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Mesut Özil

Sein letztes Länderspiel: Özil und die DFB-Auswahl verlieren Ende Juni gegen Südkorea und scheiden in der WM-Vorrunde aus.

(Foto: dpa)

Eklat um Präsidenten-Fotos Nach Kritik an Medien, Sponsoren und Verband – Mesut Özil verkündet Abschied aus DFB-Elf

Fußball-Nationalspieler Mesut Özil verteidigt seine umstrittenen Fotos mit dem türkischen Präsidenten Erdogan und attackiert seine Kritiker.
Update: 22.07.2018 - 21:23 Uhr Kommentieren

BerlinLange hat er geschwiegen. Am Sonntag waren Mesut Özils Äußerungen dafür umso klarer und umfangreicher. In mehreren schriftlichen Statements, die er via Twitter verbreitete, wehrte sich der 29-jährige Nationalspieler gegen seine Rolle als WM-Sündenbock in der seit Mai schwelenden Affäre um die Fotos mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan.

Seine dreiteilige Erklärung auf Englisch gipfelte am Abend in einer persönlichen Attacke gegen Reinhard Grindel, den Chef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) – und seinem Rücktritt aus der Nationalmannschaft.

„Mit schwerem Herzen und nach langer Überlegung werde ich wegen der jüngsten Ereignisse nicht mehr für Deutschland auf internationaler Ebene spielen, solange ich dieses Gefühl von Rassismus und Respektlosigkeit verspüre“, schrieb Özil. Er fühle sich vom DFB und vor allem dessen Präsident Grindel schlecht behandelt. „Ich werde nicht länger als Sündenbock dienen für seine Inkompetenz und seine Unfähigkeit, seinen Job ordentlich zu erledigen“, betonte Özil an Grindels Adresse.

Zuvor hatte der Spielmacher des FC Arsenal London seine Bilder mit dem umstrittenen Staatschef Erdogan wortreich verteidigt und politische Absichten bestritten. Zudem griff Özil deutsche Medien und Sponsorenpartner scharf wegen ihres Verhaltens an. Eine Zukunft in der DFB-Auswahl, die einst als Vorbild für die Integration von Migrantenkindern stand und nun ins Zentrum einer teils fremdenfeindlichen Debatte geraten ist, schien schon bei diesen Worten fraglich.

Am Abend zog Özil dann im letzten Teil seiner schriftlichen Äußerungen den Schlussstrich unter seine DFB-Karriere.

Das Treffen mit Erdogan in London, an dem auch DFB-Teamkollege Ilkay Gündogan teilnahm, bereut Özil nicht. „Was auch immer der Ausgang der vorangegangenen Wahl gewesen wäre oder auch der Wahl zuvor, ich hätte dieses Foto gemacht“, schrieb Özil. „Ein Foto mit Präsident Erdogan zu machen hatte für mich nichts mit Politik oder Wahlen zu tun, es war aus Respekt vor dem höchsten Amt des Landes meiner Familie.“

Kritik von Ex-Grünen-Chef Özdemir

Kritiker sahen die Fotos als Wahlhilfe für Erdogan. „Mit dem Alleinherrscher Erdogan zu posieren empfinde ich als respektlos denen gegenüber, die in der Türkei gegängelt werden oder willkürlich im Gefängnis sitzen“, teilte der ehemalige Grünen-Vorsitzende Cem Özdemir am Sonntag mit. Özil sei seiner Vorbildfunktion nicht gerecht geworden. Özil indes schrieb: „Für mich ist es nicht von Bedeutung gewesen, wer Präsident war, es war von Bedeutung, dass es der Präsident war.“

Özil verwies auf seine türkischen Wurzeln. Sich nicht mit Erdogan zu treffen hätte bedeutet, diese Wurzeln nicht zu respektieren, unabhängig davon, wer Präsident sei. Im Gespräch mit Erdogan sei es um Fußball gegangen, nicht um Politik. Mit Erdogan habe er sich erstmals bereits 2010 getroffen, nachdem dieser zusammen mit Bundeskanzlerin Angela Merkel das Länderspiel zwischen Deutschland und der Türkei in Berlin besucht hatte. Damals war Özil von vielen türkischstämmigen Besuchern ausgepfiffen worden.

Die Affäre um die Fotos hatte die WM-Vorbereitung der Nationalmannschaft überschattet und war auch während des Turniers in Russland ein Störfaktor. Nach dem erstmaligen Aus des DFB-Teams in einer WM-Vorrunde hatten Teammanager Oliver Bierhoff und DFB-Chef Grindel gefordert, Özil solle sich öffentlich erklären. Beiden wurde daraufhin vorgeworfen, sie würden den 29-Jährigen zum Buhmann machen. „Ich fühle mich ungewollt und denke, dass das, was ich seit meinem Länderspiel-Debüt 2009 erreicht habe, vergessen ist“, schrieb Özil.

Die Debatte um die Erdogan-Fotos ging jedoch weit über den Fußball hinaus. Die Diskussion um die Integration der Nachkommen von Migranten und um Fremdenhass wurde immer schärfer. „Ich bin Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren“, beschrieb Özil seine Situation und berichtete von Hass-Mails und Drohungen gegen seine Familie und ihn.

Özil warf „bestimmten deutschen Zeitungen“ rechte Propaganda vor, „um ihre politischen Interessen voranzutreiben“. Er sei enttäuscht über die „Doppelmoral“ in der Berichterstattung und verwies auf ein ebenfalls umstrittenes Treffen von Lothar Matthäus mit Kremlchef Wladimir Putin. Matthäus habe sich dafür nicht öffentlich erklären müssen und dürfe weiterhin Ehrenspielführer bleiben. „Macht mein türkisches Erbe mich zu einem besseren Ziel?“, fragte Özil.

Nach den Bildern mit Erdogan sei er von einem DFB-Sponsor nachträglich aus Werbekampagnen entfernt worden. Alle weiteren PR-Aktivitäten, für die er eigentlich vorgesehen war, seien gestrichen worden. „Für sie war es nicht länger gut, mit mir gesehen zu werden. Sie nannten diese Situation ‚Krisenmanagement‘“, ließ Özil wissen, ohne den Namen des Sponsors konkret zu nennen.

Auch eine geplante Aktion für einen guten Zweck in seiner früheren Schule in Gelsenkirchen sei wegen des Wirbels um die Fotos nicht zustande gekommen. Seine Partner für die Benefizaktion hätten ihm wenige Tage vorher gesagt, derzeit nicht mehr mit ihm arbeiten zu wollen. Auch von der Schule habe er eine Absage bekommen. „Ganz ehrlich, das tat wirklich weh“, schrieb Özil.

Özil mit Arsenal auf Werbetour in Singapur

Kurz nach Auftauchen der Fotos waren Özil und Gündogan sogar zu einem Gespräch bei Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zu Gast gewesen. Während Gündogan sich noch vor der WM äußerte und versicherte, es habe sich nicht um „ein politisches Statement“ gehandelt, schwieg Özil über Wochen. Kanzlerin Merkel hatte bei einem Besuch im WM-Trainingslager in Südtirol mit Özil und Gündogan gesprochen. „Ich glaube, die beiden Spieler haben nicht bedacht, was das Foto auslöst mit dem Präsidenten Erdogan“, sagte Merkel später der ARD.

Recep Tayyip Erdogan, Staatspräsident der Türkei, hält im Mai 2018 zusammen mit DFB-Kicker Mesut Özil ein Trikot des Fußballers. Quelle: dpa
Anstoß der Debatte

Recep Tayyip Erdogan, Staatspräsident der Türkei, hält im Mai 2018 zusammen mit DFB-Kicker Mesut Özil ein Trikot des Fußballers.

(Foto: dpa)

Noch vor acht Jahren hatte ein Foto der Kanzlerin in der Kabine des DFB-Teams neben dem halbnackten Özil für Aufsehen gesorgt. Wenn Bundestrainer Löw nun am 29. August das Aufgebot für die nächsten Länderspiele nominiert, wird Özil fehlen. Am 6. September spielt der entthronte Weltmeister in München in der Nations League gegen den neuen Titelgewinner Frankreich. Am 9. September folgt ein Test gegen Peru in Sinsheim.

Nahezu zeitgleich zur Veröffentlichung seiner Erklärungen trat Özil am Sonntag mit dem FC Arsenal eine Reise nach Singapur an. Dort gehen die „Gunners“ auf Werbetour und treffen in einem Freundschaftsturnier im National-Stadion am Donnerstag auf den Europa-League-Sieger Atlético Madrid und am Samstag auf den französischen Fußballmeister Paris Saint-Germain.

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