Armstrongs Doping-Beichte „Ich verdiene nicht die Todesstrafe“

Auch im zweiten Teil des Interviews mit Oprah Winfrey hat Lance Armstrong keine Details über sein Doping-System verraten. Der gefallene Rad-Star bekam dafür viel Zeit für Selbstmitleid – und Gedanken über ein Comeback.
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Lance Armstrong beim zweiten Teil seiner Doping-Beichte bei Oprah Winfrey. Quelle: dapd

Lance Armstrong beim zweiten Teil seiner Doping-Beichte bei Oprah Winfrey.

(Foto: dapd)

WashingtonNimmt man einem Mann, der 20 Jahre lang gelogen und betrogen hat, noch öffentliche Tränen ab? Die Talkmasterin Oprah Winfrey jedenfalls blieb ungerührt, als Lance Armstrong mitten im Interview ins Stocken geriet und wässrige Augen bekam. Es war der Moment, als sie den einstigen Rad-Star aufforderte, von seinem ältesten Sohn Luke zu erzählen.

Er habe beobachtet, wie ihn der Teenager gegen die öffentlichen Doping-Vorwürfe in Schutz nahm, sagte Armstrong. Das sei der Moment gewesen, in dem er dem Jungen reinen Wein einschenken musste. „Ich sagte zu ihm, bitte verteidige mich nicht mehr“, erinnerte sich der Texaner. Luke habe darauf hin nur geantwortet: „Es ist okay“.

Der zweite Teil des großen Beicht-Gesprächs zwischen dem tief gefallenen Doping-Sünder und der Talk-Queen am Freitagabend verlief emotionaler als der erste am Tag davor. Neue Erkenntnisse über das ausgeklügelte Betrugssystem Armstrongs bei dessen sieben Tour-de-France-Siegen, über Hintermänner oder die Rolle des Radsportverbands UCI gab es allerdings auch dieses Mal nicht.

Ebenso bestritt er, der US-Anti-Doping-Behörde USADA über einen Mittelsmann eine Spende angeboten zu haben, was Behördenchef Travis Tygart behauptet hatte. Armstrong blieb dabei: Er sei bei seiner Rückkehr zur Tour de France 2009 clean gewesen. Sein Doping-System war nicht ausgeklügelt. Er habe verbotene Substanzen nur eingenommen, weil es alle taten, damit gleiche Wettbewerbsbedingungen herrschen. Und niemals habe er Kollegen zum dopen gezwungen.

Stattdessen bekam der 41-Jährige eine Stunde lang Zeit, sich abermals reumütig und zerknirscht zu zeigen. „Ich kann diesen Kerl nicht leiden“, sagte er an einer Stelle über sich selbst, als ihm Oprah per Einspielfilm seine eigenen Lügen vor Augen führte. „Ich schäme mich“. Wenig später dann wiederholte er einen Satz aus dem ersten Teil: „Ich schulde einer Menge Leuten eine Entschuldigung, und ich werde sie darum bitten, wann immer sie dazu bereit sind“.

Fast aufreizendes Selbstmitleid

Er nannte sie sogar beim Namen: die Ex-Teamkollegen Tyler Hamilton, Floyd Landis und Frankie Andreu etwa, dessen Frau Betsy oder die Ex-Physiotherapeutin Emma O`Reilly. Sie alle hatte Armstrong mit Klagen und unflätigen Beschimpfungen überzogen, weil sie die Wahrheit kannten und gegen ihn ausgesagt hatten. Für viele die größte Sünde Armstrongs in der ganzen Doping-Affäre.

Mit fast schon aufreizendem Selbstmitleid erzählte Armstrong dann, was für ihn das Bitterste war an seinem tiefen Fall: die erzwungene Trennung von Livestrong. Die von ihm gegründete Krebsstiftung  „war wie mein sechstes Kind“, sagte er. Der Abschied sei der „erniedrigendste Moment“ seiner Karriere gewesen, und er habe „höllisch wehgetan“.

Der Gründer musste Livestrong verlassen, nachdem ihm die USADA im vergangenen Jahr alle Tour-de-France-Siege aberkannt hatte. Kurz darauf waren auch seine Sponsoren abgesprungen, darunter Nike, der Bierbrauer Anheuser-Busch und der Radsportzubehör-Hersteller Giro. „Das waren 75 Millionen Dollar an einem Tag“, sagte Armstrong. Das Geld komme „wahrscheinlich nie wieder zurück“.

Er selbst aber, das kündigte der lebenslang gesperrte Sportler noch am Freitag an, will eines Tages in den Sport zurückkehren. „Will ich wieder in den Wettkampf? Aber ja!”, sagte Armstrong. Wenn auch nicht auf dem Rennrad, gebe es doch eine Menge anderer Möglichkeiten, etwa Marathonläufe. „Ich bin ein Wettkämpfer, ich liebe Wettkämpfe“.

Seine lebenslange Sperre, und da wurde das Interview dann vollends absurd, bezeichnete  Armstrong als unangemessen. Andere geständige Doping-Sünder hätten einen Bann von sechs Monaten bekommen, er aber habe die „Todesstrafe“ erhalten. „Ich verdiene es, bestraft zu werden“, sagte Armstrong, „aber ich bin mir nicht sicher dass ich die Todesstrafe verdiene“. Die USADA hatte bereits nach dem ersten Teil des Gesprächs am Freitag abgewunken. So lange der Ex-Sportstar nicht unter Eid Ross und Reiter nenne, sei an ein Comeback überhaupt nicht zu denken.

Am Ende des Interviews fragte Oprah dann den Sünder noch nach der Moral der Geschichte. „Bei Rennen betrügen, darüber lügen und dann Leute tyrannisieren“, sagte Armstrong, „natürlich soll man all das nicht machen“. Das „ultimative Verbrechen“ aber sei der „Verrat an jenen, die mich unterstützten und an mich glaubten“.

Mit Material von dapd

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13 Kommentare zu "Armstrongs Doping-Beichte: „Ich verdiene nicht die Todesstrafe“"

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  • Doch, es ist so einfach. Die Strecke war schon immer so schwer, wie es die Rennfahrer machen. Doping wird nicht dadurch verhindert, dass die Strecken kürzer sind, weniger Berge haben etc. Wenn die Strecken leichter sind, wird eben schneller gefahren. Es gibt keine "mörderischen" !!! Streckenprofile bei den Veranstaltungen. Dann wird eben langsamer gefahren. Das Problem Doping lässt sich nicht beim Rennfahrer lösen sondern beim Zulieferer. Bestraft werden müssen die Ärzte, Apotheker, Teammanager etc. Dort findet man die "wahren" Schuldigen.

  • Kinder die /Nutti nicht will verdienen allerdings die Todesstrafe. Würden wir Embryonen oder Föten ein Wahlrecht einräumen ...

    ... könnten wir bei Zwillingen den Schwächeren ausseleketieren zugunsten des an dessen anteiligen Resourcen "schmarotzenden" weil Behinderte kein Wahlrecht haben.

    ~~~

    Abgesehen davon: Nicht die Kinderwunschindustrie ist der Vater sondern die Biologie. Statt per Adoptionen den fehlenden "Kidnersegen" dadruch zu erstezen da man biologischen Eltern die Kinder abnimmt damit die Kirche Recht behält sollte man eher umgekhert überlegen Ehen ganz zu verbieten da kein Mensch einem anderen Menschen "gehört" und eine Ehe schlußendlich "freiwillig gewählte sexuelle Leibeigenschaft" darstellt.

    Ich erinnere an den auf Menschenzuchtversuche (untereinander heiraten im europäischen Adel) der kirche anspielende Züchtung einer Superrasse in 'die purpurnen Flüsse'"! Nicht die Nazis sondern der klerikal legitimierte Adel.

  • Erinnert mich ein wenig an Jan Ullrich vom Team Telekom.

    Wenn Frauen sich männliche Hormone spritzen, dürfen Sie dann bei den Jungs mitfahren? Der schnellste Radrennfahrer ist schneller als die schnellste Sprinterin! (Unendlich wird des miesters Karft wenn er mit Verlängriung schafft).

  • Ich weiß nun wirklich nicht was das soll. Seitdem die USamerikaner den Radsport neu erfunden haben, mit ein wenig Koks vermengt, das gab dem Fahrer den Kick für den 3ten Flügel seiner übermächtigen Lunge.

    Wer nun den Vergleich mit anderen Sportarten aufzieht, der sollte beileibe nicht vergessen, was Armstrong in all den Jahren für eine Show ablieferte und die Leistungen von "weniger" bis ungedopten Radsportlern herabwürdigt, nur damit er nach wie vor als "Saubermann" dargestellt wird.

    Es gab in den 60ern zwei übermächtige belgische, es waren Flamen aus der Provinz Antwerpen. Sie haben wenigstens die Sache anders abgewickelt und sind trotzdem aufgeflogen. Das Zeugs hat anderen geschadet und sie selbst haben kassiert, so lange wie sie unendeckt blieben und verurteilt wurden.

    Zur Hilfe, das geschah leidlich vor Eddy Merckx ZEIT.

  • "Interessante Argumentation zu den Tour-Etappen. Vorschlag: Man sollte den 100 m Lauf auf 90 m verkürzen; dann gibt es kein Doping mehr bei den Läufern"
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    So einfach ist es nicht. Hier geht's nicht um 100-Meter-Läufe, sondern um Streckenprofile, die Jahr für Jahr buchstäblich mörderischer werden, um die "Attraktivität" der Tour zu erhöhen.
    Und noch eines: Mir kann keiner erzählen, daß Doping ohne stillschweigendes Einverständnis oder möglicherweise sogar auf Druck der "Offiziellen" und "Sportdirektoren" stattfindet. Es geht immerhin um enorme Summen, mehr als unsereins in etlichen Jahren, vielleicht sogar im ganzen Leben verdienen kann.
    Vor dem Hintergrund des ganzen wäre ich tatsächlich für eine Freigabe des Dopings. Wer sich unbedingt ruinieren will, soll's halt tun. Vielleicht kommen dann die Fahrer von selber drauf, daß noch so viel Geld eine kaputte Gesundheit nicht wert ist!
    Übrigens, ich habe selbst jahrelang Hochleistungssport getrieben: Kampfsport und Bodybuilding. "Dope" gab's übrigens auch: Magerquark macht groß und stark! :-) Es geht also auch ohne Steroide, Epo, Testosteron und Co... Aber es gab auch Sportkameraden, die das eine oder andere Mittelchen schluckten. Im Amateursport??? Da frage ich mich allerdings verstärkt, was das soll.

  • Interessante Argumentation zu den Tour-Etappen. Vorschlag: Man sollte den 100 m Lauf auf 90 m verkürzen; dann gibt es kein Doping mehr bei den Läufern

  • Ernst hat natürlich Recht !

    Ein widerliches Schmierentheater um nichts. Ein vorher von Presse und Medien hochgepuschter korrupter Nichts ist unter ebenso großem Hype ins Nichts gerutscht, und selbst das wird jetzt wieder im großen Stil inszeniert, unterbrochen von TV-Advertising.... sehr profitabel für die Medien....

    Who the fuck is Armstrong and Opera Winfred? Who cares?

  • Ich bin einfach der Meinung, daß man mal den moralapostelnden Ball flach halten sollte. Die Streckenprofile der Tour de France werden immer aggressiver, die Schnitte immer höher und am liebsten sieht der Zuschauer 5 Gipfel der Hors Catégorie in einer Etappe. Aber alle sollen natürlich sauber bleiben!
    Entweder man hört mit dem zeigefingerhebenden Geheuchel auf und gibt Doping einfach frei (soll jeder selber verantworten, was er seiner Gesundheit zumutet; M.W. bringt Doping bei den extremen Cracks ohnehin nur 2...3% Leistungssteigerung) oder man entschärft die Rennen auf ein Maß, daß Sportler ohne solche Mittelchen auskommen können, um vorne mitzufahren. Bei letzterem sollte man allerdings (zumindest im Übergang) die Dopingkontrollen verschärfen und jeden Verstoß mit lebenlanger, unaufhebbarer Sperre ahnden.
    So oder so, letztlich ist der sensationsgierige Zuschauer zu einem gerüttelt Maß an der Misere mitschuldig...
    Dazu passend:
    http://www.songtexte.com/songtext/rainhard-fendrich/es-lebe-der-sport-43dcfb87.html

  • Zynischer als der Todesstrafen-Vergleich geht es eigentlich schon gar nicht mehr...
    Schon weil er - wenn man dieses Bild aufgreifen möchte - durchaus in seiner Eigenschaft als gedopter Sportler sowas wie der "Mörder" seiner ungedopten Sports-Kollegen war.

    So gesehen geht lebenslang absolut in Ordnung. Alles Andere wäre eine Verhöhnung eines Jeden der sauberen Sport betrieben haben.

  • Rudi Altig als Co-Kommentator bei der Tourübertragung im ÖRF vor 13 oder 14 Jahren sinngemäß: Mein Bruder wollte als Erster die Tour ohne Doping fahren - unmöglich, nach den ersten Etappen ist er vom Rad gestiegen oder gefallen. Nach dieser Aussage war auch Rudi, jedenfalls im ÖRF, weg vom Fenster!

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