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Fußball Warum Özils Entscheidung Deutschland entzweit

Der Rücktritt Mesut Özils aus der Nationalmannschaft offenbart vor allem eins: Wie überreizt die Debatte um Einwanderung und Integration in Deutschland ist.
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Der Fußballprofi hat eine große Debatte ausgelöst. Quelle: ddp images/Xinhua/
Mesut Özil

Der Fußballprofi hat eine große Debatte ausgelöst.

(Foto: ddp images/Xinhua/)

DüsseldorfMesut Özil. Das war einmal ein genialer Fußballer. Einer, der die Lücken erkannte wie kein anderer und der mit präzisen Pässen jeden Stellungsfehler der der gegnerischen Abwehr bestrafte. Einer, der Weltmeister wurde, der mit seinen Vereinen den deutschen, spanischen und englischen Pokalsieg feierte – und der seit Jahren zu Europas Besten zählte.

Im Grunde genommen hat sich daran auch nichts geändert.

Doch Özil, der erfolgreiche Mittelfeldspieler mit türkischen Wurzeln, der 1988 in Gelsenkirchen geboren wurde, ist seit seinem spektakulären Rücktritt aus der deutschen Nationalmannschaft vor ein paar Tagen nicht mehr nur ein deutscher Fußballstar, der im Ausland Millionen verdient – er ist zum Symbol geworden.

Auf Twitter verbreitete er eine dreiteilige Rücktrittserklärung, gespickt mit Kritik an Reinhard Grindel, dem Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes (DFB). Sie hat die Debatte um sein Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan im Anschluss an die verkorkste Weltmeisterschaft in Russland wieder hochkochen lassen.

Doch wofür steht Özil eigentlich?

Seine Gegner sehen in ihm den undankbaren Fußball-Legionär, dessen Loyalität der Türkei und ihrem autokratischen Präsidenten gilt – statt dem Geburtsland mit seinen rechtsstaatlichen Werten, das ihm seine große Karriere erst ermöglichte. „Jammer-Rücktritt“, ätzte die „Bild“-Zeitung und kritisierte den Mittelfeldspieler tagelang hart.

Seine Verteidiger beklatschen zwar nicht das Erdogan-Foto. Doch die teils übel rassistischen Beleidigungen, die „Hassmails“ und „Drohanrufe“ die Özil beklagt, sehen sie als weit größeres Problem an. Genau wie das kollektive Schweigen von DFB-Verantwortlichen wie Bundestrainer Joachim Löw. Immerhin war es Löw, der Özil förderte, und der Özil sportlich viel zu verdanken hat.

Dass das Foto eines Fußballers mit einem Autokraten wochenlang die Gemüter der Nation bewegt, ist weder mit dem peinlichen Vorrunden-Aus bei der WM, noch dem Sommerloch und dem heißen Wetter befriedigend zu erklären. Zumal die wenigsten Fußballspieler für überlegte Aktionen jenseits des Rasens bekannt sind.

Über ein Bild von Ex-Nationalspieler Lothar Matthäus mit Russlands ähnlich autoritär regierendem Präsidenten Wladimir Putin während der WM regte sich kaum einer auf. Dass Philipp Lahm bei der Siegerehrung in Moskau eben jenem Putin den Pokal übergab – auch das störte niemanden. Und dass die nächste WM in Katar gespielt wird, einem Land mit einer höchst zweifelhafter Menschenrechts-Bilanz, darüber spricht längst keiner mehr.

Ex-Fußballnationalspieler Lothar Matthäus (links) mit Russlands Präsident Wladimir Putin (Mitte) sowie Fifa-Präsident Gianni Infantino, dem Vizepräsidenten der Russischen Fußballunion Nikita Simonyan und dem ehemaligen brasilianischen Nationalspieler Jorge Campos Navarrete. Quelle: dpa
Keine Aufregung über dieses Foto

Ex-Fußballnationalspieler Lothar Matthäus (links) mit Russlands Präsident Wladimir Putin (Mitte) sowie Fifa-Präsident Gianni Infantino, dem Vizepräsidenten der Russischen Fußballunion Nikita Simonyan und dem ehemaligen brasilianischen Nationalspieler Jorge Campos Navarrete.

(Foto: dpa)

Warum also ist die Aufregung um Özil so groß?

In die aktuelle Debatte fließt die Diskussion um die Zurückweisung von Flüchtlingen an der deutschen Grenze, über die sich die Bundesregierung beinahe entzweit hätte. Eine Petitesse elektrisiert nun zwei Lager, da sie eine neue, dominante Konfliktlinie der deutschen Gesellschaft berührt.

Wurde früher über Hartz IV und Ökosteuer gestritten, dreht sich heute fast jede heftige Debatte um Identitätspolitik. Integration, Zuwanderung, Rassismus, Heimat – jetzt auch „Özil“ – das sind die Reizwörter einer überreizten Nation.

Özils Satz, er sei „in den Augen von Grindel (...) Deutscher, wenn wir gewinnen, und ein Immigrant, wenn wir verlieren“, traf das Gefühl vieler Menschen mit Migrationshintergrund. Dass ihnen Özil-Kritiker, zumeist Deutsche ohne Diskriminierungserfahrung, nun erklären wollten, was Rassismus ist, half da wenig.

Dass DFB-Präsident Grindel nun zumindest einen Fehler eingesteht, spricht für sich. „Jede Form rassistischer Anfeindungen ist unerträglich, nicht hinnehmbar und nicht tolerierbar“, sagte er am Donnerstag. „Das galt im Fall Jérôme Boateng, das gilt für Mesut Özil, das gilt auch für alle Spieler an der Basis, die einen Migrationshintergrund haben.“

Einen Rücktritt allerdings schloss er aus. Mit dem Verband will er schließlich die EM 2024 ausrichten. Die Entscheidung darüber fällt im September. Einziger Mitbewerber ist ausgerechnet: die Türkei.

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