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Boris Johnson

Der britische Premier will die Maskenpflicht und die Abstandsregeln ab 19. Juli aufheben.

(Foto: laif/CAMERA PRESS/Martin Evans)

Zurück zur Normalität Corona wie normale Grippe behandeln – Großbritannien, Israel und Singapur machen es vor

Mit einer radikalen Aufhebung aller Corona-Vorschriften prescht Boris Johnson vor. Er wird damit zum Anschauungsbeispiel für Deutschland. So wie andere Staaten auch.
09.07.2021 - 04:15 Uhr Kommentieren

Tel Aviv, Berlin, Bangkok, London Jetzt oder nie – mit diesem Schlachtruf hat der britische Premierminister Boris Johnson die nahezu vollständige Aufhebung der Corona-Beschränkungen verkündet. Vom 19. Juli an müssen die Menschen in England weder Maske tragen noch Abstand halten. Die Pendler sollen zurück in die Züge und die Büros.

Es ist ein radikales Experiment, das es noch nirgendwo anders in Europa gibt. Der Staat gibt die Verantwortung für die Corona-Regeln ab, Bürger und Unternehmen sollen selbst entscheiden, welches Gesundheitsrisiko sie sich und anderen zumuten wollen.

Man müsse mit Corona leben lernen wie mit der Grippe, sagt der britische Premierminister. Das Land hat eine der höchsten Impfquoten in Europa und ist daher anderen Ländern einen Schritt voraus. Singapur ist dabei, seine „Zero Covid“-Strategie zu begraben und sich auf eine Zukunft mit Corona als Normalität einzustellen. Und Israel ist noch einen Schritt weiter – und führt nach der Aufhebung aller Regeln wieder neue Beschränkungen ein.

Die drei Beispiele aus dem Ausland zeigen, wie die Diskussion in Deutschland nach dem Sommer laufen könnte. Eine zentrale Frage dabei ist: Wird das englische Experiment für die anderen Europäer zum Vorbild oder zum abschreckenden Beispiel?

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    Großbritannien will 100.000 Corona-Neuinfektionen pro Tag akzeptieren

    Auf den ersten Blick wirkt Johnsons Entscheidung fahrlässig: Er lockert mitten in die dritte Corona-Welle hinein. Die Fälle auf der Insel verdoppeln sich alle neun Tage, aktuell liegt die Inzidenz bei 287. In diesem Sommer könne man wieder 100.000 Neuinfektionen pro Tag sehen, sagt Gesundheitsminister Sajid Javid.

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    Angesichts der hohen Impfquote seien die Fallzahlen aber egal, argumentieren Javid und Johnson. Solange die Krankenhauseinweisungen nicht im gleichen Maße stiegen wie die Infektionen, gebe es keinen Grund zur Sorge.

    Tatsächlich gibt es einen großen Unterschied zur ersten und zweiten Corona-Welle: Ende Dezember, als die Inzidenz genauso hoch war wie jetzt, wurden in England jeden Tag 2200 Menschen mit Covid ins Krankenhaus eingewiesen. Heute sind es nur 350.

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    Den Grund dafür sehen Wissenschaftler in der Impfquote: 64 Prozent aller Erwachsenen in Großbritannien sind vollständig geimpft. Die Quote für die Gesamtbevölkerung liegt allerdings nur knapp über 50 Prozent, denn die Minderjährigen werden bisher noch gar nicht geimpft. Die Impfquote reicht offenbar aus, um eine Überlastung der Krankenhäuser zu verhindern. Aber die Herdenimmunität ist noch nicht erreicht.

    Johnsons Lockerungsplan ist daher umstritten. Insbesondere die Aufhebung der Maskenpflicht leuchtet vielen nicht ein, wenn die Infektionszahlen rasant steigen – zumal die Masken das Wirtschaftsleben nicht beeinträchtigen.

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    Die wissenschaftlichen Berater der Regierung raten weiter zum Maskentragen in Innenräumen und im öffentlichen Nahverkehr. Dass Johnson die Maskenpflicht trotzdem abschaffen will, ist vor allem parteipolitisch motiviert: Etliche konservative Abgeordnete sehen den Mundschutz als Symbol staatlicher Gängelei.

    Da viele Briten weiterhin risikobewusst sind, dürfte sich die Rückkehr zur Normalität hinziehen. Viele Unternehmen erwarten ihre Beschäftigten erst von September an wieder im Büro – und auch dann nicht jeden Tag.

    Johnsons Kritiker weisen im übrigen darauf hin, dass der Grippe-Vergleich hinkt: Denn im Unterschied zu Corona sind bei der Grippe keine Langzeitfolgen bekannt.

    Steigende Fallzahlen nach Corona-Lockerungen: Israel zieht die Notbremse

    Die Bundesregierung wird die Erfahrungen auf der Insel genau beobachten. Denn die gleiche Diskussion wird auch hierzulande losgehen, wenn alle Erwachsenen zwei Impfangebote bekommen haben.

    Johnson sieht den Öffnungsprozess als Einbahnstraße. Doch das Beispiel Israel zeigt, dass er nicht unumkehrbar ist. Das Land hatte die Beschränkungen bereits nahezu vollständig aufgehoben. Mitte April schien die Coronakrise überwunden, fast fünf der neun Millionen Bürger waren damals geimpft. „Corona ist besiegt“, lautete der Konsens der Experten.

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    Doch jetzt zieht die Regierung wegen der Delta-Variante die Notbremse. Als Reaktion auf die steigenden Fallzahlen führte sie bereits vor zwei Wochen die Maskenpflicht in Innenräumen wieder ein. Zudem verschob sie die Erlaubnis für die Einreise von Touristen auf August, nachdem sie ursprünglich für Juli vorgesehen war.

    Am Dienstagabend will das Corona-Kabinett weitere Maßnahmen beschließen. Erwogen wird, Menschenansammlungen zu beschränken und den „Grünen Pass“ (Impfzertifikat) wieder zur Bedingung für den Zutritt zu Großveranstaltungen zu machen.

    Zwar ist die Zahl der Neuinfektionen und Krankenhauseinweisungen weiterhin relativ niedrig. Für besorgniserregend halten Experten aber die Tatsache, dass mehr als die Hälfte der Corona-Patienten vollständig geimpft ist.

    Neue Zahlen des israelischen Gesundheitsministeriums zeigen, dass die Delta-Variante die Effizienz des Impfstoffs von Biontech/Pfizer auf 64 Prozent reduziert – viel geringer als ursprünglich angenommen.

    Ein Junge wird in Cholon, einer Stadt südlich von Tel Aviv mit Biontech geimpft. Quelle: AFP
    Israel

    Ein Junge wird in Cholon, einer Stadt südlich von Tel Aviv mit Biontech geimpft.

    (Foto: AFP)

    Der langsame Anstieg der Neuinfektionen könnte sich bald beschleunigen, befürchtet Krankenhausdirektor Masad Barhoum vom Galilee Medical Center in Naharia. Er wirft der Regierung vor, die Krise nicht genügend ernst zu nehmen. Jonathan Halevy vom Shaare Zedek Medical Center in Jerusalem befürchtet hingegen nicht, dass die Kliniken an die Kapazitätsgrenzen stoßen werden.

    Mehr zum Thema:

    „Ein normales Leben mit dem Virus“: Musterschüler Singapur steuert um

    Singapur arbeitet unterdessen am Ende seiner „Zero Covid"-Strategie, die das Coronavirus in der Metropole möglichst vollständig eindämmen sollte. Eine Zwangsisolation von Infizierten, lückenlose Kontaktnachverfolgung und strenge Einreisebeschränkungen hatten den Stadtstaat zu einem der weltweit erfolgreichsten Länder im Kampf gegen die Pandemie gemacht. Nun macht sich ein neuer Realitätssinn breit.

    „Die schlechte Nachricht ist, dass Covid-19 womöglich nie ganz verschwinden wird“, schrieben die Minister für Gesundheit, Finanzen und Wirtschaft kürzlich in einem gemeinsamen Zeitungsartikel. „Die gute Nachricht ist aber, dass es möglich sein wird, ein normales Leben mit dem Virus führen.“

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    Wie in Großbritannien und Israel stellen sich die Minister den künftigen Umgang mit dem Coronavirus ähnlich vor wie mit der Grippe: Jedes Jahr würden sich zwar viele Menschen mit dem Influenzavirus anstecken. „Aber die überwältigende Mehrheit wird wieder gesund, ohne dass sie in ein Krankenhaus muss.“

    Als Voraussetzung für die neue Phase in der Pandemie sieht die Regierung eine möglichst hohe Impfquote. Bisher haben in Singapur rund 60 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Impfdosis erhalten – bis August sollen zwei Drittel vollständig geimpft sein.

    Sobald ausreichend Immunität in der Bevölkerung besteht, wollen die Behörden nicht mehr jeden einzelnen Infektionsfall ausweisen und zurückverfolgen. Stattdessen will man primär die Infektionsfolgen in den Blick nehmen – also darüber aufklären, wie viele Menschen ernsthaft erkranken und wie oft Corona-Patienten auf die Intensivstation müssen.

    Zudem verspricht Singapur, Großveranstaltungen wieder zu erlauben, internationale Reisen zu erleichtern und sich von Lockdowns endgültig zu verabschieden: „Die Unternehmen werden Sicherheit bekommen, dass ihre Geschäfte nicht mehr gestört werden“, heißt es in der Regierung.

    Besucher einer Messe in Singapur passieren einen Thermoscanner. Quelle: dpa
    Singapur

    Besucher einer Messe in Singapur passieren einen Thermoscanner.

    (Foto: dpa)

    Aus Sicht des Gesundheitsexperten Teo Yik-Ying von Singapurs Hochschule NUS ist für den Strategiewechsel entscheidend, dass Impfungen auch im Fall neuer Virusvarianten schwere Krankheitsverläufe mit einer hohen Wahrscheinlichkeit verhindern. Ein komplettes Ende aller Corona-Maßnahmen hält er aber nicht für sinnvoll: „Es lohnt sich, einige Maßnahmen wie das Tragen von Masken in öffentlichen Räumen mit vielen Menschen und den Aufruf zum regelmäßigen Händewaschen auch in Zukunft beizubehalten“, sagt Teo. „Sie schützen schließlich auch vor diversen anderen Krankheiten – etwa der Grippe.“

    In Deutschland wird es noch einige Wochen dauern, bis alle Einschränkungen aufgehoben werden. Sie sollten beendet werden, wenn alle Menschen ein Impfangebot erhalten hätten, forderte Außenminister Heiko Maas (SPD) am Dienstag. Dann gebe es rechtlich und politisch keine Rechtfertigung mehr für irgendeine Einschränkung. „Damit ist im August zu rechnen.“

    Zuvor hatte sich der Chef des Hausärzteverbands, Ulrich Weigeldt, im Handelsblatt ähnlich geäußert. Die Bundesländer, die mit ihren Corona-Verordnungen die Regeln festlegen, halten sich bei dem Thema einer möglichen Aufhebung aller Maßnahmen noch bedeckt.

    Leipziger Epidemiologe: „England nicht als Beispiel nehmen“

    Zwar sind die Fallzahlen in Deutschland noch deutlich niedriger als in England, aber es ist offen, ob und wie stark die Neuinfektionen durch die Delta-Variante in den kommenden Wochen steigen und ob das hohe Tempo der Impfkampagne anhalten wird.

    Besonders der Blick auf die Schulen und jüngere Menschen bereitet Epidemiologen Sorge, weil es für diese noch keinen Impfstoff gibt beziehungsweise dieser für Kinder ab zwölf Jahr nur eingeschränkt von der Ständigen Impfkommission empfohlen wird.

    „Wir haben vor allem bei den jüngeren Altersgruppen noch keine Klarheit über die Langzeitfolgen einer Corona-Infektion“, sagte der Epidemiologe Rafael Mikolajczyk von der Universität Halle. Mögliche Folgen wie das Erschöpfungssyndrom seien auch für Jüngere nicht harmlos.

    „Im Gegenteil: Bei einem hohen Anteil von Langzeitfolgen könnte der gesamtgesellschaftliche Schaden sogar höher sein als bei den Todesfällen in den älteren Altersgruppen, die wir in der ersten und zweiten Welle gesehen haben“, sagte er. Statt die Maßnahmen aufzuheben, müsste eine weitere Durchseuchung der Bevölkerung vermieden werden. „Ein Beispiel an England sollte sich Deutschland in der Pandemie nicht nehmen.“

    Der Leipziger Epidemiologe Markus Scholz hält auch die von Außenminister Maas in den Raum gestellte komplette Aufgabe aller Vorsichtsmaßnahmen im August für unrealistisch. „Wenn alle Menschen ein Impfangebot erhalten haben und wir die Schulen gut schützen, können die Corona-Maßnahmen meines Erachtens aufgehoben werden“, sagte er. „Unter einem Impfangebot verstehe ich allerdings, dass alle Menschen die Gelegenheit hatten, sich vollständig zu impfen.“

    Das ist laut einer Berechnung des Zentralinstituts der Kassenärztlichen Versorgung erst Ende September der Fall. Das Robert Koch-Institut hält sogar eine Impfquote von 85 Prozent für nötig, um alle Maßnahmen fallen zu lassen.

    In der Bevölkerung wächst jedoch der Wunsch nach einem baldigen Ende der Einschränkungen. So befürwortet eine knappe Mehrheit der Deutschen einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Yougov zufolge eine Aufhebung aller Corona-Regeln für vollständig Geimpfte ab September.

    Mehr: Privilegien für Geimpfte, Druck auf Impfverweigerer: So wollen Staaten die Delta-Welle brechen

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