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Research Institute
Ruhrgebiet

Rauch steigt in Duisburg im Ruhrgebiet vom Standort der ThyssenKrupp AG auf (Foto vom 09.01.09).

(Foto: dapd)

Strukturwandel tief im Westen Ruhrgebiet: So schlägt das industrielle Herz Europas wieder kräftiger

Gründer im Ruhrgebiet zu fördern, ist wichtig. Entscheidend ist aber, dass neue Firmen schnell wachsen. Fünf Vorschläge des Handelsblatt Research Institute für NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart.
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DüsseldorfNordrhein-Westfalen hat Berlin als Startup-Hochburg abgelöst. Fast jedes fünfte Start-up in Deutschland hatte im vergangenen Jahr seinen Hauptsitz im größten deutschen Bundesland; jedes sechste wurde hingegen in der Hauptstadt gegründet. „NRW hat Berlin beim Start-up-Monitor überflügelt und steht bundesweit an der Spitze“ – mit diesen Worten feierte NRW-Wirtschaftsminister Andreas Pinkwart sich selbst.

Der FDP-Politiker setzt seit Beginn seiner Amtszeit hohe Erwartungen in Start-ups. Im Dezember 2017 verkündete sein Wirtschaftsministerium, es wolle 214 Millionen Euro für die Förderung von jungen Unternehmen bereitstellen. Auch Initiativen wie das „Rheinland Valley“, bei der das Rheinland zu einem zweiten Silicon Valley ausgebaut werden soll, legte der Minister auf. Jährlich vergibt das nordrhein-westfälische Wirtschaftsministerium Preise für innovative und digitale Geschäftsmodelle.

Im Oktober 2018 lud Pinkwart sogar den Internetgiganten Google ein, seinen zuvor in Berlin-Kreuzberg geplanten aber gescheiterten Startup-Campus in NRW aufzubauen. Schließlich sei NRW „ohnehin der bessere Standort“. An Selbstbewusstsein mangelt es also nicht.

NRW wächst langsamer als andere Bundesländer

Gleichwohl leidet Nordrhein-Westfalen weiterhin unter dem Strukturwandel im Ruhrgebiet. So wuchs die NRW-Wirtschaft in den vergangenen Jahren durchweg langsamer als im Bundestrend. Verfügbares Einkommen und Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner liegen daher heute leicht unter dem Bundesschnitt. Selbst der Anteil des produzierenden Gewerbes an der Bruttowertschöpfung ist mit 27 Prozent etwas geringer als im gesamten Bundesgebiet.

Das schlägt sich auch in den Arbeitslosenzahlen nieder. Lag die Arbeitslosigkeit in Deutschland im November 2018 bei 4,8 Prozent, wurde für NRW ein Wert von 6,4 Prozent ermittelt. Revierstädte wie Essen und Dortmund erreichten dabei um die 10 Prozent. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob Neugründungen den Wegfall der alten Industrien zwischen Rhein und Ruhr wirklich kompensieren können?

Zweifel sind angebracht. Denn die bloße Anzahl an Unternehmensgründungen ist kein Indikator für deren Leistungs- und Überlebensfähigkeit. Eine Sonderauswertung des Statistischen Landesamtes NRW aus dem Jahr 2017 zeigt für die Jahre 2009 bis 2014, dass mehr als die Hälfte der Gründungen im Dienstleistungsbereich stattfand. Mit deutlichem Abstand folgten der Handel mit 20 Prozent und das Baugewerbe, das einen Anteil von fast neun Prozent hatte. Auf das produzierende Gewerbe entfielen nur etwas mehr als fünf Prozent der Neugründungen.

Nach einem Jahr steigt die Überlebenswahrscheinlichkeit

Von den 2013 gegründeten Unternehmen waren ein Jahr später noch 73,2 Prozent am Markt. Nach dem ersten Jahr stieg die Überlebenswahrscheinlichkeit langsam an: Von allen im Jahr 2009 gegründeten Unternehmen existierten fünf Jahre später noch 37,5 Prozent.

Die höchste Fünf-Jahres-Überlebensrate hatten Unternehmen des produzierenden Gewerbes mit 48,4 Prozent. Im Dienstleistungsbereich lag sie bei nur 26,7 Prozent. Die Erklärung hierfür: Gründungen in Branchen mit vergleichsweise hohen Markteintrittsbarrieren erhöhen die Überlebenschancen.

Während Dienstleistungsunternehmen häufig ohne größeren Kapitaleinsatz gegründet werden können, ist das produzierende Gewerbe durchweg kapitalintensiv. Zudem ist der Wettbewerb weniger stark, und eine einmal besetzte Nische kann leichter verteidigt werden.

Die Zahlen des statistischen Landesamtes zeigen auch: Kleine Unternehmen gingen häufiger in Konkurs als größere. So waren 91,9 Prozent aller Gewerbeabmeldungen im Jahr 2014 Unternehmen mit nur einem Mitarbeiter. Diesen Solo-Selbständigen gelang es nur sehr selten, sich am Markt zu behaupten und zu wachsen.

Größere Unternehmen sind widerstandsfähiger

Im Gegensatz dazu waren 66,4 Prozent der im Jahr 2009 gegründeten Unternehmen mit mehr als zehn Mitarbeitern fünf Jahre später noch aktiv. Größere Unternehmen wiesen also eine höhere Widerstandskraft gegenüber vorübergehenden wirtschaftlichen Problemen auf als kleinere.

Für die Wirtschaftspolitik in NRW bedeutet das: Genauso wichtig wie die Förderung der Gründungen ist die Unterstützung des schnellen Unternehmenswachstums, um deren Überlebenswahrscheinlichkeit zu erhöhen.

Die Regionalanalyse zeigt, dass die höchsten Überlebensraten die Start-ups in den mittelständisch strukturierten Region Münsterland, Ostwestfalen-Lippe und Südwestfalen hatten. Dort ist  das produzierende Gewerbe traditionell sehr stark. Die niedrigsten Überlebensraten hatten Unternehmen unter anderem im Ruhrgebiet.

Wird im Revier gegründet, handelt es sich oft um Notgründungen, um der Arbeitslosigkeit zu entgehen. Diese Notgründungen sind im Gegensatz zur Chancengründung durchweg weniger überlebensfähig, da sie oft in sehr einfachen Dienstleistungsbereichen stattfinden. Etablierte Wettbewerber können diese Mikrounternehmen dann schnell vom Markt drängen. Bereits geringe wirtschaftliche Verwerfungen zwingen da zur Betriebsaufgabe.

Neugründungen allein sind keine Lösung

Der Befund, dass im Ruhrgebiet in den letzten Jahren eine Start-up-Szene entstanden ist, ist zu begrüßen. Allerdings ist es unrealistisch zu glauben, dass die durch den Niedergang der Kohle- und Stahlindustrie geprägten regionalwirtschaftlichen Verwerfungen durch Neugründungen allein gelöst werden können.

Die NRW-Wirtschaftspolitik sollte deshalb neben der Start-up-Förderung weitere Maßnahmen einleiten und dabei einen starken Fokus auf das Ruhrgebiet legen.

Fünf Vorschläge:

Erstens gilt es, die Zahl der Geschäftsaufgaben deutlich zu verringern. Seit 2009 kam es in mehreren Jahren zu mehr Geschäftsschließungen als Neugründungen. Die Kosten, ein Unternehmen aufzubauen, sind dabei höher, als ein bestehendes zu erhalten.

Wie Untersuchungen zeigen, haben insbesondere kleine und mittlere Unternehmen Schwierigkeiten, Nachfolger zu finden. Hier könnten Übergangsprogramme und finanzielle Förderungen helfen, Unternehmen zu erhalten, die sonst geschlossen werden würden.

Zweitens muss es darum gehen, Ausgründungen aus bestehenden Unternehmen zu forcieren. Neue Geschäftsmodelle lassen sich oft eher außerhalb eines etablierten Unternehmens umsetzen. Die Deutsche Telekom bietet Mitarbeitern bereits eine Auszeit an, in der sie Geschäftsideen umsetzen können.

Ist die Idee nicht erfolgreich, dann dürfen die Mitarbeiter wieder auf ihren vorherigen Arbeitsplatz zurückkehren. Eine solche Initiative könnte im Ruhrgebiet, wo die Angst vor einem Arbeitsplatzverlust seit dem Niedergang der Montanindustrie besonders hoch ist, dazu beitragen, Hemmschwellen zu senken.

Die Landesregierung könnte solche Programme rechtlich und finanziell unterstützen und dadurch ermöglichen, dass erfolgsversprechende Geschäftsideen auch in den Markt kommen.

Drittens muss das Wirtschaftsministerium kleinen und jungen Unternehmen ein schnelleres Wachstum erleichtern. Größe ist, wie gezeigt, einer der wesentlichen Faktoren für das Überleben eines Unternehmens.

Oft fehlt diesen Unternehmen dazu das nötige Kapital. Da in Deutschland privates Wagniskapital nur in geringem Umfang vorhanden ist, sollte das Land durch Fördertöpfe oder Bürgschaften diese Lücke füllen.

Viertens gilt es, Ausgründungen aus Hochschulen zu forcieren. Dieser Science-to-Business-Ansatz hat im Ruhrgebiet ein besonders hohes Potenzial. Denn das Revier hat inzwischen die dichteste Hochschullandschaft Deutschlands.

Statt junge Forscher, Ingenieure und Wissenschaftler nach dem Studienabschluss nach Süddeutschland abwandern zu lassen, sollte die Landesregierung die Etablierung eines gründerfreundlichen Umfelds an Hochschulstandorten forcieren.

Fünftens schließlich sollte die Landesregierung versuchen, Mittelständler in die Region zu locken. Im Ruhrgebiet besteht nämlich ein breites Fachkräftereservoir. Zudem liegt die Region im Zentrum Europas.

Um das Ruhrgebiet für Mittelständler attraktiver zu machen, ist insbesondere der Breitbandausbau relevant. Der modernste Mobilfunkstandard 5G sollte vorrangig in den Problemregionen eingeführt werden, um diesen einen komparativen Wettbewerbsvorteil zu verschaffen.

Der Blick des Wirtschaftsministers sollte sich folglich nicht nur auf die Start-ups richten. Im Zentrum der Wirtschaftspolitik muss auch der Erhalt, die Stärkung und die Verbreiterung der wirtschaftlichen Substanz in NRW und besonders im Ruhrgebiet stehen. Nur dann kann das einstige industrielle Herz Europas wieder kräftiger schlagen.


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