Blatter kämpft um Deutungshoheit „Ich kann mit allem leben“

„Mission & Passion Fußball“: Bewegende Neuigkeiten zum Fifa-Skandal hat die neue Biografie Joseph Blatters zwar nicht zu bieten. Doch der Ex-Präsident verteilt fleißig Nadelstiche – und gibt sich noch nicht geschlagen.

Sepp Blatter stellt Buch vor

ZürichNach 53 Minuten huscht ein Lächeln über das Gesicht von Joseph Blatter. Knapp eine Stunde hat es bei der Vorstellung einer neuen Biografie über ihn gedauert, bis endlich eines seiner Lieblingsthemen zur Sprache kommt. „Eigentlich“, führt ein Teilnehmer der Podiumsdiskussion aus, „eigentlich wäre Sepp Blatter ein würdiger Träger des Friedensnobelpreises gewesen.“ Das Publikum applaudiert devot in Richtung des gesperrten Ex-Fifa-Präsidenten.

Nur unweit der Zentrale des Weltverbands, im Restaurant Sonnenberg mit Blick auf den malerischen Zürichsee, offenbart sich, dass Blatter trotz seiner sechsjährigen Verbannung aus dem Fußball den Kampf um die Deutungshoheit seines Erbes längst nicht aufgegeben hat.

Der Hang zum Vergleich mit den ganz Großen ist dabei auch im erzwungenen Ruhestand geblieben. „Ich habe gelitten. Die Passion Christi war auch Leiden, aber ich leide nicht mehr“, berichtet er über sein Fifa-Aus und verbreitet weiter mantrahaft seine Unschuldsbeteuerungen. „Ich kann mit allem leben, weil ich ein reines Gewissen habe. Ich habe nichts verbrochen.“ Der Bann wegen einer ominösen Zahlung an Uefa-Chef Michel Platini aus dem Jahr 2011? Ein „von der amerikanischen Justiz gesteuerter Komplott“. Der Gang vor den Internationalen Sportgerichtshof CAS: „Selbstverständlich“.

Auf 293 Seiten plus angehängtem Interview lässt Blatter durch den Autoren Thomas Renggli in „Sepp Blatter Mission & Passion Fussball“ seine Version der Wahrheit über seine 14.991 Tage bei der Fifa verbreiten. Die große Abrechnung oder bahnbrechende News bleiben aus in dem Werk, das sich auf eine weitgehende kritiklose Huldigung Blatters beschränkt. Stattdessen verteilt der 80-Jährige darin fleißig kleine Nadelstiche.

Messis Ball, Neymars Hut und Celias Bauch
Fröhliche Fußballfunktionäre
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Erstmals seit Jahren findet die Weltfußballer-Gala ohne Joseph Blatter statt. Den gesperrten FIFA-Chef vermisst aber offenbar niemand. Die Fußball-Familie feiert bei der Vergabe des Ballon d'Or ein entspanntes Fest.

Messis Ball
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Mit dem Ballon d'Or in seinen Armen stand Lionel Messi in der Interview-Zone des Kongresshauses in Zürich und sah aus wie ein Erstklässler, der seine Schultüte gegen die für einen einzelnen Spieler wichtigste Trophäe eingetauscht hatte. Auch nach seinem fünften Titel als Weltfußballer des Jahres wirkte der argentinische Superstar immer noch nicht wie der Imperator der Fußballwelt. Der ist er aber.

Lust am Spiel
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Mit 28 Jahren verheißt dessen Lust am Spiel nichts Gutes für seine Konkurrenten. Wichtiger als glänzende Trophäen im Arm bleibt dem Barca-Heroen der Ball am Fuß. „Ich weiß nicht, wie viele Ballon d'Or ich noch gewinnen werde, ich habe doch gerade erst diesen gewonnen“, sagte Messi.

Tor des Jahres
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Vila Nova's Stürmer Wendell Lira gewann den Preis für das Tor des Jahres. Überglücklich verdrückte er ein paar Tränen.

Ronaldos Hals
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Cristiano Ronaldo war tapfer gewesen. Interviews hatte er gegeben, jede Menge. Auf der Showbühne hatte er nicht nur sich selbst, sondern auch seinen Konkurrenten gelobt. Und Lionel Messi hatte er beim Gratulationshandschlag sogar beinahe angelächelt. Doch was genug war, war genug.

Selfies auf der Bühne
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In der Mixed Zone wurde Ronaldo nicht mehr gesehen. Durch den Hinterausgang verließ der Zweite der FIFA-Wahl das Kongresshaus, denn die Niederlage gegen Messi tat Ronaldo dann doch wieder weh. Statt mit dem vierten Titel mit seinem Dauerrivalen gleichzuziehen, musste bei dem Portugiesen die Erkenntnis reifen, dass er gegen den zwei Jahre jüngeren Kontrahenten keine Chance hat, wenn der auf seinem Normalniveau agiert.

Neymars Hut
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Manchmal kann es eine Erleichterung sein, nicht Zweiter, sondern Dritter zu werden. Der Sieg ist immerhin nicht knapp verpasst worden. So sah man einen gut gelaunten Neymar bei der Party zum Ballon d'Or. „Messi und Ronaldo sind eine Inspiration für mich“, sagte der Brasilianer, der zwei Jahre nach seinem Wechsel zum FC Barcelona erstmals den Sprung ins Toptrio der Weltfußballer-Gala geschafft hatte.

Der blatterkritische Fifa-Aufseher Domenico Scala wird als „Chef-Moralist“ bezeichnet. Über Präsidentschafts-Nachfolger Gianni Infantino weiß Blatter zu berichten, dass sein Landsmann sich vor der Zeit als Generalsekretär bei der Europäischen Fußball-Union einmal für eine Stelle bei der Fifa-Rechtsabteilung beworben habe – „ohne Erfolg“, wie er genüsslich hinzufügt.

Zudem berichtet Blatter, dass ihn das Schweizer Außenministerium noch im vergangenen Jahr gebeten haben soll, den burundischen Staatschef Pierre Nkurunziza eine Rolle als Fifa-Botschafter anzubieten und damit zum Verzicht auf eine dritte Amtszeit zu bewegen.

Neben derartiger Anekdoten zeigt das Buch die Bilder, wie sich Blatter am liebsten gesehen hat: Bei der Trikotübergabe bei Barack Obama im Weißen Haus, auf Augenhöhe mit Wladimir Putin, scherzend an der Seite von Papst Franziskus, auf der Tribüne neben einer jubelnden Angela Merkel.

Am Donnerstag hat sich neben Weggefährten wie dem geschassten Fifa-Mediendirektor Walter de Gregorio oder dem früheren Schweizer Nationaltrainer Köbi Kuhn allerdings eher die Züricher B-Prominenz versammelt. Die Rückkehr ins Rampenlicht genießt Blatter jedoch sichtlich – mitsamt der Insignien vergangener Macht: Vor dem Restaurant weht die blau-weiße Fifa-Fahne.

  • dpa
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