Oliver Bierhoff im Handelsblatt Wirtschaftsclub „Die DFB-Akademie soll das Silicon Valley, das Harvard des Fußballs werden“

Im Handelsblatt Wirtschaftsclub spricht DFB-Direktor Oliver Bierhoff über die Zukunft des deutschen Fußballs. Die liegt in geballtem Wissen und noch besserer Ausbildung.
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Der DFB-Direktor und Manager der Nationalmannschaft beim Handelsblatt Wirtschaftsclub im Gespräch mit dem stellvertretenden Chefredakteur des Handelsblatts. Quelle: Tim Frankenheim für Handelsblatt
Oliver Bierhoff und Thomas Tuma

Der DFB-Direktor und Manager der Nationalmannschaft beim Handelsblatt Wirtschaftsclub im Gespräch mit dem stellvertretenden Chefredakteur des Handelsblatts.

(Foto: Tim Frankenheim für Handelsblatt)

DüsseldorfOliver Bierhoffs Terminkalender ist prall gefüllt. Die anstehende Fußball-WM in Russland, der gestartete Bau der DFB-Akademie in Frankfurt, der Trainerwechsel der Frauen-Nationalmannschaft, in Kürze die Länderspiele gegen Spanien und Brasilien. Und an diesem speziellen Abend auch die Verabredung zum Essen bei der Familie in seiner Heimatstadt Essen. Trotzdem wirkt der 49-Jährige entspannt, als er sich am frühen Dienstagabend beim Handelsblatt Wirtschaftsclub in Düsseldorf auf der Bühne den Fragen des stellvertretenden Handelsblatt-Chefredakteurs Thomas Tuma stellt. Und denen des Publikums.

Zu erzählen hat Bierhoff reichlich. Erst im vergangenen Jahr wurde im Zuge einer Strukturreform des DFB seine ohnehin starke Position im Verband noch einmal deutlich aufgewertet. Direktor für die Bereiche Nationalmannschaften und Fußballentwicklung ist der ehemalige Stürmer seit 1. Januar 2018. Als „Super-Minister“ bezeichnete ihn das Fachmagazin „Kicker“. Und als solcher tritt Bierhoff auch auf. Souverän, locker – aber er zugleich weiß er immer genau, was und wozu er sich äußert. Und welche Botschaften er vermitteln will.

Der Schwerpunkt 2018 heißt sportlich natürlich: Weltmeisterschaft in Russland. „Wir zählen mit wenigen anderen Mannschaften zu den Favoriten“, erklärt Bierhoff. Das Ziel lautet Titelverteidigung, vom Potenzial dazu ist der Europameister von 1996 durchweg überzeugt.

Bierhoff will nicht erneut den Anschluss verlieren

Doch zeigt sich Bierhoff auch selbstkritisch. Und tritt auch als Mahner auf. „Menschlich nachvollziehbar“ sei das Tief der Mannschaft nach dem Titel 2014 gewesen. Die Zuschauer allerdings spürten, wenn den Spielern die Leidenschaft und die Begeisterung fehle.

Das schlug sich denn auch im Zuschauerinteresse nieder. In den meisten Heim-Länderspielen waren 2017 viele Plätze leer geblieben.

Bierhoff bewies Selbstironie und eine gute Portion Humor. Quelle: Tim Frankenheim für Handelsblatt
Gut gelaunter Talk

Bierhoff bewies Selbstironie und eine gute Portion Humor.

(Foto: Tim Frankenheim für Handelsblatt)

Das kann dem Mann, der die Marke „Die Mannschaft“ etabliert hat, nicht passen. Schließlich stammt ein Großteil der gesamten Verbandseinnahmen – der Teammanager spricht von etwa 70 Prozent – aus Ticket-Einnahmen, Sponsorendeals und sonstigen Geldflüssen, die die Mannschaft besorgt. Die Mittel fließen, so der DFB-Direktor, in die Breite und auf alle Ebenen. „Wir merken, dass wir mit der Nationalmannschaft immer wieder Highlights schaffen müssen“, sagt Bierhoff.

Zugleich gelte es, nicht den Anschluss zu verlieren. So wie nach dem WM-Titel 1990 passiert. Franz Beckenbauers historischer Ausspruch, das Team werde auf Jahre hinweg unschlagbar sein, führte dazu, dass sich der deutsche Fußball zehn Jahre lang selbst auf die Schulter geklopft habe, sagt Bierhoff: „Erst im Jahr 2000 sind wir, auch dank meines Rumpelfußballs, aufgewacht.“ Bis 2010 habe es danach letztlich gedauert, diesen Entwicklungsrückstand aufzuholen.

Bierhoff wirkt mehr als Treibender denn als Getriebener. Die Aufwertung und Ausweitung seines Tätigkeitsfelds spielt ihm merklich in die Karten. Neben nötiger Reformen in den Bereichen Transparenz und Compliance im Nachgang des Skandals um die Vergabe der WM 2006 – „Da kommt nichts mehr nach“ – geht es dem einstigen Weltklassestürmer immer wieder um die nachhaltige Entwicklung und Zukunftsfähigkeit des deutschen Fußballs. Klares Kernstück des Konzepts und auch von Bierhoffs eigener Agenda: die DFB-Akademie in Frankfurt. Das neue Leistungszentrum, für das ein Investitionsvolumen von 109 Millionen Euro vorgesehen ist und das Ende 2020 eröffnen soll, ist sein Baby.

Big Data als Herausforderung

Auch wenn sein derzeit gültiger Vertrag nur bis 2020 läuft und er sagt, er hinterfrage nach jedem Turnier seine eigene Motivation, spricht alles dafür, dass Bierhoff dann noch im Amt ist. Entsprechend scheut er die ganz großen Vergleiche nicht. „Die Akademie soll das Silicon Valley, das Harvard des Fußballs werden“, sagt er. Um die modernsten Technologien, Strategien und Methoden geht es ihm, die in die Spieler- und Trainerausbildung fließen. „Big Data, Machine Learning – das wird immer wichtiger im Spitzensport. Das ist eine Herausforderung, auf die wir alle unsere Profi-Trainer einstellen müssen.“

Wer immer sich auf der Welt über Fußball schlau machen wolle, der müsse denken: Dort sind die besten Leute, die besten Ideen, die machen mich besser. Das klingt nach Elitenförderung – und genau das soll es auch sein. Aber: „Das gesammelte Wissen geben wir in das System, auf unterschiedliche Ebenen und Tiefen.“

Der Zuschauerzuspruch der Location Seifenfabrik Dr. Thompson's in Düsseldorf war groß. Quelle: Tim Frankenheim für Handelsblatt
Volles Haus

Der Zuschauerzuspruch der Location Seifenfabrik Dr. Thompson's in Düsseldorf war groß.

(Foto: Tim Frankenheim für Handelsblatt)

Der DFB als modernes, innovatives Sportunternehmen – das ist Bierhoffs Vision. „Die anderen Nationen sind neugierig, fragen viel und kopieren unser System“, stellt er fest. Muss man sich denn Sorgen um den deutschen Nachwuchs machen? „Dem geht es gut“, sagt er – jedoch nicht ohne Einschränkung. Die Trainer der U-Nationalmannschaften berichteten, vor einigen Jahren habe es in den Jahrgängen noch sechs oder sieben herausragende Spielertalente gegeben. Heute, so Bierhoff, seien es noch zwei oder drei.

Um hier nicht wieder abgehängt zu werden – und hier führt er den Bogen zurück zur Attraktivität des Spiels – müsse sich auch die Ausbildung in der Jugend ändern. „Wir haben als Verband eine unglaubliche Kraft“, sagt er. Die Herausforderung sei es aber, diese zu bündeln. Das soll einerseits die Akademie leisten. Andererseits lässt Bierhoff an diesem Abend auch immer wieder anklingen, dass er den Einfluss, den der DFB auf die Bundesligen in der Ausbildung ausüben kann, voll ausnutzen wird. Ballorientierter soll es wieder zugehen, das Spiel nach vorne gefördert werden. Der ehemalige Stürmer wünscht sich mehr Tore.

Und träumt ein wenig von Zentralismus. Eine „ordnende Hand“ im deutschen Fußball fehle, anders als es etwa in US-Sportligen der Fall sei. Schließlich sei es nicht im Interesse aller Vereine, wenn der FC Bayern dominiere und nicht mehr gefordert sei – auch nicht im Interesse der Bayern selbst. Auch wenn Bierhoff ausdrücklich die Arbeit der DFL und Christian Seiferts als „ausgezeichnet“ lobt – dem Thema Investoren und mehr Geld im Fußball mag er sich nicht kategorisch verschließen. Allerdings sei er genauso „froh, dass er sich damit nicht beschäftigen müsse“.

Überrascht von Mertesackers heftigen Gefühlen

Die Frage, ob die hohen Summen im Fußball ein Problem darstellten, verneint der Teammanager. „Ob Neymar 220 Millionen Euro oder 80 Millionen Euro kostet, ab einer gewissen Schwelle bleibt der Erwartungsdruck gleich“, sagt er. Die ideellen Werte, die Emotionalität des Spiels dürften nur nicht auf der Strecke bleiben: „Die Geschichte muss der Fußball sein, nicht wer für wie viel wohin wechselt.“ Teil dieser Emotionalität sei auch die Identifikation der Spieler mit der Nationalmannschaft.

Eine Identifikation, die auch Per Mertesacker immer gezeigt hat. Der Spieler des FC Arsenal hatte zuletzt in einem vielbeachteten Interview über den hohen Druck auf Aktive berichtet und über die Belastung, die das für ihn immer dargestellt hat. Bierhoff zeigt sich überrascht von der Heftigkeit, mit der Mertesacker es empfunden hat. Er beschreibt ihn als hochkonzentrierten Spieler, der vor einer Partie in der Kabine auch einmal seinen Fußballschuh minutenlang fixierte und in einen Tunnel abtauchte.

Doch Bierhoff tut die Aussagen Mertesackers keineswegs ab. „Der Druck im Profigeschäft ist schon sehr hoch.“ Doch im Grunde müsse man früher ansetzen. „Die Frage ist: Muss ich eigentlich mit 13, 14 besessen vom Sport sein, um später in der Spitze zu sein?“, fragt der ehemalige Nationalstürmer. Der Preis für diese Art von Karriere sei die Kindheit. Entsprechend sei die Persönlichkeitsentwicklung ein wichtiger Aspekt. Zu lernen mit Drucksituationen umzugehen, sei deshalb eine Verantwortung, die der DFB schon in den Jugendauswahlmannschaften übernehmen müsse. „Wir haben da eine Fürsorgepflicht.“

Oliver Bierhoff war auch nach Ende der Diskussion noch begehrter Gesprächspartner. Quelle: Tim Frankenheim für Handelsblatt
Reges Interesse

Oliver Bierhoff war auch nach Ende der Diskussion noch begehrter Gesprächspartner.

(Foto: Tim Frankenheim für Handelsblatt)

Eine aktuelle Personalie wird an diesem Abend eher als Randthema besprochen: die Entlassung von Frauen-Bundestrainerin Steffi Jones. Er schätze sie sehr, als Person und ehrgeizige Trainerin. Doch: „Wenn man nicht mehr das Gefühl hat, dass eine Entwicklung stattfindet, muss man eingreifen“, sagt Bierhoff, der erst seit einigen Wochen auch für die Frauen-Auswahl zuständig ist. Eine Nachfolge sei noch nicht geregelt. Klar sei nur, dass Horst Hrubesch an dieser Stelle definitiv eine Interimslösung sei. Für diese Situation sei er aber vielleicht genau der Richtige. „Ähnlich wie Jupp Heynckes bei den Bayern.“

Leise Kritik an Katar

Der letzte Punkt des Abends gehört den Zuschauerfragen. Und da geht es abschließend um die politische Bedeutung des Fußballs. Muss die Mannschaft bei der WM in Russland ein Zeichen setzen – und kann sie das überhaupt? „Natürlich stehen wir für Menschenrechte ein“, antwortet Bierhoff, „aber wir wollen den Sport als Verbindung nutzen.“ Die Begegnung mit den Menschen sei das, was der Fußball leisten könne. Es gehe darum, mit gutem Beispiel voranzugehen - nicht, mahnend den Zeigefinger zu heben. Bierhoff bleibt in seinen Aussagen diplomatisch.

Auch, wenn es um die folgende WM in Katar geht. „Es hilft nichts, wenn man in Deutschland für kantige Aussagen bejubelt wird, aber damit im Rest der Welt seine Position schwächt“, sagt er. Er habe in seiner jetzigen Position erst lernen müssen, dass man nicht immer seinen Standpunkt durchboxen könne. Ein wenig kantig wird er aber dennoch: „Die Tatsache, dass die WM nicht im Sommer stattfinden kann, zeigt, dass die Entscheidung für Katar nicht unbedingt gut durchdacht war.“

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