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Zum Abschied Philipp Lahms Abgang mit Größe

Für Philipp Lahm endet am Samstag die Karriere als weltbester Außenverteidiger – die Laufbahn als Privatier beginnt. Es ist der kontrollierte Abschied eines Mannes, der immer alles im Griff hatte. Auch sein Image.
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Immer Ball und Gegner im Fokus – Lahm ließ nie sein Ziel aus den Augen. Quelle: dpa
Philipp Lahm

Immer Ball und Gegner im Fokus – Lahm ließ nie sein Ziel aus den Augen.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Er ist nicht der Längste. War er nie. 1,70 Meter misst Philipp Lahm, 33 Jahre, Kapitän des FC Bayern München, Kapitän der deutschen Fußballnationalmannschaft a.D., mehrfacher deutscher Meister, Pokalsieger, Champions-League-Sieger, Triple-Gewinner, Weltmeister, Vize-Europameister, Buchautor, Stiftungsgründer, Menschenfreund. Aber der Größte, das war er oft. Und wird auch als einer der Größten in die Fußballhistorie eingehen. Diesen Samstag wird Lahm zum Teil dieser Historie. Gegen den SC Freiburg bestreitet er, so der Plan, sein letztes Spiel im aktiven Profifußball.

Abgang Bühne links. Es ist kein spektakulärer Abtritt des, und das kann man ohne Übertreibung behaupten, weltbesten Außenverteidigers. Nicht nur seiner Generation. Genau, wie seine Spielweise, sein Auftreten nie spektakulär waren. Eine Meisterfeier auf dem Münchener Rathausbalkon, immerhin ein Heimspiel. Die Karriere, sie endet zwei Spiele zu früh. Pokalfinale, Champions-League-Finale, das sind die Dimensionen, in denen Lahm gedacht hat. Und immer noch denkt. Diese Gedanken dürften der Hauptgrund sein, warum die Laufbahn des Spielers L. mit einem klaren Schnitt endet.

Lahm war immer ein Freund klarer Verhältnisse, was erstaunlich ist, ist er doch selten ein Freund klarer Worte. Seine Interviews, seine Verlautbarungen, selbst seine Tweets sind für ihre Worthülsen gefürchtet. Keine unbedachten Worte, keine unbedachten Handlungen. Die überlebensgroße Persönlichkeit, die er auf dem Platz darstellte, schnürte er wie ein Paar Fußballschuhe. Dass der intelligente Mann, zweifacher Vater, glücklich verheiratet, nichts von sich preisgibt, ist ebenso Markenkalkül wie Selbstschutz.- Wie viel Privatperson im Fußballer Lahm steckt und umgekehrt, dass werden nur seine engsten Vertrauten wissen.

Lahm, der Spieler ohne Spitznamen. Kein „Capitano“, kein Schweini oder Poldi, kein Bomber, nichts. Philipp Lahms Fußball ließ und lässt sich nicht auf Schlagworte reduzieren. Was in ungreifbar macht. Er ist vom Schlag der Andres Iniestas dieser Welt. Ruhig, mit viel Übersicht, Spielintelligenz, präsent, als Persönlichkeiten anerkannt. Wenn Lahm einen Fußballrasen betritt, löst er Ehrfurcht aus. Stürmer, die sein überragendes Stellungsspiel und seine hartnäckigen Laufduelle fürchten. Seine präzisen Tacklings. Das Gefühl, dass Lahm eigentlich immer schon einen Schritt weiter ist. Dass man ihm nie Raum geben darf und er nie Raum gewährt. Es ist Respekt vor seiner Person, der von der ersten Sekunde an zu fühlen ist.

Auch, weil Lahm zu den fairsten seiner Zunft zählt. In seiner gesamten Profi-Karriere ist er nicht einmal vom Platz geflogen. In 384 Bundesligaspielen sah er 24 Mal die gelbe Karte. Bremens Clemens Fritz, der in vergleichbarer Position spiel, sah in 331 Spielen schon 64 Mal gelb. Rekordhalter Stefan Effenberg sammelte 111. Lahm kam ganze Saisons ohne Karte aus, ein Jahr lang blieb er sogar ohne Foul. Tore? 14. Vorlagen? Immerhin 49. Aussagekräftiger ist da seine Passquote, die derzeit bei fabelhaften 90 Prozent liegt.

Kein Risiko, dafür volle Konzentration

Lahm, das war nie einer für die epischen Momente. Oder, selten. Bei der EM 2008 schoss er die Nationalmannschaft mit der letzten Aktion des Spiels ins Finale. Bei der WM 2006 in Deutschland erzielte er das erste Tor des Turniers. Aber sonst? Er ist ein Eroberer, ein Schatten, ein Strippenzieher, ein Lenker. Einer, von dem sich Toni Kroos vieles abgeschaut haben dürfte. Lahm spielte eigentlich immer, war selten verletzt, nie gesperrt. Doch wenn er nicht spielte, wusste man sofort, was fehlt. Er war der, der eine Mannschaft sofort auf ein höheres Niveau brachte. Seine Fehler, seien es Fehlpässe, Fehlschüsse, unnötige Fouls, sie lassen sich an einer Hand abzählen. Und auch das ist kaum übertrieben.

Dass es ausgerechnet sein Fehlpass war, der im DFB-Pokalhalbfinale den Sieg Dortmunds einleitete, wird ihn selbst am meisten ärgern. Doch gleichzeitig in Lahm niemand, der verpassten Chancen nachweint. Der damalige Kapitän der Nationalmannschaft war damals der erste Spieler, der nach dem WM-Titel seinen Rücktritt erklärte. Da war er erst 30, hatte aber bereits 113 Länderspiele in den Knochen. Ein paar Jahre Vereinsfußball auf hohem Niveau, das wollte er damals. Das hat er bekommen. Kein Risiko, dafür volle Konzentration. Es ist das, was ihn von Megastars wie Ronaldo, aber auch Schweinsteiger oder Kahn unterscheidet. Und was ihn auf dem Platz so unersetzlich machte.

Lahm wollte nicht auf dem Zenit aufhören. Aber er wollte aufhören, solange er sich aussuchen kann, wo, auf welcher Position und mit welchem Erfolg er spielt. Nicht noch zwei Saisons irgendwo Geld einsacken und als Zirkusattraktion auftreten. Der Mann, dessen Entschlossenheit ein Leben lang hinter einem bübischen Lachen und dem Aussehen eines 23-Jährigen mit fliehendem Haaransatz verborgen lag und häufig unterschätzt wurde, trifft alle Entscheidungen selbst. Wie damals, als er von Michael Ballack die Kapitänsbinde übernahm. Ballack lies mehrfach durchblicken, dass Lahm als verlängerter Arm des Trainers mit dafür verantwortlich war, dass die Stelle überhaupt vakant wurde. Auch das ist Lahm: sich unterschätzen lassen, um einen Wettbewerbsvorteil zu haben.

Bei den Bayern wird wohl Joshua Kimmich in seine Fußstapfen treten. Nicht als Kapitän, aber mit der Ambition, weltbester Außenverteidiger zu werden. Lahm wechselt in anderes Fach. Manager bei den Bayern wäre er gern geworden, mit der Selbstverständlichkeit, der weltbeste zu sein. Dass ausgerechnet Uli Hoeneß das verhindert hat, ist tragisch, denn so verlieren die Münchener, zumindest vorerst, ihr letztes absolutes Urgestein. Andererseits ist es verständlich, denn Hoeneß beklagt die mangelnde Erfahrung seines einstigen Zöglings – und Lahm selbst dürfte dieser Argumentation zugänglich sein. Aber wie er so ist, ganz Profi, sparte sich Lahm markige Worte und wird nun erst einmal Privatier. Eine spätere Rückkehr schloss er explizit nicht aus.

Auf dem Rasen wird er fehlen. Daneben dürfte vom Zauberlehrling noch einiges zu erwarten sein. Eines wird ihm sicherlich nie abhanden komme: der Respekt.

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