Olympische Spiele Wie Südkorea auf Nordkoreas Charmeoffensive reagiert

Bei den Olympischen Spielen feiern Süd- und Nordkoreaner die Einheit auf dem Eis. Doch in Südkorea freuen sich nicht alle über den Besuch aus dem Norden.
Kommentieren
Dass er in Japan aufgewachsen ist, ändert nichts an seiner nordkoreanischen Verbundenheit.
Nordkorea-Fan Kim Seung-min

Dass er in Japan aufgewachsen ist, ändert nichts an seiner nordkoreanischen Verbundenheit.

GangneungSo sieht der Feind nicht aus. Ein blaues Jackett, eine weiße Strickmütze und ein breites Lächeln – Kim Seung-min könnte auch ein Südkoreaner sein. Doch das ist er nicht, er ist kein normaler Olympia-Besucher. Denn: Er hat einen nordkoreanischen Pass.

Mit über 100 nordkoreanischen Staatsangehörigen, die in der ganzen Welt verteilt leben, ist er an diesem Tag in die südkoreanische Stadt Gangneung gereist. Das vereinigte koreanische Eishockeyteam, kurzfristig aus Nord- und Südkoreanerinnen zusammengesetzt, spielt sein erstes Spiel gegen die Schweiz. In der Sporthalle gibt es Public Viewing – 3000 Fans sind gekommen, um die Sportlerinnen zu bejubeln. Und sie sind gekommen, um einen historischen Moment zu erleben.

Wie die meisten der nordkoreanischen Fans kommt Kim aus Japan, wo rund 150.000 Nordkoreaner leben. „Mein Großvater ist nach Japan eingewandert, als Nordkorea eine Kolonie Japans war“, erzählt er. Dass er woanders aufgewachsen ist, ändert jedoch nichts an seiner nordkoreanischen Verbundenheit: Er ist Sekretär der Jugendvereinigung des Verbandes der in Japan lebenden Nordkoreaner.

„Wir wünschen uns Frieden sowie die Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea, und sind hier, um die beiden Mannschaften anzufeuern.“
Die Halle in ein Meer koreanischer Wiedervereinigungsfahnen

„Wir wünschen uns Frieden sowie die Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea, und sind hier, um die beiden Mannschaften anzufeuern.“

Der Verband, Chongryon genannt, ist eines der linientreuesten Organe außerhalb Nordkoreas. In dessen Hauptquartier mitten in Tokio empfängt die Diktatorendynastie die Besucher im Foyer: alle groß portraitiert, vom Staatsgründer Kim Il Sung bis zum jetzigen Führer.

Kim Seung-min und die anderen Nordkoreaner sind in dieser Zeit in Südkorea gerne gesehen: Südkoreaner ziehen sie für Gruppen-Selfies zu sich hin, ihr Nebenmann symbolisiert eine mögliche konfliktfreie Zukunft. „Wir sind für Frieden und Wiedervereinigung,“ sagt eine Südkoreanerin.

Als der Delegationschef der japanischen Nordkoreaner auf der Bühne sein Grußwort hält, sieht er dabei aus wie ein echter Funktionär der Demokratischen Volksrepublik Korea. Auf der Brust trägt er einen Anstecker in den Farben der nordkoreanischen Flagge und einem Bild des Führers – direkt über dem Herzen. Beifall von den Südkoreanern gibt es trotzdem.

Meer aus Wiedervereinigungsfahnen

Die Stimmung ist gut, das Eishockeyspiel wird zur Nebensache. Das koreanische Damenteam verliert 0:8 gegen die Schweiz. Doch ganz egal, ob vor, während oder nach dem Spiel: Immer wieder ist die Halle in ein Meer koreanischer Wiedervereinigungsfahnen getaucht, ein blaues Korea auf weißem Grund. Mitten in der seit Jahren größten Korea-Krise finden sich die Koreaner zusammen und feiern einen fernen Traum – den der Einheit, der für einen kleinen olympischen Moment Wirklichkeit ist, auf dem Eis und auf den Rängen der Sporthalle.

„Wir wünschen uns Frieden sowie die Wiedervereinigung von Nord- und Südkorea, und sind hier, um die beiden Mannschaften anzufeuern“, sagt Kim. Dann stimmt er wieder in die Parole seiner Delegation ein. „Wir sind ein Korea“, ruft die Menge, und: „Unsere Heimat wird sich wieder vereinigen“. Die Südkoreaner rufen mit.

Die Sicht auf Nordkorea ist auch eine Generationensache.
Fahnen für die Wiedervereinigung

Die Sicht auf Nordkorea ist auch eine Generationensache.

Die kleine Fan-Gruppe ist Teil einer großen Charmeoffensive Nordkoreas, mit der das Land seine Karten im jüngsten Korea-Konflikt verbessern will. Überraschend hatte Nordkoreas Führer Kim Jong Un Anfang des Jahres die Einladung von Südkoreas Staatspräsident Moon Jae-in, an den Spielen teilzunehmen, angenommen.

Moon wollte damit im brisanten Korea-Konflikt der Diplomatie ein kleines Fenster geben, ein olympisches Wunder zu vollbringen. Er will Nordkorea zu Abrüstungsverhandlungen über sein Atomprogramm überreden.

Doch wahrscheinlich hat Nordkoreas Führer andere Pläne, mutmaßen Experten. „Kim Jong Un will die Spiele nutzen, um das Image des Störenfrieds in das eines Friedensstifters zu verwandeln“, meint der südkoreanische Sicherheitsexperte Lee Seong-hyon vom renommierten Sejong-Institut.

Durch einen Stimmungswandel in Südkorea und der gesamten Welt hofften die Nordkoreaner wohl, die Sanktionsfront der USA zu brechen. Und er hält es für möglich, dass das Kalkül tatsächlich aufgeht. „Die wissen genau, wie man die globale Öffentlichkeit beeindrucken und zeigen kann, dass auch Nordkoreaner Menschen sind“, sagt Lee, „charmant noch dazu.“

Um das zu erreichen, setzt Kim Jong Un nicht nur auf 22 nordkoreanische Athleten. Global Aufmerksamkeit erregen wollte er mit rund 230 jungen Cheerleaderinnen, die er in die olympischen Stadien stolzieren ließ. In roten Uniformen machen sie seitdem auf den Rängen mit perfekt ausgeführter Massenchoreografie Stimmung. Außerdem schickte er eine 140 Männer und Frauen starke „Kunsttruppe“ ins Feindesland, die in ausverkauften Konzerten buntgemischte Lieder zum Besten gab. 

Doch seine Trumpfkarte hob er sich bis kurz vor den Spielen auf: Neben dem protokollarischen Staatsoberhaupt Kim Yong-nam schickte er sogar seine jüngere Schwester Kim Yo-jong in den Süden. Als stellvertretende Leiterin der Abteilung für Propaganda und Agitation der Arbeiterpartei ist sie nicht nur eine der ranghöchsten Frauen Nordkoreas. Sie gilt auch als Kims Vertraute und Sprecherin.

Einen Tag vor dem historischen Eishockeyspiel lud sie Südkoreas Präsident Moon Jae-in im Auftrag ihres Bruders zu einem Gipfeltreffen nach Nordkorea ein. Der nahm es unter Vorbehalt an. Man müsse zuerst die richtigen Bedingungen schaffen, erwiderte Südkoreas Staatsmann.

Für den Nordkorea-Fan Kim Seung-min ist die Botschaft klar. „Das bedeutet, dass alle den festen Willen haben, die Beziehung zwischen beiden Ländern zu verbessern“, sagt er. „Deswegen glaube ich, dass das für beide Seiten eine gute Gelegenheit ist, friedliche Gespräche zu führen.“ Er glaubt sogar, dass die Charmeoffensive im Süden wenigstens etwas Erfolg hat.

 

Keine privaten Kontakte zwischen Nord- und Südkoreanern
Seite 12Alles auf einer Seite anzeigen

0 Kommentare zu "Olympische Spiele: Wie Südkorea auf Nordkoreas Charmeoffensive reagiert"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%