„Erschütternde Wahrheit“ Killerproteine im amerikanischen Football

Der Lieblingssport der Amerikaner ist extrem gefährlich. American Football verursacht Gedächtnisschwund, Verhaltensauffälligkeiten und macht aggressiv. Ein Film mit Will Smith beschreibt, was Sportler und Fans verdrängen.
Szene des Kinofilms „Erschütternde Wahrheit“ mit Will Smith als Dr. Bennet Omalu. Quelle: dpa
Kinostart – „Erschütternde Wahrheit“

Szene des Kinofilms „Erschütternde Wahrheit“ mit Will Smith als Dr. Bennet Omalu.

(Foto: dpa)

KölnWenn Dr. Bennet Omalu die Gehirne der Toten obduziert, hat er Kopfhörer im Ohr. Musik hilft ihm bei der Arbeit. Sein Handwerk ist seine Kunst. Als Mike Webster, der ehemalige Profi im amerikanischen Nationalsport American Football, mit gerade einmal 50 Jahren bei ihm auf dem Tisch liegt, erkennt der Pathologe ihn nicht.

Mit dem Football-Sport hat Dr. Omalu nichts zu tun, er kennt die Regeln nicht, schaut die Spiele nicht. Und das in dieser Stadt. Dabei sei American Football doch „so gottverdammt großartig“, sagt der Teamarzt (Arliss Howard) des wichtigsten Klubs dieser Stadt, der Pittsburgh Steelers.

Dr. Omalu, im gerade anlaufenden Kinofilm „Erschütternde Wahrheit“ gespielt von Will Smith, kann der Faszination und der Begeisterung, die die Athleten beim Publikum auslösen, wenig abgewinnen. Der nigerianischstämmige Gerichtsmediziner hat nicht vor, den Amerikanern die Lust an ihrer Lieblingssportart zu nehmen.

Von Krieg und Schach
Mit aller Härte
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Wie kaum etwas sonst, verkörpert American Football die ganze Härte US-amerikanischen Lebens. An diesem Sonntag rasseln im 50. Super Bowl die Denver Broncos und die Carolina Panthers im Endspiel der NFL aufeinander. Showtime, Spektakel, Krieg als Schach: Fragen und Antworten zu einem amerikanischen Mythos.

Quelle: dpa

Ist Football in den USA noch die Sportart Nr. 1?
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Ja, absolut. Auch wenn er wegen vieler Verletzungen und mancher Affären Kratzer bekommen hat und seine Rolle zumindest gelegentlich leise hinterfragt wird. So wie am Abend des Super Bowl, steht das ganze Land sonst nur an Thanksgiving still. Die NFL ist eine gewaltige, milliardenschwere Unterhaltungsmaschine. Nach den Spieltagen haben die dicken Sportteile der Zeitungen fast nur ein Thema: Football. Basketball und Baseball kommen deutlich danach.

Woher kommt diese Rolle?
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Leistung und Kampf, Wettbewerb und Mut, Eroberung, Tapferkeit und Härte: All das sind Begriffe oder Eigenschaften, die sehr viel mit dem Selbstverständnis vieler Amerikaner zu tun haben. Die Mannschaften ähneln Armeen, „Football ist Krieg“ gibt es als Facebook-Seite und T-Shirt-Motto. Man wird in den USA kaum jemanden treffen, der nicht unendlich viel über diesen Sport wüsste. Für Europäer kann es ein wenig frustrierend sein, wenn ihnen Zehnjährige Namen, Regeln und auch Feinheiten des Sports nahebringen.

Was macht Football so attraktiv, ist das nicht nur brutale Rauferei?
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Football ist knallhart, folgt aber sehr komplizierten Regeln, die im Lauf der Jahre immer mehr verfeinert wurden. Die Spieler dürfen längst nicht alles. Trotzdem haben weit vorausberechnete Spielzüge immer auch etwas von Schach auf hohem Niveau. In einem gelungenen Pass über das halbe Feld verschmelzen Athletik und Strategie, das hat etwas Begeisterndes.

Und das Thema Verletzungen?
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Frederic Remington, ein Künstler, hat schon früh gesagt: „Football ist am besten, wenn er am schlimmsten ist.“ Wenige Tage vor dem Super Bowl teilte die NFL mit, 2015 sei die Zahl der Gehirnerschütterungen im Vergleich zum Vorjahr um 58 Prozent gestiegen. Das ist der höchste Wert seit vier Jahren. Warum diese Verletzungen auf insgesamt 182 Fälle angestiegen sind, wisse man nicht, werde es aber untersuchen. Gäbe es die technisch immer ausgefeilteren Helme nicht, sähe es noch schlimmer aus.

Also wird das Spiel härter, nehmen die Verletzungen zu?
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Nein, in den letzten drei Jahren vor dem jüngsten Anstieg waren die Zahlen bei Gehirnerschütterungen rückläufig. Zahlen zu den Verletzungen 2015 insgesamt hat die NFL noch nicht veröffentlicht. Übrigens sagte Donald Trump unlängst, das ganze Spiel sei eh zu weich geworden. Er vermisse diese ganzen brutalen tackles, das Hineinrauschen in den Gegner mit dem Kopf voraus.

Kratzt der Film „Erschütternde Wahrheiten“ (Concussion) am Image?
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Ja, durchaus. Seit Ende 2015 ist der Film mit Will Smith in den Kinos, und schon gibt es erste Berichte über weniger Anmeldungen jüngerer Spieler. Das Thema Gehirnverletzungen und die unrühmliche Rolle der NFL sind das erste Mal seit längerem wieder in ein breiteres Bewusstsein gedrungen. Man muss sich die Rekrutierung des Nachwuchses fast militärisch organisiert vorstellen. Und: Einen Footballspieler in der Familie zu haben, ist für viele amerikanische Haushalte nicht nur normal, sondern ein hohes Ziel. Das könnte sich ändern, aber für eine Bewertung ist es noch zu früh.

Im Gegenteil, er möchte von ihnen respektiert, anerkannt werden – aber ihm geht es vor allem um das Andenken an die Toten. Er will wissen, warum sie litten. Denn Webster (David Morse), früherer Superstar der nordamerikanischen Profiliga NFL, verwahrloste Sekundenkleber schniefend in einem Wohnwagen.

Seine „Super-Bowl“-Ringe, die Ehrung für den Gewinn der Meisterschaft, hatte er verkauft. TV-Teams und Reporter belagern die Straße vor der Gerichtsmedizin. Dr. Omalu ordnet teure Hirnscans an, die er aus eigener Tasche bezahlt. Er entdeckt Killerproteine, wie der Arzt sie nennt, die Websters Gehirn verstopft haben.

Die Erschütterungen, denen der Kopf eines Spielers beim Football ausgesetzt ist, verursachten ein Hirntrauma, an dessen Folgen der ehemalige Center der Steelers starb. Gedächtnisschwund, Verhaltensauffälligkeiten und Aggressivität plagen die betroffenen Ex-Profis.

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