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Eishockey DEL nutzt Überzahl eiskalt aus

Wenn am Freitag in der Schweiz die Eishockey-WM beginnt, geht Deutschland wieder als Außenseiter aufs Eis. Was die Beliebtheit des Sports hierzulande angeht, steht das Spiel mit dem Puck aber auf einer Spitzenposition: An Zuschauerzahlen gemessen ist Eishockey der zweitbeliebteste Sport der Deutschen. Die Konkurrenz macht es der Deutschen Eishockey Liga derzeit aber auch nicht gerade schwer.
  • Ingmar Höhmann
Aufwärmen vor dem Spiel: Eishockey will hierzulande mit professionellen Strukturen, Talentförderung und Fan-Mobilisierung zum Teamsport Nummer zwei werden. Quelle: dpa

Aufwärmen vor dem Spiel: Eishockey will hierzulande mit professionellen Strukturen, Talentförderung und Fan-Mobilisierung zum Teamsport Nummer zwei werden.

(Foto: dpa)

KÖLN. Die Schweizer fiebern seit Monaten ihrem sportlichen Höhepunkt 2009 entgegen: Am Freitag beginnt in Bern und Zürich die Eishockey-Weltmeisterschaft, 300 000 Besucher werden die Stadien füllen. Der Rechte-Vermarkter Infront rechnet damit, dass 700 Millionen TV-Zuschauer zuschalten werden – sogar 100 Millionen mehr als zur WM 2008 in Kanada.

Zwar hat in Deutschland das Puckspiel nicht den gleichen hohen Stellenwert wie in der Schweiz - nach Zuschauerzahlen hat die Deutsche Eishockey Liga (DEL) den Konkurrenten Handball (HBL) und Basketball (BBL) aber schon den Rang abgelaufen. Über 2,8 Millionen Zuschauer kamen in der Saison 2008/09 zu den Erstligapartien ans Eis – Handball und Basketball können das auch zusammengerechnet kaum toppen. Mit einem Umsatz von fast 85 Mio. Euro nahmen die Eishockey-Profiklubs in der Saison 2007/2008 auch mehr ein als die HBL mit 75 Mio. Euro oder die BBL mit 48 Mio. Euro. Und mit Merchandising verdienen die Eishockeyklubs mehr als doppelt so viel (6,2 Mio) wie die Handballer und Basketballer zusammen.

Die Konkurrenz macht es dem Eishockey gerade leicht: Der Handball befindet sich in der größten Glaubwürdigkeitskrise seiner Geschichte. Ausgerechnet Rekordmeister THW Kiel steht im Verdacht, über Jahre hinweg bei Spielen in der Champions League Schiedsrichter bestochen zu haben. Der ehemalige THW-Manager Uwe Schwenker ist des Amts enthoben, die Staatsanwaltschaft ermittelt. „Sollten sich die Manipulationsvorwürfe bewahrheiten, könnte das Vertrauen der Fans und Sponsoren zerstört werden – zumal der THW Kiel hierzulande quasi der FC Bayern München des Handballsports ist“, sagt Robert Hohenauer, Sportmanagement-Dozent an der Macromedia Hochschule für Medien und Kommunikation (MHMK) in München.

Eine Identitätskrise durchlebt auch der deutsche Basketball: Bundestrainer Dirk Bauermann sorgte vor kurzem mit einer Brandrede für Aufsehen. Die Bundesliga sei ein „entfremdetes Produkt, das niemandem weiterhilft: Den Fans nicht, den Sponsoren nicht und der Nationalmannschaft schon gar nicht“. Er kritisiert den massenhaften Einsatz von US-Profis. „Was bringt mir als Bundestrainer ein Spiel, in dem kein deutscher Spieler eine einzige Sekunde Einsatzzeit erhält“, sagte Bauermann. Dabei seien die ausländischen Profis nicht einmal gut: „Wir beschäftigen amerikanische Spieler, die in den USA im Supermarkt Kisten schleppen würden.“

Im Eishockey dagegen setzen die Klubs seit Jahren auf eigenen Nachwuchs, forciert von der DEL: Sie fordert von den Vereinen ein Nachwuchskonzept, bevor sie die Lizenz erteilt. Das macht sich bezahlt: Noch nie spielten so viele Deutsche in der besten Liga der Welt, der US-Profiliga NHL. Mit Christian Ehrhoff und Marcel Goc sind sogar zwei Profis beim Meisterschaftsanwärter unter Vertrag, den San Jose Sharks.

„Das Marketingpotenzial der DEL dürfte in vielen Bereichen größer sein als in der HBL oder BBL“, sagt Forscher Hohenauer. Wegen der fehlenden Beschränkungen für Gesellschafter seien Unternehmen auch bereit, größere Summen in Eishockeyklubs zu investieren. Namhafte Konzerne wie die Anschutz Group bei den Hamburg Freezers und den Eisbären Berlin oder die Metro Group bei den Düsseldorfer Metro Stars finden sich in den anderen beiden Ligen selten.

Besonders praktisch, wenn wie bei Anschutz die bespielte Halle gleich in Unternehmenshand ist: In die neue Arena O2-World am Berliner Ostbahnhof kamen in der vergangenen Saison fast 13



800 Zuschauer im Schnitt – das ist DEL-Rekord und hinter Bern Rang zwei in Europa.

Der Trend hin zum Event ist im Eishockey ein Pluspunkt: Während sich Handball- und Basketballklubs oft vergeblich mühen, Stimmung in die Megahallen zu bekommen, springt der Funke bei den Kufenstars über. Und doch: Als TV-Sport hinkt Eishockey auch dem Handball klar hinterher.

Ein Erfolg bei einem großen Turnier könnte das ändern. Doch der Weltranglistenzehnte tut sich schwer – zumal die deutschen Talente in der US-Profiliga NHL auch bei der aktuellen WM ausfallen: Zeitgleich mit dem Großereignis in der Schweiz finden in Nordamerika die Play-offs statt – und die Klubs wollen nicht auf ihre Spieler verzichten.

„Für das deutsche Eishockey wäre es schon ein großer Erfolg, wenn wir das WM-Viertelfinale erreichen würden“, sagt Gernot Tripcke, Geschäftsführer der DEL. Einen Popularitätsschub könnte die Heim-WM 2010 bringen, falls sie eine ähnliche Euphorie lostritt wie die Handball-WM in Deutschland im Jahr 2007.

Bruno Marty, Mitglied der Geschäftsführung beim Vermarkter Infront, bescheinigt dem Eishockey-Sport ein „riesiges Potenzial“. Das zeige auch das enorme Interesse am Eröffnungsspiel der WM 2010 – für den Zuschauerweltrekordversuch in Gelsenkirchen konnten die Organisatoren mehr als 60 000 Karten absetzen.

Als neue Konkurrenz zu König Fußball wird sich allerdings auch der Eishockey-Sport nicht etablieren können. Zu stark ist die Medienpräsenz, zu hoch die Summen, die die Rechtevermarkter erzielen. Selbst die dritte Fußball-Liga in Deutschland erreicht mit 94 Mio. Euro einen größeren Umsatz als die DEL. Über die Fernsehverträge der Deutschen Fußball Liga (DFL) erreichen die drittklassigen Klubs mehr Zuschauer als andere Sportarten – und bekommen entsprechend viel Geld. „Dem Reichweitenpotenzial der DEL sind durch die aktuelle Fokussierung auf Übertragungen im Bezahlfernsehen natürliche Grenzen gesetzt“, sagt Infront-Experte Marty.

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