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Bildung Diese Privatschulen zeigen, wie digitale Bildung funktionieren kann

Die Pandemie hat die Defizite des deutschen Bildungssystems offengelegt. Einige Schulen zeigen schon heute, wie Bildung künftig funktionieren könnte.
26.06.2021 - 09:15 Uhr Kommentieren
Schüler an der FSAS arbeiten vom ersten Schultag an mit Tablets, ab der Oberstufe gibt es Laptops. Quelle: FSAS
Digitales Lernen

Schüler an der FSAS arbeiten vom ersten Schultag an mit Tablets, ab der Oberstufe gibt es Laptops.

(Foto: FSAS)

Berlin Kinderstimmen hallen durchs offene Fenster, das vertraute Gewirr aus Lachen, Kreischen und Rufen, das so lange nicht zu hören war in den vielen Monaten der Pandemie und des Homeschoolings. Es ist große Pause in der Freien Schule Anne-Sophie, ausgelassen toben die Schüler der Mittelstufe über den Schulhof, der auf dem Dach eines großen Supermarkts in Berlin-Zehlendorf liegt.

Einige spielen Fußball, andere benutzen große rote Plastikkegel als Sessel und chillen im Schatten. „Es tut gut, die Lernpartner wieder hier zu haben“, sagt der stellvertretende Schulleiter Michael Hog. Schon die Wortwahl verrät, dass an dieser Schule einiges anders ist als anderswo.

Privatschulen liegen im Trend. Die Zahl der Schüler, die an Schulen in freier Trägerschaft unterrichtet werden, steigt seit Jahren. Infolge der Corona-Pandemie könnte sich diese Entwicklung weiter verstärken, denn viele Eltern sind verunsichert, ob das seit Jahrzehnten vernachlässigte öffentliche Schulsystem ihre Kinder noch ausreichend auf die Zukunft vorbereitet.

Während viele staatliche Schulen mit Homeschooling und Wechselunterricht überfordert waren, klappte das Umschalten bei den meisten Privaten ziemlich gut. „Den freien Schulen wurde überwiegend ein gutes Zeugnis ausgestellt“, sagt Ellen Jacob vom Verband Deutscher Privatschulverbände (VDP), der mehr als 2000 Bildungseinrichtungen vertritt. „Die meisten Eltern waren sehr zufrieden.“

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    So fiel an der Freien Schule Anne-Sophie (FSAS) so gut wie kein Unterricht aus. „Wir haben unsere Stundenpläne nur minimal geändert“, sagt Hog. Der Schulbetrieb wurde von einem Tag auf den anderen ins Netz verlegt, was vergleichsweise einfach war, weil jeder Lernpartner, wie die Schüler hier respektvoll genannt werden, über ein schuleigenes Tablet oder Notebook verfügt, das er auch schon vor der Pandemie jederzeit mit nach Hause nehmen konnte.

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    Eine Lernplattform, auf der Aufgaben und Arbeitsergebnisse hochgeladen werden können, gibt es an der FSAS bereits seit 2017, Kommunikation per Chat oder Videokonferenz ist völlig normal. „Unsere Lernpartner sind es gewohnt, digital zu arbeiten“, sagt Hog.

    Doch die vergangenen Monate haben vielerorts auch gezeigt, dass Digitalisierung allein noch keine moderne Schule ausmacht. Einige Kinder taten sich schwer, den Lernstoff ohne den gewohnten 45-Minuten-Rhythmus zu strukturieren. Manchen Lehrern fiel wenig mehr ein, als Arbeitsblätter zum Ausdrucken per E-Mail zu verschicken.

    Bildungsexperten wie der Berliner Pädagogikprofessor Jörg Ramseger fordern seit Jahren, das Schulsystem als Ganzes zu überdenken, da in der heutigen Zeit wichtige Kompetenzen wie Kreativität, selbstständiges Arbeiten oder Selbstorganisation im klassischen Frontalunterricht nicht ausreichend vermittelt würden. Er plädiert stattdessen für eine Teamschule, in der die reine Wissensvermittlung in den Hintergrund tritt zugunsten eines ganzheitlichen Ansatzes. „Wir müssten viel mehr über Inhalte reden“, sagt Ramseger.

    Lounges und Lernateliers

    Davon ist auch Michael Hog überzeugt. Wären da nicht die vielen Kinder und der Spielplatzlärm vom Schulhof, man könnte die Räumlichkeiten der FSAS auch für ein Start-up-Unternehmen oder eine Kreativagentur halten. Klassenräume im herkömmlichen Sinn gibt es nicht. Die 60-minütigen Unterrichtseinheiten finden an sogenannten Inputtheken statt, die wie kleine, bunte Konferenzräume aussehen, ausgestattet mit Multimediatechnik und einem langen Konferenztisch in der Mitte.

    Vertieft wird der Stoff anschließend im Lernatelier, das mit seinen Gruppen- und Einzelarbeitsplätzen entfernt an ein Großraumbüro erinnert und jahrgangsübergreifend genutzt wird. Wer eine Frage hat oder Hilfe braucht, kann seine Mitschüler fragen – oder einen der Lehrer, die hier Lernbegleiter heißen und ihre Schreibtische am Rand des Geschehens haben. Das gute alte Lehrerzimmer ist abgeschafft.

    Für Ruhebedürftige gibt es Rückzugsbereiche, für Planungsgespräche und Diskussionsrunden Lounges, die im Stil verschiedener Kontinente gestaltet sind und in denen sich die Schüler je nach Geschmack an Besprechungstischen tummeln oder auf Sitzsäcken fläzen. Der Unterricht findet bilingual in Deutsch und Englisch statt – von der ersten Klasse an.

    „Wir arbeiten sehr stark projektbezogen. Dabei erwerben die Schüler automatisch Kompetenzen wie Teamfähigkeit und Selbstorganisation, die sie später brauchen“, sagt Hog. „Unsere Absolventen haben später keine Schwierigkeiten an der Uni, weil sie das nötige Rüstzeug schon haben.“

    So erarbeiten die Elftklässler gerade eine Multimedia-Kampagne gegen Fake News und Hate-Speech im Internet. Das Ergebnis wird später den jüngeren Jahrgängen als Unterrichtseinheit im Fach Medienkompetenz präsentiert – falls die Corona-Regeln es bis dahin wieder zulassen.

    Gegründet durch die Würth-Stiftung

    Die FSAS wurde 2011 durch die Stiftung Würth gegründet, initiiert von Bettina Würth, Beiratsvorsitzende des gleichnamigen Schrauben- und Werkzeugherstellers. Das Schulgeld ist nach sozialen Kriterien gestaffelt, je nach Einkommen der Eltern werden pro Kind 100 bis 950 Euro im Monat fällig, für einkommensschwache Familie vergibt die Stiftung Stipendien.

    In den zehn Jahren des Bestehens der Schule ist die Schülerzahl von 15 auf 389 gestiegen – viel mehr geht nicht, will man das aktuelle Konzept beibehalten, das unter anderem eine Klassengröße von maximal 20 Schülern vorsieht sowie einen festen Coach für jedes Kind von der Grundschule bis zum Abitur.

    Auch die Räumlichkeiten in dem fünfstöckigen Gebäude an der viel befahrenen Clayallee, die sich die Schule mit einem Gesundheitszentrum teilt, lassen eine weitere Expansion kaum zu.

    Noch habe die Corona-Erfahrung nicht zu einem Boom der Bewerberzahlen bei Privatschulen geführt, heißt es beim VDP. Zwar spüre man eine zunehmende Aufgeschlossenheit von Eltern gegenüber alternativen Schulkonzepten – doch wer möchte seinem Kind in diesen Zeiten schon einen Schulwechsel zumuten?

    „Das Bildungsinteresse vieler Eltern ist durch die Pandemie gestiegen“, sagt Verbandssprecherin Jacob. „Allen ist bewusst geworden, dass die Schule eine wichtige Säule im Leben der Kinder ist, die nicht durch einen Laptop ersetzt werden kann.“

    Eine belegbar steigende Nachfrage verzeichnen allerdings die Internate. Diese war aufgrund des Ausbaus der Ganztagsschulen sowie der Missbrauchsskandale in den vergangenen Jahren rückläufig.

    Wie stark die Privatschulen tatsächlich von den aktuellen Defiziten im Bildungswesen profitieren, die Corona offengelegt hat, wird aber wohl auch davon abhängen, inwieweit es den staatlichen Regelschulen gelingt, sich aus überkommenen Strukturen zu lösen und ihre pädagogischen Konzepte zu modernisieren. Denn auch im öffentlichen Bereich hat bei einigen Entscheidungsträgern ein grundlegender Bewusstseinswandel eingesetzt.

    So wird beispielsweise in München und Berlin jede neue Schule nach dem sogenannten Lernhauskonzept errichtet: Dabei sind vier bis sechs Klassenräume um ein Forum herum gruppiert – ein Multifunktionsraum, der für Gruppenarbeiten und Gemeinschaftsaktivitäten genutzt wird. Der Unterricht findet offen und teilweise jahrgangsübergreifend statt.

    Staatliche Bildungsoffensive

    Und noch in einem weiteren Bereich schließen die staatlichen Schulen auf, in dem die private Konkurrenz lange überlegen waren: beim Geld. Im Zuge des Digitalpakts zwischen Bund und Ländern fließen in den kommenden Jahren bis zu fünf Milliarden Euro in die digitale Ausstattung der öffentlichen Schulen, zusätzlich machen Länder und Kommunen weitere Summen für Neubauten und Sanierungen locker – allein das Land Berlin will innerhalb von zehn Jahren 50 neue Schulen für 85.000 Schüler bauen und hatte dafür ursprünglich 5,5 Milliarden Euro eingeplant. Nach Informationen des „Tagesspiegels“ könnten es mittlerweile bis 2026 sogar 14,2 Milliarden Euro werden.

    An der Freien Schule Anne-Sophie beobachten sie die Schulbauoffensive der Hauptstadt mit Interesse. „Wir empfinden es auch als Bestätigung, dass das Land Berlin jetzt auf ähnliche Konzepte setzt“, sagt Michael Hog. „Im Grunde wollen wir doch dasselbe – nämlich eine Schule, die bestmöglich auf das Leben vorbereitet.“

    Mehr: Rektor der Wirtschaftshochschule WHU: „Wir wollen in die Top Ten Europas“

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