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Handelsblatt-VWL-Ranking 2019 VWL-Rangliste: Praxisnahe Forschung setzt sich durch

Wissenschaftler, die mit Daten und anwendungsnah arbeiten, dominieren die Rangliste der forschungsstärksten Ökonomen. Es gibt eine neue Nummer eins aus dem deutschsprachigen Raum.
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LMU in München: Sie steht unter den deutschen Unis an der Spitze des VWL-Rankings.
Ludwig-Maximilians-Universität München

LMU in München: Sie steht unter den deutschen Unis an der Spitze des VWL-Rankings.

Frankfurt Volkswirtschaftliche Forschung steht in dem Ruf, sie bewege sich in einem Wolkenkuckucksheim realitätsferner Modelle. Wenn jemand geeignet ist, das zu widerlegen, dann sind das Christian Dustmann und Holger Strulik. Dustmann ist die neue Nummer eins im Handelsblatt-Ranking der forschungsstärksten Volkswirte in und aus dem deutschsprachigen Raum. Strulik ist der höchstplatzierte Volkswirt mit Arbeitsort Deutschland.

Dustmann, Professor am University College London, beschäftigt sich realitätsnah und datengestützt mit Fragen, die Wahlen entscheiden, weil sie für große Teile der Bevölkerung so wichtig sind: Bildung, Arbeit und Migration. In seinen letzten Studien untersuchte er, ob ein früher Schuleintritt zu besserer Bildung führt, wer von einem allgemeinen Zugang zu Betreuungseinrichtungen profitiert und warum Schulen mit Geschlechtertrennung so erfolgreich sind.

Der Wissenschaftler beschäftigt sich mit Gesundheitsökonomik. Quelle: unigoettingen
Holger Strulik

Der Wissenschaftler beschäftigt sich mit Gesundheitsökonomik.

(Foto: unigoettingen)

Strulik von der Universität Göttingen personifiziert den Trend weg von abgehobener Theorie hin zu anwendungsorientierter Forschung. Er wechselte von der modelllastigen Wachstumstheorie zur datengetriebenen Gesundheitsökonomik und war damit sehr erfolgreich.

Die beiden sind keineswegs Sonderfälle. Das neue Handelsblatt-Ranking zeigt, dass datengetriebene, empirische Forschung das Fach zunehmend dominiert.

Auch die Nummer zwei des Gesamtrankings, Antoinette Schoar, arbeitet empirisch, und zwar auf dem Gebiet Finanzen und Management. So hat sie mit ihren Co-Autorinnen und -Autoren herausgefunden, dass Unternehmenslenker mit politischen Beziehungen oft von Nachteil für die Unternehmen sind – man denke an Roland Koch bei Bilfinger. Auch mit der Preisfindung auf den Märkten für Bitcoin und andere Kryptowährungen hat sie sich in ihren jüngsten Studien beschäftigt.

Die Ökonomin vom MIT in Boston forscht zu Management und Finanzen. Quelle: MIT
Antoinette Schoar

Die Ökonomin vom MIT in Boston forscht zu Management und Finanzen.

(Foto: MIT)

Schoar durchbricht zusammen mit der auf Rang elf vorgerückten Ulrike Malmendier die Tradition, dass Frauen erst auf den hinteren Rängen auftauchen. Dass immer noch so wenige Frauen es überhaupt in Professorenstellen schaffen, hat für Schoar auch damit zu tun, dass man von ihnen Außergewöhnliches erwarte. Wer als Frau nur gut sei, werde leicht übersehen.

Die beiden bestätigen eine andere Tendenz, wonach die forschungsstärksten deutschsprachigen Volkswirte ihren Arbeitsplatz im angelsächsischen Ausland haben. Beide haben ihre Karriere in den USA gemacht. Schoar lehrt am MIT in Boston, Malmendier an der University of California in Berkeley.

Auswanderer dominieren

Unter den Top 20 des Rankings sind nur sechs deutschsprachige Forscher, die auch im deutschsprachigen Raum aktiv sind. „US-Fakultäten sind bei der Doktorandenausbildung führend“, erläutert Matthias Döpke von der Northwestern University: „Daher starten viele vielversprechende Forscher ihre Karriere in den USA und bleiben dann dort.“ Er selbst erwarb seinen Doktortitel nach dem Diplom in Berlin in Chicago. „Die besten US-Unis bieten ein attraktiveres Forschungsumfeld, zum Beispiel durch eine geringere Lehr- und Verwaltungsbelastung und größere Fakultäten mit Gruppen von Professoren, die an ähnlichen Themen arbeiten“, beschreibt er die Vorteile.

Auch Schoar ging nach dem Studium in Köln zur Promotion nach Chicago, weil damals „die deutschen Unis noch sehr weit hinter dem amerikanischen Standard lagen“. Nicht ideal findet sie auch das deutsche Prinzip des Doktorvaters, „da es zu persönlichen Abhängigkeiten führt, die nicht im Einklang mit freier, kritischer Forschungsarbeit stehen“.

Der Forscher lässt die Daten zu Bildungs- und Migrationsfragen sprechen. Quelle: UCL
Christian Dustmann

Der Forscher lässt die Daten zu Bildungs- und Migrationsfragen sprechen.

(Foto: UCL)

Dustmann berichtet, für seine Karriere in England sei vor allem wichtig gewesen, dass es dort weniger hierarchisch und verkrustet zugegangen sei. Hier sieht er auch heute noch Nachholbedarf. Bei den Angelsachsen könne man sich zum Beispiel leichter durch das Einwerben von Drittmitteln für Forschung von Lehrverpflichtungen „freikaufen“. „Die Bedingungen sind, zumindest an den Spitzeninstitutionen in den USA, besser, und die Arbeit dort ist deshalb attraktiver“, findet auch Stefan Nagel von der Uni Chicago, der auf der Gesamtrangliste auf Rang acht steht. Dabei spiele die sehr gute, verlässliche Finanzausstattung der US-Spitzenunis eine wichtige Rolle.

Die ausgewanderten Spitzenökonomen sind sich allerdings auch weitgehend einig, dass sich die Bedingungen hierzulande für aufstrebende Wirtschaftsforscher deutlich gebessert haben. In der staatlichen Förderung sei Europa den USA inzwischen voraus, bemerkt Döpke. „Die besten deutschen Universitäten sind heutzutage sehr gut aufgestellt, und man kann von da gut seine Karriere machen“, ist Philipp Kirchner überzeugt, der in den USA Karriere machte, bevor er nach Europa zurückkam.

Freys Lebenswerk

Im auf das Lebenswerk bezogenen Ranking steht weiterhin der emeritierte, aber noch sehr aktive Schweizer Ökonom Bruno Frey (78) an der Spitze, vor dem ebenfalls noch aktiven Experten für das Bankwesen, Martin Hellwig (70). Frey hat es sich zur Aufgabe gemacht „die Ökonomik über die Standard-Neoklassik hinaus zu erweitern“, indem er „Einsichten aus anderen Fachgebieten wie Politikwissenschaft, Psychologie und Soziologie einbezieht“. Zuletzt hat er unter anderem viel über Glücksökonomie und Wohlstandsmessung veröffentlicht.

Abgelöst werden könnten die beiden an der Spitze dieses Rankings in absehbarer Zeit von dem Koreaner Hyun Song Shin, Chefvolkswirt der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel, und von Roman Inderst (49) von der Universität Frankfurt. Inderst schreibt in schneller Taktung Forschungspapiere zu einem breiten Spektrum von Themen aus den Bereichen Finanzen, Management und Marketing.

Nachwuchs bleibt im Land

Beim wissenschaftlichen Nachwuchs sind immerhin die Inhaber der drei Spitzenplätze der Rangliste im deutschsprachigen Raum aktiv, bevor dann bis Rang zehn fast nur noch in die USA und nach England ausgewanderte Forscher kommen. Angeführt wird diese Rangliste von Florian Scheuer von der Uni Zürich. Er hat in den letzten Jahren vor allem mit hochkarätigen Veröffentlichungen zur Besteuerung von Superreichen und Superstars und zur Besteuerung von Kapitaleinkünften für Aufsehen gesorgt.

Auf Rang zwei der produktivsten Ökonomen unter 40 Jahren steht der Mannheimer Ökonometriker Christoph Rothe, gefolgt von Niklas Potrafke. Der Direktor des Ifo-Zentrums für öffentliche Finanzen und politische Ökonomie hat zuletzt unter anderem Fachaufsätze zum negativen Zusammenhang zwischen dem Ausmaß an Korruption und dem Wirtschaftswachstum sowie zur haushaltspolitischen Performance von Minderheitsregierungen veröffentlicht.

München vor Mannheim

Im aktuellen Ranking der produktivsten VWL-Fakultäten in Deutschland hat die Ludwig-Maximilians-Universität in München (LMU) die Universität Mannheim vom ersten Rang verdrängt. Im Ranking für den gesamten deutschsprachigen Raum verteidigte dagegen die Universität Zürich ihren Spitzenplatz vor München.

Die LMU hat sich mit einem kräftigen Anstieg von in das Ranking einbezogenen Wirtschaftsforschern (84) nach Kopfzahl zur größten VWL-Fakultät in Deutschland, Österreich und der Schweiz gemausert. Dabei ist allerdings zu beachten, dass eine Reihe von Forscherstellen zwischen Universität und dem eng kooperierenden Ifo-Institut aufgeteilt sind. Entsprechend werden auch deren Publikationspunkte für das Ranking auf Ifo und Universität verteilt.

Der Aufstieg der Münchener im Ranking gegenüber 2017 beruhe aber nicht allein auf der gestiegenen Forscherzahl, betont Simon Hilbert vom KOF, der das Ranking mit erstellt hat. „Die LMU hat eine der größten Publikationsdichten pro Autor“, stellt er fest.

Die Züricher haben eine sehr gute Finanzausstattung dank hoher Drittmittel. Die hohen Schweizer Gehälter für Wissenschaftler und eine attraktive Region ermöglichen es, eine Vielzahl von sehr produktiven Talenten anzulocken und an sich zu binden – und sich so mit beträchtlichem Vorsprung an der Spitze des Rankings festzusetzen.

Aushängeschild ist der Verhaltenswissenschaftler und Neuroökonom Ernst Fehr, der im Handelsblatt-Ranking nach Lebensleistung Rang fünf belegt. Aus Stanford wurde vor einigen Jahren Florian Scheuer angelockt, aus Chicago Ralph Ossa.

Zentralbanken führend

Unter den außeruniversitären Instituten mit Sitz im deutschsprachigen Raum, die in der Wirtschaftsforschung tätig sind, führen die Zentralbanken die Rangliste an, zuvorderst die Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt. Es folgen die Bundesbank und die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich in Basel.

Darin spiegelt sich auch wider, dass EZB und Bundesbank deutlich mehr Wirtschaftswissenschaftler beschäftigen als die Wirtschaftsforschungsinstitute. Betrachtet man nur Letztere, so führt das Berliner DIW die Forschungsrangliste vor dem Münchener Ifo-Institut und dem Kieler Institut für Weltwirtschaft an.

Kritik am Ranking

Das Handelsblatt-Ranking ist einflussreich und gerade deshalb nicht unumstritten. Um die Bewertung der Fachzeitschriften und die Zuordnung von Punkten bei mehreren Autoren gibt es Diskussionen. Moniert wird, dass es die von einem Ranking nahegelegte objektive Rangfolge in der Praxis nicht gebe.

Dem tragen die Ersteller dadurch Rechnung, dass sie auf ihrer Internetseite ermöglichen, Rankings nach unterschiedlichen Voreinstellungen zu generieren. Kritisiert wird auch, das Ranking verleite Berufungskommissionen dazu, einfach Ranglistenplätze zu vergleichen, anstatt selbst die Menge und Qualität der Arbeit verschiedener Kandidaten für eine Professur zu bewerten.

Die VWL-Forschungsranglisten für Deutschland
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