„Jetzt kommt unsere Zeit“ Vom Arbeitslosen zum Hoffnungsträger

Nichts geht mehr auf dem Transfermarkt - fast. In der Sportschule Wedau in Duisburg halten sich seit Juli arbeitslose Fußballer fit, die nun für manchen Verein zur letzten Hoffnung werden können. So wie David Odonkor.
  • Jürgen Bröker
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Christian Mikolajczak, Julian Lüttmann und Nico Frommer (v.l.) in der Halbzeitpause des Testspiels der VDV-Camp-Mannschaft gegen die U23 von Borussia Mönchengladbach. Quelle: Jürgen Bröker

Christian Mikolajczak, Julian Lüttmann und Nico Frommer (v.l.) in der Halbzeitpause des Testspiels der VDV-Camp-Mannschaft gegen die U23 von Borussia Mönchengladbach.

(Foto: Jürgen Bröker)

DuisburgDas also sind sie, die Übriggebliebenen. Die Fußballer ohne Job. In roten Trikots rennen und grätschen sie an diesem Nachmittag über den Platz der Sportschule Wedau in Duisburg. In der Hoffnung, dass da hinten unter den Bäumen jemand steht, der ihre Leistung zu schätzen weiß. Einer der Spieler auf dem Feld ist Julian Lüttmann. Zweit- und Drittliga erfahrener Stürmer. 29 Jahre alt. Eigentlich im besten Fußballeralter. Ein Alter, in dem man zum Führungsspieler reift. Lüttmann hätte das Zeug dazu. Auf und neben dem Platz. Noch immer ist er torgefährlich. Und er hat viele Erfahrungen gesammelt von der Regionalliga bis zur 2. Liga. 

Doch bisher will niemand diese Erfahrung. An irgendeinem Punkt in seiner Karriere hat sich der Weg geteilt und er hat sich für die falsche Richtung entschieden. Auch deshalb ist er jetzt hier und nicht bei einem Verein unter Vertrag. Einen solchen Punkt gibt es bei allen 70 gemeldeten Teilnehmern im Camp für arbeitslose Vertragsfußballspieler in Duisburg. Seit dem 11. Juli trainieren sie dort unter professionellen Bedingungen. 

100.000 Euro lässt sich die Spielergewerkschaft VDV das Camp kosten, unterstützt wird sie dabei von der DFL. Die Bedingungen für die Spieler sind optimal. Der aktuelle Spielball der Bundesliga liegt in großen Mengen bereit. Dazu kommt die komplette Ausrüstung für das Training sowie die Unterbringung in der Sportschule Wedau samt Verpflegung. Rasenplätze sind in ausreichender Zahl vorhanden. Es gibt Medizinchecks und Leistungsdiagnostik. Außerdem einen großen Trainerstab. Wenn man es nicht anders wüsste, könnte man meinen, ein Proficlub bereite sich hier auf die Saison vor. 

Doch die Vorbereitung dauert schon lange. Für einige zu lange. „Die Stimmung schwankt natürlich je länger das Camp dauert und je mehr Ligen ihren Spielbetrieb aufgenommen haben“, sagt Markus Reiter, einer aus dem sechsköpfigen Trainerteam. Trotzdem machen sich die Kicker weiter fit für den Moment, in dem der Anruf kommt, der ein Engagement einbringen könnte. Nach jedem Training geht der Blick deshalb auf das Handydisplay. Steht dort eine unbekannte Nummer, weckt das Hoffnungen. Vielleicht war das ja ein Scout oder Vereinsmanager. „Meistens ist es dann aber nur die Telekom oder sonstwer, der etwas möchte, oder jemand hat sich verwählt“, sagt Lüttmann. 

Dennoch ist er wie viele andere hier seit dem 1. September wieder zuversichtlicher. Denn mit dem 31. August wurde die offizielle Wechselfrist beendet. Spieler, die noch unter Vertrag stehen, dürfen den Verein nun nicht mehr wechseln. „Wenn Vereine durch Verletzung oder einen Leistungsabfall nun doch noch Bedarf zum Handeln sehen, sind wir erste Wahl“, sagt Lüttman. 

Gerade der deutsche Markt ist in diesem Jahr schwierig

Vor einem Jahr hat sich Stefan Wessels noch im Trainingscamp für arbeitslose Fussballprofis fit gehalten. Nun spielt der Torwart mit Odense BK sogar international. Quelle: dapd

Vor einem Jahr hat sich Stefan Wessels noch im Trainingscamp für arbeitslose Fussballprofis fit gehalten. Nun spielt der Torwart mit Odense BK sogar international.

(Foto: dapd)

Das gilt nicht nur für die deutsche Ligen, sondern für die meisten europäischen ebenso. Das ist wichtig. Denn in Deutschland haben es die vertragslosen Spieler in diesem Jahr extrem schwer, einen neuen Job zu finden. Nicht nur, dass viele Vereine auf günstigere junge Spieler setzen. Auch die Regionalliga-Reform raubt vielen Campteilnehmern die Möglichkeit, doch noch in der vierthöchsten deutschen Spielklasse unterzukommen.  Aus drei Regionalligen werden ab der Saison 2012/2013 fünf. Für die Saison 2012/2013 wurde festgelegt, dass in den Regionalligen jeweils bis zu 22 Mannschaften zugelassen werden können, was zur Folge hat, dass kein Verein absteigen wird. Das nutzen viele Clubs, um mit wenig Geld einen kleinen Kader zusammenzustellen. „In den vergangenen Jahren haben viele Spieler aus dem Camp in der Regionalliga noch einen Verein gefunden, bei dem es zu Saisonbeginn nicht so lief“, sagt Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der VDV. In diesem Jahr fällt die Sorge vor dem Abstieg und damit der dringende Handlungsbedarf bei den Clubs einfach weg. 

Die Regionalliga könnte sich auch Christian Mikolajczak vorstellen. Wie die anderen hier macht er sich auch keine Illusionen. „Von der ersten Liga träumt hier keiner mehr“, sagt er. Auch wenn es der Torwart Sven Neuhaus vor ein paar Tagen noch auf die Bank des Hamburger SV geschafft hat. „Das ist eine Ausnahme. Da muss man ehrlich zu sich selbst sein“, sagt Mikolajczak, der immerhin mehr als ein Dutzend Erstligaeinsätze in seiner Statistik stehen hat. Mikolajczak ist für vieles offen, inzwischen auch für die Oberliga sofern seine laufenden Kosten gedeckt sind oder die Perspektive stimmt. Er lebt derzeit vom Arbeitslosengeld und dem, was die Karriere bisher übrig gelassen hat. „Ich komme zurecht“, sagt er. Mit gerade 30 Jahren ist er noch zu jung für die Fußballrente. Er fühlt sich fit und ist optimistisch. „Jetzt mit dem Schluss der Transferliste kommt unsere Zeit.“ So war es in der vergangenen Saison mit Sascha Rösler, der aus dem Camp kam und zum Stammspieler bei Fortuna Düsseldorf wurde, den Verein maßgeblich aus dem Tabellenkeller führte. So ist es nun auch mit Ex-Nationalspieler

Das zeigt auch ein Blick in die Statistik der Spielergewerkschaft. „Wir beobachten, dass sich zum Ende des Transferfensters und besonders ab dem 1. September immer mehr Scouts und Spielervermittler auf unserer Camp-Internetseite einloggen“, sagt Baranowsky. Das Interesse steigt. Der Handlungsdruck bei den arbeitslosen Profis aber auch.

Die angespannte Situation auf dem Arbeitsmarkt für Fußballer verleitet einige Vereine offensichtlich auch dazu unannehmbare Angebote vorzulegen. „Die Vereine nutzen ihre gute Situation aus“, sagt ein Teilnehmer. So machen Modelle nach denen der Verein lediglich einen kleinen Betrag zahlt und der Spieler den Rest seines Gehalts weiter vom Arbeitsamt als Arbeitslosengeld kassieren soll, die Runde. Baranowsky warnt davor, solche Angebote anzunehmen. „Bei einer Überprüfung wird es schwer nachzuweisen, dass man nicht mehr als 15 Stunden die Woche arbeitet“, sagt Baranowsky. Dann verfällt der Anspruch auf Arbeitslosengeld und die Spieler müssten das gesamte Geld zurückzahlen.

Nur zehn Prozent der Spieler haben ausgesorgt

Auf dem Platz trifft Lüttmann gerade zum 1:1 Ausgleich im Spiel gegen die U23 von Borussia Mönchengladbach. Solche Tore tun gut. Sie geben Selbstvertrauen, das einem schon mal verloren gehen kann, wenn man plötzlich vom Arbeitslosengeld und dem Ersparten leben muss. Bis zu etwa 2300 Euro bekommen die Profis von der Arbeitsagentur, wenn sie entsprechend eingezahlt haben. Das ist der Höchstsatz. Das Trainingslager wird zudem als Maßnahme vom Arbeitsamt anerkannt. Kosten entstehen der Arbeitsagentur dadurch aber nicht.

Solche Zahlen rücken die Vorstellung von den Millionären, die nicht wissen, wohin mit dem ganzen Geld, zurecht. Gerade einmal 10 Prozent der Fußballprofis hätten nach der aktiven Laufbahn wirklich ausgesorgt, wenn sie ihr Geld nicht verprassten, sagt Baranowsky. In der 3. Liga laufen junge Spieler auch schon mal für 1000 Euro im Monat auf. 

Was am Ende bei Julian Lüttmann herauskommen wird, steht noch nicht fest. Aber auch angesichts der Zukunftssorgen ist dem Vater einer zweijährigen Tochter der Spaß am Fußball noch nicht vergangenen. Wer den 29-Jährigen auf dem Fußballplatz beobachtet, sieht einen motivierten und fitten Stürmer. Lüttman, den alle nur „Lütti“ rufen, hatte in seiner Zeit im Camp bisher immerhin schon einmal das Glück des Tüchtigen. Auf seinem Handydisplay war die unbekannte Nummer eines Scouts. Kürzlich war er für eine Woche zum Probetraining bei einem englischen Viertligisten. „Das war sehr vielversprechend. Der Trainer war zufrieden. Er will mich noch einmal in einem Spiel testen“, sagt Lüttmann. Seither wartet er auf einen Anruf von der Insel.

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