Brecht-Schule in Hamburg

Privatschulen nutzen die Lücke im deutschen Bildungssystem.

(Foto: ullstein bild - Sawatzki)

Privatschulen – Hochbegabte Hochbegabte müssen keine Außenseiter sein

Sehr intelligente Kinder tun sich im regulären Schulbetrieb oft schwer. Einige Privatschulen bieten daher spezielle Förderklassen an.
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Mehr als zehn Jahre war der Freitag Leonie Ballhorns Lieblingstag. Dann läutete nach vielen zähen Stunden endlich die Schulglocke und entließ sie ins Wochenende, in die Freiheit. „Den Unterricht in meiner alten Schule mochte ich gar nicht“, sagt die 15-Jährige rückblickend. „Ich habe mich dort immer fremd gefühlt.“

Nicht nur die großen, lärmenden Klassen störten sie. Auch mit den Lehrern hatte sie es nicht leicht: Meldete sie sich oft mit richtigen Antworten, galt sie als Besserwisserin. Hielt sie sich zurück, wurde ihr das als Verweigerungshaltung angekreidet.

Die Schülerin aus Mülheim an der Ruhr ist hochbegabt; wie ihr geht es vielen Kindern mit einem Intelligenzquotienten von 130 und höher. Sie haben eine schnellere Auffassungsgabe als ihre Klassenkameraden und stellen schon in jungen Jahren Fragen, die anderen nicht einmal als Erwachsene in den Sinn kommen.

Die Bedürfnisse solcher Kinder würden im Schulunterricht bisher häufig zu wenig berücksichtigt, sagt die Psychologin Tanja Gabriele Baudson. „In Deutschland wird seit Jahrzehnten diskutiert, wie man lernschwache Schüler unterstützen kann. Aber dass auch hochbegabte Schüler eine besondere Förderung brauchen, wurde lange vernachlässigt“, sagt die Expertin, die derzeit an der Universität von Luxemburg zu dem Thema forscht.

Das sieht inzwischen auch die Bundesregierung so und versucht nachzujustieren. Im Januar präsentierte die damalige Bildungsministerin Johanna Wanka (CDU) ein Programm zur Förderung leistungsstarker Schüler. In den kommenden fünf Jahren will sie an 300 ausgewählten Schulen testen lassen, wie hochbegabte Kinder in staatlichen Schulen ihr Talent entfalten können. 125 Millionen Euro lässt sich der Bund das Projekt kosten.

Etliche Privatschulen haben diese Lücke im deutschen Bildungswesen dagegen längst erkannt und ein Geschäftsmodell daraus gemacht. Das Spektrum reicht von Internatsschulen wie Schloss Torgelow in Mecklenburg-Vorpommern, die ihr Konzept ganz auf besonders begabte und talentierte Schüler ausgerichtet haben, über Einrichtungen wie die Brecht-Schule in Hamburg, in der die Klassen je zur Hälfte mit hoch- und normal begabten Schülern besetzt werden, bis hin zu Einrichtungen, die lediglich zusätzliche Kurse für Kinder mit außergewöhnlichem Wissensdurst anbieten.

Auf den ersten Blick ist der Markt für Hochbegabtenförderung relativ klein: Nur zwei Prozent aller Deutschen haben einen IQ von mehr als 130, das sind knapp 1,7 Millionen Menschen. Doch der Bedarf an speziellen Bildungsangeboten ist groß, denn Eltern, deren Kinder auf staatlichen Schulen nicht glücklich werden, sind für jede Unterstützung dankbar.

Auch Susanna Ballhorn hat lange nach einer guten Lösung suchen müssen. Schon im Kindergarten sei ihr aufgefallen, dass sich Leonie in großen Gruppen nicht wohlgefühlt habe, erzählt die Mutter. Später in der Schule nahmen die Probleme zu: Die Schülerin beobachtete ihre Lehrer und Klassenkameraden so genau, dass selbst kleinste Missstimmungen sie stark verunsicherten. „Hochbegabte haben quasi eine ständige Breitbandleitung ins Gehirn und können unheimlich viele Informationen verarbeiten“, erklärt die Psychologin Baudson dieses Verhalten. Zeitgleich sackten Leonies Noten ab, obwohl das Mädchen zu Hause anspruchsvolle Gedichtbände las, viel fragte und mit Begeisterung in Museen ging. Schließlich meldete ihre Mutter sie zum Intelligenztest beim Schulpsychologen an.

Schlechte Noten trotz Super-IQ – was auf den ersten Blick so gar nicht zusammenzupassen scheint, ist kein ungewöhnliches Phänomen. In der Forschung spricht man in solchen Fällen von „Underachievern“: Manche hochbegabten Kinder langweilten sich im Unterricht und würden dann unruhig, andere zögen sich zurück, sagt Wolfgang Schneider, Leiter der begabungspsychologischen Beratungsstelle der Universität Würzburg (siehe Interview). Eine Zusatzförderung neben dem Schulunterricht könne solchem Verhalten vorbeugen: „Damit hochbegabte Kinder gar nicht erst den Spaß am Lernen verlieren, ist es wichtig, frühzeitig auf ihre Bedürfnisse einzugehen.“

Keine Pauschallösungen

Darum bemühen sich Sonja Klostermeier und ihr Team vom Kultur- und Bildungszentrum Mülheim, kurz: Kubiz. Seit zwei Jahren fördert die Privatschule besonders intelligente Kinder, entweder durch Zusatzkurse am Nachmittag oder als Komplettangebot anstelle der staatlichen Regelschule. Anfang des Jahres ist auch Leonie Ballhorn hierher gewechselt.

Sonja Klostermeier, eine zurückhaltende Frau mit langen blonden Haaren, führt durch das dreistöckige Schulhaus, einen gelb gestrichenen Altbau. Eine hölzerne Wendeltreppe führt hinauf ins Dachgeschoss, auf dem Boden liegen dicke Teppiche, bunte Bilder schmücken die Wände. „Viele unserer Schüler haben mit klassischem Schulunterricht schlechte Erfahrungen gemacht“, sagt die ausgebildete Hochbegabtentrainerin. Daher versuche sie ganz bewusst, eine andere, familiäre Umgebung zu schaffen, in der sich die Schüler wohler fühlten.

Am Kubiz laufen Schüler und Lehrer in Hausschuhen herum und duzen sich. Die Klassen umfassen meist nur eine Handvoll Jugendliche, manchmal lernt auch jeder für sich allein. Billig ist das nicht: Je nach Klassengröße und Zahl der Unterrichtsstunden kommen pro Monat schnell mehrere Hundert Euro zusammen, manchmal auch mehr als tausend Euro. Noten gibt es am Kubiz nur in Ausnahmefällen, für Leonie eine echte Erleichterung: „Hier werde ich nicht ständig mit Mitschülern verglichen, sondern die Lehrer achten individuell darauf, was mir Spaß macht, was ich kann und was nicht.“ Zu ihren neuen Fächern zählen nun Chinesisch, Spanisch und Sozialwissenschaften.

Um Hochbegabte zu fördern und gleichzeitig zu fordern, gebe es grundsätzlich zwei Möglichkeiten, zählt Psychologin Baudson auf. Entweder lässt man die Kinder den normalen Schulstoff lernen, das aber schneller als andere. Oder man bietet ihnen darüber hinaus zusätzlichen Lernstoff an – beispielsweise eine Sprache, die nicht auf dem Lehrplan steht. Auch eine Kombination dieser beiden Ansätze sei möglich.

Es gibt durchaus Beispiele, wie sich eine solche Förderung auch in den staatlichen Schulalltag einbetten lässt. Manche Schulen ermöglichen es den Schnelldenkern, in bestimmten Fächern am Unterricht einer höheren Klassenstufe teilzunehmen. Andere bieten spezielle Turboklassen an, in denen die Schüler mehr Stoff in kürzerer Zeit lernen. Die Sensibilität der Lehrer an staatlichen Schulen, hochbegabte Schüler zu erkennen, sei allerdings sehr unterschiedlich ausgeprägt, sagt Baudson. „Lehrkräfte, die nicht im Umgang mit Hochbegabten ausgebildet wurden, tun sich damit teilweise schwer.“

Für Eltern lohnt es sich daher, bei der Schulwahl genau hinzuschauen. Es gebe keine Pauschallösungen, betont Tina Acham, Vorstandsmitglied im Hochbegabten-Netzwerk Mensa. „Eltern müssen stets individuell beurteilen, welche Schule für ihr Kind die beste ist.“ Dabei sei es ratsam, Kindern insbesondere in der Grundschule ein breiteres Angebot zu machen, von Musik über Sport bis hin zu Sprachen. Nur so könne jedes Kind seine individuellen Interessen entdecken. Auch außerschulische Angebote seien hilfreich: So bietet Mensa beispielsweise regelmäßig Feriencamps für hochbegabte Schüler an. Ab dem vierten Schuljahr dürfen Kinder am Wettbewerb „Jugend forscht“ teilnehmen.

Zudem sollten Eltern ihre Kinder stets beobachten und sich regelmäßig nach ihrem Befinden erkundigen, rät Acham. Fühlt sich der Nachwuchs in der Gruppe wohl, oder verbringt er lieber Zeit allein? Welche Tätigkeiten macht das Kind gern, welche eher aus Pflichtgefühl? Geht es gern in die Grundschule, oder treten schon dort Probleme auf? Frühe Erkenntnisse machten die Wahl der weiterführenden Schule leichter: „Oft lässt sich dann schon absehen, ob ein Kind in großen Klassen klarkommt oder ob eine speziellere Förderung nötig ist.“

Susanna Ballhorn hat das gute Gefühl, mit dem Kubiz endlich die richtige Schule für ihre Tochter gefunden zu haben. Zum ersten Mal seit Jahren gehe Leonie morgens fröhlich aus dem Haus und traue sich, im Unterricht wieder Fragen zu stellen. „Jetzt macht mir Schule wieder Spaß“, sagt die Zehntklässlerin selbst. Und das ist sicher die beste Voraussetzung fürs Lernen. Ganz unabhängig vom IQ.

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