Flüchtlinge in Seoul Wo Nordkoreaner Angst vor Nordkorea haben

Nord- und Südkorea nähern sich bei Olympia an. Für nordkoreanische Flüchtlinge ist das ein Verwirrspiel aus Angst, Schmerz und Hoffnung.
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Südkorea erhöht Sicherheitsvorkehrungen um Olympia-Stadion

SeoulEin seltsames Gefühl überkommt Kim Hyeuk, als er die Frauen in den roten Trainingsanzügen sieht. Es ist nordkoreanische. Auf seiner Seite der Grenze, im Süden, marschieren sie nun, klatschen und rufen von den Tribünen der Sportarenen: „Kämpfen, kämpfen!“ Sollte sich Kim Hyeuk als gebürtiger Nordkoreaner in Acht nehmen? Vor jener plötzlich greifbaren Nation, die der 24-jährige vor sieben Jahren mit so großen Opfern hinter sich gelassen hatte?

Als er mit seiner Familie in einer Nacht heimlich den Tumen-Fluss im Norden gen China durchwatete, kam die Mutter ums Leben. Er und sein Bruder mussten weiterziehen, über den Landweg bis Vietnam, um von dort aus mithilfe der südkoreanischen Botschaft nach Seoul zu fliegen. Ein hoher Preis für das Geschenk der Freiheit. Mit den olympischen Spielen, die seit dem 9. Februar im 100 Kilometer östlich der südkoreanischen Hauptstadt gelegenen Pyeongchang toben, ist eine Hundertschaft von Delegierten aus dem Norden angereist. Ein Corps von Cheerleadern mit haargenauer Choreographie unterstützt die Athleten aus jenem Land, aus dem Kim Hyeuk geflohen ist. Ein Regime, was mit Diktatur herrscht und auch im Ausland für Entführungen von Flüchtlingen verantwortlich gemacht wird.

Die Angst, die Kim Hyeuk dieser Tage fühlt, ist der Freude gewichen. Er entscheidet sich, zu hoffen. „Die Nordkoreaner hier zu sehen ist doch irgendwie unglaublich“, sagt er mit strahlenden Augen. Vor allem das Eishockeyteam der Frauen hat ihn mitgerissen. Die haben zwar gleich in der ersten Woche jedes Spiel deutlich verloren. Das Besondere war aber, dass Athletinnen aus Nord und Süd erstmals eine gemeinsame Truppe geformt haben. „Bis vor kurzem hätte ich das nicht gedacht“, sagt Kim Hyeuk, „aber vielleicht gibt es ja doch eine Möglichkeit, dass die zwei Koreas wieder zusammenfinden.“

Auf dieser Ebene können die Spiele von Pyeongchang bereits jetzt als Erfolg gewertet werden. Vor wenigen Wochen schoss Nordkoreas Regierung noch Raketen ab, um ihre Atommacht zu demonstrieren, tauschte Südkoreas Schutzmacht, den USA, Kriegsdrohungen aus. Verhärtete Fronten – nur nicht im Sport. Insgesamt treten 22 nordkoreanische Athleten in fünf Disziplinen an, obwohl sich auf sportlichem Wege nur zwei qualifiziert hatten. „Der Sport baut Brücken, keine Mauern“, hat der IOC-Präsident Thomas Bach diese Kulanz erklärt. So liefen die Koreaner am Abend der Eröffnungsfeier auch gemeinsam ins Stadion ein, hielten eine weißblaue Flagge mit der Silhouette der koreanischen Halbinsel hoch. Ein Symbol für Einigkeit. Nordkoreas Regent Kim Jong-un hat den südkoreanischen Präsidenten nun nach Pjöngjang eingeladen. Südkorea will die derzeitigen Aufenthaltskosten der nordkoreanischen Delegation übernehmen. Wird jetzt vielleicht nicht alles, aber doch vieles wieder gut?

Kim Hyeuk gehört zu denen, die das glauben wollen. Er ist euphorisch. Um die für ihn friedensbringend anmutenden Olympischen Spiele im TV zu verfolgen, ist er durch die halbe Millionenmetropole Seoul gefahren. Er wartet in einem Café im chinesisch geprägten Stadtteil Daerin, wo einen südkoreanischen Freund trifft. Das Thermometer zeigt minus zehn Grad Celsius, Hyeuks Jacke ist dennoch offen. Auf dem Flatscreen an der Wand läuft Skispringen, die Koreaner sind dort ohne Medaillenchance. Der Süden zählt nur beim Eisschnelllauf zur Weltspitze, der Norden nirgends.

„Wenn wir erstmal überall gemeinsam starten, werden wir eine richtige Wintersportnation. Im Norden ist’s jetzt nämlich noch kälter als hier“, lacht Kim Hyeuk. Und fügt ernst an: „Bei Olympia geht’s diesmal doch um was Anderes.“ Für Kim Hyeuk geht es auch um Identität. Als er 2011 in Südkorea ankam, musste er zuerst die Schule nachholen, weil er im Norden vormittags häufig auf Feldern zu arbeiten hatte. Jetzt ist er an der Uni, studiert Politik. Aber im südkoreanischen Kapitalismus begleitet ihn noch immer ein Gefühl des Mangels. „So geht es vielen von uns hier“, sagt er und versucht zu erklären. Es sei nicht nur der Verlust von Familienmitgliedern, womit die meisten seit ihrer Flucht Erfahrung haben. „Wir sind einfach nicht gut genug“, sagt Kim Hyeuk leise. „Wir rennen hinterher.“

30.000 Nordkoreaner leben in Südkorea. Pro Jahr kommen mehr als 1.000 ins Land. Die Zahl der Menschen, die bei der Flucht sterben oder in Gefangenschaft geraten, ist unbekannt. Sie soll aber um ein Vielfaches höher liegen. Wer es in die Freiheit schafft, wird erstmal mit einer rauen Wahrheit konfrontiert. Schnell ist das Leben, teuer der Konsum, der erträumte Luxus unerreichbar. Trotz reservierten Studienplätzen und Stipendien liegt die Abbrecherquote unter Flüchtlingen über dem nationalen Durchschnitt. Selbst die Selbstmordrate ist deutlich höher als jene unter gebürtigen Südkoreanern. Der nordkoreanische Akzent stigmatisiert häufig noch zusätzlich.

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