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„Verwerfungen“ Das Standardwerk zur Finanzkrise

Der US-Ökonom Raghuram Rajan liefert mit „Fault Lines“ eine brillante Ursachenanalyse der Verwerfungen durch die Finanzkrise. Seit zwei Jahren ist das Buch in Deutschland erhältlich - nun endlich auch auf Deutsch.
16 Kommentare
Raghuram Rajan (r.) war IWF-Chefökonom und lehrt heute in Chicago. Quelle: Reuters

Raghuram Rajan (r.) war IWF-Chefökonom und lehrt heute in Chicago.

(Foto: Reuters)

BerlinMuss man ein Buch zu der sich immer schneller drehenden Finanz- und Schuldenkrise lesen, das schon seit zwei Jahren auf dem Markt ist und (erst!) jetzt in deutscher Übersetzung erschienen ist?

Man muss. Nicht nur, weil der amerikanische Ökonom Raghuram Rajan mit "Fault Lines - Verwerfungen" ein Standardwerk zur seit fünf Jahren laufenden Dauerkrise geschrieben hat. Hier werden keine Symptome beschrieben, sondern Rajan ist tief in den Maschinenraum der Weltwirtschaft hinabgestiegen, um sich einen Überblick zu verschaffen. Herausgekommen ist er mit einer Ursachenanalyse, die auf den ersten Blick verblüfft: Nicht der Markt trägt nach Meinung des ehemaligen IWF-Chefökonomen die Hauptschuld an den Verwerfungen der Finanzwelt, sondern der Staat in Form einer falschen Politik.

„Fault Lines - Verwerfungen“ ist im Finanzbuchverlag erschienen. Quelle: Pressefoto

„Fault Lines - Verwerfungen“ ist im Finanzbuchverlag erschienen.

(Foto: Pressefoto)

Dass diese provozierende Botschaft durchaus keine Selbstverständlichkeit war und ist, lässt sich am besten mit einer kleinen Anekdote aus dem Wilden Westen Amerikas illustrieren. Wie jedes Jahr trafen sich 2005 in einer Luxushütte im Bergort Jackson Hole in Wyoming die führenden Notenbanker aus aller Welt. Damals, um den scheidenden US-Zentralbankchef Alan Greenspan zu ehren. Mitten hinein in die Feierstunde platzte Rajan mit einem Vortrag, in dem er der lockeren Geldpolitik Greenspans die Mitschuld an den Spekulationsblasen auf den Finanzmärkten gab. "Ich fühlte mich wie ein früher Christ, der in eine Versammlung von halb verhungerten Löwen geraten war", erinnert sich der indischstämmige Volkswirt.

Heute wissen wir, dass Rajan mit seiner scharfen Analyse der amerikanischen Geldpolitik recht behalten hat. Und nicht nur damit. Lesenswert ist sein preisgekröntes Buch auch heute noch vor allem deshalb, weil es der den meisten westlichen Gesellschaften inhärenten Schuldendynamik auf die Spur kommt. So führt der heute in Chicago lehrende Ökonom die Kreditblase auf dem amerikanischen Immobilienmarkt darauf zurück, dass die Regierung in Washington den amerikanischen Traum auf Pump versprochen hat: Möglichst jeder sollte sein eigenes Dach über dem Kopf haben - diese Idee auf Kosten anderer hatte bereits Bill Clinton. Und auch sein Nachfolger im Weißen Haus, George W. Bush, ließ die halbstaatlichen Immobilienfinanzierer Freddie Mac und Fannie Mae machen.

Alles Geschichte? Stimmt, aber eine, die man sich merken sollte. Denn die Politik der staatlichen Volksbeglückung auf Pump ist eine der Hauptursachen für die Schuldenberge, die sich heute in Europa und Amerika auftürmen. Ob in Athen, Berlin oder in Washington - überall haben Politiker mit ungedeckten Schecks Sozialversprechen abgegeben. Und sie tun es immer noch, wie man zum Beispiel am Betreuungsgeld in Deutschland sehen kann.

Die politischen Motive für die Schuldenpolitik liefert Rajan gleich mit. Es ist halt einfacher, soziale Schieflagen durch Versprechungen auf Pump auszugleichen, als eine Umverteilung mit Steuererhöhungen gegen harte Widerstände durchzuboxen. Rajan schwebt ohnehin eine langfristiger angelegte Bildungsoffensive vor, um den "American Dream" auch für die breiten Massen zu verwirklichen.

Die bleibende Botschaft seines Buches aber bleibt auch nach zwei Jahren noch brandaktuell: Wir sollten bei aller berechtigten Kritik am Versagen der Märkte während des Booms in den 90er-Jahren nicht den Fehler machen, ins andere Extrem zu verfallen und dem Staat blind zu vertrauen.

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16 Kommentare zu "„Verwerfungen“: Das Standardwerk zur Finanzkrise "

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

  • Rajan hält nach Aussage des Artikels Bildung für besonders wichtig. Da sagt er was: das Problem ist, dass ein "Mehr" an Bildung (Quantität) nix bringt: das haben wir doch heute schon: allerlei sog. Qualifikationen, die neben BWL-Spruchwissen die Verwertbarkeit im existierenden System fördern. Es käme aber auf echte Bildung an: auf Verstehen von Zusammenhängen statt auf CPE, auf eine Art Bildung, die es ermöglicht, qualifiziert Fragen zu stellen, qualifiziert in politischen Ämtern zu agieren und last noch least qualifiziert eigene Lösungen entwickeln und "testen". Anfangen könnte man da bei der Presse, die so oft so unsauber kolportiert, dass es weh tut.

  • Lektüreempfehlung:
    "There are many things that the US needs to do to create sustainable growth, including improving the quality of its work force and infrastructure. Easier money is not one of them."
    Aus dem Aufsatz "Money Magic" im Blog Chicagobooth von Rajan.
    Das gilt mutatis mutandis natürlich ebenso für die Eurozone!

  • Realo, mein Professor für BWL hat schon vor Jahren erklärt, nicht alle was diese Heilsbringer aus den USA über/für Europa oder der Staden äußern, ist das Papier wert auf dem es steht.
    Danke

  • Die einen kommen sich vor, wie ein früher Christ im Colosseum - mit hungrigen Finanzlöwen. Stichwort fest im Glauben. Aber niemand hört auf sie.

    Die anderen haben ein Buch über den Sachverhalt schon in den 80-er Jahren des letzten Jahrhunderts geschrieben. Stichwort volkswirtschaftlich-mathematische Modelle. Die aber offensichtlich niemand gelesen hat.

    Wieder andere haben schon immer gesagt, dass unser Geldsystem die Wurzel allen Übels ist. Stichwort Rufer in der Wüste.

    Geht man auf öffentliche Veranstaltungen zu dem Thema gilt der der alte Juristen-Witz: Drei Personen - sechs Meinungen. Und die „Experten“ streiten sich wie die Kesselflicker.

    Ernstzunehmende Führer großer Volkswirtschaften deklarieren bestimmte Institutionen als systemrelevant (also als „too big to fail“) und andere nicht. Es bleibt schleierhaft warum.

    Warum versucht man nicht, den hochkomplexen Sachverhalt in „einfachen“ Worten (für den „intelligenten Laien“) aus europäisch-deutscher Sicht in einer schlanken Aufsatzsammlung mit Stand 2012 zusammen zu fassen? Mit objektiven Lösungsoptionen. Ein Kompetenzteam des Handelsblatts würde sich doch als Koordinator eines solchen Vorhabens anbieten. Oder nicht? Die hätten auch die Ressourcen das Ergebnis qualifiziert unters Volk zu bringen.

  • Noch nicht mal die halbe Wahrheit. Der "böse Staat" war es mal wieder. Was ist mit dem Eliteversagen von Athen bis in die Wallstreet? Die Reichen wollen keine Steuern zahlen und bereichern sich seit Ronald Reagan immer schamloser. Das Gemeinwohl spielt keine Rolle mehr und die Eliten haben sich auf kosten der Dritten Welt, des Sozialstaates und der Mittelschicht schamlos bedient. Das vorliegende Buch dient dazu diese Krisenursache wieder einmal mehr zu verschleiern.

  • Kredit ist notwendig. Ohne ihn hätte es die industrielle Entwicklung der letzten beiden Jahrhunderte nicht gegeben. Es ist spannend zu verfolgen, wie sich das moderne Finanzwesen parallel zum Finanzbedarf der wachsenden Industrie entwickelt hat.

    ABER: das mittels Kredit erlangte Kapital muß arbeiten, um - neben anderen Kosten - die fälligen Zinsen und Annuitäten zu decken, bevor die damit erworbene Investition abgewirtschaftet oder veraltet ist. Wer da Zweifel hat sollte sich interessieren, wie das für einen Hochofen (klassisch) und als Kontrast für eine Chip-Fertigung (Gegenwart) funktioniert, um zu verstehen, warum der Rubel heute viel schneller rollt.

    Auch ein Staat darf sich verschulden, ABER er muß diese Mittel investiv nutzen, für Infrastruktur, Wissenschaft, Bildung. Wahlgeschenke gehören da nicht dazu. Das GG hat da die Bremse mit Berechtigung gesetzt.

    Einen Kredit konsumtiv zu verbraten führt in jedem Fall ins Elend, ganz egal ob auf privater, geschäftlicher oder staatlicher Ebene.

  • Ich kann mich über den Artikel auch nur ärgern. Da wird von "verblüffenden Erkenntnissen" gesprochen, die Peter Schiff, Marc Faber, Hankel, Heinsohn und andere schon seit Jahren als Ursachen für die Krise des gesamten Geld- und Finanzsystems ausgemacht haben.

    Wann verstehen die "Experten" (inkl. Journalisten) endlich, dass das Problem das Geldsystem ist? Geldschöpfung aus dem Nichts kann nicht funktionieren! Die Ursache allen Übels ist nicht der Kapitalismus bzw. der freie Markt mit seinem Grundprinzip des Handels, sondern ein völlig von der Realität abgekoppeltes Geldsystem.

  • Das ist aber nicht der Kern des Problems. Die Wirtschaft kann wachsen, z.B. indem man das was man jeden Tag macht vielleicht morgen etwas klein wenig besser, schneller, intelligenter, ökonomischer macht. Ein äußerst realistisches Szenario. Bei sehr kleinen Zinsen ist auch nur ein sehr kleines Wachstum nötig damit das Zinssystem weiterhin aufrechterhalten werden kann.

  • Es ist fatal! Staendig wird nach Regulierung gerufen. Dabei zeigt die Politik seit Jahren, dass sie es nicht einmal versteht vorhandene Regulierungsinstrumente zu nutzen. Regulierung setzt wirtschaftlichen Sachverstand voraus, den die Politik nicht hat. Soweit ich das sehe, kommen auch kaum intelligente Regulierungsvorschlaege zur Sprache. Es wird aber staendig herumreguliert. Rettungsschirme, Bail-Out, Staatsfinanzierung durch Zentralbank, Liquiditaetsspritzen sind alles untaugliche Staatsinterventionen, die seit Jahren die Krise nur verschlimmert haben und die weitere Interventionen nach sich ziehen werden. Mehr Marktwirtschaft! Weniger Staatseingriffe! Keine Rettungsschirme! Keine Eurobonds! Keine Fiskalunion! Keine Bankenunion! Stattdessen Insolvenzverfahren fuer zahlungsunfaehige Wirtschftseinheiten bei vollstaendiger Glaeubigerhaftung!

  • Die Summe alller Schulden und Guthaben ist immer Null. Genau da liegt das Problem im Zinssystem, es steurt immer auf extreme hin. Kein Mensch kann das ändern, die Mathematik ist unbestechlich. Glück für unsere Väter, Pech für uns.

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