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Stimmt es, dass... Wie Statistiker bei der Inflation tricksen

Nach offiziellen Angaben hat die Inflation im Juni bei 1,7 Prozent gelegen. Doch diese Zahl ist mit Vorsicht zu genießen: Statistiker können die Lebenshaltungskosten mit ein paar Kniffen nach unten drücken.
04.07.2012 - 11:33 Uhr Kommentieren
Norbert Häring ist Korrespondent in Frankfurt und Buchautor. Quelle: Bernd Roselieb für Handelsblatt

Norbert Häring ist Korrespondent in Frankfurt und Buchautor.

(Foto: Bernd Roselieb für Handelsblatt)

Nach vorläufigen Berechnungen des Statistischen Bundesamts war die Lebenshaltung in Deutschland im Juni 2012 um 1,7 Prozent teurer als im Vorjahr. Kaum jemand zweifelt an dieser amtlichen Inflationsrate. Und doch wäre ein bisschen Zweifeln durchaus angebracht - wie bei allen statistischen Daten. Denn es gibt keine objektiv messbare Inflationsrate. Das sieht man schon daran, dass eine andere deutsche Inflationsrate, die nach europäischen Standards berechnet wird, mit zwei Prozent merklich anders ausfiel.

Wirtschaftsstatistiken sind Erfolgsmaße für die Regierung. Wenn die Inflation niedriger ausgewiesen wird, sind bei gleicher gemessener Wirtschaftsleistung die „reale“, also preisbereinigte Wirtschaftsleistung und das Wirtschaftswachstum höher. Die Reallöhne und das Reallohnwachstum erscheinen höher. Renten und andere Sozialleistungen müssen eventuell weniger stark angepasst werden. Der Druck auf die Notenbank, eine lockere Geldpolitik zu betreiben, steigt, wenn die Inflation niedriger ausgewiesen wird. Aus solchen Gründen sollte man immer mit der Möglichkeit rechnen, dass die Entscheidungsspielräume, die es gibt, zielgerichtet ausgefüllt werden.

Wie soll man die Preisentwicklung eines Computers ansetzen, der bei gleichem Preis die doppelte Rechnerleistung hat wie das Vorjahresmodell. Viele Nutzer werden kaum etwas davon merken, andere haben einen merklichen Vorteil davon. In der Statistik wird - grob gesprochen - so getan, als habe sich der Preis halbiert, mit entsprechend günstigen Wirkungen auf die Inflationsrate. Krankenhäuser schicken die Patienten früher heim, teils nur weil die Kassen nicht mehr so lange zahlen, teils weil der medizinische Fortschritt kürzere Aufenthaltsdauern rechtfertigt. Wie soll man die verbilligte Abwicklung einer Geburt oder einer Blinddarmoperation bewerten? Als Qualitätsverschlechterung, so dass man von einer stabilen Preisentwicklung ausgehen sollte, oder als Preisrückgang, mit entsprechenden positiven Konsequenzen für die Inflationsrate? Raten Sie! Sie wird natürlich als Preisrückgang gewertet, ebenso wie es als Preisrückgang von Bildungsleistungen gewertet wird, wenn Professoren vor volleren Hörsälen unterrichten, so dass weniger Lehrpersonal pro Universitätsabschluss nötig ist.

Zur Ehrenrettung der deutschen Statistiker muss man sagen, dass die meisten kreativen Neuerungen zum Drücken der ausgewiesenen Inflationsrate nicht hier, sondern in den USA ersonnen werden. Die deutsche Statistik steht traditionell stärker unter dem Einfluss der Bundesbank als der Regierung. Amerikanische und deutsche Inflations- und Wachstumszahlen sind daher nicht direkt vergleichbar. Man kann davon ausgehen, dass die Inflation in den USA stärker untertrieben und das Wirtschaftswachstum stärker übertrieben wird als in Deutschland.

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