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EM-Teamcheck – Gruppe B Inselduell, slowakischer Beton und ein Last-Minute-Russe

Bei der allerersten EM-Teilnahme überhaupt trifft Wales gleich auf Nachbar England. Außerdem wollen Russland und die Slowakei den Sprung in die K.o.-Runde schaffen. Die EM-Gruppe B im Check.
50 Jahre nach dem letzten großen Titel ist England bereit für den nächsten Erfolg. Die Tore von Wayne Rooney (l.) und Jamie Vardy sollen helfen. Quelle: AP
Jahrelange Durststrecke

50 Jahre nach dem letzten großen Titel ist England bereit für den nächsten Erfolg. Die Tore von Wayne Rooney (l.) und Jamie Vardy sollen helfen.

(Foto: AP)

England: Auf der Jugend ruht die Hoffnung

Mit „30 years of hurt“ besang zur Heim-EM 1996 eine ganze Fußballnation das immer wiederkehrende Hoffen auf einen zweiten internationalen Titel nach dem WM-Sieg 1966 – und die immer wieder bitteren Enttäuschungen, die ihnen ihre Kicker bescherten. Im Vorfeld des Turniers in Frankreich reiben sich nun viele Engländer die Augen und müssen feststellen, dass die Zeit der Schmerzen mittlerweile schon 50 Jahre beträgt und die Leidensgeschichte eher noch düsterer geworden ist.

Das Aus in der Vorrunde bei der WM in Brasilien vor zwei Jahren hat selbst die größten Optimisten auf der Insel vorsichtig gemacht. Dabei gibt es im Kader von Trainer Roy Hodgson einiges, was Anlass zur Hoffnung bieten würde. Der 68-Jährige, der trotz der Schmach von 2014 weiterarbeiten durfte, hat die Mannschaft zwar nicht komplett ausgetauscht, aber gezielt verstärkt und verjüngt.

Mit Joe Hart von Manchester City ist auf der Torwartposition, die viele Jahre das größte Sorgenkind war, wieder Kontinuität eingezogen. Die Abwehr davor darf jedoch als größter Schwachpunkt der Engländer gelten. Gary Cahill (FC Chelsea) oder Chris Smalling (Manchester United) bekleckerten sich schon 2014 nicht mit Ruhm, anderen wie Nathaniel Clyne (FC Liverpool) und Danny Rose (Tottenham) mangelt es an Erfahrung. An der früheren Bastion der Engländer fehlen Coach Hodgson schlicht die Alternativen.

Je weiter es auf dem Feld nach vorne geht, desto besser sieht es aus. Im defensiven Mittelfeld dürften die routinierten James Milner (FC Liverpool) und Eric Dier (Tottenham Hotspur) gesetzt sein. Neben Kapitän Wayne Rooney (Manchester United) können im offensiven Mittelfeld Dele Alli (Tottenham Hotspur), Raheem Sterling (Manchester City) oder der erst 18-jährige Wunderknabe Marcus Rashford, der gerade seinen Vertrag bei Manchester United bis 2020 verlängert hat, auftrumpfen.

Und für die Sturmspitze kämen dann noch der Top-Torjäger der abgelaufenen Premier-League-Saison, Tottenhams Harry Kane, oder Senkrechtstarter Jamie Vardy von Überraschungsmeister Leicester City in Frage. Dass die Arsenal-Profis Danny Welbeck und Alex Oxlade-Chamberlain verletzt fehlen, verkommt da fast zur Randnotiz.

So dominierten die Engländer ihre Qualifikationsgruppe und schafften als erstes Team nach dem Gastgeber den Sprung ins Turnier. Alle Gruppenspiele wurden gewonnen, allerdings kamen die Gegner mit der Schweiz, Slowenien, Estland, Litauen und San Marino nicht aus der ersten europäischen Liga. Das 3:2 im März beim Testspiel gegen Deutschland nährt da schon eher die leisen Hoffnungen, die trotz allem wie immer in der englischen Fußballseele ruhen.

Fazit: Trainer Roy Hodgson hat die zweite Chance, die er nach dem WM-Debakel in Brasilien bekommen hat, genutzt und die englische Mannschaft neu aufgebaut. Vor allem in der Offensive hat das Team hohes Potenzial. Ob die Three Lions aber gegen Kontrahenten auf höchstem Niveau bestehen und auch einen frühen Rückschlag besser wegstecken können als noch in Brasilien, müssen sie unter Beweis stellen.

Prognose: Für die neu formierte Mannschaft ist das Viertelfinale ein realistisches Ziel. Wenn alles zusammenpasst und gerade die jungen Spieler ihre Möglichkeiten voll ausreizen, kann der fußballerische Brexit weiter verschoben werden.

Russland: Mit Last-Minute-Pass zur EM

Nach schwacher Qualifikation kam Russland zuletzt wieder in Form. Quelle: dpa
„Sbornaja“

Nach schwacher Qualifikation kam Russland zuletzt wieder in Form.

(Foto: dpa)

Erst Ende Mai, einen Tag vor Ablauf der Nominierungsfrist, hatte Roman Neustädter Gewissheit, dass er mit nach Frankreich fahren darf. Der Twitter-Account der „Sbornaja“ zeigte den Schalker Profi, der bereits in zwei Freundschaftsspielen für die deutsche Nationalelf aufgelaufen war, stolz mit russischem Pass. Neustädter ist damit in mehrfacher Hinsicht ein Kuriosum: Er ist der einzige Auslandsprofi im Kader, der sich traditionell fast ausschließlich aus Kickern der russischen Liga zusammensetzt.

So tritt Trainer Leonid Slutsky mit einer für westliche Beobachter weitgehend unbekannten Mannschaft eine Mission von nationaler Bedeutung an. Vor der Weltmeisterschaft 2018 im eigenen Land soll die „Sbornaja“ endlich wieder fußballerische Glanzlichter setzen. Zuletzt gelang das mit dem Halbfinal-Einzug bei der EM 2008. Nachdem renommierte Coaches wie Guus Hiddink, Dick Advocaat oder Fabio Capello scheiterten, übernahm im August 2015 Hoffnungsträger Slutsky das Team.

Das hatte bis dahin eine grauenhafte Qualifikation gespielt und zweimal gegen Österreich verloren. Slutsky gelang prompt die Wende – er holte in den restlichen vier Spielen vier Siege. Der Last-Minute-Sprung nach Frankreich gelang vor allem mit einer neu aufgestellten Offensive. Allen voran Stürmer Artyom Dzyuba (Zenit St. Petersburg), dem mit acht Treffern besten Torschützen der Qualifikation, oder Fyodor Smolov vom FK Krasnodar machten auf sich aufmerksam. Mit dem 21-jährigen Aleksandr Golovin (ZSKA Moskau) hat Slutsky, der parallel auch ZSKA Moskau coacht, zudem eines der größten russischen Talente mit dabei.

Das Mittelfeld hat einige prominente Ausfälle zu beklagen: Besonders die Absagen von Alan Dzagoev (ZSKA Moskau) und Yury Zhirkov (Zenit St. Petersburg) dürften schmerzen. Slutsky hat hier wenige Optionen, auch weil mit Igor Denisov (Dynamo Moskau) wenige Tage vor EM-Beginn ein weiterer Leistungsträger ausfällt. Der Routinier verletzte sich im letzten Testspiel gegen Serbien (1:1) am Oberschenkel.

Große Schwachstelle der Russen ist einmal mehr die Abwehr. Auch hier hat der Trainer keine Alternative zu den Zwillingen Aleksey und Vasiliy Berezutski (ZSKA Moskau) oder ihrem Mannschaftskameraden Sergey Ignashevich, deren große Erfahrung technische Unzulänglichkeiten schlichtweg nicht wettmachen kann. Vielleicht erhält der Neu-Russe Roman Neustädter hier eine Chance. Ein alter Bekannter ist auch ZSKA-Keeper Igor Akinfeev, der seit mehr als einem Jahrzehnt das russische Tor hütet, seitdem aber den Beweis besonderer Klasse schuldig geblieben ist.

Fazit: Seit seinem Amtsantritt hat Trainer Slutsky zweifelsohne einiges bewegt. Allen voran aufgrund des torgefährlichen Angriffs sollte man die Russen auf dem Zettel haben. Doch der Kader ist nicht ausgewogen besetzt, besonders in der Defensivreihe.

Prognose: Wie sich die Profis aus der russischen Liga auf EM-Niveau schlagen, ist schwierig absehbar. Für viel mehr als das Achtelfinale reicht das Potenzial auch angesichts der Verletztenmisere nicht.

Slowakei: Beton in der Defensive

Die Mannschaft der Slowakei hat sich dem deutschen Publikum beim Gewitterspiel von Augsburg Ende Mai eindrucksvoll vorgestellt. „Die slowakischen Fußballer haben den Skalp der Weltmeister“, jubelte die heimische Presse. Natürlich sollte man den 3:1-Sieg bei überflutetem Rasen gegen eine zusammengewürfelte deutsche Auswahl nicht überbewerten. Und doch präsentierte das Team von Jan Kozak seine Stärken: gute Defensivarbeit, mentale Stärke und Torgefahr.

So gelang auch die Qualifikation in der Gruppe hinter Spanien und vor der Ukraine. Der 2:1-Sieg gegen Titelverteidiger Spanien löste dabei eine erste Euphoriewelle aus. Die Slowakei ist seit der nationalen Eigenständigkeit zum ersten Mal bei einer EM-Endrunde dabei. Bei der bisher einzigen WM-Teilnahme 2010 in Südafrika ging es immerhin bis ins Achtelfinale.

Star der Mannschaft ist der 28-jährige Mittelfeldregisseur Marek Hamsik (SSC Neapel). Er machte bereits gegen Deutschland auf sich aufmerksam: Aus 20 Metern setzte er den Ball sehenswert in den Winkel und leitete damit die Wende im Spiel ein. Auch in der Qualifikation war der charismatische Offensivmann mit fünf Treffern bester Schütze. Im Sturm ist Michal Duris (Viktoria Pilsen) die fast einzige Option.

Beim Testspielsieg der Slowaken gegen Deutschland glänzte Marek Hamsik mit einem schönen Tor aus der Distanz. Quelle: dapd
Das Herz der Slowaken

Beim Testspielsieg der Slowaken gegen Deutschland glänzte Marek Hamsik mit einem schönen Tor aus der Distanz.

(Foto: dapd)

Auf den Außenbahnen setzt Kozak auf die erfahrenen Vladimir Weiss (Al-Ghafara Doha), Miroslav Stoch (Bursaspor) und Robert Mak (PAOK Saloniki). Im defensiven Mittelfeld räumen Victor Pecovsky (MSK Zilina) und Juraj Kucka (AC Mailand) ab.

Kompromisslos geht es in der Abwehr zu. Hier herrscht Martin Skrtel (FC Liverpool), unterstützt von Jan Durica (Lok Moskau). Beide sind nicht für ihr Zartgefühl mit den gegnerischen Angreifern bekannt. Auch Bundesliga-Profi Peter Pekarik (Hertha BSC) dürfte in Kozaks erster Elf stehen. Dusan Svento (1. FC Köln) ist dagegen zunächst wohl auf der Ersatzbank zu finden.

Fazit: Trainer Kozak, bekannt für sein psychologisches Geschick, hat aus Talenten und bewährten Kräften eine Einheit geschaffen. Attraktiven Fußball bietet seine Elf nicht immer, doch angesichts des international nicht durchgehend wettbewerbsfähigen Kaders könnte das Heil für die Slowakei tatsächlich in der Defensive liegen.

Prognose: Eine starke Abwehr und ein eingeschworenes Team haben bei Turnieren schon oft vermeintlich kleinen Mannschaften geholfen, Favoriten die Tour zu verhageln. Im neuen Modus hat die Slowakei gute Chancen, zumindest die Gruppenphase zu überstehen.

Wales: Der Bale rollt

Erst vor rund einer Woche gewann Gareth Bale mit Real Madrid die Champions League. Jetzt gilt die volle Konzentration der anstehenden EM. Quelle: Reuters
Gareth Bale

Erst vor rund einer Woche gewann Gareth Bale mit Real Madrid die Champions League. Jetzt gilt die volle Konzentration der anstehenden EM.

(Foto: Reuters)

Seit 1984 haben es die Drachen immer wieder versucht. Selbst der legendäre Ryan Giggs scheiterte an dieser Aufgabe. Doch jetzt ist Wales zum allerersten Mal bei einer Fußball-Europameisterschaft dabei. Nur bei der Weltmeisterschaft 1958 in Schweden war das Land bisher bei großen Turnieren vertreten. Dass die Waliser nun gleich in der Vorrunde auf den Inselrivalen England stoßen, dürfte der Stimmung bei den Fans keinen Abbruch tun.

Dass sie die Teilnahme vor allem einem Mann verdanken, wissen die Waliser dabei ganz genau. Gareth Bale, frisch gekürter Champions-League-Sieger mit Real Madrid und teuerster Fußball-Profi aller Zeiten, hat die Nationalmannschaft auf ein neues Level geführt. Ihn als Kopf der Mannschaft zu bezeichnen, wäre untertrieben. Bale kann Spiele alleine entscheiden, ob mit Fernschüssen oder dem Kopf. Von den elf Treffern, die Wales in der Qualifikation erzielte, schoss er alleine sieben.

Dass den Walisern aber in zehn Quali-Spielen überhaupt nur elf Treffer gelangen, zeigt aber zugleich das ganze Dilemma der Mannschaft. Denn Torchancen spielt sich die Mannshaft zu selten heraus. Zwei Treffer trug immerhin noch Offensivmann Aaron Ramsey (FC Arsenal) bei, der zweite Schlüsselspieler des Teams. Die nominelle Sturmspitze, Hal Robson-Kanu (FC Reading), muss seine Torjägerqualitäten noch entdecken.

Immerhin hat sich um Bale eine Gruppe von Spielern gebildet, die mit ihren Klubs zwar nicht immer auf höchstem Niveau spielen, in der Nationalmannschaft aber immer wieder Leistung zeigen. Torhüter Wayne Hennessy etwa hat mittlerweile auch bei Crystal Palace den Sprung in die Stammelf geschafft. Vor ihm rührt eine Fünfer-Abwehrkette um Ashley Williams (Swansea City) Beton an. Joe Allen (FC Liverpool) und Andy King (Leicester City) dürften das defensive Mittelfeld bilden.

Auch für den jungen Trainer Chris Coleman, der gerade seinen Vertrag verlängert hat, ist es der Sprung auf die große Fußball-Bühne. Bevor er im November 2013 als Nationaltrainer unterschrieb, trainierte er Klubs in Griechenland und der zweiten englischen Liga. Mit Wales hat er sich aber als gewiefter Taktiker entpuppt.

Fazit: Ein Kollektiv um Bale herum leistet mehr als die Summe der doch eher durchschnittlichen Spieler. Die Qualifikation hat gezeigt, dass Wales auf diese Art und Weise Mannschaften aus der europäischen Mittelklasse wie Belgien oder Bosnien-Herzegowina schlagen kann. Doch hinter der Stammelf fehlt es an Substanz.

Prognose: Spätestens im Verlauf eines Turniers zeigt sich in der Regel, dass selbst geniale Individualisten wie Bale ihr Team nicht komplett alleine durchziehen können. Aufgrund des veränderten Modus kann Wales sicher den Sprung ins Achtelfinale schaffen – dann allerdings droht den heißblütigen Drachenkickern und ihren Fans die kalte Dusche.

Lara Stephen (l-r, Wales), Samantha Louise Woolley (England), Julia Redko (Russland) und Eva Smolkova (Slowakei) stehen am 01.06.2016 in Rust (Baden-Württemberg) im Europa-Park bei einem ersten Treffen vor der am 3. Juni stattfindenden Wahl der
Vor der Wahl zur "Miss EM 2016"

Lara Stephen (l-r, Wales), Samantha Louise Woolley (England), Julia Redko (Russland) und Eva Smolkova (Slowakei) stehen am 01.06.2016 in Rust (Baden-Württemberg) im Europa-Park bei einem ersten Treffen vor der am 3. Juni stattfindenden Wahl der "Miss EM 2016" auf einem Sportplatz hinter einem übergroßen Fussball.

(Foto: dpa)

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