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EM-Teamcheck – Gruppe A Eine Sex-Affäre als glückliche Fügung

Es läuft bei der Équipe Tricolore – unbesiegt in der Vorbereitung, unbeschadet durch einen Erpressungsskandal. Für die Gastgeber kann die Fußball-EM losgehen. Dennoch wird die Gruppe A für die Franzosen kein Spaziergang.
Das französische Team um Didier Deschamps steht bei der EM im eigenen Land gehörig unter Druck. Quelle: AFP
Didier Deschamps

Das französische Team um Didier Deschamps steht bei der EM im eigenen Land gehörig unter Druck.

(Foto: AFP)

DüsseldorfBei der Handelsblatt-internen Auslosung hatte ich auf eine Todesgruppe gehofft. Eine Gruppe, in der jede Mannschaft jede schlagen kann – mit Spannung bis zum letzten Schlusspfiff, mit Tränen der Freude und der Enttäuschung. Es wurde der Zettel mit dem „A“. Frankreich, der Gastgeber der Fußball-Europameisterschaft, gehört zu dieser Gruppe. Immerhin. Auch die Schweiz. Ein spannendes Team, völlig unberechenbar. Und sonst? Rumänien und Albanien. In Kombination klingen diese vier Mannschaften wie eine Anti-Todesgruppe. Bei einer Blitzumfrage in der Redaktion nennt jeder die gleiche Reihenfolge: Frankreich vor Schweiz vor Rumänien vor Albanien.

Mein Trost: Es wird nicht so kommen. Warum, lesen Sie im folgenden Teamcheck.

Die Gastgeber

Was soll da schon schief gehen? Frankreich spielt im eigenen Land, die „Équipe Tricolore“ verliert seit Monaten kein Spiel mehr. Im Gegenteil, sie gewinnt auch noch verdient gegen Spitzenteams, der Trainer ist selbst ein erfahrener Titelsammler und die Stinkstiefel und Unruhestifter vergangener Turnier sind nicht mehr dabei. Es gibt also reichlich Gründe, warum Frankreich zu den großen Favoriten bei dieser Fußball-Europameisterschaft zählt.

Und doch helfen all die Siege der Vergangenheit wenig, sollte der Turnierauftakt daneben gehen. Und das Abwehrbollwerk, das die Rumänen beim Eröffnungsspiel errichten werden, müssen auch die Franzosen erst einmal knacken. Keine leichte Aufgabe, zumal die erfahrenen Kräfte der Mannschaft auf den defensiven Außenbahnen zu finden sind – und eben nicht im Angriffszentrum. Dort ist seit einem unrühmlichen Skandal der wuchtige Olivier Giroud gesetzt.

Stammkraft Karim Benzema, immerhin Stoßstürmer bei Champions-League-Sieger Real Madrid, hat sich durch eine abstruse Geschichte selbst ins Aus manövriert. Ihm wurde vorgeworfen, an einem Erpressungsversuch gegen seinen Kollegen aus der französischen Nationalmannschaft, Mathieu Valbuena, mitgewirkt zu haben.

Angeblich ist eine Video-Aufnahme von Valbuena beim Sex mit seiner Lebensgefährtin gedreht worden. Benzema soll seinem Mannschaftskameraden von der Existenz des Videos berichtet und ihn aufgefordert haben, die geforderte Summe zu bezahlen. Benzema bestreitet das – im Kader der Nationalmannschaft tauchen beide Spieler dennoch nicht auf. Auch die Herren Ribéry, Ben Arfa und Nasri müssen mehr oder weniger freiwillig zuschauen.

Statt ihrer setzt Trainer Didier Deschamps auf eine homogene Elf – ohne Exzentriker, dafür aber mit vielen hochtalentierten Spielern. Ein gutes Rezept, wie auch die deutsche Mannschaft schon bewiesen hat. Stürmer Antoine Griezmann (Atlético Madrid) ist ohnehin über jeden Zweifel erhaben, der junge Münchener Kingsley Coman bringt Tricks und Schussgewalt mit, um Spiele entscheiden zu können und Stoßstürmer Giroud zeigt nach einer schwachen Saison beim FC Arsenal wenigstens in den letzten Tests, dass er weiß, wie sich der Ball ins Tor befördern lässt. Mit Hugo Lloris (Tottenham) steht ein Könner zwischen den Pfosten, einzig die Abwehr ist eine Wundertüte – und damit Schwachstelle im französischen Team. Bitter ist außerdem der kurzfristige Ausfall von Mittelfeldspieler Lassana Diarra.

Fazit: Die Voraussetzungen könnten für Frankreich kaum besser sein: das Turnier im eigenen Land, die Gruppe alles andere als tödlich und der Kader ausgeglichen und europäisch erfahren. Die Erwartungen an Trainer Deschamps und Co. sind groß.

Prognose: Nach zwei Jahren ohne Pflichtspiel – Frankreich war als Gastgeber automatisch qualifiziert – wird es am Freitag gegen Rumänien ernst. Die Nervosität wird sich in den Gruppenspielen noch bemerkbar machen, doch die Équipe kann sich steigern. In Gruppe A reicht es nur zu Platz zwei, im weiteren Verlauf geht es aber bis ins Finale.

Die Chancenlosen

Sind alle guten Dinge drei? Trainer Anghel Iordanescu absolviert schon seine dritte Amtszeit als Nationalcoach der Rumänen. Quelle: AP
Anghel Iordanescu

Sind alle guten Dinge drei? Trainer Anghel Iordanescu absolviert schon seine dritte Amtszeit als Nationalcoach der Rumänen.

(Foto: AP)

Tut mit leid, liebe Rumänen, aber die Zeiten, als sich Erfolge noch generalstabsmäßig planen ließen, sind leider vorbei. Heute reicht ein General an der Seitenlinie nicht mehr – und auf dem Feld braucht es Virtuosen, nicht nur Soldaten. Zwar ist es Anghel Iordanescu gelungen, die rumänische Nationalmannschaft mit großer Disziplin nach Frankreich zu führen – aber dort wird nicht nur Abwehrkraft gefragt sein.

Dass die Rumänen verteidigen können, haben sie in der Qualifikation bewiesen. Nur zwei Gegentore ließ die Mannschaft zu. Als Kollektiv weiß Rumänien durchaus zu überzeugen. Die Genies früherer Tage fehlen jedoch. Iordanescu kennt sie nur zu gut. Der Trainer, der in der Armee den Rang eines Generals bekleidet und zeitweise im Verteidigungsministerium gearbeitet hat, ist bereits zum dritten Mal im Amt. Einst arbeitete er mit Stars wie Gheorghe Hagi (u.a. Real Madrid und FC Barcelona), dieses Mal ist Razvan Rat der bekannteste Spieler. Und auch der 35-Jährige dürfte höchstens Liebhabern des spanischen Fußballs bekannt sein, immerhin spielt er dort für Rayo Vallecano.

Ein weiterer Bekannter, Alexandru Maxim vom Bundesliga-Absteiger VfB Stuttgart, hat den Sprung ins rumänische Team verpasst. Der Mittelfeldspieler wurde kurz vor knapp aus dem vorläufigen Aufgebot gestrichen. Aus dem endgültigen 23-Mann-Kader spielen daher neun Profis in Rumänien, mit vier Vertretern stellt Rekordmeister Steaua Bukarest das größte Kontingent.

Fazit: Mut macht neben der Abwehrklasse das jüngste Testspiel gegen Georgien, das die Rumänen mit 5:1 gewannen. Es gelingt ihnen hin und wieder also auch offensiv, für Lichtblicke zu sorgen. Dennoch wird Iordanescu gegen Teams wie Frankreich und die Schweiz eine defensive Grundausrichtung verordnen. Und er wird ihnen sagen: Genießt die Spiele, so lange ihr könnt.

Prognose: In der Gruppe reicht es zu Platz drei. Rumänien wird Frankreich ärgern, aber nicht bezwingen. Mit einem Punktgewinn und einem Sieg über Albanien ist das Achtelfinale als einer der besten Gruppendritten dennoch möglich. Spätestens dann ist aber Endstation.

Die Überraschung

Platz zwei muss es sein. Der Schweizer Trainer Vladimir Petkovic gibt das Ziel aus. Quelle: dpa
Vladimir Petkovic

Platz zwei muss es sein. Der Schweizer Trainer Vladimir Petkovic gibt das Ziel aus.

(Foto: dpa)

Die Generalproben können mit Fug und Recht als misslungen bezeichnet werden. Nach bescheidenden Auftritten gegen Irland (0:1) und Bosnien-Herzegowina (0:2) zeigte die Formkurve beim 1:2 im Test gegen Belgien zwar nach oben. Der jüngste 2:1-Sieg über Moldawien war allerdings eine weitere maue Vorstellung der Schweizer.

Und dennoch gehen die Eidgenossen mit Selbstbewusstsein in das Turnier. Viele der Spieler sind gestählt durch ihre Auftritte in der deutschen Bundesliga. Elf Profis aus der Beletage des deutschen Fußballs sollen helfen, dass die Schweiz erstmals die EM-Vorrunde übersteht.

Was dafür spricht: Die Schweizer bilden in ihren Klubs nicht mehr nur die Riege der Mitläufer. Außenverteidiger Stephan Lichtsteiner ist eine feste Größe bei den Titelhamstern von Juventus Turin, Ricardo Rodriguez hat mit Wolfsburg in der Champions League Real Madrid geärgert und Granit Xhaka ist als Mittelfeldstratege von Borussia Mönchengladbach derart gereift, dass er nun für irrwitzige 45 Millionen Euro zu Arsenal London wechselt. Antreiber Xherdan Shaqiri und der junge Breel Embolo, sie beide können Spiele entscheiden.

Fazit: Schon bei der WM 2014 in Brasilien hat die Schweiz gute Spiele abgeliefert, jetzt ist das Team weiter zusammengewachsen. Und bereit für größere Taten als das Achtelfinale. Die Voraussetzungen sind günstig, sofern es Trainer Vladimir Petkovic gelingt, alle Mann im Schweizer Kader auf das gemeinsame Ziel einzuschwören. Denn latent schwingt bei der Truppe immer eine Blockbildung mit – zwischen den gebürtigen und den eingebürgerten Schweizern.

Prognose: Die Schweiz spielt ein gutes Turnier. In der Gruppe gehen die Eidgenossen punktgleich mit den Franzosen als Erstplatzierter in die K.O.-Spiele.

Die Außenseiter

Nach der erfolgreichen Qualifikation ist Giovanni De Biasi, Albaniens italienischer Nationaltrainer, Albaner ehrenhalber. Quelle: dpa
Giovanni De Biasi

Nach der erfolgreichen Qualifikation ist Giovanni De Biasi, Albaniens italienischer Nationaltrainer, Albaner ehrenhalber.

(Foto: dpa)

Die Albaner machen es richtig: Sie feiern die Feste wie sie fallen. Und die Teilnahme an einem internationalen Fußball-Turnier ist für Albanien ein großes Fest. Noch nie war die Nation für eine Europameisterschaft qualifiziert – und so fährt das Team mit einer Sonder-Delegation nach Frankreich. Der albanische Fußball-Verband FSHF hat aus Freude über die erstmalige Qualifikation alle noch lebenden ehemaligen Nationalspieler zum ersten Spiel am 11. Juni in Lens gegen die Schweiz eingeladen.

In der Partie dürfen sich die Zuschauer auf ein Kuriosum freuen. Denn in Granit Xhaka (Schweiz) und Taulant Xhaka (Albanien) stehen sich zwei Brüder direkt gegenüber. Aber auch der Rest des albanischen Teams geht hochmotiviert in das Turnier: In vollem Vertrauen in die starke Defensive und die mannschaftliche Geschlossenheit.

Das Problem: Es mangelt an Offensivstärke. Nicht von ungefähr ist der Nationaltrainer ein Italiener, der vor seiner Zeit in Albanien vor allem italienische Abstiegskandidaten betreut hat. Giovanni de Biasi beordert seine Elf bevorzugt in die eigene Spielhälfte. Kommt der Gegner mit dem Ball über die Mittellinie, wird er hart attackiert. Eigene Tore fallen vor allem nach Kontern und Standards. Mit 10:5 Toren landete das De-Biasi-Team in der Qualifikation auf Platz zwei – hinter Portugal, aber vor Dänemark, Serbien und Armenien.

In Deutschland am bekanntesten dürften die zwei Nationalspieler sein, die in der Bundesliga ihr Geld verdienen: Abwehrspieler Mergim Mavraj vom 1. FC Köln und Mittelfeldspieler Amir Abrashi vom Aufsteiger SC Freiburg schafften es in den endgültigen EM-Kader. Am weitesten hat es bislang allerdings der Rechtsverteidiger gebracht: Elseid Hysaj spielt aktuell beim SSC Neapel – mit einer guten EM könnte der 22-Jährige Werbung in eigener Sache betreiben. Angeblich buhlen einige europäische Spitzenklubs um seine Gunst.

Fazit: Die gesamte Nation fiebert dem ersten Auftritt bei einer EM entgegen. Albanien möchte sich trotz aller fußballerischen Limits anständig präsentieren. Große Stars sucht man in den Reihen der Albaner aber vergeblich.

Prognose: Es zeugt von einem gesunden Fußballsachverstand, dass der Verband seine Freitickets für das erste Spiel verteilt. Es werden nämlich nur zwei weitere hinzukommen. Ein Außenseiterstatus mag Sympathien wecken, bringt aber keine Punkte. Deshalb wird Albanien in der Gruppe A Tabellenletzter.

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