Anstoß – Die Bundesliga-Kolumne Tiki Taka im Ruhrgebiet?

Supercup, Audicup, Asienreise und Trainingslager sind vorbei. Endlich! Die neue Bundesliga-Saison 2015/2016 kann beginnen. Besonders ein Verein aus dem Kohlenpott freut sich über den Neuanfang – mitsamt neuem Coach.
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Wie ist die Form? Welches Team hat Sorgen?
FC Bayern München
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Wie ist die Form? Schwer zu sagen. Die Pokal-Leistung bei Fünftligist Nöttingen war mau.

Was bereitet Sorgen? Dass es wieder nicht für das Champions-League-Finale reicht.

Zahl der Saison? 4 – viermal in Serie deutscher Meister war noch keine Mannschaft

Spruch der Vorbereitung? „Der FC Bayern München wird auch ohne Pep Guardiola weiteratmen“ (Sportvorstand Matthias Sammer).

Ziel der Saison? Mailand. (28. Mai 2016, Endspiel der Champions League). Neuzugang Arturo Vidal soll dazu beitragen.

Am Ende wird es: In der Bundesliga Platz eins.

VfL Wolfsburg
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Form? Gut, auch weil Neuzugang Max Kruse bereits gut integriert scheint.

Sorgen? Kevin de Bruyne könnte doch noch den Verlockungen des Geldes erliegen und den Verein verlassen.

Zahl? 99,9 - so hoch beziffert Klaus Allofs seit Wochen die Prozentzahl, mit der de Bruyne beim VfL bleibt. Ob es bis zur 100 reicht, werden die kommenden Wochen zeigen.

Spruch? „Für Tage wie heute arbeiten wir als Fußballer“ (Trainer Dieter Hecking nach dem Sieg im Supercup gegen die Bayern).

Ziel? Bereit sein, wenn die Bayern schwächeln, ist das offizielle Motto. Spannend wird zu sehen sein, wie die Wolfsburger die Spiele in der Champions League verkraften.

Prognose? Platz zwei – hinter den Bayern.

Borussia Mönchengladbach
3 von 18

Form? In der Vorbereitung ungeschlagen. Im Pokal bei St. Pauli erst am Ende stark.

Sorgen? Die Champions League könnte Fans, Verein und Spielern den Kopf verdrehen.

Zahl? 37 – nach so vielen Jahren spielt Gladbach wieder in Europas Beletage.

Spruch? „Natürlich kann er die Bayern trainieren, er kann jeden Verein auf einem Top-Niveau trainieren“ (Sportdirektor Max Eberl über Lucien Favre).

Ziel? Offiziell ein einstelliger Platz, Europa sollte es aber wohl schon werden.

Prognose? Rang fünf bis sieben – für die Champions League reicht es nicht.

Bayer Leverkusen
4 von 18

Form? Bayer hat noch deutlich Luft nach oben, im DFB-Pokal reichte eine Durchschnittsleistung in Lotte.

Sorgen? Die Verletzung von Innenverteidiger Ömer Toprak.

Zahl? 12 – so viele Millionen Euro kostete der chilenische Neuzugang Charles Aránguiz)

Spruch? „Hauptsache keiner ist verletzt“ (Geschäftsführer Michael Schade).

Ziel? Champions-League-Teilnahme.

Prognose? Platz vier.

FC Augsburg
5 von 18

Form? Gut, aber ausbaufähig.

Sorgen? Die Dreifachbelastung – der FC Augsburg spielt erstmals Europa League.

Zahl? 30 – so viele Millionen könnte der Transfer von Abdul Rahman Baba zum FC Chelsea am Ende Wert sein.

Spruch? „Mein Weg hier ist noch nicht zu Ende“ (Der von anderen Klubs umworbene Trainer Markus Weinzierl).

Ziel? Nicht absteigen.

Prognose? Rang zehn bis zwölf.

FC Schalke 04
6 von 18

Form? Das 5:0 gegen Duisburg im Pokal ließ aufhorchen. Der Neustart unter Offensiv-Verfechter André Breitenreiter könnte glücken.

Sorgen? Zwei Niederlagen in Folge, und alles wird mal wieder infrage gestellt.

Zahl? 30 – so viele Millionen forderte Schalke von Juventus Turin für Julian Draxler. Und bekam sie nicht.

Spruch? „Ich verspreche 1,69 Meter Arbeit, 1,69 Meter Einsatz, 1,69 Meter Leidenschaft, zusammengefasst: 1,69 Meter Schalke“ (Horst Heldt in Anspielung auf das gegen ihn gerichtete Fan-Plakat „169 cm Inkompetenz“).

Ziel? Ruhe, Ruhe, Ruhe. Und vielleicht zurück in die Königsklasse.

Prognose? Schalke lebt wieder: Platz fünf.

Borussia Dortmund
7 von 18

Form? Der BVB gewann alle drei Pflichtspiele, hat aber unter dem neuen Trainer Thomas Tuchel noch Luft nach oben.

Sorgen? Dass Dortmund ohne Jürgen Klopp nur noch ein ganz normaler Verein ist.

Zahl? 55.000 – so viele Dauerkarten verkaufte der BVB, erneut Liga-Höchstwert. Drei davon erhielt Klopp als Geschenk.

Spruch? „Bei Bayern kannst du nicht so viel falsch machen. Meister werden die sowieso“ (Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke).

Ziel? Es sagt zwar niemand, aber: Champions League.

Prognose? Platz zwei oder drei.

EssenIn der Vorbereitung zur neuen Saison passierte etwas, was viele Experten nicht mehr für möglich gehalten hatten: Der Unaussprechliche erzielte einen Hattrick. Henrikh Mkhitaryan, eigentlich als verzweifelter Daneben-Schießer im kollektiven Fußballgedächtnis eingebrannt, bewies, dass er nicht nur daneben schießt. Dumm nur, dass es (noch) kein Bundesligaspiel der Borussia aus Dortmund war.

Dennoch steht die Wandlung des armenischen Mittelfeldakteurs exemplarisch für die Aufbruchstimmung in Dortmund. Im Jahre null nach der Motivationsmaschine Kloppo ist für den Klub aus dem Ruhrgebiet vieles neu. Die „echte Liebe“, das Klubmotto, hat nach Jürgen Klopp zwar etwas  an Glanz verloren. Indes, und das ist viel wichtiger, stimmen die Ergebnisse wieder.

Der Grund: Der nüchterne Taktikfuchs Thomas Tuchel steht, oder besser wirbelt, an der Borussia-Seitenlinie und versucht seine neuen Schützlinge auf Linie zu bringen. Nach einem Jahr Sabbatical ist der Mann aus Mainz zwar etwas schmaler geworden. Seiner Trainingslust hat das wenig geschadet. Der akribische Tuchel ist immer als erster auf dem Trainingsplatz und lässt die Borussia-Profis zu Extraschichten antreten.

Der neue Chefcoach will einen neuen Stil etablieren. Mit weniger als einer Zeitenwende gibt sich Tuchel nicht zufrieden. Dass das in Dortmund mehr als notwendig ist, zeigte die vergangene Saison. Das Kloppsche Umschaltspiel hatte sich abgewetzt. Auf einen Schlag wurde das gesamte System in Zweifel gezogen. Kein Wunder: Zwischenzeitlich landete der BVB auf dem letzten Tabellenplatz.

Anspruch und Realität klafften im vergangenen Sommer weiter auseinander als die legendäre Oberschenkel-Schnittwunde von Ewald Lienen. Mindestens genauso viele Schmerzen wie Lienen damals im August 1981 erlitten hatte, verspürten die Dortmunder Fans angesichts der überraschenden Misere.

Die Dortmunder Überfälle, für die Borussias junge Mannschaft selbst in England als „heißester Klub des internationalen Fußballs“ gefeiert wurde, missglückten immer häufiger.

Tuchel will nicht kontern. Das überfallartige Umschaltspiel entsprach nie seiner Idealvorstellung vom Fußball. Stattdessen soll der BVB mit insgesamt mehr Ballbesitz und geringeren Ballbesitzzeiten der einzelnen Spieler den Gegner in die Knie zwingen. Dominanz durch Passstafetten – das klingt nach dem FC Barcelona unter Pep Guardiola und verleitete Experten bereits dazu, vom „Tiki Taka im Ruhrgebiet“ zu träumen.

Doch sieben Jahre unter Klopp haben Spuren hinterlassen. Klar, dass Tuchel unter genauer Beobachtung steht. Das Dortmunder Fachpublikum fremdelt noch ein wenig mit ihm. Der nüchterne Neue ist eben kein Charakterkopf wie sein Vorgänger. Sie werden ihm im Westfalenstadion aber eine Chance geben.

Tuchel, der in Mainz oft sehr dünnhäutig auf Kritik reagierte, tut dennoch gut daran, die Nebengeräusche für eine Weile auf lautlos zuschalten. Besser noch: Mit Erfolgen einfach alle Kritiker verstummen lassen. Das gelingt allerdings nur, wenn Henrykh Mkhitaryan seine neugewonnene Treffsicherheit auch in der Bundesliga unter Beweis stellt. Am Samstag wird er die Chance dazu bekommen. Hach, endlich wieder Bundesliga!

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