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Rezension Jeremy Rifkin Wie die Wirtschaft 2050 funktionieren sollte

Jeremy Rifkin ist einer der bekanntesten und streitbarsten Ökonomen. Nach seinem Welterfolg "Die empathische Zivilisation" steht ab heute sein neuestes Werk in den deutschen Buchläden. So wird Kapitalismus 2050 aussehen.
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Der US-Ökonom Jeremy Rifkin ist ein vielgehörter Experte. Quelle: Christian Plambeck / HCP

Der US-Ökonom Jeremy Rifkin ist ein vielgehörter Experte.

(Foto: Christian Plambeck / HCP)

DüsseldorfEs sind noch viele Kilometer bis zum Ziel. Die Tankanzeige geht in den roten Bereich. Und was macht der hektische Fahrer: Er gibt umso mehr Gas, damit die nächste Tankstelle möglichst schnell erreicht wird. Natürlich passiert das Gegenteil: Der Tank ist umso schneller leer.

Solche Bilder benutzt Jeremy Rifkin in seinem neuen Buch „Die dritte industrielle Revolution“, um zu beschreiben, was in der Weltwirtschaft gerade schief läuft. Der Klimawandel macht ganze Landstriche unbewohnbar, die Rohstoffe werden knapp, die Wirtschaft in ihrer jetzigen Form hat keine Zukunft, weil sie viel zu energieaufwändig ist und uns die Rohstoffe rasant ausgehen. Oder wie es Rifkin ausdrückt: „Die gesamte auf fossilen Brennstoffen basierende industrielle Infrastruktur ist ebenso altersschwach wie baufällig. Als Folge davon steigt die Arbeitslosigkeit überall auf der Welt in gefährliche Höhen.“

Aber Rifkin wäre nicht Rifkin, wenn er keine Lösung präsentieren würde. Denn schließlich ist er die Rosamunde Pilcher unter den Ökonomen, der Gute-Laune-Bär unter den Top-Beratern von Politikern und wichtigen Vorstandschefs. Und so entwirft Rifkin eine Idee von der Wirtschaft im Jahr 2050, die sich richtig gut und auch durchaus realistisch anhört: Die erneuerbaren Energien und das Internet sorgen für Millionen neue Arbeitsplätze und das Leben ist geprägt von Selbstständigkeit, kultureller Entwicklung und Empathie.

Ein großer Optimist war der Vorsitzender der Foundation on Economic Trend in Washington schon in seinem letzten Bestseller „Die empathische Zivilisation“. Hier erklärte der Top-Ökonom, warum die Menschen in Zukunft immer weniger egoistisch handeln werden, sondern zur Empathie, zur zukunftsträchtigen Zusammenarbeit neigen. Und an dieser Stelle beginnt das neue Buch: „Der Homo sapiens weicht dem mitfühlendem Menschen, dem Homo empathicus.“

Wohin die neue Wirtschaftswelt führt, darüber schreibt und redet Rifkin schon seit Jahren. Er kennt die Mächtigen, berät sie, und was er sagt, klingt gut. Das große Schlagwort lautet „dritte industrielle Revolution“. Zurzeit bahnt sie sich gerade an. Der Begriff taucht schon am Ende seines letzten Buches auf. Aber wurde nicht so recht deutlich, was er damit meinte. Das neue Werk ist also die logische Fortsetzung.

Eine neue Ära

Es gibt zwei wesentliche Grundvoraussetzungen: Erstens geht Rifkin davon aus, dass die Mächtigen in Politik und Wirtschaft fortan nicht egoistisch handeln, um die Welt vor dem Umwelt-GAU zu retten, sondern gemeinsam den richtigen Weg gehen. Und zweitens müssen sie das auch, denn die Wirtschaft in ihrer jetzigen Form geht vor die Hunde. Vor allem weil der Ölpreis langfristig zu sehr ansteigen wird, um den globalisierten Handel aufrecht erhalten zu können. Das erinnert stark an Jeff Rubins Theorien  und seine These, dass die Welt immer kleiner wird – und wirkt absolut überzeugend. Je höher Transportkosten steigen, umso geringer wird eines Tages der Welthandel.

Die zweite industrielle Revolution begann rund um 1900 und entstand durch das Zusammenfallen von zentralisierter Elektrizität, der Öl-Ära, der Massenautomotorisierung und dem Anwachsen der Vorstädte. Doch seit dem Ende der 80er-Jahre befinde sie sich im Niedergang. Im Kern deshalb, weil diese Art des Wirtschaftens viel zu viel Energie verbraucht und die Biosphäre mit dem Ausstoß an Klimagasen nicht mehr fertig wird.

Was nun hinter der dritten industriellen Revolution steckt, die ungefähr 2050 ihren Höhepunkt erreichen soll, erklärt Rifkin in deutlichen Worten: Das Öl wird nicht mehr Schmiermittel der Wirtschaft sein. Wie auch, wenn es uns ausgeht? Statt zentraler Energielieferanten wird von kleineren Einheiten dezentral produziert, also auch von Haushalten und kleinen Unternehmen. Mal ist es eine Solaranlage auf dem Dach, oder ein Windpark oder eine Biogasanlage.

Doch der Begriff „Industrie“ ist nicht zu wörtlich zu verstehen. „Erneuerbare Energien werden mit dem Internet zur mächtigen neuen Infrastruktur einer dritten industriellen Revolution fusionieren, und diese wird die Welt verändern“, schreibt Rifkin. Er verbindet die Frage der Energie mit der neuen Art zu kommunizieren und zu denken. Oder anders ausgedrückt: Das Internet demokratisiert Informationen, die umweltschonenden Technologien die Energiegewinnung – denn in Zukunft kann das jeder Haushalt für sich allein und ist nicht mehr auf einen großen Versorger angewiesen.

Dazu gehört auch, dass die Arbeit an sich eine ganz andere sein wird. Die zweite industrielle Revolution war davon geprägt, dass man die „Effizienz des Arbeitens dadurch optimierte, dass man Denken vom Handeln trennte und die totale Kontrolle darüber, wie eine Aufgabe zu erledigen war, in die Hände des Managements legte.“

Diese Ära geht bereits zu Ende, die Art der Arbeit wandle sich. Schon heute erleben wir – außer in Deutschland vielleicht – einen Aufschwung ohne Arbeitsplätze bzw. einen generellen Rückgang der Industriestellen. Die Massenlohnarbeit könnte vor dem Ende stehen, schreibt Rifkin: „Praktisch alle intelligenten Unternehmen, mit denen ich zusammenarbeite, sehen intelligente Technologien die Massenlohnarbeit im Laufe der nächsten Jahrzehnte ersetzen.“ In allen vier Sektoren, also Landwirtschaft, Industrie, Dienstleistungen sowie im Erlebnis- und Sozialbereich, würde diese ersetzt werden durch kleine Hightech-Betriebe und „zunehmend komplexe, bewegliche und intelligente Technologien“. Grundsätzlich sei das Problem dem vor gut 200 Jahren sehr ähnlich, als Millionen Bauern in die Marktwirtschaft wechselten.

Der Arbeitbegriff an sich würde sich ändern. Nicht mehr Markt und Staat seien dann die wesentlichen Arbeitgeber, sondern die Zivilgesellschaft. Heute bekommen viele dieser Organisationen den Stempel „non-profit“ aufgedrückt. Aber sieht in diesem Bereich den Raum, in dem Menschen soziales Kapital schaffen. Derzeit trägt die Zivilgesellschaft in den großen Industriestaaten rund fünf Prozent zum BIP bei, Tendenz stark steigend. Aber wie hier wirklich dermaßen viele Jobs im Detail geschaffen werden sollen – das lässt Rifkin ein wenig im Raum stehen.

Junge Menschen gehen den Weg bereits

Jeremy Rifkin ist auch Berater der EU. Quelle: action press

Jeremy Rifkin ist auch Berater der EU.

(Foto: action press)

Um dem eines Tages gerecht werden können, brauche es auch eine andere Schulausbildung. Jahrzehntelang waren Schulen „Miniaturversionen der Fabriken“, in Zukunft gebe es laut Rifkin weniger Frontalunterricht: „Wissen ist hier keine Ansammlung objektiver Phänomene, sondern vielmehr Erklärung gemeinsamer Erfahrungen, die wir miteinander teilen.“ Nach Wahrheit zu suchen bedeute, Zusammenhänge durch Interaktion mit anderen Menschen zu entdecken.

Gerade mit dem Internet groß gewordenen jungen Menschen würden sich durch ein hohes Maß an Empathie auszeichnen: „Hunderte Millionen junger Menschen wirken im Internet aktiv an dezentralen sozialen Netzen mit, opfern Zeit und Sachkenntnisse, in der Regel umsonst“, schreibt Rifkin. Wobei er hier vergisst zu erwähnen, dass nicht alle User von sozialen Netzwerken selbstlos handeln und Gutes im Sinn haben.

Auch die Art zu leben ändere sich, denn das Sammeln von Besitz sei nicht mehr die treibende Kraft: „Wieso sollte noch jemand etwas besitzen wollen in einer Welt ständiger Upgrade?“

Auch wenn die grundlegende Richtung dieser Feststellung wohl richtig ist, würde diese Frage so mancher Ehemann einer Schuhfetischistin wohl anders beantworten als Rifkin es täte. Wir Menschen sind genetisch gesehen eben schon noch Jäger und Sammler. Und es gibt immer noch Millionen Freunde einer Privatbibliothek – trotz Kindle und iPad. Und auch beim Thema Auto dürfte die emotionale Ebene (der eigene Porsche) auch in Zukunft über die Vernunft (stundenweise Autos mieten) siegen.

Natürlich sind Rifkins Ideen nicht alle brandneu. Spannend ist es zu lesen, wie er sie in den vergangenen Jahren mit Politikern und hochrangigen Vorstandschefs besprochen und weiterentwickelt hat. Und es macht Hoffnung, erfolgreiche Unternehmen kennenzulernen, deren Geschäftsmodell schon dem der dritten industriellen Revolution entspricht. 

Damit meint Rifkin Projekte wie „Buzzcar“ in San Francisco: Dem Geschäftsmodell liegt die Annahme zugrunde, dass Millionen US-Fahrzeughalter ihr Auto nur ein bis zwei Stunden am Tag nutzen, in Deutschland dürfte es noch weniger sein. Dem will man mit einer extremen Form von Carsharing gerecht werden. Probleme gibt es weniger auf der Nachfrageseite, sondern bei Versicherern.

Wie schon in den Vorgängerbüchern macht es auch diesmal Spaß, Rifkin zu lesen. Das liegt an seinen pfiffigen Sprüchen, dem angenehmen Schreibstil und der hohen Verständlichkeit. Aber es liegt auch an der guten Laune, die er verbreitet. Hier geht gar nichts vor die Hunde, wir Menschen schaffen das schon, so die Botschaft.

Ihn beseelt der Glauben an die Empathiefähigkeit der Menschen: „Empathie ist die Bereitschaft, das Bemühen der anderen Kreatur am Leben zu bejahen.“ Die gängige Forschung bestätigt ihn mit der Feststellung, dass Empathie keine neue, sondern eine alte Sensibilität ist. Vielleicht beschimpften den Film „Avatar“ nach dem Besuch im Kino auch deshalb so viele alte Leute als „kitschig“, während es viele Jüngere mit dem Naturvolk hielten.

Wer soll den Umbruch finanzieren?

Aber unterm Strich „vergisst“ Rifkin auch, einige wesentliche Punkte zu erwähnen. Woher all das Geld kommen soll, dass die Staaten in den Ausbau erneuerbarer Energien und all dem, was dazu gehört stecken, bleibt im Dunkeln. Dass derzeit eine gigantische Schuldenkrise tobt, ist natürlich hinderlich. Da heißt es schlicht, dass es die „aktivere Beteiligung des Staates am privaten Sektor mehr braucht denn je“.

Wohlig streiten kann man auch über seine Meinung über das Argument, dass Unternehmen und Märkte den Fortschritt am besten selbst angehen sollten. Die Geschichte zeige das Gegenteil, so Rifkin:

Ebenso kommt das Wort „Atomwende“ nicht vor. Gerade Deutschland und Europa werden als Vorbilder genannt. Doch Deutschland fährt die CO2-Reduzierung derzeit ja nun zurück. Und von einer einheitlichen Energiepolitik ist man in Europa meilenweit entfernt, wie gerade das Thema Atomkraft zeigt. Also ein wenig mehr Skepsis hätte hier durchaus gut getan.

Rifkin selbst betont die „Größe der Herausforderung“, vor der die Menschen stehen: „Das Problem ist nicht der Mangel an Konzept. Die große Unbekannte ist vielmehr die Aufnahme des Konzeptes in der Öffentlichkeit.“ Allein das Thema Benzinpreis spricht hier für eine gewisse Skepsis. Aber: Der Mensch sei zum ersten Mal in der Geschichte weit genug, um die Folgen des Klimawandels mildern zu können.

Rifkin bietet großartige Ideen, so dass sich am Ende der lohnenswerten Lektüre nur die Frage stellt, wie man sie in den kommenden Jahrzehnten umsetzt. Aber auch das dürfte so manchem Leser angesichts Schuldenkrise, Klimadebakel und der Baisse an den Aktienmärkten schon richtig gut tun.

 

Bibliografie:

Jeremy Rifkin

Die dritte industrielle Revolution. Die Zukunft der Wirtschaft nach dem Atomzeitalter

Campus Verlag, Frankfurt am Main 2011

303 Seiten

 

Jeremy Rifkin

Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein.

Campus Verlag, Frankfurt am Main 2010

468 Seiten

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5 Kommentare zu "Rezension Jeremy Rifkin: Wie die Wirtschaft 2050 funktionieren sollte"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Auch wenn J. Rifkin in seinem Buch "Die dritte Industrielle Revolution" Fragen unbeantwortet lässt, so ist es m.E. eine sehr gute Ideensammlung, die sich ganzpraktisch nutzen lässt.
    Ein Beispiel? Gerne: Es ist heute in der Politik und der Presse die Rede davon, dass ca. 20 ... 30 Milliarden Euro in den Ausbau der Netze investiert werden müssen. Zu diesem Thema Rifkin (sinngemäß): Es ist viel sinnvoller, Energie vor Ort zu erzeugen und zu verbrauchen. Das geht für viele, viele Haushalte, bei heutigen Strompreisen sogar wirtschaftlich. Daraus folgt: Die 20 ... 30 Milliarden gehören nicht in die Hände der oligopol organisierten EVUs, sondern sollten statt dessen zur Förderung lokaler, eigenständige Anlagen genutzt werden. Wohlgemerkt: Es geht um Anlagen, die das Netz NICHT zusätzlich belasten, sondern mittels lokaler Speicher quasi netzunabhängig sind.
    Konsequenz: Wenn man das weiterdenkt, sind die Netze mehr als ausreichend diemnsioniert, um den dann übrigbleibenden Rest zu erledigen, nämlich die Industrie zu phänomenal günstigen Preisen zu beliefern.

    Georg Sandkühler

  • Ich will ja gerne den Menschen, die hier Kommentare schreiben, ins Gesicht sehen. Vielleicht erkennt schon an der Kopfform diese Blödheit, die sich hier in Worte versammelt. Wegen diesen Menschen haben wir Probleme, weil diese zerstörerische Inhaltslosigkeit die diese mit sich bringen, sich wie ein Lauffeuer verbreiten.
    Hängt diesen bösen Rifkin! Untöricht ist das, einfach so die Potentiale der Menschheit zu erkennen und daraus eine Vision zu basteln. Und dann noch eine positive!!!
    Ich schäme mich für diese Kommentare hier!!!

  • kuck mal auf die Rückseite der one $ Note, dann weißte, was 2050 sein wird.

    Schwachkopf, wem will der den seinen Mist verkaufen. Die "Neue Weltordnung" wird kommen. Fragt sich nur noch WIE.

    Man muss schon behämmert sein, um zu übersehen, dass G. Bush genau 10 y (auf den Tag) vor dem 9/11 seine erhebende Rede zur "Neuen Weltordnung" gehalten hat.

  • Denke, dass Mr. Rifkin mit seiner Europaprognose in 2004 schon ziemlich daneben gelegen hat, und die Treffsicherheit für die Welt 2050 nicht viel besser sein wird.
    Und wenn es schon mit Klimawandel als größter Bedrohung anfängt ...

  • Der Gutste möchte seine Philosophien in Form seines Buches vermarkten udn damit noche twas absahnen. Niemand kann irgenwie sagen, wie der fragwürdige Kapitalismus in 2050 aussehen sollte - zu dem Zeitpunkt wird es hoffentlich keinen Kapitalismus mehr geben, weil zu hoffen ist, dass die Menschheit aus den Ergebnissen dieser falschen, gierigen und menschenverachtenden Systemen die richtigen Schlüsse gezogen hat bis dahin.

    Außerdem werden sich bis sahin Dinge ereigenen, die sich die globale Menschheit heute noch nciht ann#ähernd vorstellen kann.

    Die selbstgerechten Philosophen und Ökonomen sollten sich angesichts des kapitalistisch-desaströsen derzeitigen Systems in Bescheidenheit und Zurückhaltung üben.