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Research Institute

Rürups Wochenrückblick

Frankreich überholt Deutschland

Der französische Präsident Emmanuel Macron ist als europapolitischer Impulsgeber an die Stelle von Bundeskanzlerin Angela Merkel getreten. Nun hat auch die französische Wirtschaft Deutschland in Sachen wirtschaftlicher Dynamik abgehängt.

29. November 2019

von Professor Bert Rürup

Sie kennen sicher Janus. Er ist eines der ältesten Mitglieder der altrömischen Götterfamilie. Als Gott der Jahreswende, des Januar, hat er zwei Gesichter – ein grimmiges, welches in das abgelaufene Jahr blickt, und ein freundliches, das sich dem beginnenden Jahr zuwendet.

Schaut man sich die aktuellen Wirtschaftsnachrichten dieser Woche an, dann könnte man meinen, Janus hätte den ihm zugewiesenen Monat vorverlegt, um lächeln zu können. Denn die in dieser Woche herausgekommenen Nachrichten über die Konjunktur in Deutschland waren allesamt recht positiv. Die Furcht des Abgleitens der deutschen Volkswirtschaft in eine veritable Rezession ist einem vorsichtigen Optimismus gewichen.

Der am Montag vom Ifo-Institut München veröffentlichte Geschäftsklimaindex, der wichtigste vorauseilende Konjunkturindikator für Deutschland, ist moderat von 94,6 auf 95,0 Punkte gestiegen. Von Analysten war dies erwartet worden, da sich bei unveränderter Geschäftslage die Geschäftserwartungen leicht gebessert haben. Diese moderate Verbesserung des Geschäftsklimas sollte noch nicht als eine wirkliche konjunkturelle Trendwende interpretiert werden. Wohl aber ist der Schluss erlaubt, dass die deutsche Volkswirtschaft – ungeachtet der anhaltenden Schwäche des Verarbeitenden Gewerbes - nicht in eine Rezession abrutschen dürfte.

Ähnlich positive Signale kamen vom am Mittwoch veröffentlichten Konjunkturbarometer des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Denn dieser Index stieg im November um anderthalb Punkte auf gut 91 Zähler. DIW-Konjunkturchef Claus Michelsen kommentierte dies mit den Worten: „Zuletzt gab es positivere Nachrichten aus der seit Längerem arg gebeutelten Industrie. Auch wenn die Industrieproduktion zum Jahresausklang noch einmal etwas schrumpfen dürfte, haben sich die Erwartungen aufgehellt und die Auftragslage verbessert.“

Zu diesen Nachrichten passt der ebenfalls am Mittwoch veröffentlichte Anstieg des IAB-Arbeitsmarktbarometers um 0,5 auf nunmehr 102,1 Punkte. Damit liegt dieser recht zuverlässige Index über der „neutralen“ Marke von 100. Dies lässt erwarten, dass es zu keiner deutlichen Zunahme der saisonbereinigten Arbeitslosigkeit in der nächsten Zeit kommen wird.

Enzo Weber, der Leiter des IAB-Bereichs „Prognose und gesamtwirtschaftliche Analysen, resümierte daher: „Der Wirtschaftsabschwung führt insbesondere in der Industrie zu Problemen, aber Arbeitskräfte sind immer noch so knapp, dass der Arbeitsmarkt robust bleibt.“

Hinzu kommt, dass sich nicht nur in Deutschland, sondern in der gesamten Euro-Zone die Stimmung in der Wirtschaft aufhellt. Denn das von der EU-Kommission veröffentlichte Stimmungsbarometer stieg im November von 100,8 auf 101,3 Punkte. Bemerkenswert ist allerdings, dass die Stimmung nur in einer Branche rückläufig war - nämlich in der bislang boomenden Bauwirtschaft. Besonders steil aufwärts ging dieser Index in Frankreich, Deutschland und Spanien, also in drei der vier größten Volkswirtschaften der Euro-Zone.

Janus hat daher Grund zu lächeln.

Ältere Menschen arbeiten länger

Dank einer Antwort der Bundesagentur für Arbeit (BA) auf eine Anfrage der Partei DIE LINKE wissen wir nun, dass seit 2007 bis heute die Anzahl der mehr als 60 Jahre alten sozialversicherungspflichtig Beschäftigen von etwas über 900.000 auf mehr als 2,6 Millionen gestiegen ist. Und dank einer Studie des DIW-Arbeitsmarktexperten Karl Brenke wissen wir zudem, dass nicht Altersarmut das wichtigste Arbeitsmotiv der älteren Beschäftigten ist.

So schrieb Brenke, „dass immer mehr Rentner die sich bietenden Beschäftigungsmöglichkeiten auch aus intrinsischen Motiven nutzen, um einem Job nachzugehen und dabei die Haushaltskasse aufzubessern.“ Und er fuhr fort: „Im Schnitt sind die arbeitenden Alten zufriedener als ihre nicht erwerbstätigen Altersgenossen; das gilt sowohl für die Gesundheit, das Einkommen als auch für das Leben allgemein.“

Eine weitere Zunahme der Erwerbstätigkeit älterer Menschen – wie sie jüngst von der OECD gefordert wurde - könnte im Übrigen helfen, die nachteiligen Folgen des Mitte des nächsten Jahrzehnts einsetzenden und etwa 20 Jahre anhaltenden massiven Alterungsschubs ein Stück weit abzumildern.

Frankreich wächst schneller als Deutschland

Eins kommt zum anderen. Seit einiger Zeit ist der französische Präsident Emmanuel Macron als europapolitischer Impulsgeber und Spiritus Rector an die Stelle von Bundeskanzlerin Angela Merkel getreten. Nun hat auch die französische Volkswirtschaft Deutschland in Sachen Wirtschaftswachstum abgehängt.

Während die deutsche, sehr exportlastige Ökonomie von den weltwirtschaftlichen Turbulenzen der letzten Zeit und einer sich abzeichnenden Deglobalisierung arg gebeutelt wurde, zeigen im weniger globalisierten Frankreich die von Macron auf den Weg gebrachten Arbeitsmarktreformen die erhoffte Wirkung. Denn es verbesserte sich nicht nur die Lage am Arbeitsmarkt, auch die gesamtwirtschaftliche Dynamik zog an.

Während die gesamtwirtschaftliche Leistung in Deutschland in diesem Jahr um allenfalls 0,5 Prozent zulegen wird, wächst Frankreich um voraussichtliche 1,2 Prozent. Überraschend ist zudem, dass die französischen Warenexporte in diesem Jahr merklich stärker zugelegt haben als die freilich zweieinhalbmal so große deutsche Ausfuhr.

Merke: Weder eine politische noch eine wirtschaftliche Pole-Position ist auf Dauer vergeben.

OECD kritisiert deutsche Rentenpolitik

Am Mittwoch erschien die achte Ausgabe des von der OECD herausgegebenen Alterssicherungsreports „Pensions at a Glance“ für 2019. Dort findet sich ein detaillierter indikatorgestützter Vergleich der Leistungsfähigkeit der Rentensysteme dieser entwickelten Industrieländer.

Das Ergebnis dieser Evaluation des deutschen Rentensystems ist ernüchternd:

·       Es ist seit Langem bekannt, dass der in wenigen Jahren einsetzende massive Alterungsschub der Wohnbevölkerung in Deutschland die finanzielle Tragfähigkeit der umlagefinanzierten Gesetzlichen Rentenversicherung ernsthaft gefährden kann. Denn der Anteil der Ausgaben für die gesetzliche Rentenversicherung in Relation zur gesamtwirtschaftlichen Leistung dürfte in den kommenden 40 Jahren von derzeit zehn Prozent auf 12,5 Prozent ansteigen.

·       Weniger bekannt ist, dass in Deutschland das geschlechtsspezifische Lohngefälle zulasten der Frauen deutlich über dem OECD-Durchschnitt liegt. Dies hat zur Folge, dass in Deutschland die „Geschlechter-Rentenlücke“ OECD-weit die größte ist.

·       Zudem weisen die Autoren dieses eindrucksvollen Reports darauf hin, dass die Nettoersatzraten für die zukünftigen Rentenempfänger als Folge des 2005 eingeführten Nachhaltigkeitsfaktors unter dem OECD-Durchschnitt liegen werden. Daher steigt das Risiko von Altersarmut unter den gegenwärtigen Bedingungen für einkommensschwache Beschäftigte stark an. 

·       Außerdem werfen die Rentenexperten der OECD der deutschen Politik vor, dass Deutschland zu den wenigen Industrieländern gehört, in denen die obligatorische Alterssicherung für Selbstständige sehr lückenhaft ist.

Die SPD und ihr Sozialminister Hubertus Heil dürften diesen Report als Beleg für die Notwendigkeit ihrer Grundrente heranziehen. Das stimmt - freilich nur zum Teil. Denn mit dem Risiko von Altersarmut konfrontiert sind vor allem jene, deren Erwerbsbiographien unterbrochen sind und die deshalb keine 35 Jahre lang Beiträge gezahlt wurden.

Was von der GroKo verdrängt wird, ist die Tatsache, dass die anderen Reformen dieser und der vorangegangenen Legislaturperiode, namentlich die „Mütterrente“ oder gar die „Rente ab 63“, viele der von der OECD genannten Probleme deutlich verschärfen dürften.