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Research Institute
Prof. Dr. Bert Rürup

Präsident des Handelsblatt Research Institute

Rürups Wochenrückblick Ungleichere Einkommensverteilung: Der Schönheitsfehler des Aufschwungs

Die Einkommensungleichheit hat unbestreitbar zugenommen. Dennoch zählt Deutschland im internationalen Vergleich nach wie vor zu den Ländern mit einer durchaus ausgewogenen Einkommensverteilung – dank der stark umverteilenden Einkommensteuer und Sozialversicherung.
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Düsseldorf Der im Frühjahr 2009 einsetzende und im vergangenen Jahr ausgelaufene, sehr beschäftigungsintensive Konjunkturaufschwung war die längste Wachstumsphase in der Bundesrepublik seit dem Erreichen der Vollbeschäftigung zu Beginn der 1960er Jahre. Nun erschien am Beginn dieser Woche eine Untersuchung, der zufolge diese fulminante Wirtschaftsbelebung einen hässlichen Schönheitsfehler hatte: Die Ungleichheit der verfügbaren Einkommen ist in den Jahren dieses Aufschwungs deutlich angestiegen.

In den Jahren zwischen 1991 und 2005 hatte – nicht zuletzt als Folge der steigenden Arbeitslosigkeit – die Einkommensungleichheit im vereinigten Deutschland merklich zugenommen, um dann bis etwa zum Jahre 2009 etwa auf dem gleichen Niveau zu verharren. Das kräftige Anziehen der Konjunktur ab dem Frühjahr 2009 war begleitet von einer recht deutlichen Zunahme der Ungleichheit der Einkommen.

So lautet die Kernbotschaft des Oktober-Reports des stets sehr solide arbeitenden gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI). Als Gründe dafür wurden die auseinanderdriftende Entwicklung der Einkommen an den Rändern des Spektrums der Einkommen – also der sehr hohen und der niedrigen – genannt.

Gemessen wird die (Un-)Gleichheit der verfügbaren Einkommen, also der Markteinkommen, abzüglich der staatlichen Zwangsabgaben zuzüglich der staatlichen Transferzahlungen, zumeist am „Gini-Koeffizienten“. Dieses von dem italienischen Statistiker Corrado Gini (1884-1965) entwickelte Verteilungsmaß nimmt den Wert von 0 an, wenn Gleichverteilung vorliegt, also alle Bürger über das gleiche Einkommen verfügen. Und er liegt bei 1, wenn nur eine Person oder ein Haushalt über das gesamte in dem Land erzielte Einkommen verfügt.

„Deutschland braucht kein Konjunkturprogramm, sondern ein Wachstumsprogramm“

Im Zeitraum von 1991 bis 2005 ist nach den Untersuchungen des WSI der Gini-Koeffizient von 0,247 auf 0,289 gestiegen, um dann bis 2009 auf 0,281 zurückzugehen. In den Jahren bis 2016, neuere Daten liegen nicht vor, ist diese Kennziffer dann auf 0,295 gestiegen.

Leider haben die Autorinnen der Studie es versäumt, den sicher nicht unwesentlichen Effekt des massiven Zustroms von Flüchtlingen in den betrachteten Jahren zu untersuchen und gegebenenfalls zu isolieren.

Trotz dieser Zunahme der Einkommensungleichheit zählt Deutschland – dank der stark umverteilenden Einkommensteuer und Sozialversicherung – im internationalen Vergleich nach wie vor zu den Ländern mit einer durchaus ausgewogenen Einkommensverteilung. Am höchsten ist die Einkommensungleichheit in China, den Ländern Mittel- und Südamerikas sowie im südlichen Afrika.

Uneinheitliche Konjunkturdaten

Im Übrigen begann die Woche mit einer kleinen positiven Überraschung. Das Statistische Bundesamt meldete für den Monat August eine um 0,3 Prozent höhere Produktionsleistung als im Juli – als Folge der überraschend um 0,7 Prozent höheren Erzeugung in der Industrie. Gleichwohl endete diese Pressemitteilung mit dem Satz: „Trotz der leichten Belebung am aktuellen Rand bleibt die Industrie im Abschwung.“

Zurecht, denn am Donnerstag meldete die gleiche Statistikbehörde, dass die Exporte des Monats August gegenüber dem Juli um satte 1,8 Prozent zurückgegangen sind – deutlich mehr als erwartet.

Geringere Wettbewerbsfähigkeit

Die – zumindest auf den ersten Blick und in der medialen Berichterstattung – schlechteste Nachricht dieser Woche war zweifellos eine Meldung vom Mittwoch. Danach ist die deutsche Volkswirtschaft in dem viel beachteten vom Baseler World Economic Forum (WEF) jährlich erstellten Ranking der internationalen Wettbewerbsfähigkeit von immerhin 141 Ländern deutlich herabgestuft wurde. Das Land liegt nun auf Platz 7 nach Rang 3 im Vorjahr. Einen Rückgang um vier Plätze in einem Jahr hat es unter den „Top-Ten-Ökonomien“ bislang noch nicht gegeben.

Dieses Ranking basiert auf Datenanalysen wie auf Expertenbefragungen, die Eingang in 103 Einzelindikatoren finden. So „wissenschaftlich“ diese Reihung anmuten mag, so ist dennoch Skepsis angezeigt, wenn man sich die Scheingenauigkeit zahlreicher der berücksichtigten Einzelindikatoren ansieht.

Letztlich kann es keine validen Indikatoren geben, mit denen sich zum Beispiel jährliche Veränderungen beim „Humankapital“, der „Fortbildung der Arbeitskräfte“ oder bei der „Qualifikation der Auszubildenden“ wirklich messen lassen. Und es mutet geradezu kurios an, dass Deutschland erst im vergangenen Jahr um zwei Plätze auf den dritten Rang hochgestuft wurde – und damals war außer der statistischen Zuwachsrate des Bruttoinlandsprodukts nichts besser.

Deshalb sollte man dieses Ergebnis zur Kenntnis nehmen – aber auch nicht mehr. Denn schaut man auf die beinahe täglichen Demonstrationen und Straßenschlachten in Hongkong, so können Zweifel aufkommen, ob es diese Wirtschaftsmetropole wirklich verdient hat, in diesem Jahr vom 7. auf den 3. Rang hochgestuft zu werden. Nun ja.

Spannendes Brexit-Drama

Um mit Wolfgang Schäuble zu sprechen, am 31. Oktober „isch over“ – oder auch nicht?! Nach jetzigem Stand soll Großbritannien zu diesem Termin die EU verlassen, denn ein Abkommen, dem beide Seiten zustimmen, gibt es bislang nicht. Und Premier Minister Boris Johnson ist im Interesse seiner alsbaldigen Wiederwahl nach Kräften bemüht, den Eindruck zu erwecken, es sei die Schuld von Deutschland, vertreten durch Bundeskanzlerin Angela Merkel, gewesen, dass bisher ein Abkommen mit seinem Land vereitelt worden ist.

Gegen einen harten Brexit wiederum, den Johnson im Interesse seiner alsbaldigen Wiederwahl unbedingt will, hat sich das britische Parlament ausgesprochen. Laut „Times" droht Johnson eine Kabinettsrevolte; fünf Minister stehen offenbar auf einer Liste möglicher Rücktrittskandidaten, die einen „No Deal"-Brexit strikt ablehnen.

„Crucial point“ ist weiterhin die Zukunft des Grenzverkehrs zwischen Irland und Nordirland. Am heutigen Freitag will sich der britische Brexit-Minister Steve Barclay wohl mit EU-Chefunterhändler Michel Barnier treffen. Danach bleibt Johnson noch bis zum 19. Oktober Zeit, bevor er in Brüssel um eine Verschiebung des Brexits um drei Monate bitten muss, was er unbedingt verhindern will. Die Chancen für eine Einigung stehen allerdings nicht hoch.

Viele Kernerwerbstätige

Zum Schluss wenigstens noch eine erfreuliche Meldung: Mehr als 70 Prozent der „Kernerwerbstätigen“ in Deutschland waren im vergangenen Jahr in einem Normalarbeitsverhältnis angestellt – also sozialversicherungspflichtig, unbefristet mit mindestens 21 Wochenstunden und nicht in Zeitarbeit. Laut Statistischem Bundesamt lag der Anteil der in einem Normalarbeitsverhältnis Beschäftigten damit erstmals seit 2002 wieder über der Marke von 70 Prozent.

Zuvor war der Anteil rückläufig mit einem Tiefstand von 65,4 Prozent im Jahr 2007. Dieser aktuellen Zunahme steht ein Rückgang der atypischen Beschäftigung gegenüber. So fiel deren Anteil von 22,6 Prozent im Jahr 2007 auf 20,1 Prozent im Jahr 2018.

Diese Zahlen sind ein Beleg, dass die Legende, die Agenda 2010 habe zu einem neuen Prekariat von rechtelosen Hungerlöhnern geführt, schlichtweg falsch ist.

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