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Franz Heukamp im Interview „Gute Managementausbildung ist wichtiger als je zuvor“

Der Dekan der IESE Business School, einer der besten Kaderschmieden für Topmanager, über Ethik in den Chefetagen und den wachsenden Druck auf Führungskräfte.
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Der gebürtige Sauerländer ist Chef der IESE Business School in Barcelona, die seit 2015 auch einen Campus in München hat. Quelle: Thomas Einberger für Handelsblatt
Wirtschaftsprofessor Heukamp

Der gebürtige Sauerländer ist Chef der IESE Business School in Barcelona, die seit 2015 auch einen Campus in München hat.

(Foto: Thomas Einberger für Handelsblatt)

Er ist der einzige Deutsche an der Spitze einer der weltbesten Wirtschaftsunis: Franz Heukamp. Der gebürtige Sauerländer ist Chef der IESE Business School in Barcelona, die seit 2015 auch einen Campus in München hat. Heukamp wirbt für mehr Nachhaltigkeit auch bei der Ausbildung von Führungskräften.

Zum Interview, das klimafreundlich per Videokonferenz stattfindet, erscheint der 46-Jährige trotz Termindruck entspannt – und ohne Krawatte. Denn mit der Fixierung vieler Manager auf Geld, Macht und Karriere kann er wenig anfangen.

Professor Heukamp, weltweit wächst die Kluft zwischen Arm und Reich, es wird über nachhaltige Produktion und Moral in den Chefetagen diskutiert. Gibt die klassische Managementausbildung wie an der IESE auf solche Fragen noch die richtigen Antworten?
Ethik im Management und der nachhaltige Umgang mit den natürlichen Ressourcen hat in unserer Ausbildung schon immer eine wichtige Rolle gespielt. Dass diese Themen auch im Bewusstsein der Öffentlichkeit und vieler Manager an Bedeutung gewinnen, ist ein positives Signal

Natürlich müssen auch wir als Business-School immer wieder fragen: Tun wir in dieser Hinsicht genug? Letztlich muss jeder Manager für sich selbst definieren, wie er als Mensch und als Führungskraft sein will und wie er wahrgenommen werden möchte. Ich sehe es aber schon als unsere Aufgabe, ihnen dabei ein Stück weit den Spiegel vorzuhalten.

Das MBA-Studium gilt als finanz- und managementlastig. Ist das noch zeitgemäß?
MBA steht für Master of Business Administration, und an der Bedeutung dieser drei Buchstaben hat sich nichts geändert. An den Inhalten des Studiums aber schon, wenngleich dies von Schule zu Schule sehr unterschiedlich sein kann. Bei uns lernen die Studenten nachhaltiges Wirtschaften.

Aber um nachhaltig wirtschaften zu können, müssen sie zunächst einmal etwas von Wirtschaft verstehen. Accounting, Finance und die anderen klassischen betriebswirtschaftlichen Inhalte sind wichtig, um später in der Praxis das nachhaltige Wirtschaften umsetzen zu können.

Um nachhaltig wirtschaften zu können, muss man zunächst etwas von Wirtschaft verstehen.

Das heißt?
Eines unserer Alleinstellungsmerkmale ist es, nachhaltiges und ethisches Wirtschaften in allen Fachbereichen darzustellen. Im Ethikunterricht ist jeder ethisch. Viel interessanter ist es zu sehen, wie beispielsweise Finanzplanung gelehrt wird und welche Kriterien dabei berücksichtigt werden. Wirklich ethisch ist Management nur, wenn Langfristigkeit und Nachhaltigkeit bei allen Entscheidungen eine Rolle spielen. Deshalb müssen diese Themen in wirklich allen Fachbereichen präsent sein.

Viele Wirtschaftswissenschaftler meinen, dass ihre Disziplin mehr zur Armutsbekämpfung beitragen müsste. Ein MBA-Studium an der IESE kostet 70.000 Euro. Wie soll bei einer so elitären Ausbildung ein Bewusstsein für Armut entstehen?
Die Studienkosten kommen durch die intensive Betreuung unserer Studenten und das hohe Niveau unserer Lehre zustande. Gleichzeitig geben wir als Schule jedes Jahr mehr als fünf Millionen Euro an Stipendien aus. Natürlich würden wir gern noch mehr machen, aber wir sehen schon, dass unsere MBA-Studenten aus allen Teilen der Welt und den unterschiedlichsten Lebenssituationen zu uns kommen.

Außerdem muss man mit einbeziehen, dass unsere Absolventen im Laufe der vergangenen Jahrzehnte Hunderttausende von Arbeitsplätzen geschaffen haben. Die Armutsbekämpfung weltweit ist wichtig, keine Frage. Man muss aber auch sagen, dass die beste Armutsbekämpfung gutes Wirtschaften ist. Wir haben verschiedene Ausbildungsprojekte mit Hochschulen in Afrika, die belegen, welchen Einfluss eine gute Managementausbildung hat – teilweise von einem Jahr auf das andere.

Ihr persönliches Spezialgebiet ist die Schnittstelle Neurologie/Ökonomie. Können Sie erklären, was die weltweit wachsende Unsicherheit durch Globalisierung und Digitalisierung mit den Menschen macht?
Wir verlassen gerade eine alte Epoche und treten in eine neue ein. Natürlich verursacht das Unsicherheit, weil niemand weiß, was kommt. Globalisierung und Digitalisierung führen dazu, dass viele Unternehmen besser und effizienter produzieren können, gleichzeitig nimmt der internationale Konkurrenzkampf zu. Es ist die Aufgabe von Führungskräften, diesen Wandel zu gestalten – und das ist nicht einfach, weil es keine historische Vorlage gibt.

Man muss schon weit in der Geschichte zurückgehen, um auf einen vergleichbaren Epochenwechsel zu stoßen, etwa die Erfindung der Eisenbahn oder die Entdeckung der Elektrizität. Und die Umwälzung heute vollzieht sich viel schneller.

Was passiert in den Köpfen der Manager bei so viel Veränderung?
Diejenigen, die diesen Wandel gestalten müssen, stehen unter einem ungeheuren Druck. Das gilt für Manager und Politiker gleichermaßen. Jeder von ihnen will bestimmt das Beste für die Gesellschaft und für sein Unternehmen, aber selbst der Vorstandschef eines Konzerns ist nur ein kleines Rädchen angesichts der gewaltigen tektonischen Verschiebungen weltweit. Deshalb ist eine gute Managementausbildung heute wichtiger als jemals zuvor.

Wie kommt es dann, dass speziell das MBA-Studium immer weniger gefragt ist? Vor allem in den USA sinken die Bewerberzahlen sehr deutlich.
Es findet eine Ausdifferenzierung der Wirtschaftsstudiengänge statt, was angesichts der vielen unterschiedlichen Aufgaben und Anforderungen nur logisch und auch wünschenswert ist. Ein Vollzeit-MBA ist eine sehr gute Investition in die Zukunft, aber vielleicht nicht das Richtige für jeden.

Ein spezialisierter Masterstudiengang, etwa ein Master in Management, kann eine sehr gute Ergänzung sein. Es gibt in der Managementausbildung je nach Lebens- und Berufserfahrung viele verschiedene Bedürfnisse, die nicht alle von einem Studiengang abgedeckt werden können. Deshalb gibt es unterschiedliche Angebote mit unterschiedlichen Zielsetzungen. Der Master in Management richtet sich eher an Berufseinsteiger, der MBA eher an aktuelle oder angehende Führungskräfte.

Dann ist der MBA also kein Auslaufmodell?
Ich kann nichts dergleichen erkennen. Die Bewerbungen für unser Vollzeit-MBA-Programm sind in diesem Jahr um vier Prozent gestiegen. Wir haben vor wenigen Wochen auf unserem Campus in München ein Executive-MBA-Programm gestartet, das sehr gut angenommen wird und wächst.

Selbst der Vorstandschef eines Konzerns ist nur ein kleines Rädchen angesichts der gewaltigen tektonischen Verschiebungen weltweit.

Wie erklären Sie sich dann die weltweite Abwärtsentwicklung?
Dazu muss man wissen, dass früher 75 Prozent aller MBA-Programme in den Vereinigten Staaten angeboten wurden. Wenn die Bewerberzahlen dort, wie zuletzt geschehen, zurückgehen, bekommt man schnell den Eindruck, der Weltmarkt würde sich bewegen. Dem ist aber nicht so.

Ob die momentane Zurückhaltung in den USA am erschwerten Zugang für ausländische Studenten liegt oder ob es tatsächlich ein sinkendes Interesse gibt, muss man abwarten. Die europäischen MBAs, darunter auch unserer, erfreuen sich guter Gesundheit.

Die IESE bietet auch Programme an, die speziell auf einzelne Unternehmen zugeschnitten sind. Maßgeschneiderte Manager – ist das die Wirtschaftsausbildung der Zukunft?
Im Moment ist das sicher ein Trend, es gibt eine sehr große Nachfrage nach solchen Programmen. Das hat viel mit dem epochalen Wandel zu tun, der derzeit in den Unternehmen stattfindet. Der Weiterbildungsbedarf ist enorm, und maßgeschneiderte Programme sind ein idealer Weg, um schnell, günstig und sehr mitarbeiternah das nötige Wissen zu vermitteln und gleichzeitig den nötigen Kulturwandel zu begleiten.

Parallel dazu haben wir aber auch unternehmensübergreifende Angebote, bei denen die Menschen aus unterschiedlichen Firmen zusammenkommen und nicht nur miteinander, sondern auch voneinander lernen können.

Entwickelt sich damit die akademische Kaderschmiede zum Dienstleister großer Konzerne?
Was ist falsch daran, ein guter Dienstleister zu sein? Wenn wir Unternehmen helfen können, stärker zu wachsen, mehr Arbeitsplätze zu schaffen, nachhaltiger zu werden und einen größeren sozialen Impact zu erzeugen, bin ich dafür. Und wenn dadurch auch noch die Durchlässigkeit zwischen Unternehmenswelt und Wissenschaft gefördert wird, umso besser.

Im Ranking der „Financial Times“ belegt die IESE zum fünften Mal in Folge den ersten Platz für Executive Education. Wie machen Sie das?
Die einfache Antwort lautet: Offensichtlich sind unsere Studenten mit uns sehr zufrieden. Denn das „FT“-Ranking beruht in der Hauptsache auf die Zufriedenheit der befragten Absolventen. Und warum bewerten sie uns so positiv? Ich denke, dass hat damit zu tun, dass wir unsere Studenten sehr persönlich und individuell begleiten und beraten und uns sehr viel Zeit für jeden Einzelnen nehmen.

In anderen Rankings schafft es die IESE dagegen nicht auf die Spitzenposition. Woran liegt das?
Nicht alle Rankings messen dasselbe, und nicht alle Kriterien, die dort zugrunde gelegt werden, halten wir für sinnvoll. Das „Forbes“-Ranking zum Beispiel fokussiert sich ausschließlich auf die Einkommenssteigerung, die Absolventen nach ihrem Studium erzielen. Da schneiden wir auch ganz ordentlich ab, aber wie ich eingangs erläutert habe, ist die Maximierung des persönlichen Einkommens nicht das wichtigste Ziel, das wir unseren Studenten zu vermitteln versuchen.

Die Fixierung allein auf das Finanzielle wird aus meiner Sicht der Beurteilung einer Ausbildung nicht gerecht. Von daher ist es in Ordnung, wenn wir da nicht an Nummer eins stehen.

Wie sinnvoll sind derartige Rankings überhaupt?
Grundsätzliche halte ich Rankings für sinnvoll, weil sie helfen, Transparenz herzustellen. Als Entscheidungshilfe für Bewerber können sie sehr hilfreich sein. Bei der Frage, welche Bewertungskriterien die richtigen sind, gibt es vermutlich keine letztgültige Antwort. Das hängt doch sehr stark von den Werten und der Meinung jedes Einzelnen ab. Daher wird es das eine, von allen gleichermaßen akzeptierte Ranking nicht geben können.

Professor Heukamp, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Lange galt der MBA als Goldstandard unter den akademischen Titeln für Manager. Doch für viele Studenten sind Master- und Spezialstudiengänge heute viel attraktiver.

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