Vorbild Deutschland Ein Amerikaner entdeckt das deutsche Industriewunder

Um zu verstehen, was Amerika von Deutschland lernen kann, ist ein US-Autor quer durch unser Land gereist - zu Konzernchefs und Familienunternehmern, zu Azubis im Schwarzwald und ins Kanzleramt. Eine Spurensuche
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Was macht Deutschland so einzigartig? Peter Ross Range hat die Volkswirtschaft etwas genauer betrachtet. Quelle: dpa

Was macht Deutschland so einzigartig? Peter Ross Range hat die Volkswirtschaft etwas genauer betrachtet.

(Foto: dpa)

Es ist Nacht über dem Atlantik. Ein Flug von Washington bringt mich in das Land, das ich wiederentdecken will. Voller Vorfreude lese ich alle deutschen Zeitungen, die bei der Lufthansa im Angebot sind.

Ich werde Deutschland wieder besuchen, das erste Mal nach acht Jahren. Einige Orte meiner Reise habe ich sogar über fünfzig Jahre nicht mehr gesehen. Dabei ist das Land eine zweite Heimat für mich. Die Wirtschaft, die Politik, die Energiewende, das Einwanderungsproblem - wie die Deutschen damit umgehen, all das fasziniert mich. Der Wirtschaftsboom in Deutschland scheint stabil. Die Arbeitslosenquote bewegt sich unterhalb von sieben Prozent. Deutschland ist dabei, wieder eine Vorbildfunktion in der Welt einzunehmen.

Der amerikanische Journalist Peter Ross Range, 71, ist ein profunder Kenner der deutschen Zeitgeschichte. Im Jahr 1961 kam er als Student erstmals nach Deutschland - und blieb dem Land emotional und intellektuell verbunden. Von 1967 bis 1970 war er Korrespondent für das „Time Magazine“ in Deutschland. Danach berichtete er aus dem Weißen Haus in Washington. Seine Artikel erschienen im „Time Magazine“, im „Playboy“, in der „National Geographic“ und in der „Washington Post“. Im US-Wahlkampf 2008 berichtete er für das deutsche Nachrichtenportal „Spiegel Online“. Neben seiner journalistischen Arbeit engagierte sich Range auch bei mehreren Think-Tanks wie dem Woodrow Wilson Center. Für das Handelsblatt begab er sich im Frühsommer auf eine publizistische (Wieder-)Entdeckungsreise durch Deutschland. Quelle: Andreas Labes für Handelsblatt

Der amerikanische Journalist Peter Ross Range, 71, ist ein profunder Kenner der deutschen Zeitgeschichte. Im Jahr 1961 kam er als Student erstmals nach Deutschland - und blieb dem Land emotional und intellektuell verbunden. Von 1967 bis 1970 war er Korrespondent für das „Time Magazine“ in Deutschland. Danach berichtete er aus dem Weißen Haus in Washington. Seine Artikel erschienen im „Time Magazine“, im „Playboy“, in der „National Geographic“ und in der „Washington Post“. Im US-Wahlkampf 2008 berichtete er für das deutsche Nachrichtenportal „Spiegel Online“. Neben seiner journalistischen Arbeit engagierte sich Range auch bei mehreren Think-Tanks wie dem Woodrow Wilson Center. Für das Handelsblatt begab er sich im Frühsommer auf eine publizistische (Wieder-)Entdeckungsreise durch Deutschland.

(Foto: Andreas Labes für Handelsblatt)

Aber natürlich ist das nur ein Teil der Wahrheit. Der Euro ist in Not. Die Schuldenkrise macht dem Kontinent zu schaffen. Und jeder erwartet, dass Deutschland das Problem löst. In der Welt wird hitzig über den Entschluss von Bundeskanzlerin Angela Merkel debattiert, sich an der Bankenrettung im Süden Europas zu beteiligen.

Doch bei aller Kritik schwingt unüberhörbar Bewunderung mit. Bewunderung für ein Land, das nach dem Krieg erst verachtet, dann belächelt und oft im Spiel der großen Mächte ignoriert wurde. "Wir müssen Deutschland zum Vorbild nehmen", sagt jetzt Wall-Street-Investor Steven Rattner, der 2009 an der Spitze der 82 Milliarden US-Dollar schweren Rettungsaktion für die US-Automobilindustrie stand. Selbst Jeffrey Immelt, Chairman des uramerikanischen Konzerns General Electric, bekennt: "Wir müssen mehr wie Deutschland werden." Und niemand Geringeres als Präsident Barack Obama fragte bei der Planung seiner Wirtschaftspolitik einen Berater: "Wie schafft Deutschland es, trotz des hohen Lohnniveaus in der Industrie so erfolgreich zu sein?"

In seiner jüngsten Rede zur Lage der Nation lobte Obama das in Deutschland entwickelte duale Bildungssystem. Er stellte eine junge Dame vor, die neben seiner Ehefrau Michelle Obama saß. Sie hatte erfolgreich ein Schulungsprogramm absolviert, das von einem kommunalen College in North Carolina organisiert worden war. Der wichtigste Sponsor und Förderer dieser Trainingsmaßnahme war Siemens, denn das Unternehmen braucht gut ausgebildete Arbeiter für sein Gasturbinen-Werk in Charlotte, North Carolina. Das Schulungsprogramm, das Obama erwähnte und als vorbildlich darstellte, war eine Kopie des deutschen dualen Ausbildungssystems. Amerika schaut wieder auf Deutschland, mit Bewunderung in den Augen.

Frankfurt: Die Reise beginnt.
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32 Kommentare zu "Vorbild Deutschland: Ein Amerikaner entdeckt das deutsche Industriewunder"

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  • .... Ingenieure und Naturwissenschaftler haben zwar eine höhere Reputation als Banker und Juristen, aber dafür können sie sich nichts kaufen, denn sie werden viel schlechter bezahlt. Sie haben keine Lobby.

  • Dear Peter, ein ausgezeichneter Artikel.
    Ein paar der Hauptursachen für den Erfolg bestehen seit Jahrhunderten, ein paar hatten "relativ kurzfristig" mit der Bewältigung der Herausforderungen durch neue low-cost Wettbewerber in Asien (Globalisierung) und Ost-Europa (EU-Erweiterung) sowie durch die furchtbaren Kosten für den Wiederaufbau Ostdeutschlands zu tun.
    Erlauben Sie mir, als Ingenieur den "Hauptursachen für den Erfolg" ein paar hinzuzufügen, die fast 200 Jahre alt und quasi ungeschriebene Gesetze und Teil des Systems sind:
    Vor 200 Jahren war Great Britain das führende high-tech und manufacturing Land in der Welt.
    Von UK haben deutsche Kleinstaaten den Enthusiasmus für Ingenieurwesen und Naturwissenschaften übernommen, die wealth creators. Das hatte dauerhafte Auswirkungen. (Leider haben UK und die USA sich in der jüngeren Vergangenheit auf Finanz- und Legal-Dienstleistungen fokussiert, die wealth distributors.)
    - Staatliche Förderung von R&D in high growth industries and technologies
    - Hohe Qualität der kostenlosen öffentlichen Schulen und der großen Zahl an Ingenieurschulen und Technischen Universitäten auf Weltklasse-Niveau. Viele Absolventen gründeten mittelständische Unternehmen, die heute weltweite Marktführer sind (hidden champions).
    - Staatliche Förderung des Exports. Stolz auf den Export-Erfolg ist Teil der nationalen DNA.
    - Ingenieure und Naturwissenschaftler haben eine höhere Reputation als Banker oder Juristen.
    - Eine sehr gute öffentliche Infrastruktur und öffentliche Verwaltung.
    - Die Neugier und Bereitschaft der Deutschen, fremde Sprachen zu sprechen und ins Ausland zu gehen, die Welt zu erforschen und Jeden glücklich zu machen, der "Made in Germany" kaufen will.
    Diese Faktoren machen zwar die phantastischen Vorteile der economies of scale im gigantischen homogenen Wirtschaftsraum USA nicht ganz wett, aber doch zum Teil.

  • Paulchen schreibt:

    =>

    Wer kann mir folgenden Zusammenhang erklären:

    Im Artikel wird Deutschland als ein wirtschaftlich besonders erfolgreiches Modell dem US-Präsidenten empfohlen.

    ABER:

    Der Autor behauptet das das Inlandsprodukt der USA fünfmal so hoch ist wie das von Deutschland.

    Deutschland 80 Mio. Einwohner
    USA ca. 310 Mio. Einwohner

    Pro Kopf wäre Deutschland aber schlechter???!!

    --------------------------------

    Antwort:

    Das Inlandsprodukt sagt nicht das aus, was Sie meinen - es ist für sich allein kein Maßstab.

    Wenn die USA z.B. ein Mars-Programm mit Schuldenaufnahme finanzieren, so wächst das BIP, wenn alles in den USA erzeugt wird, unmittelbar um die Kosten dieses Mars-Programmes, mittelbar ergeben sich dann noch weitere Effekte, weil die NASA-Mitarbeiter ihr Gehalt z.T. in den Konsum fließen lassen, so z.B. für eine höhere Produktionszahl von Hamburghern und Coca-Cola sorgen und so weiter.

    Geben Sie mir endlos Kredit, und ich schaffe Ihnen in jedem Lande das BIP, das Sie haben wollen!

    Nach dem Prinzip wird das hohe BIP der USA demnach zu erklären sein...

    Dipl.-Kfm. Winfried Sobottka

    http://die-volkszeitung.de

  • Deutschland - wie ein Tourist es sieht.

    Das sollte als Überschrift dastehen. Der wirkliche Tiefgang und der Kontakt zu normalen Menschen fehlt. Falls einer bestand, so waren die Deutschen wohl zu höflich oder zu stolz ihr Land schlecht zu reden. Was sie aber wirklich fühlen, das weiss Herr Peter Ross Range nicht.
    Something is rotten in the state of Germany!

  • Wer kann mir folgenden Zusammenhang erklären:

    Im Artikel wird Deutschland als ein wirtschaftlich besonders erfolgreiches Modell dem US-Präsidenten empfohlen.

    ABER:

    Der Autor behauptet das das Inlandsprodukt der USA fünfmal so hoch ist wie das von Deutschland.

    Deutschland 80 Mio. Einwohner
    USA ca. 310 Mio. Einwohner

    Pro Kopf wäre Deutschland aber schlechter???!!

  • Ganz recht.

    Der Begriff "Eurokritiker" ist hier im Lande längst zu einem Schimpfwort geworden. Ich bin bekennender (Sozialer Marktwirtschafts)Kapitalist. Wohlgemerkt: Alles, auch "Sozial", gleich gross geschrieben.

    Zum Kapitalismus gehört u.a jedoch, dass jeder für seine Taten selbst die Folgen zu tragen hat.

    Dieses gilt für Staaten, Unternehmen und Menschen.

    Mit den Monstern ESM und ESFS wird dieses Prinzip unwiderruflich abgeschafft. Die EZB hat dann, an den Parlamenten vorbei, das Sagen, und damit die Länderbanken, in denen überwiegend die (zu rettenden)privaten Banken das Stimmrecht innehaben.

    Und wofür werden die dann wohl stimmen?

    Die Struktur der deutschen Bundesbank ist in Europa nämlich die Ausnahme, nicht die Regel.

    Meine wachsende Sorge ist, dass Europa zu einer Art Vielvölkerstaat gemacht werden soll, mit Brüssel als neuem Kremel, einer Bevölkerung, deren Masse alle gleich arm sind, weitestgehend privatisierten (also enteigneten) Staaten sowie den Banken als Strippenzieher.

    Zum System:
    Wer die Geldschöpfung unter sich hat, kann sich
    alles kaufen. Dazu gehören Dinge wie eine angenehme Berichterstattung, gefällige Kommentare, angepasste Wikipedia-Einträge, sowie die Vernebelung der tatsächlichen Ursachen der derzeitigen Krise.

    Und die hatte ja wohl ihren Ursprung im Heimatland des Autors. Schon vergessen?

  • Paul Reiser

    "Um sein Wissen nicht wissen ist krankhaft"
    Laotse

    Es ist eine selektive Wahrnehmung, die im Text vorgenommen wird. Aber auch logisch. Was läuft hier gut? Was ist hier 'best practice', die als vorbildlich übernommen werden kann? Entsprechend ist der Fragen ist das Ergebniss im Text.

    Deutschland ist gut daran beraten, was bei ihm gut läuft nicht in einem Anfall von Defätismus zu ignorieren. Nur wer sich die eigenen Stärken bewußt macht, kann sie richtig nutzen. Nur mit der richtigen Wahrnehmung kann man was in der einen Ecke in Deutschland gut läuft in der anderen Ecke auf Anwendbarkeit prüfen und ggf. übernehmen.

    Schrittfolge des Erkennens:
    a) Man weiß nicht, dass man ahnungslos ist.
    b) Man weiß, dass man Ahnungslos ist.
    c) Man weiß nicht, dass man bereits Ahnung hat.
    d) Man weiß, daß man Ahnung hat.

    Der Zeitungsartikel möge die Menschen hier dabei helfen von c) zu d) zu gelangen.

    Mein Text hier ist unangenehm, aber hilft vielleicht dass einige von a)nach b)kommen.

    Der nächste Schritt ist den Blick weiter zu fassen. Nicht nur danachzu schauen was bei uns als ein praktisches Vorbild / 'best practice' taugt, sondern weltweit zu schauen.

  • Das deutsche Industriewunder lässt sich mit ein paar Philosophen wie Nida-Rümeling und Habermas ganz einfach auf Europa verteilen. Unser "Spitzenmann" Gabriel nennt es Vergemeinschaftung. Was er nicht sagt: "Wenn man Erfolg vergemeinschaftet, fehlt der Antrieb für Erfolg." Das ist das Grundübel der grün-roten Ideologie. Zum philosophischen Ausritt Gabriels mehr unter www.fortunanetz.de

  • Deutschlands großes Kapital, das von uns eher nie in die Waagschale geworfen wird: RECHTSSICHERHEIT ! Ein funktionierendes Rechtssystem (auch wenn nun in deutscher Nörglermanier gleich wieder ABER dazwischen gerufen werden sollte 8-)

    Ein hervorragender Artikel !

  • Für mich als traditionellen Westdeutschen, ist die Sache weit schwieriger zu beurteilen, weil sie aus dieser Perspektive weit weniger erfolgreich zu sein scheint.
    Das vielgerühmte duale Bildungssystem wurde in Deutschland erheblich geschwächt.
    Die Wirtschaftspolitik hat ihre Akzente deutlich Richtung Großindustrie und Banken verschoben und damit die selben Fehler begangen, die hier den USA bescheinigt werden.
    Das dies in Relation nicht so weitreichend war, bedingt heute den relativen Erfolg Deutschlands, aber auch seine strukturelle Schwäche bei der Lösung der Euro-Krise.
    Wenn aber der hier festgestellte Befund über unsere Stärken wahr ist, so waren die wirtschafts- und bildungspoltischen Tendenzen spätestens seit der deutschen Einheit eher Schritte in die falsche Richtung.

    Der einzelne Deutsche hat im Verhältnis zu seinem relativen Reichtum deutlich Federn lassen müssen. Individuell und auch kollektiv ist Deutschlands Hilfbereitschaft seit dem Krieg als immer noch sehr hoch einzustufen. Allerdings ist zu dieser Hilfsbereitschaft das Misstrauen des gefühlten Missbrauchs hinzugekommen.
    Deshalb wird und kann der deutsche Michel sich mit den üblichen Versprechungen nicht mehr zufriedengeben. Vertrauen kann nicht mehr vorausgesetzt werden.
    Deshalb gibt es Stimmen wie Sarrazin oder Olaf Henkel, deren als unangehm wahrgenommene Gegenposition eben Ausdruck dieses Vertrauensverlustes sind.

    Auch das sollte im Memo an Paul Volker stehen, weil große Bevölkerngsteile, wenn nicht sogar die Mehrheit sowohl Sarrazin als auch Olaf Henkel unterstützen würden.
    Nicht weil man ausländerfeindlich wäre, wie unterstellt, oder eurofeindlich. Sondern weil sie auf Konsequenz dringen, wo die offizielle Politik zum Schaden des Landes ausgewichen ist.
    Gerade durch Sarrazin sind die Integrationsanstrengungen überhaupt erst ernsthaft zielgerichtet in Fahrt gekommen.
    Und es bleibt zu hoffen, das Olaf Henkel oder Professor Sinn das gleiche Ergebnis beschieden sein wird.

    H.

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