Fußball in Russland Erfolglos mit Putins Segen

Es ist das Jahr der Fußball-WM in Russland. Doch sportlich läuft es für die Nationalmannschaft schlecht. Das Problem fußt in der Profiliga: Die ist Spielplatz für Oligarchen und Exoten – protegiert von höchsten Kreisen.
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Der russische Präsident ist auch im Fußball ein einflussreicher Mann. Quelle: AFP
Wladimir Putin

Der russische Präsident ist auch im Fußball ein einflussreicher Mann.

(Foto: AFP)

MoskauFußball in Russland ist Staatsangelegenheit: Nicht erst seit der Vergabe der Fußball-WM mischen Funktionäre in der ersten russischen Liga, der Premier-Liga, mit. Gleiche Chancen für die Klubs bedeutet das nicht, denn auch die Bürokraten haben ihre Lieblingsklubs und so ist die Liga ähnlich wie im Westen in eine Zweiklassengesellschaft geteilt. Die armen Vereine kämpfen ums Überleben, die reichen um die Meisterschaft.

In diesem Jahr fährt mal Lokomotive Moskau vorweg. Der Verein wird von der staatlichen russischen Eisenbahn gesponsert und verfügt über einen Etat von umgerechnet 80 Millionen Euro. Trainerfuchs Juri Sjomin hat das Team gut eingestellt und zur Winterpause nach 20 Spieltagen immerhin schon 45 Punkte angesammelt.

Die Neuzugänge im Sommer stellten sich mehrheitlich als Glücksgriff heraus. Der Peruaner Jefferson Farfan trifft regelmäßig, die Leihgabe Eder – portugiesischer Schütze des entscheidenden Tores im Finale der Fußball-EM 2016 – ergänzt ihn hervorragend und die Abwehr steht sicher. Mit acht Punkten Vorsprung bei noch ausstehenden zehn Spieltagen können die „Eisenbahner“ auf den ersten Titel seit 2004 hoffen.

Zenit St. Petersburg und Spartak Moskau heißen die Verfolger. Und sie verfolgen mit Macht, denn es sind die finanzkräftigsten Klubs der Liga. Zenit ist der Krösus in Russland: Dank der großzügigen Unterstützung des staatlichen Energieriesen Gazprom liegt das Budget bei 160 Millionen Euro in der laufenden Saison.

Eins ist klar: Der Klub profitiert von den Sympathien des Kremls. Nicht nur Präsident Wladimir Putin, auch der Großteil seines direkten Umfelds stammt aus St. Petersburg. Putins Vertrauter Vizepremier Witali Mutko, der bis zum Dopingskandal allmächtige Sportfunktionär Russlands, war sechs Jahre lang Präsident des Vereins.

Vier Meisterschaften konnte das Team in den letzten zehn Jahren abräumen, dazu mehrere zweite und dritte Plätze. Es gab praktisch nichts, was sich der Verein nicht leisten konnte: Wenn es um Transferwahnsinn in Russland ging, war Zenit stets vorweg. 2012, Jahre vor den internationalen  Rekordtransfers Pogba und Neymar, legte der Verein innerhalb eines Tages fast 100 Millionen Euro für zwei Spieler auf den Tisch: Der Brasilianer Hulk und der Belgier Axel Witsel prägten jahrelang das Spiel der Newa-Städter.

Ohne ausländische Stars geht es nicht

Die Schauplätze der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland
Moskau
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Mit mehr als zwölf Millionen Einwohnern ist Moskau die größte Stadt Europas und gilt als Machtzentrum Russlands. Zu den wichtigsten Wahrzeichen gehört der Kreml am Roten Platz. Hinter Backsteinmauern lenkt dort Präsident Wladimir Putin die Geschicke des Landes. Moskau hat zwei WM-Stadien: die Arena des Traditionsclubs Spartak sowie das renovierte Luschniki-Stadion, wo Eröffnungsspiel und Finale stattfinden.

Kasan
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Die Hauptstadt der ölreichen Teilrepublik Tatarstan gilt als Beispiel für ein Miteinander der Kulturen – hier stehen Moscheen muslimischer Tataren neben orthodoxen Kirchen christlicher Slawen. Sportliches Aushängeschild der Stadt an der Wolga ist Rubin Kasan.

Sotschi
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Dank der Olympischen Winterspiele unter Palmen wurde der beliebte Badeort mit subtropischem Klima 2014 weltbekannt. Zudem hat Sotschi eine Formel-1-Rennstrecke. Die russische Elite schätzt den Ort am Schwarzen Meer als Feriendomizil.

St. Petersburg
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Zar Peter I. gründete die Stadt 1703 als „Fenster nach Europa“ seines Reichs. Hier ergriffen die Kommunisten 1917 die Macht. Zu Sowjetzeiten hieß die Stadt an der Newa Leningrad. Heute ist die Touristenmetropole die zweitgrößte Stadt Russlands. Das Zentrum ist Unesco-Welterbe und wird wegen seiner malerischen Flüsse und Kanäle auch als „Venedig des Nordens“ bezeichnet.

Jekaterinburg
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Die nach Zarin Katharina I. benannte Stadt am Ural-Gebirge gilt als Tor nach Sibirien. 1918 wurde hier Zar Nikolaus II. mit seiner Familie ermordet. In der Region sind Schwerindustrie und Waffenschmieden angesiedelt. Als prominentester Sohn der Stadt gilt Ex-Präsident Boris Jelzin (1931-2007).

Kaliningrad
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Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die deutsche Stadt Königsberg der UdSSR zugesprochen. Heute grenzt das westlichste Gebiet Russlands nur an EU-Staaten. Als bekannteste Persönlichkeit der Ostsee-Region zwischen Polen und Litauen gilt der Philosoph Immanuel Kant (1724-1804).

Nischni Nowgorod
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Die Stadt an der Mündung der Oka in die Wolga war im 19. Jahrhundert ein Konkurrent für Moskau als Handelsdrehscheibe. Ein Sprichwort sagt noch heute: „Moskau ist das Herz Russlands, St. Petersburg der Kopf und Nischni Nowgorod seine Tasche.“

Millionentransfers und Riesengehälter: In Zeiten des Ölbooms versuchten die russischen Klubs, den Erfolg auf internationaler Ebene zu erzwingen. Zenit machte sich dadurch zumindest einen Namen im europäischen Fußball. Die Resultate für die russischen Klubs sind dennoch durchwachsen.

Zwei Uefa-Cup-Siegen – 2005 (ZSKA)  und 2008 (Zenit) – steht auf Champions League Ebene nur eine Viertelfinalteilnahme seit dem Jahr 2000 gegenüber; zumeist war schon in der Gruppenphase Endstation. Auch die Nationalmannschaft profitierte nicht wie erhofft von den Legionären und dem wachsenden Konkurrenzkampf in der Heimatliga.

Also wurde im Kreml kurzfristig umdisponiert: Um sich für die anstehende Weltmeisterschaft im eigenen Land zu rüsten, wurde die Anzahl der Legionäre nach der verkorksten WM 2014 in Brasilien konsequent zurückgefahren: Seit der Saison 2015/16 dürfen nur noch maximal sechs Ausländer für eine Mannschaft auf dem Rasen stehen. Auch bei Zenit hat man darauf reagiert. Hulk und Witsel sind inzwischen nach China verkauft.

Ohne Stars von außerhalb geht es trotzdem nicht, nur mit russischen Spielern fehlt den Klubs Wettbewerbsfähigkeit. Mit dem jungen Argentinier Leandro Paredes etwa hofft  St. Petersburgs Chefcoach Roberto Mancini auf adäquaten Ersatz für die Spitzenspieler der Vergangenheit.

Für den 23-jährigen Paredes überwies Gazprom immerhin 23 Millionen nach Rom. Weitere vier Millionen könnten durch Bonuszahlungen hinzukommen. Daneben hat Zenit aber auch Stützen der „Sbornaja“, der russischen Nationalmannschaft, wie Juri Schirkow, Oleg Schatow oder Alexander Kokorin in den Reihen.

Der drittplatzierte  der Liga, Spartak Moskau, kann mit 120 Millionen ebenfalls ein stattliches Budget aufweisen. Im Gegensatz zu den meisten anderen Klubs ist Spartak allerdings durch einen privaten Sponsor abgedeckt. Edelfan Leonid Fedun ist Vizechef und Großaktionär beim Ölkonzern Lukoil. Dementsprechend viel investiert der Konzern in den Verein. In der Champions League scheiterte der aktuelle Meister aber dennoch erneut in der Vorrunde und muss nun im Frühjahr sein Glück in der Euro League versuchen.

Der schrillste Vertreter kommt aus Tschetschenien

Die Aufreger beim Confed Cup
Videobeweis
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Der Fußball bleibt menschlich. Die holprige Einführung des Videobeweises mit Pannen und Peinlichkeiten der überfordert wirkenden Schiedsrichter hat den Skeptikern viele Argumente geliefert. Tatsächlich konnten einige Fehlentscheidungen der Referees durch die Videoansicht korrigiert werden. Aber spätestens...

Quelle: dpa

Kartenchaos
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...nach der lächerlichen Kartenkonfusion beim Spiel Deutschland gegen Kamerun muss der gesamte Ablauf noch einmal auf den Prüfstand. Nicht nur Fans und TV-Zuschauer, sondern auch Spieler und Trainer sind verwirrt. „In einigen Fällen hat er sich bewährt, vielleicht kann man das eine oder andere noch optimieren“, sagte Bundestrainer Joachim Löw.

Doping
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Jetzt also doch auch der Fußball? Der Bericht der englischen Zeitung „Mail on Sunday“ über eine mögliche Verwicklung der gesamten WM-Mannschaft von 2014 in den Skandal um russisches Staatsdoping sorgte für mächtig Aufregung. Die Faktenlage bleibt unklar. Denn die Fifa gibt keinen Einblick in die ihr vorliegenden Unterlagen.

Parallelwelten
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Die Taktik passt zur generellen Geisteshaltung im Fußball zum Thema Doping. Gab es nie, wird es nie geben, sagte sinngemäß Russlands Multifunktionär Witali Mutko (Bild), eine zentrale Figur in dem Skandal. Wer glaubt's noch? Die Fifa betonte reflexartig: Alle Dopingproben bei der WM 2014 und beim Confed Cup 2017 waren negativ.

Wladimir...
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Winter-Olympia 2014 in Sotschi war Putins Show. Kritiker befürchteten, Russlands Präsident werde schon den Confed Cup als Bühne der großen Selbstinszenierung nutzen. Sein Auftritt mit Fußball-Ikone Pelé und Fifa-Chef Infantino beim Eröffnungsspiel und die merkwürdig anmutende Rede von der Ehrentribüne aus, untermauerten diese Vorstellung. Seither ist der Kreml-Chef aber weitgehend abgetaucht. Auch, weil die Sbornaja patzte?

...und Gianni
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Infantino verfolgte das Turnier zuletzt von der Zentrale in Zürich aus. Erst zum Halbfinale wird der Schweizer zurückerwartet. Putin wird sich die Finalshow am Sonntag in St. Petersburg sicher nicht nehmen lassen.

Logistik
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Fifa-Generalsekretärin Fatma Samoura gab den russischen Organisatoren schon vor dem ersten Anpfiff einen Freibrief. Alles paletti in Russland, war die Botschaft. Das mutete merkwürdig an. Tatsächlich wird der Testlauf nun aber ohne große erkennbare Probleme organisiert. Kameruns Trainer Hugo Broos schimpfte laut über den einen oder anderen Stau. Der Verkehr in den Metropolen Moskau und St. Petersburg ist wahrlich eine Herausforderung. Superstar Cristiano Ronaldo mokierte sich über den schon einmal erneuerten und dennoch schlechten Rasen im Endspielstadion in der ehemaligen Zarenstadt. In Südafrika und Brasilien hatte die FIFA größere Probleme.

Finanziell den Abschluss der „großen Vier“ bildet ZSKA Moskau. Fast 70 Millionen Euro kommen durch Sponsorenverträge mit verschiedenen staatlichen Holdings von Aeroflot über den Stromversorger Rosseti bis zum Rüstungsbauer „Wertoljoty Rossii“ herein.

Doch in der aktuellen Saison läuft es nicht. In der Liga nur auf Rang fünf und auch in der Champions League ausgeschieden, sehnt sich das Team um Russlands Stammtorhüter Igor Akinfejew wohl schon auf die nächste Saison.

Der wohl schrillste Verein der Liga kommt aus Tschetschenien: Vor der Saison wurde Terek Grosny in Achmat Grosny umbenannt; nach dem Vater des Regionsoberhaupts Ramsan Kadyrow. Kadyrow ist der wichtigste Fan des Klubs und ermöglicht dem Verein über dubiose Spenden immerhin einen Etat von 30 Millionen Euro.

Für eine zutiefst von föderalen Dotationen abhängige Region kein kleiner Happen. Aktuell kann Kadyrow, der auf dem Feld auch schon mal zur öffentlichen Schiedsrichterschelte oder noch vor der Entlassung zur Trainerkritik – so geschehen gegenüber Ruud Gullit – ansetzt, zufrieden sein. Das Team ist auf dem siebten Platz.

Das wichtigste Fußballereignis in Grosny zelebrierte Kadyrow allerdings bereits am 7. Oktober zum Geburtstag Wladimir Putins. Da ließ er internationale Fußball-Prominenz nach Tschetschenien zu einem Freundschaftsspiel einfliegen.

Neben Ronaldinho und Co stand natürlich auch Kadyrow selbst auf dem Platz. Und ebenso natürlich durfte Putins starker Mann im Kaukasus auch ein Tor im Freundschaftsspiel schießen, um seine Selbstverliebtheit zu stillen.

Wie viel allein das Event gekostet hat, bleibt im Dunkeln. Es ist nicht auszuschließen, dass das Budget vergleichbar mit dem der kleinsten Klubs der Liga ist: Außenseiter SKA Chabarowsk hat nämlich gerade mal sechs Millionen Euro zur Verfügung. Mit zwölf Punkten ist für die Kicker aus dem russischen Fernen Osten der Abstieg auch kaum noch zu verhindern.

Die Elf Highlights beim Confed Cup
Finale
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Vor dem Finalwochenende beim Confed Cup staunt die Fußball-Welt über Deutschland. Sogar mit der jungen B-Auswahl stürmt Joachim Löw ins Finale. Die russischen Gastgeber reagieren mit Ehrfurcht.

Leon der Profi
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Hält diese Form in der Bundesliga, ist Goretzka das Russland-Ticket für 2018 sicher. Der Junge aus dem Pott ist der Senkrechtstarter des WM-Testlaufs. Drei Tore, schnell und durchsetzungsstark. Da reift womöglich ein neuer Superstar heran.

Rewind-Taste
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Die Schiedsrichter können einem fast leid tun. Das neue Video-System sollte Fehler verhindern – und jetzt dieses Chaos. Zu oft müssen die Video-Referees die Rückspultaste drücken, bis die richtige Entscheidung steht. Ob es in der Bundesliga besser klappt?

3878295
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Hinter diesem Code verbirgt sich laut ARD-Recherchen eine positive Dopingprobe eines russischen Nationalspielers. Nicht weniger verstörend als die sich häufenden Verdachtsmomente ist der Umgang der russischen WM-Macher: Sie leugnen und diffamieren westliche Medien.

Papa Cristiano
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Eitles Gehabe? Steuerschulden? Egal. In Russland vergöttern sie Portugals Mega-Helden. Berührend, wie Ronaldo der kleinen Polina im Rollstuhl seine Jacke schenkte. Schnell gepostet war das Bild mit seinen Zwillingen nach dem vorzeitigen Heimflug.

Zar Gianni
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Die Fotos von FIFA-Chef Infantino neben Wladimir Putin beim Eröffnungsspiel werden sicher noch oft aus dem Archiv geholt. Die kritiklose Nähe zum russischen Präsidenten macht ihn angreifbar. DFB-Chef Reinhard Grindel gibt da ein besseres Bild ab.

In der Oper
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Die Chilenen sangen, die Mexikaner feierten. Ohne die Fans vom amerikanischen Kontinent wäre es aber in den Stadien arg ruhig geblieben. Deutsche Fans waren praktisch keine da. Und der Russe begeistert sich beim Fußball maximal mit Ahh- und Ohh-Rufen.

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