Zeitverträge im Fußball „Wenn Heinz Müller gewinnt, wäre das für Klubs eine Katastrophe“

Kurze Vertragslaufzeiten sind ein Eckpfeiler im Fußballgeschäft. Das Arbeitsrecht will Befristungen jedoch nur als Ausnahme. Der Ex-Profi Heinz Müller will das Prinzip kippen. Und bedroht so die Existenz vieler Klubs.
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Die Fußball-Verbände und Vereine schauen mit Spannung nach Erfurt: Das Bundesarbeitsgericht verhandelt die Revision im Fall Heinz Müller. Es geht um die Rechtmäßigkeit von befristeten Arbeitsverträgen im Profigeschäft. Torwart Heinz Müller vom Fußball-Bundesligisten FSV Mainz 05 hat dies ins Rollen gebracht. Quelle: dpa
Heinz Müller

Die Fußball-Verbände und Vereine schauen mit Spannung nach Erfurt: Das Bundesarbeitsgericht verhandelt die Revision im Fall Heinz Müller. Es geht um die Rechtmäßigkeit von befristeten Arbeitsverträgen im Profigeschäft. Torwart Heinz Müller vom Fußball-Bundesligisten FSV Mainz 05 hat dies ins Rollen gebracht.

(Foto: dpa)

Die Fußball-Verbände und -Vereine schauen an diesem Dienstag mit Spannung nach Erfurt: Das Bundesarbeitsgericht (BAG) verhandelt die Revision des Falls Heinz Müller. Es geht dabei vor allem um die Rechtmäßigkeit von befristeten Arbeitsverträgen im Profigeschäft. Eine Entscheidung zugunsten des früheren Bundesliga-Torhüters des FSV Mainz 05 könnte ähnlich weitreichende Folgen haben wie das Bosman-Urteil, das vor mehr als 20 Jahren das Transfersystem revolutionierte. Rechtsanwalt Christoph Kurzböck von der Wirtschaftskanzlei Rödl & Partner ist Arbeitsrechtler. Er hat sich mit dem Fall Heinz Müller intensiv befasst.

Herr Kurzböck, warum ist der Fall Heinz Müller so spannend?
Es handelt sich um einen sportrechtlichen Präzedenzfall. Das bekannte und bewährte Transfersystem im Fußball steht auf dem Spiel. Dass das Arbeitsgericht Mainz in erster Instanz dem Kläger Recht gegeben hatte, macht den Fall besonders pikant und zeigt: Es geht hier keineswegs um eine praxisferne Diskussion unter Juristen.

Wovor fürchten die Bundesliga-Klubs sich?
Zentrale Angst der Vereine ist, dass sie künftig gezwungen sind, mehrheitlich unbefristete Arbeitsverträge mit den Profisportlern abzuschließen – es sei denn, es ergibt sich im Einzelfall eine Befristungsmöglichkeit aus anderen Gründen. Die Folge davon wäre, dass die Spieler ihr Arbeitsverhältnis grundsätzlich jederzeit ordentlich kündigen und dann ablösefrei wechseln könnten.

Rechtsanwalt Christoph Kurzböck von der Wirtschaftskanzlei Rödl & Partner ist Arbeitsrechtler. Er hat sich mit dem Fall Heinz Müller intensiv befasst. Es geht dabei darum, ob Zeitverträge im Fußball rechtmäßig sind.
Arbeitsrechtler

Rechtsanwalt Christoph Kurzböck von der Wirtschaftskanzlei Rödl & Partner ist Arbeitsrechtler. Er hat sich mit dem Fall Heinz Müller intensiv befasst. Es geht dabei darum, ob Zeitverträge im Fußball rechtmäßig sind.

Das wäre fatal, weil eine wichtige Einnahmequelle für die Vereine wegfallen würde, der Verkauf von Spielern.
Ja, dies würde das bisherige Transfersystem auf den Kopf stellen. Die Profivereine sind mehrheitlich auf das bestehende Transfersystem und den daraus resultierenden Möglichkeiten auf eine Ablösesumme für die Spieler angewiesen.

Ohne befristeten Vertrag könnte ein Spieler ja ewig bei seinem Verein bleiben?
Das wäre das zweite Problem. Bisher besteht ein Profi-Team im Schnitt aus 20 bis 30 Spielern. Künftig könnten die Kader ungeahnte Größen erreichen, weil die Spieler dann einen unbefristeten Arbeitsvertrag hätten, also kaum noch kündbar wären. Die Kader der Vereine würden sich aufblähen durch zahlreiche Rentenverträge. Zur Eigenart des Profisports gehört es aber, dass Mannschaften stets neu zusammengestellt werden können. Daher sind befristete Verträge mit einer Laufzeit von zwei bis drei Jahren die Regel.

Befristete Verträge sind im Profi-Fußball akzeptiert. Was ist dagegen einzuwenden?
Letztendlich geht es um die Frage, ob auch Profisportlern derselbe arbeitsrechtliche Schutz zu gewähren ist wie „normalen“ Arbeitnehmern des Wirtschaftslebens. Mit Blick auf die horrenden Vergütungen einzelner Profis sind sicherlich viele geneigt, dies zu verneinen. Dies ist jedoch ein Argument das juristisch nicht verfängt. Nach der Rechtsprechung sind auch Profisportler ganz normale Arbeitnehmer. Im Arbeitsrecht sind aber unbefristete Arbeitsverträge als Regel vorgesehen und die Befristung als Ausnahme. Im Profisport dagegen sind unbefristete Arbeitsverträge nur sehr selten vorzufinden. Befristungen sind die Regel. Aus dieser Diskrepanz ergibt sich die besondere Brisanz dieses Rechtsstreits.

Warum ist es so schwierig für Juristen, Klarheit in das Thema zu bringen?
Das Befristungsrecht ist komplex. Befristete Verträge sind bei demselben Verein in der Regel nur für zwei Jahre möglich. Eine längere Dauer oder „Kettenbefristungen“ gehen nur mit einer besonderen Begründung, wir Juristen nennen das Sachgrund. Dieser wird im Sport gemäß § 14 TzBfG aus der „Eigenart der Arbeitsleistung“ abgeleitet. Die Rechtsprechung hat dies aufgenommen. Mit Blick auf den Profisport wurde unter anderem bei Trainern wegen „Verschleißerscheinung“ (BAG) oder aus Gründen des „Abwechslungsbedürfnisses der Öffentlichkeit“ (LAG Nürnberg) die „Eigenart“ bejaht. Auch die „nachlassende Leistungsfähigkeit“ der Profisportler wurde als Argument herangezogen.

Also alles gut?
Nein, die Argumentation ist etwas fadenscheinig und wird gelegentlich von der Realität widerlegt. Schauen Sie etwa auf Trainerlegenden wie Arsène Wenger, der seit 1996 Erfolgstrainer bei Arsenal ist. Oder auf Spieler wie Philipp Lahm, der fast seine gesamte Laufbahn beim FC Bayern verbracht hat und über die gesamte Vertragslaufzeit geschätzt und geliebt wurde. Oder Torwartlegenden wie Gianluigi Buffon, der auch im „hohen Alter“ noch als einer der weltbesten Torhüter gilt. Das Problem ist: Bei der Definition der „Eigenart der Arbeitsleistung“ handelt es nur um case law. Wie man am Fall Müller sieht, kann sich dies sich jederzeit ändern. Daher wäre eine gesetzliche Klarstellung wünschenswert.

Warum schafft die Politik denn nicht einfach eine Ausnahmegenehmigung für den Fußball?
Dies wird vielfach gefordert. Ein spezielles Arbeitsrecht für den Profisport gibt es jedoch nicht. Arbeits- und sozialversicherungsrechtlich sind Profisportler wie Manuel Neuer oder Thomas Müller gleichgestellt und gleich schutzbedürftig wie ein Produktionsmitarbeiter einer Firma oder der Verkäufer vom Laden nebenan.

Den Multi-Millionär Manuel Neuer mit einem Arbeiter einer Autofabrik zu vergleichen, führt doch in die Irre?
Ja, und deshalb kann das erstinstanzliche Urteil des Arbeitsgerichts Mainz durchaus als „Finger in der Wunde“ angesehen werden und zwar als Aufgabe an den Gesetzgeber, diese Thematik im TzBfG klar und eindeutig zu regeln. Bisher ist dies nicht geschehen. Dass dieser Weg aber durchaus möglich ist, sieht man im Arbeitszeitgesetz, das eine Ausnahmeregelung für Sonntagsbeschäftigung im Sport vorsieht. Dass der Schutzzweck, der dem TzBfG zugrunde liegt und den typischen abhängig beschäftigten Arbeitnehmer schützen soll, anders ist als die Interessenlage im Spitzensport, ist offensichtlich. Fraglich ist aber, ob sich der künftige Gesetzgeber diesem Thema annehmen wird. Vermutlich wird dies nur dann der Fall sein, wenn das BAG zugunsten von Heinz Müller entscheiden wird.

Heinz Müller könnte gewinnen? Da malen Sie aber den Teufel an die Wand. Was wäre denn, wenn befristete Verträge im Fußball nicht mehr erlaubt wären?


• Folgen für die Spieler?
Für Spieler würde ein Urteil viele Vorteile mit sich bringen, ähnlich wie nach dem Bosman-Urteil. Einerseits könnten Spieler leichter wechseln, da keine Verträge für eine bestimmte Laufzeit mehr abgeschlossen werden, sondern mit der ordentlichen Kündigungsfrist beenden werden könnten. Wechsel wären leichter möglich. Und gleichzeitig wären die älteren Spieler besser abgesichert, da diese nunmehr „Rentenverträge“ hätten, was heißen soll: Eine Kündigungsmöglichkeit des Vereins bestünde nur unter den engen Vorgaben des Kündigungsschutzgesetzes und wäre somit nur mehr begrenzt möglich. Man stelle sich vor: Möchte ein Verein betriebsbedingt kündigen, dann müsste eine Sozialauswahl vorgenommen werden. Ein älterer Spieler wie Arjen Robben könnte vermutlich bleiben, und ein jüngerer Spieler wie Joshua Kimmich müsste gehen.

• Folgen für die Vereine?
Für viele Vereine wäre eine Entscheidung zugunsten von Heinz Müller, vor allem finanziell, eine Katastrophe. Das bisherige System der befristeten Arbeitsverträge ermöglicht den Vereinen eine weitgehend stabile Finanzplanung. Diese wäre nunmehr gefährdet. Spieler könnten viel leichter ohne Ablöse wechseln. Eine ähnliche Situation gab es nach dem Fall Bosman. Zudem würde sich der Kader der Vereine angesichts der begrenzten Kündigungsmöglichkeit zunächst „aufblähen“. Vermutlich kommt es zu häufigeren Wechseln jüngerer Spieler, da zeitliche Befristungen ohne Sachgrund nur bis zu zwei Jahren möglich sind. Um ältere Spieler, die gehalten werden sollen, müssten sich die Vereine noch mehr bemühen um deren Wechselabsichten zu unterbinden. Ebenso könnte sich (ähnlich wie bei Arbeitnehmern im gehobenen Management) ein „goldener Handschlag“ einbürgern, um auf freiwilliger Basis eine Beendigung des Arbeitsverhältnisses und Eintritt in den sportlichen Ruhestand zu ermöglichen.

• Folgen für die Ligen?
Ein Urteil des BAG im Fall Heinz Müller entfaltete zunächst nur Wirkung in Deutschland. Die Wettbewerbsfähigkeit der Vereine und insgesamt der Bundesliga durch die zunächst sinkenden Transfererlöse wäre gefährdet. Da Spieler leichter wechseln können, wäre wahrscheinlich, dass ausländische Vereine zunächst verstärkt auf heimische Spieler zugehen. Ausländische Ligen wären attraktiv, da die dortigen Vereine das Geld, das sie für die Transferablöse einsparen, als Gehalt weiterreichen könnten.

• Folgen für die Konkurrenzsituation im Fußball?
Das Urteil würde den Vereinen zu Gute kommen, die weniger auf Transfererlöse angewiesen sind, etwa weil diese finanzstarke Sponsoren haben oder gute Einnahmen aus der Vermarktung oder TV-Rechten erzielen. Diese finanzstarken Vereine wären eher in der Lage attraktive Vergütungen zu zahlen, um Top-Spieler abzuwerben oder zu binden. Dies würde die ohnehin schon bestehende Schere zwischen finanzstarken und finanzschwachen Vereinen mittelfristig vermutlich noch weiter verstärken.

• Folgen für die Fans?
Fans müssten sich darauf einstellen, dass einerseits jüngere Spieler verstärkt wechseln und gleichzeitig ältere Spieler länger bleiben. Da das Interesse der Fans im Wesentlichen dem Verein und nicht den einzelnen Spielern gilt, sollte das Faninteresse am Sport unverändert sein.

• Folgen für die Sponsoren?
Wenn die Transfereinnahmen sinken, kommt den Sponsoren eine größere Bedeutung bei der Finanzplanung zu. Ob dies aber nochmals zu einer weiteren Steigerung der ohnehin schon hohen Sponsoreneinnahmen der Vereine führt, ist kaum zu prognostizieren.

• Folgen für die TV-Anstalten?
Wesentliche Auswirkungen für TV-Anstalten sind meines Erachtens nicht ersichtlich. Erst wenn die geänderte Transferpolitik zu einem Zu-/Abnehmen des Zuschauerinteresses führen würde, hätte dies Auswirkungen auf TV-Anstalten. Solche Konsequenzen sehe ich aber nicht. Meines Erachtens hängt das Zuschauerinteresse eher mit dem Erfolg des Vereins und weniger mit ständig wechselnden Spielern zusammen. Solange sich Erfolg einstellt, darf dieser auch mit den gleichen Spielern erzielt werden.

Der ehemalige Torwart Heinz Müller (l), kommt am 17.02.2016 im Landesarbeitsgericht in Mainz (Rheinland-Pfalz) gefolgt von Journalisten in den Sitzungssaal. Quelle: dpa
Großes Medieninteresse

Der ehemalige Torwart Heinz Müller (l), kommt am 17.02.2016 im Landesarbeitsgericht in Mainz (Rheinland-Pfalz) gefolgt von Journalisten in den Sitzungssaal.

(Foto: dpa)

Angenommen: Heinz Müller würde auch vor dem Bundesarbeitsgericht scheitern. Müsste dann der Europäische Gerichtshof entscheiden?
Nach einem Urteil des Bundesarbeitsgerichts bestünde noch als allerletzte Möglichkeit, den Europäischen Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg anzurufen. Eine Vorlage an den EuGH kommt dann in Betracht, wenn ein Fall mit Bezug zum Gemeinschaftsrecht nicht mehr mit Rechtsmitteln des nationalen Rechts angegriffen werden kann. Dies wäre nach einer Entscheidung des BAG hier der Fall. Mit einer Entscheidung des EuGH ist regelmäßig nach einer Verfahrensdauer von 15 bis 18 Monaten zu rechnen. Spätestens im Sommer 2019 herrschte dann wohl im Profisport Klarheit, ob es einen zweiten Fall Bosman geben wird oder alles beim Alten bleibt.

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