Vereint bei Olympia

Eröffnungsfeier im Olympiastadion: Kim Yong Nam (links), zeremonielles Staatsoberhaupt von Nordkorea, Kim Yo Jong (rechts), Schwester des nordkoreanischen Machthabers Kim Jong Un und Mike Pence (Mitte), US-Vizepräsident, verfolgen die Zeremonie.

(Foto: dpa)

Olympische Winterspiele Die koreanischen Feinde bieten ein Bild des Friedens

Bei der spektakulären Eröffnung der Winterspiele in Südkorea wurden die Sportler zum Beiwerk. Die eigentliche Botschaft war politisch.
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PyeongchangIm Olympia-Stadion in Pyeongchang wird der Dauerapplaus kurz zum Sturm. Zwei koreanische Wintersportler aus den zwei koreanischen Staaten tragen die Wiedervereinigungsfahne ins Stadium, ein blaues Korea auf weißem Grund. Auch das Team dahinter bietet ein Bild der Einheit: Koreaner aus dem Norden und dem Süden, die sich im Alltag schwerbewaffnet gegenüberstehen, marschieren gemeinsam ins das fünfeckige Stadion ein. Und für einen Augenblick ist wirklich kein Unterschied zu erkennen.

Kommunistischer Norden, kapitalistischer Süden – gemeinsam jubeln sie den Menschen auf den Rängen und vor den Fernseher in aller Welt zu. Doch dieses perfekte Symbol für den oft beschworenen olympischen Frieden wird politisch durch eine noch größere Sensation auf der Tribüne überboten. Dort, direkt hinter Südkoreas Staatspräsident Moon Jae-in und seiner Frau, steht der höchste Besuch aus Nordkorea, den der Süden je gesehen hat.

Schon der ältere Herr hat im Süden die Hoffnung geweckt, dass Dialog nach einem Jahr wachsender Kriegsangst noch eine Chance hat: Kim Yong-nam ist gekommen, das protokollarische Staatsoberhaupt Nordkorea und laut Experten die Nummer zwei oder drei hinter Führer Kim Jong-un. Doch der junge Führer hat die Welt mit einer weiteren Personalie überrumpelt: Erstmals reiste auch ein Mitglied der Diktatorendynastie nach Südkorea: Kims jüngere Schwester Kim Yo-Jong.

So pompös eröffnet Südkorea die Spiele
Millionen für die Feier
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Pünktlich um 20:00 Uhr Ortszeit begann die Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele im Olympiastadion von Pyeongchang. Der 35.000 Zuschauer fassende Neubau wird ausschließlich für die Eröffnungs- und die Abschlusszeremonie genutzt. Kostenpunkt für den doppelten Spaß: 64 Millionen Euro.

Schicht um Schicht
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Zuschauer als auch Athleten mussten sich für die Feier dick einkleiden. Die Temperaturen vor Ort lagen teilweise im zweistelligen Minusbereich. IOC-Präsident Thomas Bach (l.) kam ebenso entsprechend verpackt wie Südkoreas Staatschef Moon Jae In (unten Mitte) und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier neben Ehefrau Elke Büdenbender. Historisch: Die Anwesenheit der Schwester des nordkoreanischen Staatsführers, Kim Yo Jong (oben Mitte).

Dauerkälte? Lieber nicht
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Angesichts der niedrigen Temperaturen gab Rodel-Ass Felix Loch bereits im Vorfeld bekannt, dass er sich nicht die vollen drei Stunden der Eröffnungsfeier vor Ort ansehen wird. „Das wird mir zu lang. Ich werde mir die Eröffnung gemütlich im Deutschen Haus anschauen.“

Eingeläutet
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Mit einer großen Glocke wird der Start der Feier zelebriert. Rund um das Stadion gehen die ersten von vielen Raketen für ein imposantes Feuerwerk in die Luft.

Weißer Tiger
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Die erste Show beinhaltet eine künstlerische Darbietung mit den fünf mythischen Tieren Südkoreas. Sie erzählt die Geschichte des Landes.

Taegeukgi
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Anschließend steht die südkoreanische Flagge im Mittelpunkt. Als diese von acht ehemaligen Topathleten des Landes hereingetragen wird, tobt das Publikum.

Stolzer Fahnenträger
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Die Deutschen müssen sich beim Einlauf der Nationen nicht lange gedulden. Bereits an neunter Position darf Eric Frenzel die 162-köpfige deutsche Mannschaft ins Stadion führen.

Am Freitag flog die 30-jährige in einem nordkoreanischen Regierungsflugzeug aus der nordkoreanischen Hauptstadt in Südkoreas Regierungszentrum Seoul ein. Mit einem kühlen Lächeln passierte sie hinter Kim Yong-Nam Kamera-Spaliere am Flughafen Incheon. Denn sie ist der eigentliche Star der Spiele. Schließlich gilt sie als enge Vertraute und Sprecherin ihres Bruders. Am Sonnabend wird sie Südkoreas Präsident Moon treffen, um über die koreanischen Beziehungen zu sprechen.

Damit ging Moons große olympische Friedensoffensive unerwartet auf. Seit Monaten hat er Nordkorea zu den Spielen und gleichzeitig Verhandlungen eingeladen, um Diplomatie im eskalierenden Konflikt zwischen dem Norden und den USA wieder eine Chance zu geben. Dies tut auch dringend Not. Schließlich hatten Kim und US-Präsident Donald Trump sich in einen regelrechten Krieg der Worte gesteigert und damit die Sorge vor einem neuen Korea-Krieg angeheizt.

Der deutsche Präsident des internationalen olympischen Komitees, Thomas Bach, übertrieb daher in seiner Eröffnungsrede nicht, als er die „vereinigende Kraft des gemeinsamen Einmarsches“ betonte. Alle Zuschauer im Stadion und der Welt seien berührt von dieser wundervollen Geste, sagte Bach. „Hier in Pyeongchang senden die Athleten Republik Korea und der demokratischen Volksrepublik Korea eine kraftvolle Botschaft des Friedens in die Welt.“

Es ist verzeihlich, dass Bach in seiner Festrede etwas übertrieb. Denn die Freude an Nordkoreas Teilnahme ist keineswegs ungeteilt. US-Vizepräsident Mike Pence beschuldigte während seiner Olympia-Visite Kims Regime immer wieder brutalster Unterdrückung und kündigte schärfere Sanktionen an.

Und auch im Süden regt sich Protest. In der Nähe des Stadions demonstrierten lautstark einige hundert Demonstranten. Und die konservativen Aktivisten machten aus ihrem Hass auf Kim keinen Hehl.

Sie schwenkten südkoreanische und amerikanische Fahnen und verbrannten nordkoreanische. Sie zerrissen Portraits des jungen Führers und riefen Trump zu: „Mr. President, bitte bombardieren Sie Nordkorea.“ Andere schimpften: „Ich hasse Kim Jong-un!“

Auch auf Präsident Moon schossen sie sich ein. Der erlaube Kim, das Sportfest medial zu entführen, kritisierte ein älterer Herr: „Wir wollen olympische Spiel in Pyeongchang, nicht in Pjöngjang.“

Die Stimmung im Stadion störte der Protest nicht. Denn den Zuschauern wurde nicht nur etwas olympischer Frieden fürs Gemüt präsentiert, sondern auch eine spektakuläre Show. Die Gastgeber hatten nämlich das gesamte Stadion und die Umgebung in ein gigantisches dreidimensionales Lichtspiel mit perfekt choreografierten Tanzeinlagen umfunktioniert.

Hinter jedem Sitz im Stadion schwebte ein kleines Quadrat mit Leuchtdioden (LED), die die fünf Tribünen des Fünfecks in riesige Displays verwandelten. Projektion und weitere riesige LED-Installationen ließen Bilder über den Stadionboden laufen und in den Himmel aufsteigen. Und immer wieder setzten Feuerwerke auf den Bergen und einem zugefrorenen Fluß am Stadion hör- und sichtbar Akzente.

Südkorea zeigte damit den Gästen aus dem Norden, dass auch individualistische Kapitalisten perfekt Massenauftritte organisieren können, allerdings freudvoll und friedlich und nicht so martialisch und militärisch wie die großen Paraden und Musikshows im Norden.

Der Höhepunkt der Eröffnungsfeier war dann aber wieder eher etwas fürs Herz: das Entzünden der olympischen Flamme. Zwei Spielerinnen des vereinten Eishockeyteams, eine aus dem Norden, eine aus dem Süden, trugen die Fackel gemeinsam im Laufschritt eine steile Treppe empor.

Huldvoll nahm die südkoreanische Eiskunstläuferin Kim Yuna die Flamme entgegen und entzündete das olympische Feuer. Doch in die Hoffnung mischt sich in Korea die Angst, dass nach den paralympischen Spielen im März mit der Flamme auch der olympische Friede erlischt und die Krise zurückkehrt.

„Konservative Demonstranten zerreißen Bilder von Kim Jong Un“

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