Bahnradsport Keirin Samurai auf dem Rad

Der olympische Bahnradsport Keirin wurde im Japan der Nachkriegszeit erfunden – für den Wiederaufbau. Als er seine Funktion erfüllt hatte, wendeten sich die Japaner langsam ab. Die Geschichte eines einzigartigen Sports.
Der Brite Sir Christopher Hoy jubelt nach seinem Sieg im Keirin in London 2012. In Japan erfunden spielen die Asiaten in dem Sport heute praktisch keine Rolle mehr. Quelle: dpa
Keirin

Der Brite Sir Christopher Hoy jubelt nach seinem Sieg im Keirin in London 2012. In Japan erfunden spielen die Asiaten in dem Sport heute praktisch keine Rolle mehr.

(Foto: dpa)

Wer irgendwo in Japan ein Bahnradstadion zum Keirin besucht, wird zweimal staunen. Zuerst, weil auf der Tribüne hinterm Zaun, auf den Startschuss wartend, etliche Besucher ihre Hälse nach den Athleten recken. Nervös halten sie Zettel in den Händen, auf denen ihre Einsätze und Gewinnquoten notiert sind. Das zweite Staunen bringt das Durchschnittsalter der Zuschauer. Durch die Bank Männer, die meisten weit über 60 Jahre alt, Kinder sind nicht zu sehen. Ein olympischer Wettsport, nur für Hochbetagte? Sowas gibt’s?

Über Jahrzehnte hat Keirin erst die Japaner und dann die ganze Radsportwelt fasziniert. Diese so kompromisslose Disziplin, deren Regeln keine Missverständnisse zulassen: sechs bis neun Fahrer treten auf der Bahn über 2.000 Meter an, folgen zunächst einem motorenbetriebenen Schrittmacher, der scheinbar gemächlich auf 50 Stundenkilometer beschleunigt. Auf dem Weg dorthin kämpfen die Athleten um die beste Position für den Moment, wenn der Schrittmacher ausscheidet, das Rennen den Fahrern überlässt. Wenn auch ohne die zockenden Zuschauer: So wie in Japan läuft Keirin grundsätzlich auch diese Tage bei Olympia ab – am 13. August fahren die Frauen um Medaillen, am 16. August die Männer.

Die Entstehungsgeschichte aber ähnelt keiner zweiten. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten US-Luftangriffe und zwei Atombomben in Japan fast keine Infrastruktur stehengelassen. Bei der Frage, wie das Land wieder auf die Beine kommen könnte, kam einigen japanischen Regierungsbürokraten eine originelle Idee. „Keirin wurde 1948 erfunden, um durch Sportwetten Geld für den Wiederaufbau einzuspielen“, fasst Hideki Shibahashi die Story kurz zusammen. Shibahashi arbeitet für das Wirtschaftsministerium in Tokio, oder genauer gesagt: für den nationalen Keirinverband, der dem Ministerium untersteht.

Rios heimliche Helden
Paddelnder Priester
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Er betet jeden Tag, lebt streng religiös - und fährt in Rio um olympische Medaillen. Der Kanute Kazuki Yazawa startet bei Olympia für Japan, ist aber gleichzeitig buddhistischer Priester im Zenkoji Daikanjin Tempel im japanischen Nagano.

Erst beten, dann paddeln
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Jeden Morgen vor Sonnenaufgang betet der 27-Jährige, erst danach bleibt Zeit fürs Training. „Ich habe entschieden, dass Priester mein Hauptberuf ist und ich nur in meiner Freizeit Kanu fahre“, sagte der Olympia-Neunte von London 2012 der britischen Zeitung „Guardian“.

Premiere für Indien
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Angst kennt Dipa Karmakar nicht. „Ich glaube, dass Übung den Meister macht und dass Dinge dann nicht mehr schwierig sind“, sagt die 22-Jährige. Als erste indische Turnerin überhaupt hat Karmarkar es zu Olympia geschafft und schon den „Produnova“-Sprung gezeigt, der als extrem schwierige Übung gilt. „Ich hoffe, dass dieser Sprung in Indien noch berühmter wird als ich“, sagt die Turnerin.

Parkläuferin
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Die albanische Athletin Luiza Gega bereitete sich für Rio vor allem in Parks vor. Die einzige Trainingsmöglichkeit in der albanischen Hauptstadt Tirana, die Tartanbahn im Qemal-Stafa-Stadion, wurde passend zu Olympia abgerissen.

Vom Landwirt zur Medaillenhoffnung
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Eigentlich wollte Triyatno nur ein besseres Leben haben. Als der Sohn eines Bauern aus der indonesischen Provinz Kalimantan auf der Insel Borneo hörte, dass Athleten umsonst in Luxushotels schlafen dürfen, begann er zu trainieren. Dass ihn dieser Eifer bis zu den Olympischen Spielen nach Rio bringen würde, hätte der Gewichtheber wohl damals selbst nicht gedacht. Nach Silber in London 2012 strebt der 28-Jährige in Rio erneut eine Medaille an.

Allrounder
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Der Sprinter Etimoni Timuani tritt als einziger Sportler für den Pazifik-Inselstaat Tuvalu an. Für 100 Meter braucht er 11,72 Sekunden und damit zwei Sekunden mehr als Weltrekordler Usain Bolt. Dafür kann Timuani auch Fußball spielen - oder die Flagge seines Landes tragen wie hier am Bild.

Olympia-Opa
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Vor vier Jahren bei Olympia in London hatte Mark Todd schon so seine Probleme. „Es tut mir leid, Sir, dieser Bus ist für Athleten“, sagte damals ein Offizieller zu ihm, als der Reiter in einen Teambus einsteigen wollte. Immerhin ist der Neuseeländer schon 60 Jahre alt - und geht dennoch in Rio wieder an den Start. Es sind seine achten Olympischen Spiele, 1984 und 1988 gewann er Gold.

Der Mann trägt einen dunklen Anzug und sitzt in einem grauen Großraumbüro, wie es dem Klischee japanischer Beamter entspricht. Aber Shibahashi spricht auch wie in Sportmanager: „Man wusste damals schon, dass viele Menschen gerne ihr Geld verwetten. Und wenn das bekannt ist, warum es nicht nutzen?“

Da das Fahrrad besser zur Lebensrealität im verarmten Japan passte als Pferde oder Motorräder, entwarfen die Beamten einen Bahnradsport. Ab 1948 bewarb das Wirtschaftsministerium den ersten Wettkampf auf einer Aschebahn in der südwestjapanischen Stadt Kokura. Der Eintrittspreis von 100 Yen schien üppig, die Leute drängten sich trotzdem auf die Tribüne. Die Japaner wollten wieder Spaß haben, nach drei Jahren in den Wehen von Zerstörung und Hunger.

Etwas in der Geschichte des Sports wohl Einzigartiges geschah. Diese durch die Politik vorgesetzte Disziplin, offenkundig erfunden, um den Leuten Geld aus der Tasche zu ziehen, begann sofort zu boomen. Nach dem ersten Renn-Event wurden über vier Tage 20 Millionen Yen eingespielt, 1,2 Millionen davon erhielt die Stadt Kokura, um neue Straßen zu bauen. Binnen fünf Jahren entstanden neue 63 Rennbahnen. Keirinfahrer nannte man bald die „Samurai auf dem Rad.“ Denn wie die Samurai, einst Japans Staatsdiener, dienten auch die Sportler ihrem Land.

Mehr als 850 Milliarden Yen für den Staat
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