WM-Affäre Ermittler knacken verschlüsselte Dateien

In der WM-Affäre könnte es bald neue und vielleicht sogar sehr wichtige Erkenntnisse geben. Die Staatsanwaltschaft hat mehrere Dokumente öffnen können, die bislang verschlüsselt waren.
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Der ehemalige Präsident des Organisationskomitees für die WM 2006 ist einer der Hauptdarsteller des Skandals. Quelle: dpa
Franz Beckenbauer

Der ehemalige Präsident des Organisationskomitees für die WM 2006 ist einer der Hauptdarsteller des Skandals.

(Foto: dpa)

Frankfurt/MainEines der größten Rätsel in der Affäre um die Fußball-WM 2006 könnte bald gelöst werden. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt hat es geschafft, mehrere bislang verschlüsselte Dateien zu diesem Skandal lesbar zu machen. Ein Sprecher der Behörde bestätigte am Mittwoch auf Nachfrage einen entsprechenden Bericht der „Süddeutschen Zeitung“.

Ob die Staatsanwaltschaft dadurch auch neue und womöglich wichtige Erkenntnisse zu der Affäre um zahlreiche dubiose Geldflüsse rund um die Weltmeisterschaft in Deutschland gewinnen konnte, ist noch unklar. „Informationen zu den Inhalten dieser Dateien und/oder ob diese möglicherweise als wichtig eingestuft werden und/oder von wem diese Dateien stammen und/oder warum diese Dateien passwortgeschützt waren, können im Hinblick auf das laufende Verfahren nicht gemacht werden“, heißt es in einer Erklärung.

Von Millionenzahlungen und Erinnerungslücken
Aufarbeitung dauert an
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Im Juli 2015 stilisierte sich Wolfgang Niersbach im Zeichen der Krise beim Weltverband FIFA noch als moralische Fußball-Instanz. Der damalige DFB-Präsident war aber schon mit der Aufarbeitung eines Skandals im eigenen Hause beschäftigt - damals noch im stillen Kämmerlein. Publik wurden die finanziellen Ungereimtheiten rund um die deutsche Bewerbung für die WM 2006 mit der Veröffentlichung eines Berichts im Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ im Oktober 2015. Ein Jahr später dauert die Aufarbeitung an.

6,7 Millionen: Wo endeten die Geldflüsse von Kitzbühel nach Katar?
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Es ist die entscheidenden Frage des WM-Skandals. Warum mussten die deutschen Organisatoren umgerechnet 6,7 Millionen Euro an eine Firma in Katar überweisen, auf ein Konto des Skandalfunktionärs Mohammed bin Hammam. Der Freshfields-Bericht des DFB machte im März klar, wie die Geldflüsse liefen - über ein Konto von Franz Beckenbauer (Foto) in die Schweiz und von dort an den Golf. Der Kaiser bekam das Geld zurück durch einen Kredit des ehemaligen Adidas-Chefs Robert Louis Dreyfus, der das Geld dann wieder haben wollte, weshalb die Legende von einer Vorschusszahlung durch die FIFA für eine WM-Gala gestrickt wurde.

Weiß es Joseph Blatter?
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Bin Hammam schweigt. Zwei Varianten gelten als möglich. Mit den Millionen wurden asiatische FIFA-Wahlmänner nachträglich bezahlt. Aus DFB-Kreisen verlautet, dass es wahrscheinlicher sei, dass damit schwarze Wahlkampfkassen für FIFA-Chef Joseph Blatter (l.) gefüllt worden seien. Der Schweizer dementiert heftig.

Viele Erinnerungslücken: Was wussten Niersbach und Zwanziger wann?
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Es gehört zur Eigendynamik eines jeden Skandals, dass sich die Protagonisten immer nur an die Verfehlungen erinnern können, die ihnen gerade bewiesen wurden. Auch die Sommermärchenmacher haben zehn Jahre nach dem Turnier große Erinnerungslücken, wenn es um ihr Handeln im Vorlauf der WM geht. Niersbach beharrt darauf, erst im Sommer 2015 Kenntnisse von den dubiosen Geldflüssen gehabt zu haben. Eine handschriftliche Notiz auf einem Schriftstück aus dem Jahr 2004 liefert ein starkes Indiz, dass dies nicht stimmt.

Theo Zwanziger
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Ehemalige Kollegen wie Theo Zwanziger behaupten, dass Niersbach sehr wohl zum Mitwisserkreis gehörte. Doch auch der frühere DFB-Präsident Zwanziger und ehemalige OK-Finanzchef musste einen Zeitpunkt über die Abwicklung der Rückzahlung des Kredits revidieren. Jahreszahlen zwischen 2000 und 2005 verschwimmen in den Funktionärserinnerungen.

Oddset-Millionen für den Kaiser: Hatte Beckenbauer ein Ehrenamt?
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„Selbstverständlich mache ich das ehrenamtlich.“ Dieser Satz von Franz Beckenbauer (r.) aus den WM-Zeiten klingt im Lichte der jüngsten Erkenntnisse hohl. Wieder wird durch Medienberichte publik, dass der Kaiser sehr wohl entlohnt wurde für seinen enormen Einsatz für die Heim-WM - und zwar fürstlich. 5,5 Millionen Euro aus dem Topf von Sponsor Oddset kassierte er via DFB und WM-OK. Der Geldfluss macht die Argumentation aus dem Beckenbauer-Lager schwierig, dass es sich um eine Entlohnung für ohnehin vereinbarte Werbeauftritte für Oddset gehandelt habe.

Fragen über Fragen
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Warum wurde dann nicht direkt von der Lotteriegesellschaft überwiesen? Zudem wirft Fragen auf, warum der DFB die anfallenden Steuern erst 2010 bezahlte. Die bittere Ironie: Geheimniskrämerei wäre gar nicht nötig gewesen. Im WM-Taumel hätte es gegen Millionenzahlung an den Kaiser wohl kaum Protest gegeben.

Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die vom Deutschen Fußball-Bund eingeschalteten Ermittler der Wirtschaftskanzlei Freshfields hatten bei ihren Nachforschungen tausende Mails und elektronische Dokumente auch aus der Zentrale des DFB sichergestellt. Freshfields verweist in seinem Abschlussbericht darauf, dass mehrere dieser Dateien durch Passwörter geschützt gewesen seien und eine Entschlüsselung bis zur Veröffentlichung am 4. März nicht geklappt habe.

So taucht in diesem Report nur der Verweis auf eine Datei mit dem Namen „Komplex Jack Warner“ auf. Ein Vertragsentwurf zwischen dem DFB und dem nachweislich korrupten sowie mittlerweile lebenslang gesperrten früheren FIFA-Funktionär aus der Zeit kurz vor der WM-Vergabe 2002 war einer der Gründe dafür, warum Wolfgang Niersbach vor einem Jahr als DFB-Präsident zurücktreten musste.

Die Frankfurter Staatsanwaltschaft kann zumindest einige dieser Dateien nun endlich einsehen. Die Behörde ermittelt in der WM-Affäre wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung gegen Niersbach und mehrere andere Mitglieder des früheren Organisationskomitees. Sie hatten eine dubiose Rückzahlung von 6,7 Millionen Euro in der Steuererklärung der WM bewusst falsch deklariert.

Allein die Existenz solcher bislang nicht einsehbaren Dateien widerspricht der Darstellung des DFB, wonach die WM-Affäre weitgehend aufgeklärt sei. Die Freshfields-Ermittler haben in ihrem Report immer nur den Fluss der ominösen 6,7 Millionen Euro nachzeichnen können. Wozu genau das Geld verwendet wurde, ist bis heute unklar. DFB-Präsident Reinhard Grindel hatte erst am Wochenende in Gesprächen mit der „Süddeutschen Zeitung“ und in der TV-Sendung „Doppelpass“ von Sport1 erklärt: „Alles, was der DFB zur Aufklärung beitragen konnte, haben wir getan. Jetzt sind die Staatsanwaltschaften dran.“

  • dpa
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