner akademischen Karriere wurde Romer im Jahr 2016 zum Chefökonom der Weltbank berufen. Anfang dieses Jahres legte er dieses Amt im Unfrieden nieder und ist als Professor an die New York University zurückgekehrt – raus aus der rauen politischen Praxis, zurück in die Wissenschaft.

Studenten der Volkswirtschaftslehre sollten William Nordhaus, Jahrgang 1941, als langjährigen Koautor des von Paul A. Samuelson bereits 1948 konzipierten internationalen Standardlehrbuchs „Volkswirtschaftslehre“ kennen. Nordhaus' Forschungsgebiet ist ebenfalls die Wachstumstheorie. Ihm geht es allerdings darum, den mit dem Wirtschaftswachstum verbundenen ökonomischen Nutzen und die ökologischen Kosten abzuwägen, die stets mit dem Wirtschaftswachstum verbunden sind.

In diesem Zusammenhang leistete er Pionierarbeit bei der Entwicklung von Wachstumsmodellen, in denen die Folgen einer Klimaveränderung berücksichtigt werden. Zuletzt ging es ihm vorrangig um die Frage, wie den Schäden, die das wirtschaftliche Wachstum für das Weltklima mit sich bringt, begegnet werden kann. Seine Antwort auf diese Frage lautet: Die Emissionen sollten durch eine weltweite Steuer auf den Ausstoß von Kohlendioxid reduziert werden.

Zu den weniger erfreulichen Nachrichten in dieser Woche zählt, dass sich die skeptischen Erwartungen für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung, wie sie bereits in der Sommerprognose des HRI vom 22. Juni formuliert und in der Herbstprognose vom September bestätigt wurden, nun offensichtlich bewahrheiten.

So meldete am Montag das Statistische Bundesamt, dass die Produktion im Produzierenden Gewerbe im August verglichen mit dem Vormonat um 0,3 Prozent und damit stärker als erwartet zurückgegangen ist. Im Zweimonatsvergleich Juli/August gegenüber Mai/Juni lag dieser Rückgang sogar bei 1,8 Prozent.

Und ebenfalls am Montag mahnte der Präsident des Bundesverbandes Großhandel, Außenhandel und Dienstleistungen, Holger Bingmann, dass es Anlass gäbe, „mit Vorsicht in Richtung Jahresende“ zu blicken. Denn es würden sich die Anzeichen mehren, dass „die Unternehmen sich auf ein schwächeres Exportwachstum einstellen müssen“.

Das liegt einerseits am Handelsstreit zwischen den USA und China – beides Staaten, die für die deutsche Volkswirtschaft höchst wichtige Handelspartner darstellen. Andererseits ist ein ungeordneter Brexit wahrscheinlich geworden.

Gleichermaßen warnte der IWF in seinem am Dienstag erschienenen Stabilitätsbericht vor dem Risiko „abrupter Einbrüche“ an den Weltbörsen. Und in seiner am Vortag erschienenen aktuellen Wachstumsprognose senkte er seine Erwartungen für 2018 und 2019 nach unten – auch für Deutschland. Gegenüber der April-Prognose wurde die Wachstumserwartung für Deutschland für 2018 um satte 0,6 Prozentpunkte zurückgenommen.

Gleichermaßen hat die Bundesregierung in ihrer am Mittwoch vom Kabinett verabschiedeten und am Donnerstag veröffentlichten Herbstprojektion ihre Wachstumserwartungen abgesenkt – von den im Frühjahr für dieses Jahr erwarteten 2,3 Prozent auf 1,8 Prozent.

Im nächsten Jahr soll der gesamtwirtschaftliche Zuwachs nicht wie im Frühjahr angenommen bei 2,1 Prozent liegen, sondern ebenfalls bei 1,8 Prozent. Unter den gegenwärtigen Bedingungen ist dies eine recht positive Einschätzung. Aber aus Sicht der Bundesregierung befindet sich die Wirtschaft nicht im Abschwung. Die „konjunkturelle Grunddynamik ist weiter intakt“ kann man in dem Bericht der Regierung lesen. Man kann nur hoffen, dass sie Recht behält.

Allerdings gibt es bekanntlich nichts Schlechtes, was nicht auch eine gute Seite hätte. So meldete das Statistische Bundesamt am Dienstag, dass im August dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahresmonat die Exporte um 2,2 Prozent gestiegen sind, die Importe sogar im gleichen Zeitraum um stattliche 6,2 Prozent.

Während die geopolitischen Zwistigkeiten die deutsche Ausfuhr eher dämpfen, werden die Importe durch den kräftigen privaten Verbrauch als Folge des unverändert boomenden deutschen Arbeitsmarkts weiter stimuliert. Liegt der Zuwachs der Importe über dem der Ausfuhr, gehen vom Außenhandel negative Impulse auf die Entwicklung der gesamtwirtschaftlichen Produktion aus.

Gleichzeitig wird aber dadurch der vom Ausland heftig kritisierte, hohe Leistungsbilanzüberschuss der deutschen Volkswirtschaft kleiner und nähert sich der im Rahmen der EU vereinbarten Obergrenze von sechs Prozent. So dämpft die geringere Ausfuhrdynamik zwar das Wachstum, nimmt Deutschland aber ein Stück weit aus dem Visier der nicht unbegründeten Kritik aus dem Ausland.

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